FF2009-1


 voriger

 nächster

FF2009-1

 Initiativen

Soldatin und Kriegsgegnerin

Bernhard Clasen

Die 25-jährige Selena Coppa ist Sergeant der US-Army und zur Zeit in Wiesbaden stationiert. In dieser Eigenschaft hatte Coppa für den Irak-Krieg gearbeitet. Die italienisch-stämmige Coppa ist auch Kriegsgegnerin, setzt sich gegen die Kriege in Afghanistan und dem Irak ein.

Zurückblickend könne sie heute selbst schwer verstehen, warum sie einmal an die Notwendigkeit von Irak-Krieg und globalem Anti-Terror-Krieg geglaubt habe. Doch schließlich habe sie ja auch schon als kleines Mädchen an Santa Claus geglaubt, der zur Weihnachtszeit angeblich immer über den Kamin in ihre Wohnung kam. So wie sie als Kind ihrer Mutter vertraut habe, habe sie lange an das Märchen geglaubt, man müsse in Afghanistan und dem Irak gegen einen Feind kämpfen, der ihr Land, ihre Familie angreife.

Doch nachdem sie für den Krieg im Irak gearbeitet habe, habe sie schnell begriffen, dass es da nicht um die Rettung, sondern die Besetzung eines Landes ging.



Freiheit in den USA

Immer wieder hört und erfährt sie von Soldaten westlicher Länder in Afghanistan oder dem Irak, die in schwere Menschenrechtsverletzungen verwickelt sein sollen. Dass diese Menschen so wurden, wie sie sind, zu Mördern und Vergewaltigern wurden, liege nicht daran, dass Soldaten per se böse seien. Vielmehr entmenschliche der Krieg die jungen Männer und Frauen. Sie selbst sei aus Überzeugung zur Armee gegangen, habe geglaubt, ihr Vaterland zu verteidigen. Nach all der Gewalt, die sie im Irak gesehen habe, sei sie heute zynisch, fühle sich schuldig und sei sehr traurig.

Den Soldaten dürfe man nicht verdenken, dass sie sich entschlossen hätten, zur Armee zu gehen. Da sie selbst bei ihrer Entscheidung, zur Armee zu gehen, noch minderjährig war, habe ihre Mutter ihr Einverständnis geben müssen. Und sie hatte dieses Einverständnis erst gegeben, als die Army Recruiter ihr versichert hatten, dass ihre Tochter niemals in einem Krieg eingesetzt werde. Bei Beginn des Irak-Krieges bemühte sich ihre Mutter vergeblich, die Einwilligung wieder zurückziehen.

"Ihr seid sehr glücklich in Deutschland, dass ihr Zugang habt zu Zeitungen und Wahrheiten. In den USA, dem so genannten Land der freien Presse, ist es nicht so. Vieles, was man in Europa in den Medien lesen kann, erfahren wir nicht in Amerika. Dort werden wir für dumm gehalten." Zwar werfe man in den USA keine Journalisten in Gefängnisse. Doch die Besitzer von Zeitungen achteten sehr genau darauf, dass sich in ihren Blättern nichts findet, was gegen nichts gegen die Interessen des Kapitals sein könnte.

Und für US-Soldaten sei es um ein Vielfaches schwerer, an wirkliche Informationen zu kommen, müsse man sich doch auf die zensierten Militärzeitungen verlassen. Und gleichzeitig höre man bei der US-Army immer wieder von den Vorgesetzten, dass die meisten Zeitungen lügen, man Zivilisten nicht trauen dürfe, denn diese würden alle US-Amerikaner, insbesondere alle US-Soldaten, hassen.

Und so wüssten viele Amerikaner, insbesondere die Soldaten, nicht, dass sie angelogen werden, ihre Zeitungen lügen. Und gleichzeitig hören sie immer wieder in der Armee, dass es nicht patriotisch sei, den Krieg abzulehnen. Wer aber trotzdem den Mut habe, seinem Gewissen zu folgen, Vorgänge in der Armee als kriminell bezeichne, müsse mit Repressalien rechnen.

2007 habe sie sich entschieden, gegen den Krieg zu kämpfen. Doch zunächst wusste sie nicht, wie. "Eines Tages kam einer meiner Soldaten von seinem 15-monatigen Irak-Einsatz nach Hause. Was er im Irak gesehen hatte, war der Horror. Er hatte Hoffnungen, wollte mit seiner Verlobten, die Zwillinge von ihm erwartete, ein gemeinsames Leben beginnen. Doch er litt an den Folgen des Posttraumatischen Stresssyndroms. Als er sich an seine Vorgesetzten mit der Bitte um Hilfe gewandt hatte, hatten diese nur gesagt, er müsse damit selbst klar kommen. Eines Tages, als er plötzlich ein Flashback hatte, nahm er sich Geiseln. Er wurde von der Polizei eingekreist und wenig später von dieser erschossen." Selena fühlt sich bis heute für diesen Tod des im Irak schwer psychisch erkrankten Soldaten, verantwortlich, war sie doch selbst dessen Vorgesetzte. Kurz nach dem Vorfall hatte seine Verlobte eine Fehlgeburt.

Wenig später ging sie das erste mal mit ihrer Kritik des Krieges zu ihren Vorgesetzten. Sie machte diese für den Tod verantwortlich. Dort war man über das mutige Verhalten von Coppa, die mehrfach für ihre Tapferkeit ausgezeichnet worden war, nicht erbaut. Und es setzten die ersten Drohungen gegen Selena Coppa ein, man drohte ihr mit einer Einweisung in die Psychiatrie, drohte ihr, das Kind wegzunehmen.

Andere Kollegen, die soeben eine Ortsgruppe der "Iraque Veterans against the War" (IVAW) gegründet hatten, hatten von Selenas Situation erfahren und sich eingeschaltet. Sie vermittelten ihr einen guten Anwalt, sprachen in der Presse über Coppa, konnten verhindern, dass sie nicht in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Wenig später schloss sich Coppa selbst den IVAW an, beriet nun ebenfalls Soldaten, sprach mit der Presse. Sie nahm Kontakt zur Friedensbewegung auf, hielt Vorträge, wirkte bei einem Hearing in Washington mit.

"Eigentlich war ich immer sehr schüchtern", berichtet Selena Coppa, "wollte nie über mich und mein Leben sprechen." Doch nun begann sie, Interviews zu geben, sprach mit Zeitungen, dem Fernsehen, anderen Soldaten und Veteranen.



Deutschland

Um sie zum Schweigen zu bringen, wurde sie wenig später nach Deutschland versetzt. Ihre Vorgesetzten hatten gehofft, dass sie nun nach der Versetzung von ihren Aktivitäten ablassen werde. Doch sie wurden schnell eines besseren belehrt. Trotz ihrer schlechten Deutschkenntnisse fand sich Sergeant Coppa schnell in Deutschland zurecht, begann andere GIs zu beraten, nahm Kontakt mit der militärkritischen Soldateninitiative "Darmstädter Signal" auf.



Die Irak-Veteranen gegen den Krieg

Mit sieben Personen hatten die "Irak-Veteranen gegen den Krieg" angefangen. Inzwischen hat die Organisation 1500 Mitglieder und es werden immer mehr. Alle Mitglieder der IVAW hatten früher an den Krieg geglaubt, und sehen nun, wie ungerecht der Krieg ist, in dem unschuldige Zivilisten getötet werden.

Für die meisten Soldaten, so Selena, sei es ein langer Prozess gewesen, bis sie sich entschieden hatten, sich öffentlich gegen den Krieg auszusprechen. Viele von ihnen werden jede Nacht von Alpträumen gequält, hätten nach wie vor schwer mit dem zu tragen, was sie getan haben. Doch die Soldaten und Veteranen der Organisation hatten erkannt, dass man nicht mehr den Politikern glauben dürfe, wenn man den Krieg beenden wolle.



Die drei Beine des Krieges

Coppa vergleicht den Krieg mit einer Kamera auf einem dreibeinigen Ständer. Die drei Stützen des Krieges seien die Öffentlichkeit, das Kapital und das Militär. Während man nichts gegen die Konzerne tun könne, deren einziger Wert der Profit sei, sei es durchaus möglich, die Öffentlichkeit und das Militär zu beeinflussen. Viele Soldaten wüssten, dass der Krieg falsch sei und er gestoppt werden müsse. Doch sie wüssten nicht, wie man etwas gegen den Krieg tun könne. Diese Soldaten gelte es zu unterstützen, ihnen Wege zu zeigen, wie sie aktiv sein könnten. Und man muss ihnen auch helfen, ihren Schmerz zu lindern. "Ich träume von einer Welt, in der sich die Hälfte der Soldaten weigert, unmoralische Dinge zu tun. In so einer Welt gibt es keine Kriege mehr."

Kritische Soldaten zu unterstützen sei sehr wichtig. Die Vorgesetzten hätten Mittel, diese zu bestrafen. "Unsere Politiker haben sich mit euren Politikern verbündet. Und diese Bündnisse machen sie stark. Auch wir, Soldaten, Zivilisten und alle anderen, die wir den Frieden wollen, sollten uns zusammenschließen, um uns gegenseitig Kraft zu geben."

Natürlich sei es nicht einfach für Kriegsgegner, die Armee zu verlassen, man sei vertraglich gebunden, habe Angst vor der Arbeitslosigkeit, scheue sich, mit Freunden und Familie zu brechen. Vielfach sehr es auch der aktiven Arbeit unter den Soldaten hilfreich, selbst Armeeangehöriger zu sein, habe man doch als solcher ungehindert zu den Army-Stützpunkten Zugang.



Deutschland und die Kriege gegen den Irak und Afghanistan

Kürzlich habe sie erfahren, dass Angehörigen der Einheit eines Freundes Mord in mehreren Fällen vorgeworfen werde. Sie sollen Zivilisten getötet und anschließend in einen Kanal geworfen haben. Diese Einheit ist in Deutschland stationiert. Die Soldaten, die diese Verbrechen begangen haben, sind von Deutschland aus in den Krieg gezogen. Wir sollten nicht denken, Deutschland habe mit diesen Kriegen nichts zu tun.

Viele Menschen in Deutschland glauben, dass der Krieg gegen Afghanistan nur ein kleiner Konflikt sei, der auch in einer absehbaren Zeit beendet sei. "Auch uns hat man das gesagt, glaubt das nicht! Dieser Krieg wird nicht so schnell beendet sein. Terrorismus lässt sich nicht mit der Okkupation eines Landes bekämpfen." Wer behauptet, der Krieg sei bald siegreich beendet, solle erst einmal erklären, wie ein Sieg aussehe, der es den westlichen Truppen erlaube, nach Hause zu gehen. Je länger der Krieg dauere, je häufiger man Hochzeitsgesellschaften, Familien etc. töte, umso mehr werde man die Bevölkerung gegen sich aufbringen. Eine Familie, die vielleicht mal die NATO unterstützt hat, wird spätestens dann gegen die NATO sein, wenn diese ihren Sohn getötet hat.

Es sei nicht wahr, dass Soldaten per se den Krieg lieben, so Selena Coppa. Genauso wenig sei es wahr, dass die Deutschen die US-Soldaten hassten, wie es ihre Vorgesetzten immer wieder predigten. In dieser Situation sei es Aufgabe der Friedensbewegung, auf die in Deutschland stationierten US-Soldaten zuzugehen. Unter ihnen herrsche große Unsicherheit über die Richtigkeit des militärischen Handelns. Da man jedoch nur zensierte Zeitungen zu lesen bekomme, haben die meisten Soldaten noch nie etwas von ihrer Organisation gehört. Die Friedensbewegung sollte den Soldaten vermitteln, dass sie nichts gegen diese, aber viel gegen Krieg habe. Die Aktivisten der Friedensbewegung dürften nicht ihren Vorgesetzten beim Militär in die Hände spielen, die sagten, die Deutschen würden die US-amerikanischen Soldaten hassen. Es wäre sinnvoll, wenn die Friedensbewegung bei Aktionen vor US-Einrichtungen auch englisch-sprachige Plakate mit sich führte, englische Flugblätter verteilte. Viele Soldaten können kein deutsch, haben Angst vor einem Kontakt mit den Deutschen.

Wichtig sei es, Brücken zu bauen. Einige US-Soldaten seien nach ihrer Entlassung in Deutschland geblieben. Diese Leute gilt es, mehr in der Friedensbewegung zu integrieren und sie wiederum mit der Aufgabe zu betrauen, den Kontakt zu kritischen Soldaten herzustellen. Die Friedensbewegung sollte mehr Informationen und Literatur in englischer Sprache zur Verfügung stellen, kritischen Soldaten Räume als Treffpunkte anbieten. Auf dem Kasernengelände sei es sehr schwer, Treffen kritischer Soldaten durchzuführen, habe doch die Militärpolizei jederzeit Zugang zu allen Wohnungen und Räumlichkeiten.

Die US-Army sponsert Programme für Kontaktmöglichkeiten. So z.B. werden Aufenthalte von amerikanischen Soldaten in deutschen Familien gefördert. Hier sollte die Friedensbewegung eine Chance sehen, mit Soldaten in Kontakt zu treten. Auch Tage der offenen Tür und andere Angebote der deutsch-amerikanischen Freundschaft sollten wir aufgreifen, um die Soldaten mit unseren Ideen bekannt zu machen. "Ihr müsst die Mauer des Mistrauens zerstören! Wenn US-Militärs sagen, dass ihr Deutschen uns hasst, zeigt den Soldaten, dass ihr sie nicht hasst, dass ihr den Kontakt mit ihnen sucht."

"Sagt den Soldaten: ich mag Eure Ice Cream und euren Football, aber nicht euren Präsidenten und nicht eure Kriege. Anti-amerikanisches Vorgehen und Argumentieren der Friedensbewegung schadet nur uns selbst als Friedensbewegung."





Bernhard Clasen ist Übersetzer und Dolmetscher für Russisch und Freier Journalist. Veröffentlichungen u. a. in "taz", "neues deutschland", "PublikForum" und "Friedensforum"

E-Mail: bernhard (at) clasen (Punkt) net

Website: www.clasen.net/ff
 voriger

 nächster




       


Bereich:

FriedensForum
Die anderen Bereiche der Netzwerk-Website
        
Netzwerk  Themen   Termine   AktuellesHome