60 Jahre Befreiung


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60 Jahre Befreiung/Kriegsende 1945

 Reden/Kundgebungsbeiträge

Redebeitrag für die Veranstaltung anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus Bonn, 8. Mai 2005

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

Christa Pfeiffer

Es begann mit dem Brief, der meine Mutter im Oktober 1944, knapp vor meinem 9. Geburtstag in einem kleinen Dorf in Thüringen erreichte, in dem der Hauptfeldwebel Seibnitz schrieb, dass er die traurige Pflicht hätte, ihr mitzuteilen, dass ihr Mann der Obergefreite Franz Soltmannowski seit dem 17. Juli vermisst und wahrscheinlich gefallen ist.

Er endete mit den Worten:

"Möge es Ihnen in Ihrem Schmerz ein Trost sein, dass Ihr Mann sein Höchstes gab für den Bestand und die Zukunft unseres Volkes und seinem Führer. Ich grüße Sie in tiefer Anteilnahme Heil Hitler"

Was für ein Trost für einen Mann, der Flugblätter: "Hitler bedeutet Krieg" gedruckt und verteilt hatte, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich habe nur begriffen, dass mein Vater wahrscheinlich tot war und meine Mutter nun mit meinen Brüdern und mir alleine war. Als der Krieg dann zu Ende war und wir auf Umwegen wieder nach Wuppertal gekommen sind, lernte ich nach und nach was Krieg bedeutet und erfuhr vom kommunistischen Widerstand meines Vaters und dass er das aber nur einige Jahre machen konnte. Man war auf seine Spur gekommen. Mit Rücksicht auf seine Familie hat er sich dann zurückgenommen. Aber ganz hat er es wohl nicht verleugnen können, denn er wurde vom Obergefreiten nicht befördert mit der Begründung "Politisch nicht zuverlässig". In einem Brief aus Südfrankreich schrieb er meiner Mutter, dass dort Kinder in einen verminten Weinberg gelaufen waren und es den Soldaten verboten wurde. sie wieder herauszuholen. Sie konnten dann die Mutter nicht aufhalten, die aber ihre Kinder nicht mehr retten konnte, sie kam mit blutigen Händen wieder zurück. Er schrieb dazu: "Verflucht seien die, die diesen Krieg verursacht haben". Das alles habe ich von meiner Mutter und aus seinen Briefen erfahren.

Ein früherer Nachbar der einige Jahre im KZ verbracht hatte, nur weil die ganze Familie seiner Mutter Kommunisten waren, hat uns dann immer wieder von den Schikanen berichtet, denen sie dort ausgesetzt waren. Seine Frau, die er nach dem Krieg geheiratet hatte, erzählte uns, dass ihr Verlobter noch in den letzten Tagen des Krieges in der Hildener Heide erschossen worden ist.

Eine einfache Postkarte mit einem Soldatengrab und einem Spruch war mir später, als ich die Zusammenhänge begriff, Verpflichtung. Für mich waren es die mahnenden Worte meines Vaters: "Weint mir noch ein paar Tränen und gönnt mir dann meine Ruh und lasst für spätere Zeiten Kriege nicht mehr zu." Ja das wollte ich und spürte, dass ich weiter führen sollte, was er uns zuliebe aufgeben musste. Damals wusste ich noch nicht genau wie. Mehrmalige Aufenthalte in Barcelona bei einer katalanischen Familie, mit der mich jetzt eine 50-jährige Freundschaft verbindet, lehrten mich Deutschland von außen zu sehen. Dazu kam das erwachende politische Bewusstsein, als die Wiederbewaffnung eingeführt wurde.

Aber was konnte ich tun, damit niemals mehr jemand einen Brief mit solch einem Trost erhält wie wir 1944 und Kriege nicht mehr zugelassen werden. Als dann mein jüngerer Bruder "der ältere gehörte zu den weißen Jahrgängen" den Kriegsdienst verweigert hat, bin ich Mitglied im Verband der Kriegsdienstverweigerer geworden, der sich 1974 mit der Deutschen Friedensgesellschaft zusammengeschlossen und seitdem Deutsche Friedens- gesellschaft/Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen heißt. Das ist nun mehr als 42 Jahre her und ich kann einfach nicht aufhören, weil das Ziel, keine Kriege mehr zuzulassen nicht erreicht ist. Auch wenn ich weiß, dass ich dieses Ziel nicht erreichen werde, so habe ich es doch wenigstens versucht und werde es immer wieder versuchen.

Meine Aufenthalte in Spanien, Frankreich und Afrika haben mir gezeigt, dass Freundschaft mit Menschen aus allen Ländern möglich ist, und so versuche ich auch, ihnen hier beiseite zu stehen. Ich trete immer wieder auch für ihre Rechte ein und wende mich gegen jede Art von Fremdenfeindlichkeit.

Ich sage euch dass alles nicht, um mich besonders hervorzutun, sondern ich will damit zum Ausdruck bringen, dass es möglich ist, Menschen zu aktivieren, wenn die Alten von den Schrecken des Faschismus erzählen und die Jungen zuhören und daraus die Konsequenz ziehen. Ich weiß nicht, ob ich jemals aktiv geworden wäre, wenn meine Mutter uns nicht immer davon erzählt hätte und ich auch denen, die von ihren Erfahrungen im KZ berichtet haben, nicht zugehört hätte.

Den Generälen und hoch stehenden Politikern von damals, die sagen, sie hätten nicht gewusst, dass Hitler Krieg will, sage ich, ihr lügt. Denn mein Vater, ein einfacher Arbeiter hat es gewusst. Den heutigen sage ich, wir sind heute 60 Jahre seit Kriegsende von Freunden umgeben und froh, dass es bei uns keine Kriege mehr gibt. Aber ihr beteiligt uns nun an anderen Kriegen, weil ihr meint, Deutschland müsste am Hindukusch verteidigt werden. Mir sind die, die sich freiwillig daran beteiligen unbegreiflich. Denn wir von der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegdienstgegnerInnen sind für die Abschaffung der Bundeswehr und bleiben dabei:

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

Kein Vergeben! Kein Vergessen!

Danke dass ihr mir zugehört habt.


Christa Pfeiffer ist aktiv bei der DFG/VK Gruppe Rhein-Sieg in Siegburg.

E-Mail: rhein-sieg@dfg-vk.de

Website: www.dfg-vk.de
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