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![]() Antikriegs- tag 2001 vom: 03.09.2001 | Antikriegstag 2001: Rede zum Antikriegstag am 1.9.01 in Braunschweig Frieder Schöbel Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, ich möchte über die Kultur des Friedens aus der Sicht des Braunschweiger Friedenszentrums sprechen; ich spreche aber auch als SPD-Mitglied und als Anhänger derjenigen, die im Bundestag gegen die Entsendung weiterer Truppen nach Mazedonien gestimmt haben oder der Abstimmung ferngeblieben sind, weil sie beharrlich für einen ganz anderen, aber nachhaltigen Frieden für den Balkan eintreten. Wir sind hier zusammen gekommen, um an den Kriegsbeginn am 1. September 1939 zu erinnern. Eigentlich wäre es die Aufgabe der gewählten PolitikerInnen und der Kulturverantwortlichen der Stadt, von sich aus regelmäßig etwas für diesen Tag zu tun, damit sich die Schrecken des Krieges nie wiederholen, wie er sich in den letzten Jahren wieder einzubürgern scheint. Aber wenn die PolitikerIn-nen und Kulturleute dies in Braunschweig nicht tun, dann müssen die Friedensgruppen und die Gewerkschaften diese Aufgabe übernehmen. Mit einem Riesenaufwand inszeniert und finanziert man in unserer Stadt die Troja-Schau - und es entsteht ein regelrechtes Braunschweiger Troja-Fieber -, obwohl es sich bei Troja doch um ein riesiges Blutbad gehandelt hat, und man kann sich schon fragen, ob es denn nötig ist, diese gewalttätige Epoche mit einem solchen Aufwand hier darzustellen. In der Ausstellung enthalten ist die Darstellung völlig verfehlten und falschen Heldentums und von Idealen wie der Kampf um "Ehre, Rang und Würde" (wie es die Ausstellung nennt). Diese Ideale haben viele Generationen ins Unglück gestürzt. Ich frage die Veranstalter: Wann wird endlich die Geschichte des Friedens mit solchem Aufwand dargestellt? Wann finanziert Braunschweig einmal eine Ausstellung zu diesem Thema? Warum holen die Kulturverantwortlichen Schlächter und "Helden" wie Achill in den Mittelpunkt des Interesses? In der Troja-Ausstellung werden u.a. folgende Verhaltensweisen unkritisch dargestellt (Ich zitiere einige Sätze aus den Texten). Da wird zum Beispiel gesagt: |
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Antikriegs- tag 2001 | "Trotz Entschuldigung ist eine Wiedergutmachung (von geschehenem Unheil) unmöglich." Dabei müssen wir doch im Moment gerade lernen, dass Wiedergutmachung nötig ist. Jeder weiß, was ich damit meine. In der Ausstellung steht der Satz "Streit schwächt." Dabei müssen wir doch lernen, dass Streit das Elixier der Demokratie ist. Der Held Achill darf denjenigen töten, der ihn beschimpft (Thersites). Er schleift Hektors Leichnam 12 Tage um die Burg. Solch abscheuliches Verhalten kennen wir aus noch nicht allzu lang vergangener Zeit, nämlich von den Nazis. Ich finde, dieser Achill ist nicht unbedingt erinnernswert. "Gemeinsamkeit macht stark." Aber: Gemeinsamkeit allein baut noch keine Demokratie, sondern in der Demokratie müssen die verschiedenen Interessen und Meinungen miteinander im Wettstreit ausgetragen werden und kann erst dann eine Lösung gefunden werden. Die Tötung von Frauen und Kindern ist in der Ilias etwas Normales. Das erinnert durchaus an die abscheulichen Verhaltensweisen der Ethno-Krieger und der Bombardierer in den Jugoslawien-Kriegen. In letzten Jahrhundert hat doch nun endlich eine Kodifizierung des Völkerrechts und des Rechts zum Schutz von Zivilbevölkerung begonnen und die Regierungen sind verpflichtet sich danach zu richten. Trotzdem ist es noch längst nicht in allen Köpfen, dass Völkerrecht uns neue Richtlinien auferlegt und dass durch unser Land in den letzten Jahren Völkerrecht etwa durch die ausufernde Bombardierung Jugoslawiens gebrochen worden ist. Und jetzt komme ich zu dem Knalleffekt der Troja-Ausstellung, nämlich dem trojanischen Pferd. Das bedeutet vor allem: "Hinterlist siegt." Nun möchte ich doch wissen, wer so etwas heute noch glauben kann oder unterstützen möchte. Ich finde es empörend, ausgerechnet aus dem trojanischen Pferd einen derartigen Kult zu machen, dem Symbol für Hinterlist, Massaker und Auslöschung einer ganzen Stadt, selbst wenn die BegleiterInnen in der Ausstellung erklä-ren, man habe es aus diesem Grund absichtlich nicht auf den Burgplatz "hereingeholt". Trotz-dem wird es doch als Gebäck verkauft, als Nippes und was weiß ich noch ein welcher Form, jedenfalls wird Hinterlist zum Spaß kräftig vermarktet!! (Beifall) Wenn wir heute des 1. September gedenken, so in erster Linie der zig Millionen Opfer der vielen Kriege des letzten Jahrhunderts. Dazu isr schon einiges gesagt worden. Und damit so etwas nie wiederkommt, müssen wir die Kultur des Friedens in den Mittelpunkt stellen. Hervorheben möchte ich, was die Alternativen sind. Daher frage ich die Kulturmanager: Wann endlich werden einmal die großen Leistungen der Gewaltfreien, der VersöhnerInnen und PazifistInnen in den Vordergrund gestellt? Es gibt genug Material über mutige Menschen und darüber, wie in der Vergangenheit Frieden möglich gemacht und aufgebaut wurde. Dies sollte auch viel mehr im Mittelpunkt der Friedenserziehung in der Schule stehen - im Zentrum aber die Schulung in den gewaltfreien Techniken, die zu nachhaltigem Frieden führen können. Die Arbeit der Vereinten Nationen, der Friedensinitiativen und der Menschenrechtsgruppen ist bisher viel zu wenig in den Köpfen der Menschen. Jeder, auch jeder Soldat, sollte befähigt und in der Lage sein zu prüfen: Wo werden Menschenrechte verletzt? Wo wird der Frieden verletzt? Ein hervorragendes Beispiel ist die Arbeit, die die Friedensstadt Osnabrück oder in Österreich die Friedensstadt Linz mit ihren Kongressen, Ausstellungen, Vortragsreihen und Friedensbeschlüssen leisten. Dort hat die Kommune die Verpflichtung zur Friedenskultur erkannt. So haben zum Beispiel Osnabrück wie auch Münster und Freiburg beschlossen, in ihrer Stadt auf eigene kosten Deserteure aus Kriegsgebieten aufzunehmen. (Beifall) In Braunschweig überlässt man es Vereinen oder Einzelpersonen, sich etwa um ein Deserteurs-denkmal, um die Durchsetzung von Gedenkstätten und die sinnvolle Nutzung von Erinnerungspunkten oder um die Gestaltung des Hiroshima-Gedenktages zu kümmern. In Braunschweig gibt es noch viel für eine kommunale Friedenspolitik und -kultur zu tun. Das muss angesichts der bevorstehenden Kommu-nalwahl sehr deutlich gesagt werden. Braunschweig ist Mitglied im Programm zur Förderung der Solidarität der Städte mit dem Ziel der vollständigen Abschaffung von Atomwaffen. Gegründet haben es die Städte Hiroshima und Nagasaki, deren Vernichtung das Friedenszentrum in jedem der letzten Jahre durch öffentliche Aktionen gedacht hat, zuletzt in diesem Jahr durch eine Mahnwache vor dem Rathaus. Die Informations- und Erinne-rungsarbeit leisten bisher wir, nicht die Stadt. Ich möchte aus den Zielen des Städtebundes zitieren: "Die WELTKONFERENZ DER BÜRGERMEISTER FÜR DEN FRIEDEN DURCH SOLIDARITÄT DER STÄDTE bemüht sich das internationale Bewusstsein über die Notwendigkeit der Abschaffung von Atomwaffen zu erhöhen. Weiter trägt die Konferenz dazu bei, echten und dauerhaften Weltfrieden durch die Aufhebung von Hunger und Armut zu schaffen, Hilfe für Flüchtlinge in lokalen Konflikten zu geben, die Menschenrechte zu fördern, die Umwelt zu schützen und Lösungsangebote bei der Bedrohung des friedlichen Zusammenlebens der menschlichen Familie zu erarbeiten." Das heißt doch, dass auch die Städte sich verpflichtet sehen müssten Lösungsangebote bei Konflikten zu erarbeiten, das heißt auch Kongresse und Tagungen abzuhalten, wo solche Ideen entwickelt und verbreitet werden können. Davon sehen wir in Braunschweig bisher nichts. Und es wäre auch eine gute Idee für Braunschweig, sich an den internationalen Konferenzen zu beteiligen, die von dieser Gemeinschaft der Städte abgehalten werden. Aber: Wie man aus den Dokumenten sehen kann, beteiligt sich nur eine einzige deutsche Stadt, nämlich Darmstadt, daran - obwohl sich in Deutschland absolut die weltweit meisten Städte (108) für atomwaffenfrei erklärt haben. Darmstadt ist auch bisher als einzige deutsche Stadt dem NETZWERK FÜR DIE ABSCHAFFUNG ALLER ATOMWAFFEN beigetreten. Das erinnert mich sehr an die dünne Vertretung der deutschen Friedensgruppen bei der HAAGER FRIEDENSKONFERENZ 1999: Während die Japaner mit etwa 400 TeilnehmerInnen vertreten waren, kamen aus Deutschland ins direkt benachbarte Den Haag nur etwa 30. Hier muss auch die Friedensbewegung in Deutschland noch erheblich zulegen, nicht nur an UnterstützerInnen, sondern auch an Engagement, Weltoffenheit und Qualifikation,. Wer kümmert sich um die Abschaffung der Atomwaffen, die vom höchsten Internationalen Gericht verboten worden sind? Doch nicht die Politiker, die sie aufgestellt oder finanziert haben und noch finanzieren! Die Atommächte, die sich im Atomwaffensperrvertrag zu Verhandlungen verpflichtet haben, haben sich bis jetzt darum noch wenig oder keine Mühe gegeben, das Teufelszeug loszuwerden. Wir haben in Büchel in der Eifel und in Ramstein noch etwa 60 Atomwaffen gelagert und wir sind der Meinung, dass das für Deutschland 60 Atomwaffen zuviel sind. Wozu brauchen wir noch die Übungs-flüge der Tornados, die wir auch über Braunschweig in den letzten Wochen sehen konnten, damit sie fit sind, diese verbrecherischen Waffen in ihr Ziel zu tragen und Völkermord auszuüben? Daher begrüßen wir die Aktionen, die Ende September am Standort Büchel geplant und auch am EUCOM in Stuttgart regelmäßig zu Ostern veranstaltet werden, um die Öffentlichkeit auf diese Atomwaffen hinzuweisen. Wir fühlen uns auch mit den englischen AtomwaffengegnerInnen verbunden, die jetzt wieder in Faslane gegen die englischen Atom-U-Boote demonstrieren. Wer kümmert sich um die Abschaffung der Minen, um die Reduzierung der weiterhin wahnsinnig hohen Ausgaben für Rüstung, um die Reduzierung der Kleinwaffen, durch die die meisten Menschen täglich sterben, wer um den Schutz der Kinder und der Rechte der Kinder? Ja, wer kümmert sich um die sachliche Information der Bevölkerung über die Kriege in unserer Nachbarschaft wie in Kosovo und Mazedonien? Die Medien zeigen zuerst die Gewalt und das Verbrechen und nicht die Menschen, die sich dagegen anstemmen. Ich möchte in diesem Zusammenhang an eine alte tibetanische Weisheit erinnern: "Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst!" Wer entwirft neue Ideen für gewaltfreie Konfliktbearbeitung und Konfliktlösung? Wer hat die ersten Friedensfachkräfte konzipiert und ausgebildet? All diese Aufgaben übernehmen heute Menschen aus den Bürgerbewegungen, aus den Friedens-initiativen, aus den gewaltfreien Bildungsstätten, wie Wustrow bei Lüchow oder Sievershausen ganz in der Nähe, die es heute zum Glück überall in unserem Land und in vielen anderen Ländern gibt. Hunderte von Initiativen leisten in den Krisenregionen und im eigenen Land politische, soziale und ökologische Friedensarbeit, unterstützen Gewaltopfer und Flüchtlinge. Und wann wird etwas davon in den Medien gezeigt? Und es gibt wirklich Erfolge dieser Initiativen, wie die verschiedenen Konventionen zeigen und wie es hin und wieder ein Nobelpreis zeigt. Das Friedenszentrum hat sich in diesem Jahr bemüht, durch die Ausstellung ICH HAB` DEN KRIEG GEZEICHNET auf die Leiden der Kinder und der Zivilisten im Krieg aufmerksam zu machen, die heute überall die ersten und häufigsten Opfer von sind. Aber die Schulstundenpläne sind viel zu voll und die Prüfungen viel zu wichtig, als dass viele Schülerinnen und Schüler zum Schuljahresende sich mit dieser Ausstellung hätten auseinander setzen können. Wir sehen daran, dass Friedenserziehung in den Schulen längst noch nicht die Priorität hat, die sie eigentlich haben sollte. Wir leben und erziehen eben noch längst nicht ausreichend für den Frieden. Aber wir haben da auch ein anderes Problem, das viel zu wenig angesprochen wird und das ich hier ausdrücklich in die Diskussion werfen möchte. Bei allen Menschen muss nun mal die Arbeit als Grundlage für das Auskommen und Überleben im Mittelpunkt stehen. Das versteht jeder. Das gilt übrigens auch für den NATO-Soldaten und für die UCK-Albaner in Mazedonien. Die deutschen Soldaten und die NATO wollen beweisen, dass ihr Job nötig ist. Das verbessert ihre Finanzen gewaltig. Es gibt Zuschläge im Auslandseinsatz (täglich 180 DM Gefah-renzulage!). Die Kämpfer der Kriege in den armen Staaten sehen das genau so: Der Albaner bekommt als UCK-Kämpfer 1000 DM im Monat, ein Offizier sogar 8000 DM. Der einfache Kämpfer verdient somit weit mehr als die meisten anderen Menschen in seinem armen Land. Abgesehen von der Frage, woher eigentlich dieses Geld kommt, muss diese Situation verändert werden. Mazedonien hat 50 % Arbeits-lose. Arbeit ist also hier wie dort knapp. Arbeit muss also zuallererst hier wie dort neu geschaffen werden. Das hätte allerdings nur dann Sinn, wenn auch die Waffenexporte aus unserem und den anderen Ländern wirklich und nachhaltig gestoppt würden. (Beifall) Denn jetzt werden ja die Waffen eingesammelt, die vorher aus unserer Herstellung dorthin geliefert wurden. Was für ein Wahnsinn! Und übrigens was für eine teure Angelegenheit! Daher muss die Friedensbewegung endlich zwei Schritte weiter gehen. Sie muss neue Ideen für neue Arbeitsplätze entwickeln und sie muss überzeugen, wie diese Arbeitsplätze finanziert werden können. Fangen wir einmal bei uns an: Die Frage ist nicht, ob überhaupt Geld da ist. Denn ich glaube, Geld ist da. Sondern die Frage ist, wofür wir dieses Geld ausgeben, wofür wir uns tagtäglich entscheiden. Dabei muss die Grundfrage beantwortet werden, ob wir in den reichen Ländern nicht inzwischen zuviel Luxus betreiben, ob wir nicht zuviel Geld für Autos, Flugreisen, Urlaube, Straßen, exotisches Essen, Erlebnissportarten, kurz: für die Spaßgesellschaft ausgeben. Immer mehr entwickelt sich unsere Gesellschaft dahin, dass materiell und finanziell immer anspruchsvoller gelebt wird. Man kann das an den vielen neu entstandenen Spezial-geschäften und dem zunehmenden Verkehr sehen. Wie viel des Preises ist für Transport, Kühlung, Energie, ja für Angeberei und Renommee anzusetzen? Wie teuer müssen unsere Autos und unsere Urlaubsreisen und unser Sport sein? Was werfe ich weg und was lasse ich reparieren? Ich will darauf hinaus, dass viel zu wenig Geld in eine wirkliche Kultur des Friedens investiert wird, dass viel zu wenige Anstrengungen für neue Ideen von Arbeit vorhanden sind. Wir würden als Friedens-zentrum gern Dauerarbeitsplätze einrichten. Unsere Ideen dafür sind da, die Arbeit für Friedensarbeiter und -arbeiterinnen ist in Hülle und Fülle da. Aber wir haben das Geld nicht, um auch nur eine einzige Arbeitskraft auf Dauer zu beschäftigen. Die häufig noch unprofessionelle und mangelhafte Friedens-arbeit zeigt, wie viel bei uns verbesserungswürdig ist. Friedensarbeit muss ein neuer Beruf werden. Wir haben aber kein Geld, um damit zu beginnen. Dagegen werden die hohen Kosten für Soldaten und ihre Rüstungen immer noch selbstverständlich Jahr für Jahr genehmigt. Und es gibt neue Beschaffungs-programme von 150 Milliarden in den nächsten Jahren. Mir ist völlig unverständlich, wie eine Partei, ich meine die CDU, jetzt noch Stimmen damit zu bekommen sucht, dass sie die Forderung nach Erhöhung des Rüstungsetats um sage und schreibe 3 Milliarden erhebt - obwohl der Transport deutscher Soldaten überall hin in die Welt und die Stationie-rung deutscher Soldaten überall in der Welt unsinnig, verhängnisvoll und eigentlich auch gar nicht praktikabel ist. Wir finden hier den selben Größenwahn vor wie den der USA bei der Planung des Weltraumkrieges. Nein, unsere Forderung ist, Kriege ganz abzuschaffen, alle nationalen Armeen abzuschaffen und mit einem Bruchteil des Geldes, das für die Rüstung ausgegeben wird, neue Konfliktlösungsmodelle wie die Ausbildung von Friedensfachkräften oder rechtzeitige Hilfen für Länder, die in die Armut gestürzt werden, zu finanzieren. Im übrigen sollte Deutschland erkennen, dass Zurückhaltung bei der Streitschlichtung auch nützlich sein kann. Dies zeigt übrigens das Beispiel Israel - Palästina, wo jetzt Streitschlichter gesucht werden. Wo bleibt die Rolle des Vermittlers, wo bleibt der neutrale Streitschlichter, wenn die NATO in Exjugoslawien mit militärischen Mitteln den Frieden und die Menschenrechte nicht herstellen kann? Wo bleibt derjenige kühle Kopf, der die Entartung des Krieges rechtzeitig erkennt, wenn alle Seiten Partei sind? Und diese Entartung des Krieges, nämlich Massaker und Ermordung der Zivilbevölkerung beobachten wir auch bei den gegenwärtigen Kriegen aller Schattierungen. Wo ist das Land, das die Europäische Union massiv beim Aufbau ziviler und nicht militärischer Konfliktlösungs-Strukturen fördert und die neuen Konfliktlösungswege ins Gespräch bringt und zielbewusst aufbaut? Ich meine, auf diesem Wege könnte Deutschland vorangehen und nicht hinter den veralteten Methoden des Kriegsdenkens wie im Falle Kosovo und Mazedonien den Verbündeten hinterher rennen. Man muss sich allein mal vor Augen halten, wie viele Soldaten zum Einsammeln einer einzigen Waffe in Mazedonien gebraucht werden, was das kostet: Von jedem entsandten Soldaten soll nach jetzigen Planungen eine Waffe der UCK eingesammelt werden. Dass wenigstens einige MdBs einen solchen Wahnsinn durchschaut haben, dafür sind wir sehr dankbar. Und wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, dass es in der Zukunft noch mehr Abweichler geben wird. Ich möchte mit der tibetanischen Weisheit schließen, die ich vorhin schon ansprach, die die Situation der Friedensbewegung beschreibt und die der Physiker Hans Peter Dürr, alternativer Nobelpreisträger, in seiner Rede auf dem von 1000 Mensche besuchten Kongress KULTUR DES FRIEDENS letztes Jahr in Berlin zitiert hat und die ich vorhin schon erwähnte. Dürr sagt: "Es ist klar, unsere Wahrnehmung wird stark von "fallenden Bäumen" dominiert, (nämlich von dem) was gewaltig ist, was schnell passiert, was uns bedroht oder als Bedrohung erscheint. Die ganze auf uns gekommene Geschichte ist voll fallender Bäume: Krieg und Zerstörung, mächtige Kaiser und Könige, die sich als große Feldherren und Eroberer ausgezeichnet haben. Ja, es sind ja auch immer die schrecklichen Ereignisse, die uns täglich als Schlagzeilen zu Gesicht kommen und uns glauben machen, dass dies nun auch wirklich das Wesentliche sei, was in der Welt passiert." (Zitatende) Ich meine, wir wissen nicht genau, was die Leser und die Redakteure antreibt: Ist es der Genuss, der Konsum von Schrecklichem, der gut ankommt, oder tun sie es, um uns damit zu warnen und unsere Gegenkräfte zu mobilisieren? Die Gegenkräfte und auch die Friedensbewegung lassen sich aber nicht jeden Tag mobilisieren. Das wissen die Redakteure auch. Deshalb sollten sie besser ihr Augenmerk darauf richten, wenn sich Widerstand und neue Ideen bemerkbar machen, und nicht nur danach gehen, was spektakulär ist. Hans Peter Dürr kommt zu dem Schluss, "dass es der wachsende Wald ist, auf den es letztlich ankommt. es ist der wachsende Wald, der das Leben fortführt. Wer erwähnt schon den wachsenden Wald? ... Wachsen beschreibt in gewisser Weise einen mühsamen Gegentrend, ähnlich wie der schwierige, gegen die Schwerkraft gerichtete Aufstieg eines Bergsteigers im Vergleich zu seinem Herunterfallen." Erinnern wir uns heute an das langsame Wachsen des Waldes und der Ideen der Friedensbewegung. Bestehen wir darauf, dass mehr vom Einzelnen und vom Staat in den Frieden investiert wird als in Waffen. Dann können wir hoffen. Ich danke fürs Zuhören. Frieder Schöbel ist aktiv im Braunschweiger Friedenszentrum E-Mail: frieder_schoebel@yahoo.de | ||
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