65 Jahre Hiroshima

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05.08.2010


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65 Jahre Hiroshima

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Rede zum Hiroshima-Tag am 5. August 2010 auf dem Markt in Herzberg/Elster

Hallo - Guten Abend allen zusammen auf diesem schönen Marktplatz!

Bernhard Willner (in Herzberg)



- Sperrfrist: 5. August 2010, Redebeginn, ca. 20 Uhr -

- Es gilt das gesprochene Wort! -



im Namen unseres Arbeitskreises Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung danke ich Ihnen, dass Sie heute abend zu dieser Gedenkstunde gekommen sind!

In Japan ist es Tradition, jedes Jahr am Hiroshima-Tag auf Flüssen schwimmende Kerzen anzuzünden, ein Symbol für die vielen Menschen, die im kühlenden Wasser des Meeres Rettung vor dem atomaren Feuer suchten.

Zum 65. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki haben `Ohne Rüstung Leben` und weitere Organisationen des Trägerkreises `Atomwaffen abschaffen` aufgerufen, uns dieser "Nacht der 100 000 Kerzen" anzuschließen und unsere Vision für eine atomwaffenfreie Welt in die Öffentlichkeit zu tragen.

Dies soll am Vorabend des Hiroshima-Tages geschehen in der Zeit zwischen 20.00 und 0.15 Uhr. Die Zeit um 0.15 Uhr entspricht der Ortszeit um 8.15 Uhr in Hiroshima am 6. August. Zu diesem Zeitpunkt beginnen die Gedenkfeierlichkeiten im Hiroshima-Memorial-Park. (vgl. Aktionsblatt zur "Nacht der 100 000 Kerzen" von Ohne Rüstung Leben) Dieses Gedenken weltweit will aber nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern eine bessere, eine friedliche Zukunft beschwören. Wir wollen deutlich zum Ausdruck bringen, dass wir unseren Kindern eine atomwaffenfreie Welt hinterlassen wollen! Aber nicht nur das: Wir wollen und wir müssen den Krieg überhaupt abschaffen, wenn die Menschheit überleben will!

Wie soll das gehen, "wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt"? So fragen viele.

Darauf gibt es natürlich Antworten! Diese kann ich nicht in 10 Minuten deutlich machen, aber ich kann hinweisen z.B. auf Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela und viele Menschen, die mit einem neuen Denken eine neue Strategie verfolgt haben, um Konflikte zwischen den Menschen ohne militärische Gewalt zu lösen. Ich darf auch hinweisen z.B. auf den Zivilen-Friedens-Dienst (ZFD), den Internationalen Versöhnungsbund und viele andere Nicht-Regierungs- Organisationen, die Wege zu einer zivilen Konfliktlösung aufzeigen und praktizieren. Krieg kann keine Konflikte lösen, sondern nur neue schaffen. Ein neues Denken ist möglich!

"Wir müssen jahrtausendealte Traditionen aufgeben, wenn wir der Höllenfahrt entgehen wollen" - so ähnlich habe ich das Wort von Michail Gorbatschow aus den 80er Jahren noch im Ohr, als er einseitig ein Moratorium nach dem andern zur Aussetzung von Atombombentests ankündigte. Dagegen gibt es heute Stimmen von maßgebenden Politikern, Gorbatschow habe zu dem "Trick des neuen Denkens" greifen müssen, weil die Sowjetunion durch die USA niedergerüstet worden sei.

Gorbatschow wäre gar keine andere Wahl geblieben, er habe aus der Position militärischer Schwäche so handeln müssen.

Schämen sollten sich, die solches denken!

Krieg und Frieden beginnen im Kopf! Nur durch ein neues Denken werden wir schlimme Traditionen aus der Steinzeit bewältigen lernen. Eine solche alte Tradition ist z. B. der Glaube an das Recht des Stärkeren - welch ein Unsinn! Aber auch der Glaube an die "ultima ratio", das sogenannte "letzte Mittel", das ein Staat einsetzen dürfe, um Frieden zu schaffen. Dieses sogenannte letzte Mittel, das Militär, fordert die größte Aufmerksamkeit und verschlingt Milliarden des Staatshaushaltes, d.h. unsere Steuern! Aber noch viel schlimmer: dieses "letzte Mittel" führt uns von Anfang an auf eine falsche Fährte: wir verderben unser Denken und unseren Charakter!

Das jedenfalls besagt das Wort Jesu, "alle, die zum Schwerte greifen, werden durch das Schwert verderben". Natürlich werden nicht alle durch das Schwert umkommen, die zum Schwert greifen. Aber durch den Griff zur Gewalt, das heißt durch die Absicht, den Feind gegebenenfalls zu töten, verdirbt der Mensch in seinem Innern.

Das bedeutet, dass das sogenannte "letzte Mittel" von Anfang an unsere Gesellschaft verdirbt!

Welch Schizophrenie in unseren Köpfen!

Wir beten für den Frieden und zahlen für den Krieg!

"Wenn du doch erkannt hättest, was dem Frieden dient" - so das Wort des Mannes, der um seine Stadt und die Zukunft seines Volkes weinte - vor 2000 Jahren. Keine fromme und rührselige Geschichte, nein, sondern ein dringender Aufruf zu einem anderen Denken! Denkt um!

Das heutige Europa pocht so gern auf seine christlichen Wurzeln, auf christliche Werte. Wenn "Christlich ist, was auf Jesus Christus zurückgeht", wie es Hans Küng sagt und ich auch glaube, dann kann ich nicht sehen, dass Europa jemals christlich gewesen ist!

Wußten Sie "

dass die vorhandenen Atombomben mindestens 20 mal das Leben auf unserem Planeten vernichten können? Das habe ich schon in den 80-er Jahren gelesen.

dass Deutschland im Rahmen der "nuklearen Teilhabe" etwa 20 US-Atombomben im Fliegerhorst Büchel (Rheinland-Pfalz) lagert und dass Bundeswehrpiloten den Einsatz mit US-Atomwaffen üben (sogenannte "Technische Teilhabe")? Und das geschieht unter Mißachtung des Nichtverbreitungsvertrages von 1968 und unter Mißachtung des Urteils des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag, der 1996 die Drohung mit Atomwaffen als völkerrechtswidrig gebrandmarkt hat.

Jetzt in diesen Stunden wird um den Fliegerhorst Büchel eine KERZEN-WALLFAHRT als christlich-religiöse Veranstaltung durchgeführt, für eine Welt ohne Atomwaffen. Anschließend um 0.15 Uhr findet ein viertägiges öffentliches Fasten vom 6.-9. August am Haupttor des Jagdbombergeschwaders 33 statt.

Seit Jahren organisiert ein Freund von mir diese Protest-Umgehung des Atombombenstandortes Büchel. Ich freue mich sehr, dass wir uns heute auf dem Herzberger Markt diesem Protest anschließen.

Wußten Sie,

údass die Europäische Union gemäß dem Vertrag von Lissabon auf dem Weg zu einer militärischen Interventionsmacht ist und ihre Mitgliedstaaten im Art. 42 des Europa-Vertrages zur militärischen Aufrüstung verpflichtet?

údass zur Militärdoktrin der Bundeswehr bereits seit 1992 die "Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten Weltwirtschaftsordnung" gehört und dass Bundespräsident Köhler nichts anderes als dies gesagt hat?

Warum ist er über diese Aussage gestrauchelt, ohne dass die Bundeswehr über diese Doktrin strauchelt?

dass zwischen der Bundeswehr und den Kultusministerien einiger Länder Kooperationsvereinbarungen getroffen wurden, nach denen die Schülerinnen und Schüler u.a. eben diese Militärdoktrin verinnerlichen sollen?

Sind wir ahnungslos, wie schleichend und versteckt die Militarisierung der Politik betrieben wird?

"Wenn du doch erkannt hättest, was dem Frieden dient!"

"Wer das Schwert ergreift, wird durch das Schwert verderben", dh. er verdirbt sich selbst in seiner Seele, seiner Psyche!

Es gäbe unendlich viel an diesem Abend zu sagen, da wir der Opfer der Atombomben gedenken.

z.B. müßten wir unsere Forderungen an Bundesregierung, Kirchen und an uns selbst formulieren, wo und wie ein neues Denken praktisch anzuwenden ist. z.B. ist eine unbedingte Forderung an die Bundesregierung, die auf deutschem Boden vorhandenen Atombomben endlich zu entsorgen (oder ggfs. an die USA zurückzugeben).

Eine Forderung an die kath. Kirchenleitung ist, nicht nur das ungeborene Leben zu schützen, sondern den Soldaten zu sagen, dass sie auch das geborene Leben nicht töten dürfen!

Von der evang. Kirchenleitung erwarten wir ebenfalls Stellungnahmen, die eindeutig am Evangelium ausgerichtet sind. Die EKD- Friedensdenkschrift vom Oktober 20071 jedenfalls ist derart formuliert, dass ein mir befreundeter evangelischer Pfarrer nicht umhin kommt, sie als eine Kriegsdenkschrift zu bezeichnen.

Doch was nützen solche Forderungen jetzt von diesem Marktplatz aus, wenn in der Politik nicht ein neues Denken greift und in den Kirchen sich nicht der Geist des Evangeliums behauptet?

Nur zwei Dinge möchte ich noch erwähnen:

1. Von Hiroshima aus geht eine Bewegung um die Welt, die "Bürgermeister für den Frieden", die "MAYORS FOR PEACE". Bisher sind 354 Städte und Gemeinden in Deutschland Mitglied bei den Mayors for Peace. Die Mitgliedschaft ist kostenlos.

Auch die Bürgermeister unserer Region sind herzlich eingeladen, sich dieser Bewegung anzuschließen!

Die Bürgermeister für den Frieden wollen bis zum Jahre 2020 eine Welt ohne Atomwaffen verwirklichen!

In ihrer "Potsdamer Erklärung" vom 11. Juni dieses Jahres heißt es u.a. - und damit komme ich bereits zum Punkt

2. : "Nukleare Abrüstung und eine Welt ohne Atomwaffen wird es nur durch kontinuierliches und wachsendes Engagement von immer mehr Menschen in der Gesellschaft geben."

"Wenn doch auch du erkannt hättest, was dir zum Frieden dient!"

Wir - also unsere Gruppe - möchten Sie ermutigen, die Dinge des Krieges und die des Friedens nicht dem Selbstlauf zu überlassen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten sich zu engagieren. Vielleicht reizt es sogar die eine oder den andern, mit unserer Gruppe Kontakt aufzunehmen. Wir fragen nicht nach dem religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis, sondern nach Ihrem Willen zum Frieden.

Seien Sie also herzlich willkommen!

Es ist wünschenswert, dass diese Stunde heute Abend nicht nur ein Zurückdenken an ein gewesenes schreckliches Ereignis ist, sondern ein Anstoß für uns, die Zukunft unserer Kinder - also der nächsten Generation - in die Hand zu nehmen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.



1) vgl. Matthias Engelke, Frieden mit dem Militär?! - Zur Kritik an der EKD-Friedensdenkschrift, erschienen als Sonderheft im "Forum Pazifismus" im Mai 2009



Bernhard Willner ist beim Arbeitskreis Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in Herzberg.

E-Mail: BeWillner (at) web (Punkt) de
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