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August 1997

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FriedensForum 5/1997


Kinder im ehemaligen jugoslawien.

"Ferien vom Krieg" im ehemaligen Jugoslawien.

Klaus Vack

Das Komitee für Grundrechte und Demokratie veranstaltete im Sommer 1997 zum dritten mal in großem Stil eine Ferienfreizeit für von Krieg und Flucht betroffene Kinder im ehemaligen Jugoslawien. Über Patenschaften, vorwiegend aus der bundesdeutschen Friedensbewegung finanziert, konnten in diesem Jahr etwa 2.600 Kinder im Alter von 10-14 Jahren jeweils über einen Zeitraum von 14 Tagen an einer der insgesamt 13 Freizeiten, die an der südlichen Adria stattfanden, teilnehmen. Das Komitee hat in einer bebilderten Kurzdokumentation "Kleiner Einblick - Kinderfreizeiten in Ex-Jugoslawien: `Ferien vom Krieg` (Sommer 1997)" über die Freizeiten berichtet. Das FriedensFORUM sprach mit Klaus Vack über die friedenspolitischen Implikationen solcher Unternehmungen.

FF: In der Dokumentation über die Freizeiten 1997 berichtet das Komitee, daß z.B. die "Gruppe Osijek" mit Kindern kroatischer, muslimischer/ bosnischer, serbischer und ungarischer Herkunft gemischt zusammengesetzt war. Dagegen war die Gruppe aus Gornji Vakuf bzw. Uskoplje in Bosnien zu Beginn der Freizeit in zwei Blöcken - einem muslimischen und einem kroatischen - aufgeteilt angekommen. Welche Prozesse der Verständigung hat es zwischen ethnisch unterschiedlichen Kinder- und Betreuergruppen durch die Freizeiten gegeben?

Klaus Vack: Bevor ich auf diese Frage eingehe, möchte ich zumindest andeuten, daß das Komitee auf vielfältigen humanitären, friedenspolitischen und menschenrechtlichen Feldern seit Beginn des Krieges im ehemaligen Jugoslawien tätig ist, und daß wir dort vor allem die Aktivitäten für Flüchtlinge der während des Krieges entstandenen Antikriegs- und Bürgerrechtsinititiativen unterstützen. Im Laufe unseres Engagements seit gut sechs Jahren haben wir nicht nur festgestellt, daß die Kinder eine besonders leidtragende Gruppe des Krieges darstellen, das kann jeder auch von der Ferne nachvollziehen, sondern daß darüber hinaus überall dort, wo sich die Konfliktlage entspannte und die Volksgruppen nicht völlig getrennt waren, bei den Kindern Verständigungsprozesse trotz aller widriger Gegenpropaganda am ehesten entwickelt haben. Bei den Kinderfreizeiten haben wir dann gespürt, daß sich diese Situation von Jahr zu Jahr verbessert hat, und in den Freizeitlagern dieses Jahres, die - wie man sagt - gemischt waren, konnten wir sogenannte volksstämmige Konflikte kaum feststellen. Mit einem Teil der einheimischen BetreuerInnen war es unseren Leuten, die vom Komitee an den Freizeiten teilgenommen haben, möglich, durch freundschaftsfördernde Programmgestaltung die Annäherung der Kinder untereinander noch weiter zu unterstützen. Also, am Beispiel der Gruppe aus Gornji Vakuf bzw. Uskoplje: Grundsätzlich waren alle Fußballmannschaften, Schwimmkurse, Spiel-, Sing-, Tanzgruppen, Workshops etc. "gemischt", also beispielsweise in jeder Mannschaft oder Gruppe waren muslimische und kroatische Kinder zusammen und nicht gegeneinander, wie es in ihrer Heimatstadt, in der fast Mostarer Verhältnisse herrschen, noch immer üblich ist.

FF: Welche Bedeutung haben die Freizeiten aus Euren Erfahrungen für die Weiterführung von Verständigungsprozessen, wenn die Kinder wieder in ihrer Umgebung vor Ort sind, wo sie ja oft genug wieder in Situationen von ethnischer Trennung leben müssen? Inwieweit können durch solche Freizeiten Impulse für Vertrauen, Solidarität, Gewaltfreiheit und Frieden vermittelt werden, die über die Zeit der Ferien hinausreichen?

Klaus Vack: Wer lange in der Friedensbewegung oder anderen sozialen Bewegungen hier bei uns oder anderswo gearbeitet hat, weiß, daß wir in unserem Engagement oft "kleine Brötchen backen müssen". Es ist ganz selbstverständlich, daß das Ambiente dieser Kinderfreizeiten besonders dazu angetan ist, daß Kinder gut miteinander auskommen, auch wenn es offizielle Politik und meist auch der Wille des größten Teils der Erwachsenengesellschaft ist, die geschaffenen Feindbilder aufrechtzuerhalten. Die Ursachen hierfür, die in der Geschichte und aktuell in den noch brennenden Wunden des jüngsten Krieges liegen, können an dieser Stelle nicht näher erörtert werden. Deshalb müssen wir uns damit zufriedengeben, daß wenigstens etwas von dem, was wir an friedlichem Beisammensein und an Denkimpulsen in Richtung Gewaltfreiheit den Kindern bei den Freizeiten vermitteln konnten, nicht wieder vollends verlorengeht. Nicht wenige auf den Freizeiten entstandene Freundschaften, z.B. zwischen einem serbischen und einem kroatischen Jungen oder einem muslimischen und einem kroatischen Mädchen etc., werden erhalten bleiben. Außerdem sind diese Kinderfreizeiten schon im Vorfeld und dann, wenn die Kinder wieder nach Hause kommen, in der Tat das Gesprächsthema Nr. 1, zumindest in der Familie, der Nachbarschaft und in den Schulen. Daß - um bei dem Beispiel Gornji Vakuf bzw. Uskoplje zu bleiben - die 220 Kinder, die im Ferienlager waren, die in eine kroatische Westhälfte und eine muslimische Osthälfte getrennte Stadt nicht zusammenbringen werden, liegt auf der Hand. Aber es sind Zeichen gesetzt, und schon von der Kinderfreizeit im vergangenen Jahr sind so starke Impulse ausgegangen, daß die imaginäre Grenze zwischen West und Ost (die Hauptstraße, die die früher gemeinsame Stadt Gornji Vakuf trennt) von immer mehr Menschen beider Seiten, also nicht nur von den Kindern, kaum mehr respektiert wird.

 zum AnfangFF: Ihr habt einen Mal-Workshop mit den Kindern zur Thematik "Krieg - Frieden" veranstaltet und einige dieser Kinderbilder (vgl. auch auf dieser Seite des FriedensFORUMS) sind in Eurer Dokumentation veröffentlicht. Welche Wahrnehmungen und Reflexionsprozesse stehen hinter diesen Kinderbildern? Habt Ihr einen Unterschied erlebt, wie Kinder bzw. Erwachsene Kriegserfahrungen aufgearbeitet haben bzw. noch aufarbeiten, z.B. in Richtung Versöhnung oder auch in Richtung Rachegefühle für angetanes Unrecht?

Klaus Vack: Wir haben mehrere solcher Mal-Workshops "Krieg - Frieden" mit den Kindern in verschiedenen Freizeiten gemacht. Es gab unter den insgesamt etwa 150 Bildern kein einziges, das den Krieg verherrlichte oder Haß, Rachegefühle etc. zum Ausdruck brachte. Das liegt sicher auch an der Auswahl der Kinder für diese Freizeiten. Ich erwähnte, daß wir bei den Kinderfreizeiten mit Friedensgruppen im ehemaligen Jugoslawien zusammenarbeiten. Zwar wurde streng darauf geachtet, daß die Kinder, denen eine Freizeit geschenkt wurde, aus armen bzw. schweren Verhältnissen kommen, aber unsere Partnerorganisationen dort arbeiten ja das ganze Jahr über mit den Kindern und auch mit den Eltern und fördern konkret Verständigung und allgemein die Vision von Frieden, Freundschaft, Solidarität etc. Doch auch in diesem Falle dürfen wir m.E. unsere Erwartungen nicht zu hoch hängen. Eigentlich bringen diese Bilder nur sehr selten Kriegsgreuel oder Verständigung statt Feindschaft zumAusdruck. Die meisten Bilder dokumentieren schlicht den Wunsch nach Frieden, nach Freiheit, Glück und nach einer besseren Welt. Wie Erwachsene dieses Thema in Bildern zum Ausdruck bringen würden, weiß ich nicht. Ich denke, wir müssen bei diesen Bildern berücksichtigen, daß sie von 10-14jährigen Kindern gemalt wurden, die vieles erdulden und erleiden mußten und die noch immer in Armut und Notunterkünften leben. Schon aus Altersgründen können sie heute die "politischen" Zusammenhänge dieses Krieges nicht verstehen. Sie malen das, was sie verstehen bzw. was sie sich ganz besonders wünschen.Wie sie in 10 oder 20 Jahren denken (oder auch malen würden), wie sie dann handeln - wer weiß? Trotz dieser Skepsis gilt m.E., daß die Kinder ein neues friedlicheres Zusammenleben zuerst zu lernen befähigt sind.

 zum AnfangüKlaus Vack ist Mitglied des Arbeitsausschusses des Komitees für Grundr3echte und Demokratie und engagiert sich vorrrangig seitAnfang der 90er Jahre für das Komitee in der humanitären, friedenspolitischen undmenschenrechtlichen Hilfe im ehem. Jugoslawien.ü

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