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Erstellt: August 1997 | FriedensForum 7/1998 Die Bundeswehr - ein Sommertheater oder Verschiedene springerstiefeltragende Kurzhaarige Tobias Pflüger So jetzt haben wir es gelernt: Menschen, die anderen in der (Hochwasser-)Not helfen, haben kurze Haare, laufen mit Springerstiefeln herum und tragen alle braun-grüne uniforme Kleidung. Manche haben noch etwas Lametta an den Schultern herumhängen. Irgendwie will mir das nicht in den Kopf, daß so die hilfsbereiten Jungs aussehen. Das geht wohl noch einer ganzen Reihe anderer Menschen so. Deshalb hat die Bundeswehr jetzt mal wieder ihre Werbekampagne in eigener Sache gestartet und ganz im Vordergrund steht der Einsatz an der Oder-"Front". Vor, während und nach dem Odereinsatz gab so ein paar Probleme, weil die einen Kurzhaarigen in Springerstiefeln mit den anderen Kurzhaarigen in Springerstiefeln so gar nichts zu tun haben (wollen). Aber irgendwie machen welche von den einen (den "Guten") immer wieder etwas, das eigentlich nur von den anderen (den "Schlechten") erwartet wird. Die beiden Gruppen sind nämlich vollkommen verschieden, haben vollkommen verschiedene Werte: Befehl und Gehorsam, Kampfkraft sowie Disziplin und Ordnung auf der einen Seite und Ordnung und Disziplin, Kampfkraft sowie Befehl und Gehorsam auf der anderen... Nur "die Guten" üben noch zusätzlich das Schießen mit Klein- und Großgerät, ganz offiziell. Aber das hat mit ihrer Hauptaufgabe, nämlich dem Helfen nur wenig zu tun. Nun mal im Ernst: Die Bundeswehr ist wieder ins Gerede gekommen. Das ist schon mal ganz gut. Da ist ganz schön was zusammengekommen diesen Sommer: | |
| Zuerst "Hammelburg", ein Video, das monatelang in Bundeswehrkreisen kursierte und plötzlich als es SAT 1 für wenig Geld kaufte, war es ein Skandalvideo. Wo doch auf dem Video die Soldaten nur Krieg spielen, so wie sonst auch. Doch halt! Sonst machen die das zivilisiert! Soldaten der Bundeswehr üben keine Exekution mit Kopfschuß und keine Vergewaltigung. Das mag sein oder auch nicht. Doch beides gehört zur (Un)-Logik des Krieges. Bundeswehrsoldaten über aber ganz offiziell Insassen von Zivilbussen scheinhinzurichten. Damit soll getestet werden, wie die auszubildenden Soldaten reagieren. Das Ganze wird natürlich auch auf Video aufgenommen. Die Bundeswehrsoldaten werden für den Krieg ausgebildet. Wer es nicht glaubt, muß sich nur die Schilderungen der Ausbildung der Soldaten der Calwer Elitetruppe Kommando Spezialkräfte (KSK) anhören. Das ist Vorbereitung auf den echten, richtigen Krieg. Ach so, die Bundeswehrsoldaten üben nur die Landesverteidigung". Oh, ich hab vergessen, daß inzwischen Deutschland schon in Kroatien und Bosnien verteidigt werden muß und zur Verteidigung Angriffswaffen wie der Kampfhubschrauber Tiger angeschafft werden müssen, damit in Zukunft Deutschland weltweit seinen Zugang zu Rohstoffen verteidigen kann.
Kaum hatte die Bundeswehr von Hammelburg "erholt", schwellte die Oder an und überflutete bewohnte Gebiete. Das war die Gelegenheit... Wenn da nicht diese blöden Zwischenfälle wären... Daß die einen Kurzhaarigen das tun, was die anderen ... etc. Der Pressesprecher der Landtagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen Sachsen-Anhalt hat das mit den verschiedenen springerstiefeltragenden Kurzhaarigen vor wenigen Tagen - ganz privat in einem Leserbrief - so auf den Punkt gebracht: "Die Bundeswehr ist offensichtlich der Haufen, der braun gesinnte Scheißhausfliegen magisch anzieht". Der Mann hat den Nagel erstaunlich genau auf den Kopf getroffen. Na, ja, der Fraktionsvorsitzende Hans-Jochen Tschiche hat ihn als "Lohn" auch gleich vorläufig suspendiert. Seine Eingebung bezüglich Bundeswehr und Rechtsextremen könnte den Mann vielleicht seinen Job bei den Grünen kosten. So weit ist es schon. Jedenfalls von hier aus meine volle Solidarität mit dem Leserbriefschreiber. Ach so, der Fortgang der Geschichte: Der Mann bleibt inhaltlich bei seiner Aussage, nur würde er heute sagen: "Die Bundeswehr ist offenbar der Obsthaufen, der braun gesinnte Fruchtfliegen magisch anzieht." Aber ehrlich gesagt, die erste Version hat mir besser gefallen. Unabhängig davon, der Mann hat empirisch einfach recht. Das ist mehrfach sozial- und politikwissenschaftlich nachgewiesen, das hat auch etwas mit den vermittelten Werten zu tun (s.o.) Und die Grünen, hmm, ja die brauchen offensichtlich aufklärende Informationen über die Bundeswehr... Noch eine andere große Kleinpartei gibt es in Deutschland, das ist so eine Gruppe Besserverdienender, die immer an der Regierung sind und die immer sagen müssen, daß sie auch wichtig sind: Die FDP. Die will (zum Teil) die Wehrpflicht abschaffen um eine effektivere Bundeswehr zu schaffen und um Geld zu sparen. Dafür wollen sie eine Berufsarmee. Ob die Rechnung aufgeht? Eher nicht. Eine Berufsarmee haben wir nämlich schon. Eine Berufsarmee in der Bundeswehr, die sogenannten Krisenreaktionskräfte (KRK). 53.600 Mann, die zu 80 % aus Berufs- und Zeitsoldaten bestehen und die für die Kernaufgaben der neuen Bundeswehr ausgebildet werden: Weltweite Militäreinsätze, darunter auch reine Kampf- und Kriegseinsätze, also solche, bei denen scharf geschossen wird und Leute getötet werden. Und wenn die Beweggründe dabei nieder sind, heißt das dann Mord. Aber wir waren bei der FDP, die gibt es noch, leider. Die wollen also die Wehrpflicht abschaffen, um das zu bekommen, was wir eh schon haben. Sie wollen nur den Schnick-Schnack rundherum weghaben. Da frag ich mich bloß, warum nicht sofort den Kernbereich (die Krisenreaktionskräfte s.o.) weg und warum nicht die ganze Bundeswehr weg? | ||
| "Für was brauchen wir die Bundeswehr noch?", so könnte man/frau fragen. Könnte... "Wir" brauchen die Bundeswehr sowieso nicht. Wenn die jemand braucht, dann die Regierenden und Mächtigen, um militärisch außenpolitisch und vielleicht innenpolitisch ihre Interessen durchzusetzen.
Und wie sieht die Bevölkerung das mit der Bundeswehr? Die Zahlen sprechen für sich: 84 % der Bundesbürger wollen nach der neuesten Emnid- Umfrage die Bundeswehrsoldaten bei Katastropheneinsätzen sehen. Hab ich nichts dagegen, wenn die das machen wollen, aber dann brauchen sie keine Kriegswaffen, die helfen nämlich gegen die Wasserfront auch nicht und sie müssen sich nicht Bundeswehr nennen und als Zwangsdienst dürften sie das auch nicht machen und und und... Also die Leute sind im falschen Verein, der ist nämlich tatsächlich für was anderes da. Die richtigen Vereine gibt es auch schon, nur die sind blau oder rot statt grün-braun und sie tun ihre Arbeit an der Oder ohne so viel Tra-Ra. Ein Mensch des Technischen Hilfswerks zur Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen bei der Bekämpfung der Überflutung: "Da sag ich lieber nichts zu..." Ah so, die restlichen Ergebnisse der Emnid-Umfrage will ich nicht vorenthalten: 66 % der Befragten sind für UNO-Friedenseinsätze, was immer mit diesem Euphemismus auch gemeint ist. 61 % der Befragten wollen die Bundeswehr zur Landesverteidigung und nur 21 % zu UNO- Kampfeinsätzen. Wenn nun noch nach NATO-Kampfeinsätzen oder den mit dem Kommando Spezialkräfte geplanten "rein nationalen" Kampfeinsätzen gefragt worden wäre, der Anteil der Befürworter/innen wäre weiter gefallen, doch das ist das eigentliche Ziel der Bundesregierung. "Akzeptable Sparmöglichkeiten" sehen von den repräsentativ ausgewählten Personen 45 % bei der Bundeswehr im Gegensatz dazu nur 19 % beim Aufbau Ost, 18 % bei der Kultur, 8 % bei der Sozialhilfe und lediglich 3 % bei der Bildung. 67 % sehen die Entscheidung für den Bau des Eurofighter als falsch an, nur 31 % befürworten das größte Kriegswaffenprojekt. Da ist die Bevölkerung doch weitaus vernünftiger als die Regierung. | ||
| Ach ja, in Dresden haben zwei Soldaten eine Unterkunft von italienischen Bauarbeitern abgefackelt. Zum Glück waren die Arbeiter schon im Urlaub. Dazu fällt uns "Detmold" ein. Mehrere Bundeswehrsoldaten schlugen dortmals US-, italienische und türkische Bürger zusammen. Zuvor war aus Detmold von einem bekannten "Führer" der Rechtsextremen via Stern der Aufruf an Neonazis ergangen, sich bei Eliteeinheiten von Polizei und Bundeswehr zu melden, um die Spezialausbildungen zu "nutzen". Nur darüber schrieb praktisch kaum jemand.
Und da sind wir wieder beim offensichtlichen Leitthema: Den verschiedenen Kurzhaarigen mit Springerstiefeln. Jetzt will der zuständige Minister, Volker hörst Du die Signale?, so sagte er es zumindest der Bild-Zeitung, Rechtsextreme vom Wehrdienst abhalten. Den Kreiswehrersatzämtern sollen Vorstrafen von Rechtsextremen gemeldet werden. Der CDU-Mann Paul Breuer unterstütze das prompt: "Die Armee muß sauber bleiben." Sauberkeit und Ordnung, das mit den Werten hatten wir schon... Das Ganze wird aber eine zynische Art, den Bundeswehrdienst rechtsherum zu verweigern. Da geht die von oben angeheizte und dann geduldete Menschenjagd in Springerstiefeln ja munter weiter... Bald ist der 1. September. Am 1.9.1939 begannen deutsche Wehrmachts- Truppen den zweiten Weltkrieg mit all seinen schlimmen Folgen bis hin zu Auschwitz. Gewerkschaften und Friedensbewegung haben den 1. September zum Antikriegstag ausgerufen. "Nie wieder Krieg" lautet die Losung! Das Anliegen wird von Tag zu Tag aktueller. Denn die Bundeswehr übt daran, ein weiteres Erbe der Wehrmacht anzutreten: die Bundeswehr übt für Kriegseinsätze. Dafür wurden Strategie, Struktur und Bewaffnung der Bundeswehr verändert. Es gibt in verschiedenen großen Städten wie Aachen, Hamburg, Kiel, Mannheim, München und Nürnberg aber auch kleineren Städten Veranstaltungen und Aktionen zum Antikriegstag. Geht einfach hin, auch wegen der Kurzhaarigen mit Springerstiefeln... P.S.: Ich kann auch sachlich: Die sachlich-kritischen Informationen zur Bundeswehr sind nachzulesen im Buch: Die neue Bundeswehr oder zu bekommen bei der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.: Burgholzweg 116/2, 72070 Tübingen, Telefon und Fax 07071-49154 oder 07071-49159, e-mail: IMI@GAIA.de und Internet: http://www.gaia.de/imi/ index.htm Tobias Pflüger ist Mitarbeiter der Informationstselle Militarisierung (IMI) e.V. in Tübingen. Der Artikel ist zuerst in"Politische Berichte" erschienen. E-Mail: t.pflüger@gaia.de Internet: http://www.gaia.de/imi/imi1.htm | ||
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