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![]() FF2008-6 | FF2008-6 Das unheimliche Comeback der Anti-AKW-Bewegung - 8. November 2008 in Gorleben Castor-Proteste: "Wir sind wieder da!" Wolfgang Ehmke Start- und Zielblock - diese Begriffe mussten kreiiert werden, denn der Ansturm auf die Anti-Atom-Demonstration in Gorleben nahm Ausmaße an wie zu Beginn der Gorleben-Auseinandersetzung, als am 12. März 1977 rund 16.000 Menschen auf einer Waldbrandfläche gegen das Nukleare Entsorgungszentrum (NEZ) protestierten. Eine Wiederaufarbeitungsanlage, eine Brennelementefabrik nebst oberirdischen und unterirdischen Atommülldeponien sollten auf rund 12 Quadratkilometern aus dem Boden gestampft werden. Gorleben ist eine Erfolgsgeschichte, sagte Kerstin Rudek, BI-Vorsitzende, auf der Kundgebung am 8. November 2008. Denn die WAA ist vom Tisch, die Brennelementefabrik wurde nicht gebaut. Geblieben aber sind die Atomtransporte in das Elbdorf. Dort nahm 1995 die Castorhalle den Betrieb auf, hochradioaktive Abfälle werden in einer luftigen Halle gelagert. Hintergrund für die Demonstration und Kundgebung der 16.000, mit der sich die Anti-Atom-Bewegung als political player eindrucksvoll zurückmeldete, war der 11. Castortransport. Seit dem 11.11. stehen 11 weitere Behälter vor Ort, 91 an der Zahl. Man weiß nur zu gut, dass irgendwann mit den real vorhandenen hochradioaktiven Abfällen, die dort lagern, "argumentiert" werden wird, um ein Endlager in Gorleben in Betrieb zu nehmen. Man wird die Argumente der Umweltinitiativen bemühen, das Strahlenrisiko, um den geballten tödlichen Dreck dort wieder weg zu holen und an einen anderen Ort zwecks Endlagerung zu verfrachten, sei zu hoch.. Zwanzig Jahre zuvor wurde der erste schwachaktive Müll gegen heftigen Widerstand im Fasslager Gorleben eingelagert. Seit 1986 wird zudem ein Bergwerk im Salzstock Gorleben aufgefahren. Wegen der Zweifel an der Eignung des Salzstocks als nukleares Endlager verfügte Rot-Grün im Jahr 2000 den Baustopp, der ist jedoch auf höchstens 10 Jahre befristet. Was wird aus dem Endlagerprojekt, wenn das Moratorium auf der Baustelle abläuft? Das Sammeln zur Demonstration wurde am Startblock flugs zu einer ersten Kundgebung umfunktioniert. Busse aus allen Teilen Deutschlands, internationale Gäste, 350 rollende Traktoren, Sambagruppen machten sich schließlich auf zum Zielblock an den Atomanlagen in Gorleben. Erstmalig war auf einer Anti-Atom-Kundgebung die IG Metall prominent vertreten. Das Engagement der Kolleginnen und Kollegen gegen den Schacht Konrad bei Salzgitter führt sie nun auch nach Gorleben. Die Demo war ein Volksfest, Clowns, Stelzentheater, ein Rockkonzert der Gruppe Madsen. Grünen und Linken-Prominenz (das näXte Mal aber bitte ohne Fahnen!), viele junge Menschen und der harte Kern aus dem Wendland, der nun seit 31 Jahren immer wieder die Strecke abläuft. Man ist sich einig in der Ablehnung der Atomkraft. Das Atommülldesaster in der Asse II und Morsleben kommt einem rasanten Glaubwürdigkeitsverlust beteiligter Institutionen wie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe gleich, die für Salz als Endlagerformation und Gorleben plädieren. Asse II säuft ab Die Asse brachte es an den Tag! Jahrelang wurden die Warnungen von Bürgerinitiativen und Wissenschaftlern ignoriert, bis kontaminierte Laugenzuflüsse in der Kaligrube Asse II bei Wolfenbüttel für Schlagzeilen sorgten. Diese wurden ohne jede Genehmigung in die Tiefe gepumpt. 1965 kaufte die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), die Vorläuferin des heutigen Betreibers, des Helmholtz-Zentrums, im Auftrag des Bundes das Kalibergwerk für 800.000 DM. Vom 4.4.1967 bis Ende 1978 wurden 124.494 Fässer mit schwachradioaktiven Abfällen gestapelt oder verstürzt. Aus der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe kamen 1.293 Fässer mit mittelradioaktivem Abfall hinzu. Lecke und korrodierte Fässer wurden angeliefert, flüssige Abfälle eingelagert. Inzwischen wird auch zugegeben, dass zwischen 1973 und 1976 mindestens 94 Fässer mit kugelförmigen Brennelementen aus einem Versuchsreaktor im Kernforschungszentrum Jülich in die Asse II gebracht wurden. Auf ein atomrechtliches Genehmigungsverfahren wurde seitens der GSF bewusst verzichtet, eine Bergung der Fässer war nie vorgesehen. Von Anfang an wussten die Betreiber von der Gefahr eines Wasserzuflusses. Doch Gefälligkeitsgutachter deckelten das riskante Unternehmen. Seit 1988 werden 12 Kubikmeter Wasser aufgefangen und abgepumpt. Die Lauge umspült zumindest eine Einlagerungskammer. Die Asse II säuft ab, der radioaktive Müll liegt drin. Ob eine - zumindest teilweise - Evakuierung der Abfälle noch möglich ist, soll bis zum Jahresende entscheiden werden. 2,5 Mrd. Euro sind laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) für die Notsicherung veranschlagt. Die Zuständigkeit wechselte, die Probleme bleiben. Morsleben havariert Das zweite havarierte Endlager - Morsleben - wird in der aktuellen Debatte selten erwähnt. Zu Unrecht. Nicht die Asse II, sondern Morsleben war das erste genehmigte Endlager in Deutschland, das zur Zeit eilig geschlossen und teilweise mit Beton verfüllt wird, um das Einstürzen zu verhindern. 1970 erwarben die Atomkraftbetreiber der DDR die Salzgrube. Schon ein Jahr später beginnt das Endlager für radioaktive Abfälle (ERAM) den Betrieb. Parallelität der Ereignisse in Ost und West: Da keine Sicherheitsnachweise vorlagen, erfolgte die Einlagerung des Atommülls bis 1981 unter dem Titel "Einlagerungsversuchsphase". Wissenschaftler des Deutschen Brennstoffinstituts in Freiberg (Sachsen) merkten schon 1969 an: "Die Grube ist trotz gegenwärtig geringer Zuflüsse einer großen hydrologischen Gefährdung ausgesetzt." Zu DDR-Zeiten wurden 14.430 Kubikmeter Abfälle eingelagert. Die Abfälle wurden versprüht, verstürzt und teilweise gestapelt. Zwischen 1994 und 1998 kamen 22.320 Kubikmeter Atommüll hinzu - in erster Linie "Westmüll". Angela Merkel, die sich heute als Kanzlerin für die Verlängerung von Laufzeiten der Atomkraftwerke und die Aufhebung des Gorleben-Moratoriums stark macht, stellte der Atommüllkippe noch 1997 als Bundesumweltministerin einen Blankoscheck aus: "Die Standsicherheit des Endlagers und der betroffenen Versturzkammern, aber auch der Hohlräume darüber und darunter, ist für die nächsten Jahrzehnte gegeben". Das atomrechtliche Genehmigungsverfahren zur Schließung der Anlage hinkt den Sicherungsmaßnahmen hinterher. Die Kosten für die Schließung - nach Schätzungen des BfS etwa 2,57 Mrd. Euro - tragen ebenfalls die Steuerzahler. Jahrelang galt die Asse als Pilotprojekt für Gorleben. Die Einlagerung von wärmeentwickelnden radioaktiven Abfällen wurde dort simuliert. Wärmequellen sollten Aufschluss geben, wie sich das Salzgestein verhält. Zum Glück konnte Anfang der 90er Jahre verhindert werden, dass hochradioaktiver Müll aus der Plutoniumfabrik und Waffenschmiede Hanford (USA) eingelagert wurde. Jeder Salzstock hat ein individuelles Design. Deshalb verbietet sich ein Kurzschluss - die Asse säuft ab, also geht Gorleben nicht. Morsleben und die Asse II waren Gewinnungsbergwerke, dort wurde Kali abgebaut. Gorleben gilt als "unverritzt". Doch die Parallelen zwischen der Asse und Gorleben liegen auf der Hand: Wasserkontakt, Gefälligkeitsgutachten, die Anwendung des Berg- statt des Atomrechts, was die Öffentlichkeit bei der "Erkundung" faktisch ausschließt. Die Befürworter Gorlebens sollten unbedingt in den Unterlagen des Innenausschusses des Deutschen Bundestages vom 20. Juni 1984 blättern. Der "Bericht der Bunderegierung zur Entsorgung der Kernkraftwerke und anderer kerntechnischen Einrichtungen" dokumentiert, dass von 9 angehörten Experten 5 sich für einen Abbruch der Erkundung in Gorleben aus geologischen Gründen aussprachen. Neue Endlagersuche? Das Gorleben-Moratorium des Jahres 2000 war Ergebnis eines politischen Kompromisses, zustande gekommen ist das Moratorium aber nur, weil Geologen an der Eignung Gorlebens zweifeln. Auf 300 Seiten legte Prof. Dr. Klaus Duphorn bereits 1982 fundiert und akribisch dar, welche Risiken der Salzstock Gorleben als Folge der komplizierten geologischen Struktur und der Wasserkontakte für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle birgt. Auftraggeber war die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), also die Vorgängerbehörde des BfS. Im Mai 1983 hatte der Amtsleiter Professor Helmut Röthemeyer in Hannover gegenüber Journalisten eine Zusammenfassung der bis dahin vorliegenden Untersuchungsergebnisse mit einer "internen Gesamtbewertung" verbunden, die zu der Empfehlung gelangte, "das Erkundungsrisiko breiter zu streuen". Ziel der PTB war es, auch andere Salzstöcke zu erkunden. Für eine Behörde war das ein unerhört mutiger Schritt, konsequenter wäre gewesen, ganz auf die Einbahnstraße Gorleben zu verzichten. Erst zwei Jahre später erfuhr die Presse, dass die Bundesregierung der PTB per Weisung untersagt hatte, derartige Überlegungen anzustellen (FR 25.7.85 "Maulkorb für kritische Äußerung über Gorleben"). Übrigens: Unverritzt ist auch das Endlagerbergwerk Gorleben nicht mehr. Mit dem Ausbau der Schachtanlage wurden Wasserwegsamkeiten eröffnet. Spätestens während einer Betriebsphase wäre ein solches Argument ohnehin hinfällig. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel lud vom 30. Oktober bis 1. November zu einem Endlagersymposium Ende Oktober nach Berlin ein. Er plädiert für einen Standortvergleich und räumt ein, dass es eine Öffentlichkeitsbeteiligung bei der Endlagersuche geben müsste. Soweit könnte man ihm zustimmen. Vorab aber hatte er Sicherheitskriterien veröffentlicht, die auf Gorleben zugeschnitten wurden: Es ist nicht mehr die Rede von einem Mehrbarrierensystem. Allein das Endlagergestein soll für eine Million Jahre Sicherheit bieten. Welche Hybris! In allen Interviews wiederholt er, dass Gorleben als Endlager zu Ende gebaut wird, wenn sich keine Alternativen aufdrängen. Es drängt sich eher die Frage auf, warum allein in Deutschland die nukleare Community auf Salz als Endlagergestein setzt. Es gibt gleich zwei Einbahnstraßen: Gorleben und Salz. Völlig unberührt von diesen Vorgängen trommeln die Unionsparteien für die Nutzung der Atomkraft, die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. Vor allem Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) tut sich mit seinem Lobbyismus hervor. Mal bewirbt er in Greenwash-Manier den angeblich CO2-freien Atomstrom, mal lockt er mit Zuschüssen beim Kauf von Elektrogeräten. Sofort und sorgfältig koordiniert wiederholt Ex-CSU-Chef Edwin Huber, dass der Salzstock Gorleben als Endlager tauge. Die "Killing Fields" der Pro-Atom-Kampagne wie die Krebshäufung im Umfeld der Atommeiler und das Atommülldesaster werden ausgeblendet. Der Wind dreht sich. Argumente zählen. Der Bundeskanzlerin Angela Merkel entfuhr, um den Dominoeffekt einzugrenzen, nur noch die Klage, dass in Gorleben bereits 1,51 Mrd. Euro verbaut wurden. Geld statt Sicherheit. Das ist übrigens die einzige Summe, die von den Atomstromproduzenten aufgebracht werden musste. Ein Witz angesichts der 30 Mrd. Euro, die die Atomstromkonzerne steuerfrei an Rücklagen für die nukleare Entsorgung angehäuft haben. Allein aus den Zinsen ließen sich Alternativen zu Gorleben erkunden. Es ist eine gute Zeit, für Weichenstellungen. Das Asse-Desaster lenkt den Blick auf das Gorleben-Desaster. Und das Atommülldesaster verbietet den Weiterbetrieb oder gar die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerke. Dass die Demonstration und die Aktionstage gegen den Castor kein Strohfeuer waren, gilt es im näXten Jahr, dem Wahljahr, unter Beweis zu stellen. Da gibt es die Wintertagung des Deutschen Atomforums in Berlin Anfang Februar. Geplant sind eine "argumentative" und tatsächliche Umzingelung des Tagungsortes in Berlin Mitte und schließlich am 26. Februar eine Lichterkette von Braunschweig zum Atommüll-Lager Asse II und von dort zum geplanten Endlager für schwachaktiven Müll Schacht Konrad, das als Grab für die schwach- und mittelaktiven Abfälle vorgesehen ist - immerhin eine Strecke von rund 40 km. Wolfgang Ehmke, BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. www.bi-umweltschutz-luechow-dannenberg.de E-Mail: wolfehmke (at) aol (Punkt) com |
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