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![]() Gewalt- spirale durch- brechen Aktuelles vom: 17.12.2001 | Die Gewaltspirale durchbrechen - Aktuelles Ahmed Rashid zur Zukunft Afghanistans und Pakistans Nägel im Sarg des Dschihad Frankfurter Rundschau, Rolf Paasch Der in Lahore lebende paschtunische Journalist Ahined Rashid ist Korrespondent des "Far Eastern Econoimic Review" und ist durch sein Ausehen erregendes Buch "Tailban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad" (Droemer Verlag) bekannt geworden. Mit ihm sprach Rolf Paasch. FR: Was bedeutet das Petersberg-Abkommen über die Bildung einer Übergangs-Regierung für Afghanistan? Ahmed Rashid: Zum ersten Mal nach 23 Jahren wird es in Afghanistan in eine legitime Regierung geben, die nach einem politischen Konsens mehrerer, wenn auch nicht aller Interessengruppen geformt wurde und die Anerkennung der internationalen Staatengemeinschaft besitzt. Die UN haben auf dem Petersberg eine neue Generation von Politikern zusammen gebracht, die gemäßigt, gebildet und modern sind. Im Gegensatz zu den Kriegsfürsten teilen sie eine nationale Vision. Nach 23 Jahren Krieg wollen sie, dass Afghanistan wieder ein guter Nachbar und in die Gruppe der modernen Nationen aufgenommen wird. FR: Kriegsherren und Nachbarn werden die Einheit dieser provisorischen Regierung testen? Ahmed Rashid: Es gibt drei Quellen der Instabilität. Erstens der Einflusss von außen. Die internationale Gemeinschaft wird dafür sorgen müssen, dass sich die Nachbarstaaten Pakistan, Iran und Russland, die für die Zerstörung mitverantwortlich waren, nicht mehr einmischen und weder im Land selbst noch im Kabinett ihre Statthalter einsetzen. Nur wenn die Nachbarstaaten durch die Vergabe von Aufträgen und Jobs in den Wiederaufbau Afghanistans mit einbezogen werden, lassen sich die regionalen Spannungen reduzieren. Zweitens droht die Gefährdung von Warlords wie General Dostam, der erklärt hat, er werde die Regierung nicht akzeptieren. Drittens wird es Rivalitäten im Kabinett geben. FR: Aber wie kann ein General Dostam diszipliniert werden? Ahmed Rashid: Die Regierung wird in Kabul wie auf einer Insel sitzen. Sie wird von dort durch Verhandlungen mit den Kriegsherren ihre Legitimität erweitern müssen. Doch der Aufbau neuer politischer Lobbies wird nur gelingen, wenn der Westen seine Wiederaufbauprogramme als politisches Werkzeug einsetzt: wer die Regierung nicht akzeptiert, bekommt kein Geld und wird beim Wiederaufbau übergangen. FR: Was braucht es, um diesen Prozess absichern: 500 symbolische Blauhelme in Kabul oder eine Protektorats-Streitmacht von 50.000 kampffähigen Soldaten? Ahmed Rashid: Für die Übergangsphase wird eine Macht nötig, die man besser humanitäre Einsatztruppe nennen würde, um im Land ihre Akzeptanz zu erhöhen. Nicht zehntausende Soldaten, aber einige Bodentruppen vor allem zur Sicherung der humanitären Hilfe und zur Ausbildung einer afghanischen Armee und Polizei die Ende selbst für Stabilität sorgen muss. Afghanen braucht man nicht das Schießen beizubringen, aber Disziplin, Hierarchien und moderne Kommunikation. Gerade die Deutschen, die in Afghanistan nicht vorbelastet sind, sollten Ingenieure, Ausbildungs-Offiziere und Polizei-Trainer schicken. FR: Und die USA? Ahmed Rashid: Bei deren Aufmerksamkeitsspanne von drei Monaten bin ich skeptisch, ob sie sich für Afghanistan über Jahre hinweg interessieren. Dabei wäre ein US-Engagement gerade nach dem Krieg wichtig. Wenn die USA gegen Irak zu Felde ziehen, ist Afghanistan erledigt. So einfach ist das. FR: Wie lässt sich denn das traditionelle Problem Afghanistans, die dominante Stelluug der Paschtunen jetzt lösen? Ahmed Rashid: Die negative Politik Pakistans hat einen völlig fragmentierten paschtunischen Siedlungsgürtel hinterlassen. Es wird in den Städten des Südens, die jetzt von verschiedenen Anti-Taliban-Kräften übernommen worden sind, einen monatelangen Machtkampf geben, hoffentlich ohne Gewalt. Viele derjenigen, die jetzt in Kandahar den Kampf gegen die Taliban geführt haben, waren am Drogenschmuggel, an Massakern und Menschenrechtverletzungen beteiligt und besitzen selbst bei ihren eigenen Leuten keine Glaubwürdigkeit. Sie verfügen über Waffen, haben aber noch keine Loyalitäten ausgebildet. FR: Schlechte Aussichten für den Frieden! Ahmed Rashid: Aber wir haben jetzt mit dem Übergangs-Premier Hamid Karsai einen aus der Stammes-Aristokratie kommenden, modernen Führer mit einer nationalen Vision. Und mit Unterstützung der neuen Regierung gäbe es viele Karsais unter den Paschtunen. Man hört nur nichts von ihnen, weil sie keine Waffen haben. FR: Aber ein konsensfähiger Aristokrat macht noch keine funktionierenden Institutionen; und an deren Aufbau, so beschreiben sie dies ja in ihrem Buch, sind 1973 der König, nach ihm die Kommunisten und schließlich die Mudechaheddin gescheitert. Ahmed Rashid: Weil es den Machthabern an Legitimität fehlte, darin lag ja der Ursprung der ganzen Krise. Aber jetzt haben wir, wenn schon keine von allen Lagern akzeptierte Regierung, so aber wenigstens den Beginn eines politischen Prozesses. Und es gibt nach der Zersplitterung der Stammesstrukturen neue Führer - Geschäftsleute und Drogenschmuggler. Mullahs, Kommandanten und Händler - die nach politischer Repräsentation verlangen. Die neue Loya Jirga (die nach dem Petersberg-Abkommen in sechs Monaten einzuberufende Ratsversammlung d. Red.) muss mehr als eine traditionelle Versammlung der Stammesältesten werden. FR: Nach den Taliban beschwören viele im Westen die Gefahren des Islamisimus. Sie aber beschreiben die Gotteskrieger Afghanistans als Symbol für das Scheitern dieses Fundamentalismus. Ahmed Rashid: Der islamische Fundamentalismus wie er von den Muslim-Brüderschaften im Nahen Osten in den 2Oer und 30er Jahren entwickelt wurde, war eine komplette Ideologie, die an der Islamisierung der Ökonomie, der politischen Strukturen und des Staates interessiert war. Die nach dem afghanischen Krieg in Pakistan und Kaschmir entstandene neue sunnitische Dschihad-Kultur hat sich dagegen auf die Durchsetzung der Scharia (des islamischen Rechts, d. Red. ) und das Konzept des Heiligen Krieges beschränkt. Statt ihre islamistische Philosophie den Realitäten anzupassen, haben die Taliban ihre enge Interpretation des Koran einer multiethnischen Gesellschaft übergestülpt, die den Islam seit Jahrhunderten entsprechend ihrer eigenen unterschiedlichen Kulturen praktizierte. Und sie sind mit diesem Versuch katastrophal gescheitert. Auch in Pakistan. FR: Wird der pakistanische Präsident seine Gratwanderung zwischen islamistischen Ressentiments und pro-amerikanischer-An ti-Terrorpolitik fortführen können? Ahmed Rashid: Die nach dem 11. September vollführte Kehrtwende Pakistans gegenüber den Taliban und der eigenen Dschihad-Kultur er fordert weitere Richtungsänderungen. Musharraf müsste nun mit gesetzlichen Verboten und politischen Angeboten eine Neubestimmung der Rolle der islamistischen Parteien in Pakistan durchsetzen. Und er müsste ein neues Erziehungswesen aufbauen, dass den jungen Männern statt der Gehirnwäsche in den Madrassas eine Ausbildung zur Aufnahme in den Ar beitsmarkt bietet. FR: Kann Pakistan den Dschihad in Afghanistan beenden, seine Islamisten aber in Kaschmir den Heiligen Krieg weiterführen lassen? Ahmed Rashid: Die Logik des 11. September diktiert die Versöhnung mit Indien. Aber Neu Delhi gibt sich äußerst unflexibel Auch hier wird der Westen starken Druck ausüben müssen, damit Indien versteht, dass es einen Frieden nur mit einem- gestärkten, nicht mit einem geschwächten Pakistan geben kann. FR: Ohne Erfolge in Kaschmir droht Musharraf eine Revolte in der Armee. Gegen einer Zerschlagung der religiösen Parteien wer den Pakistans 800.000 Madrassas-Schüler Einwände haben. Von seiner fehlenden demokratischen Legitimation mal ganz zu schweigen. Ahmed Rashid: Deswegen wären freie Wahlen jetzt ein wichtiger Wendepunkt, weil die religiösen Parteien nach der Niederlage der Taliban keine Stimmen mehr bekämen. Auch da nach müsste es in Pakistan eine zivile-militärische Partnerschaft geben, etwa nach dem türkische Modell. Aber erst einmal wären Wahlen in Pakistan jetzt der Nagel in den Sarg der Dschihad-Kultur. Quelle: Frankfurt Rundschau, 8. Dezember 2001 E-Mail: nachrichten@fr-aktuell.de Website: www.fr-aktuell.de |
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