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NMD stoppen
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vom:
15.11.2000
Update: 10.05.2001


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 Artikel

NMD, Raketenabwehr stoppen!:

  Hintergrund-Informationen

Beitrag für den Tagungsband von des Trägerkreises "Atomwaffen Abschaffen" (Rostock 2000). November 2000

Was Sie schon immer über Raketenabwehr wissen wollten...

Regina Hagen

NMD, Schurkenstaaten, Raketenabwehr, ABM-Vertrag, Proliferation, BMD, Boost Phase Defense, TMD, Dominoeffekt, THAAD, Rüstungskontrolle - ja ehrlich, wer soll das wohl verstehen? Das NMD-Projekt der USA ist in aller Munde, zeitweise war das Thema gar ein echter Medienhit. Die europäischen Politiker reden darüber, Experten sind dafür oder dagegen - und der Laie fragt sich, worum es da eigentlich geht.


Dieser Text versucht, die wichtigsten Fragen zu beantworten, die immer wieder zur Raketenabwehr gestellt werden:

 Was ist eigentlich Raketenabwehr, was ist NMD? Gab es solche Pläne nicht schon mal - wo sind die Unterschiede zum "Krieg der Sterne"-Programm der 1980er Jahre?

 Wie soll das ganze funktionieren? Und warum eigentlich soll es nicht funktionieren?

 Warum überhaupt Raketenabwehr?

 Welche Zeitpunkte sind bei der Entscheidung und Stationierung wesentlich? War Bill Clintons Entscheidung vom 1. September 2000 wirklich so wichtig?

 Was spricht eigentlich gegen die Pläne der US-Amerikaner? Und auf welcher Basis wird dort diskutiert? Was hat NMD mit Rüstungskontrolle zu tun?

 Wenn nicht NMD - was sind die Alternativen? Und welche Rolle spielt Europa?

Beim Schreiben dieser Zeilen sieht es danach aus, daß am Ende einer langwierigen Zitterpartie und zahlreicher Gerichtsstreitigkeiten schließlich George Bush neuer US-Präsident wird. Aber ob er oder Al Gore, eines ist klar: Das Thema wird uns noch lange begleiten. Und es wird darauf ankommen, daß gut informierte BürgerInnen den Druck vor allem auch auf die europäischen Regierungen aufrechterhalten und verstärken, sich klar gegen Raketenabwehr auszusprechen und auf die Intensivierung von Rüstungskontrollgesprächen und auf die Diskussion alternativer Sicherheitsstrukturen zu drängen.

Natürlich kann dieser Artikel nicht auf alle Details eingehen. Die Fußnoten und der Abschnitt Und wer jetzt noch mehr wissen will... enthalten Hinweise auf andere Texte, von denen viele im Internet zu finden sind.

Was ist Raketenabwehr? Hatten wir die Diskussion nicht schon mal?

Die Diskussion um Raketenabwehr ist so alt wie die Geschichte des militärischen Einsatzes von Raketen. Und die begann im September 1944, als das deutsche Militär unter Leitung von Wernher von Braun im 2. Weltkrieg seine neu entwickelte ballistische (1) V2-Rakete viele hundert Male auf London, Paris, Antwerpen und Liège abschoß und dort Angst und Schrecken verbreitete. Die V2 wurde zur "Mutter" zahlreicher Raketentypen. Von Braun und viele seiner Ingenieure und Techniker setzen nach dem Krieg ihre Arbeit in den USA und Rußland fort. Aus der V2 wurde die Saturn-V für die Mondmissionen der Apollo-Serie entwickelt, ebenso Trägerraketen für Atomwaffen. Dies gilt für die USA und für die Sowjetunion/Rußland ebenso wie für etliche andere Staaten.

Seit dem Raketenterror der Nazis gab es die Überlegung, Systeme zum Schutz vor der militärischen Bedrohung zu entwickeln. Und es ist nicht bei Überlegungen geblieben. Vor allem die USA haben eine ganze Reihe von Systemen entwickelt, erprobt, stationiert und sogar eingesetzt. Und die Ambitionen der Befürworter von Raketenabwehr kannten - und kennen - fast keine Grenzen. (2)

Raketenabwehr in Vergangenheit, Gegenwart (und Zukunft?)

Über das System Nike-Zeus, das angreifende Gefechtsköpfe oberhalb der Atmosphäre, d.h. im Weltraum, mit nuklearen Sprengköpfen zerstören sollte (1950er Jahre), über die Kurzstrecken-Abfangrakete des Systems Nike-X und das begrenzte Abwehrsystem Sentinel (1960er Jahre), das nur wenige Wochen nach der Inbetriebnahme wieder außer Dienst gestellte System Safeguard (1970er Jahre) bis hin zu den Plänen der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI, auch unter dem Namen "Krieg der Sterne" bekannt geworden und in den 1980er Jahren vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan propagiert) reicht der Bogen bis zur heute heftig umstrittenen National Missile Defense (NMD; nationale Raketenabwehr). (3) Wenig bekannt ist, daß zusätzlich zu NMD eine Vielzahl von US-amerikanischen Systemen in Entwicklung oder sogar bereits im Einsatz ist:

Die Weiterentwicklung der im Golfkrieg erfolglos eingesetzten Patriot-Abwehrrakete (PAC-2): transportables Abwehrsystem für das Gefechtsfeld gegen Raketen mit maximal 600 km Reichweite.

Patriot PAC-3: wie PAC-2, aber bis zu 1.500 km Reichweite.

Navy Area Defense: seegestütztes Gefechtsfeldsystem bis 1.000 km Reichweite.

Medium-Range Extended Air Defense System (MEADS): transportables, besonders mobiles Gefechtsfeldsystem für ballistische Raketen bis zu 1.500 km.

Theater High Altitude Area Defense (THAAD): landgestütztes System für die Flächenverteidigung gegen Raketen mit bis zu 3.500 km Reichweite, die in der oberen Atmosphäre, oberhalb 40 km, abgefangen werden sollen.

Navy Theater Wide: seegestütztes System für die Flächenverteidigung gegen Raketen mit bis zu 3.500 km Reichweite, die oberhalb der Atmosphäre abgefangen werden sollen.

Airborne Laser (ABL): Diese Laserwaffe soll in einer Boeing 747 stationiert werden und angreifende Raketen bereits in ihrer Startphase abschießen; die Stationierung ist für 2004 eingeplant.

Space-Based Laser (SBL): Diese im Weltraum stationierte Laserwaffe soll ebenfalls angreifende Raketen in ihrer Startphase abfangen, kann aber zusätzlich auch gegen andere Ziele gerichtet werden, beispielsweise gegen Militäranlagen, strategisch wichtige Brücken, usw. (4) Erste Tests des SBL sollen bis 2008 stattfinden. (5)

Die Einsatzmöglichkeiten dieser Systeme spannen den Bogen von der regional eng begrenzten Raketenabwehr in Krisengebieten (Punktverteidigung) bis hin zum globalen Einsatz. (Im Zusammenhang mit der regionalen Raketenabwehr wird häufig auch der Begriff Theater Missile Defense [TMD, Raketenabwehr für das Gefechtsfeld] verwendet. Systeme für die Eliminierung einer Trägerrakete in der Startphase [boost phase] werden als Boost Phase-Systeme bezeichnet.)

Grundprinzip einer Raketenabwehr

Gunnar Lindström beschrieb in den 1980er Jahren die Grundprinzipien eines Raketenabwehrsystems so: "Jedes Raketenabwehrsystem muß die folgenden Aufgaben erfüllen.

Zielerfassung: Die erste Aufgabe eines derartigen Systems wäre es, alle vom gegnerischen Territorium startenden Raketen und alle im Weltraum fliegenden Objekte zu erfassen. (6) Man weiß damit allerdings noch nicht, ob das gesehene Objekt auf einer Bahn fliegt, mit der das eigene Gebiet überhaupt getroffen werden könnte. Nur derartige Flugkörper würden ja, wenn überhaupt, eine Bedrohung darstellen. Testflüge von Raketen werden dagegen wohlweislich immer auf Bahnen durchgeführt, die zweifelsfrei nicht auf das Territorium des jeweiligen Gegners gerichtet sind.

Bahnverfolgung: Die zweite Aufgabe besteht also darin, die Bahn des erfaßten Objekts solange zu verfolgen, bis eine Vorausberechnung möglich ist und damit die Unterscheidung zwischen bedrohlichen und unbedrohlichen Flugbahnen gestattet. Allerdings ist dann noch nicht klar, ob es sich um eine gefährliches Objekt (Rakete oder Sprengkörper) oder ein harmloses (Attrappe, ausgebrannte Raketenstufe, Weltraumschrott) handelt.

Zielunterscheidung: Man muß also eine Unterscheidung vornehmen, mit der die ungefährliche Spreu vom gefährlichen Weizen getrennt wird. Diese Aufgabe kann sich zumindest in der Freiflugphase, wo viele Täuschungs- und Maskierungsmöglichkeiten bestehen, als die weitaus schwierigste erweisen.

Einsatz des Abwehrsystems: Erst jetzt ist der Einsatz des eigentlichen Abwehrsystems möglich. Das gefährliche Objekt ist klar erkannt, seine Bahn exakt vorausberechnet. Es muß nun zunächst eine Zielzuweisung erfolgen, d.h. eine für die jeweilige Situation geeignete Abwehrwaffe muß auf die abzufangende Rakete oder den Sprengkopf (der ja mit einer Geschwindigkeit von 7 km/sec fliegt!) (7) gezielt werden. Dann muß der Einsatzbefehl erteilt werden, und schließlich ist der tatsächliche Erfolg der Abwehrmaßnahmen zu kontrollieren. (8)

Und was ist NMD? Wie soll es funktionieren?

Das oben gesagte gilt im Prinzip auch für NMD. Die Abkürzung steht für National Missile Defense, also nationale Raketenabwehr. National heißt hier, daß das Abwehrsystem das komplette Territorium der USA einschließlich Alaska vor feindlichen Raketen schützen soll. (Näheres zu dieser Gefahr im Abschnitt Wovor soll NMD überhaupt schützen?) Anders als in Ronald Reagans Plänen aus den 1980er Jahren ist (vorläufig) nicht geplant, einen weltumspannenden Schutzschirm aufzubauen.

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Zusammenwirken der NMD-Systemkomponenten (9)

Wird von Frühwarnsystemen gemeldet, daß das Territorium der USA durch einen Raketenangriff bedroht wird, sollen folgende Systemkomponenten zusammenspielen und die anfliegende(n) Rakete(n) bzw. Sprengköpfe (10) rechtzeitig ausschalten: Frühwarnsatelliten des Defense Support Program (DSP) erkennen mit ihren Infrarotsensoren aus einer geostationären Umlaufbahn (GEO) die Hitze, die beim Verbrennen von Treibstoff während des Starts und in der ersten Flugphase einer angreifenden Rakete entsteht. Diese Satelliten sollen bis 2004 durch Satelliten des Space-Based Infrared Systems in einer geostationären Umlaufbahn (11) (SBIRS-High) ersetzt werden, die ebenfalls mit Infrarotsensoren arbeiten, aber wesentlich leistungsfähiger sind. Zusätzlich sollen bis zu 24 SBIRS-Low-Satelliten in niedrigeren Umlaufbahnen stationiert werden und in Kombination mit SBIRS-High und bodengestützten Radarsystemen die gesamte Flugbahn einer ballistischen Rakete verfolgen. Der Einsatz der SBIRS-Systeme ist für NMD wie auch für regionale Raketenabwehrsysteme (Theater Missile Defense, TMD) geplant.

Die Daten der Frühwarnsatelliten werden an das NMD Battle Management Center (BM/C3) geleitet, das in Cheyenne Mountain in Colorado untergebracht wird. Dort laufen alle Informationen ein, werden von der Gefechtszentrale ... verarbeitet und in Form von Zieldaten an die Abfangrakete geleitet. Bis zu sieben Bodenstationen sorgen mit jeweils zwei dedizierten Kommunikationssystemen (In-Flight Interceptor Communications System, IFICS) während des ganzen Abfangmanövers für den Datenaustausch mit der Abfangrakete.

Nachdem die ballistische Rakete auf ihrer Flugbahn oberhalb der Erdatmosphäre angekommen ist und die Triebwerke abgeschaltet wurden, übernehmen Frühwarnsysteme in Alaska, Kalifornien, Massachusetts, Grönland und Großbritannien die Verfolgung der Rakete und aller Objekte (Gefechtsköpfe und Täuschkörper), die die Rakete freisetzt. Die aufgerüsteten Frühwarnradars (Upgraded Early Warning Radar, UEWR) müssen so präzise arbeiten, daß sie in Zusammenarbeit mit den übrigen Komponenten die Abfangrakete auf den richtigen Kollisionskurs dirigieren. Ergänzend ist der Bau von bis zu acht hochpräzisen phasengesteuerten X-Band-Radars (XBR) geplant, die speziell für NMD stationiert werden und von denen aufgrund der schwierigen Witterungsbedingungen auf den Aleuten die Station auf Shemya die längste Bauzeit beansprucht. (12) Das BM/C3 berechnet aus all diesen Informationen die erforderlichen Flugdaten für die bodengestützten Abfangflugkörper. Diese Ground-Based Interceptor (GBI) bringen das Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV) auf die richtige Flugbahn und setzen es oberhalb der Erdatmosphäre frei. Mit Hilfe seiner Infrarotsensoren (Wärme) und optischen Bilderkennungssysteme (Gestalt) identifiziert das EKV unter den Täuschkörpern den eigentlichen Gefechtskopf. Das EKV verfügt über einen eigenen Antrieb, steuert den Gefechtskopf an und zerstört ihn durch die Wucht des Aufpralls. Um die Trefferwahrscheinlichkeit zu erhöhen, würden bis zu zehn Abfangraketen auf einen anfliegenden Gefechtskopf angesetzt.

In der ersten Ausbaustufe (C-1 für "capability-1") sollen 20 in Alaska stationierte Abfangraketen Schutz vor einem Angriff mit wenigen Gefechtsköpfen ohne wirkungsvolle Gegenmaßnahmen durch ein technisches Schwellenland bieten. (13) Dieses System sollte eigentlich 2005 einsatzbereit sein, auf Grund der technischen Schwierigkeiten und der Verzögerung des Baubeginns auf Shemya wird sich die Betriebsbereitschaft allerdings verschieben.

In einer zweiten Ausbauphase (C-2) soll das NMD-System in Alaska auf 100 Abfangraketen wachsen; zusätzliche XBRs sind in Alaska, Grönland und Großbritannien eingeplant. Schützen soll das System vor wenigen Gefechtsköpfen mit wenigen Täuschkörpern, die das System nicht von Gefechtsköpfen unterscheiden kann und daher ebenfalls abfangen muß.

In der letzten Ausbauphase (C-3) sollen in Alaska und North Dakota insgesamt 250 Abfangraketen stationiert werden. Zusätzlich sind XBRs in Südkorea, Kalifornien und Massachusetts vorgesehen. Jetzt soll es möglich sein, bis zu 20 Gefechtsköpfe mit mehreren echt aussehenden Täuschkörpern oder einer ganzen Schar unterscheidbarer Täuschkörper abzuwehren. (14) NMD in seiner C3-Ausprägung ist bei den führenden Politikern der USA nicht umstritten. Al Gore hat versprochen, das Projekt wie geplant umsetzen zu wollen. George Bush gehen diese Pläne nicht weit genug - er unterstützt Vorhaben, um einen viel umfassenderen Raketenschutzschirm aufzubauen. Damit liegt er schon eher auf der Linie des Militärs, das die Kontrolle des Weltraums und die Dominanz der USA im Weltraum mit entsprechender Waffentechnologie sicherstellen will. NMD wäre in diesem Fall nur der Anfang. (15)

Wovor soll NMD überhaupt schützen?

Wie oben bereits gesagt, soll die nationale Raketenabwehr das gesamte Territorium der USA vor anfliegenden Interkontinentalraketen schützen bzw. vor Sprengköpfen, die von solchen Raketen freigesetzt werden. Implizit wird davon ausgegangen, daß eine Rakete, die auf die USA gerichtet ist, Massenvernichtungswaffen transportiert und somit eine erhebliche Gefahr für die Nation darstellen würde.

Am häufigsten wird das Argument verwendet, die USA müßten sich vor Angriffen durch sogenannte "Schurkenstaaten" schützen, die seit einiger Zeit etwas diplomatischer als "besorgniserregende Staaten" bezeichnet werden. Damit sind die Länder Irak, Iran und Nordkorea gemeint. Vor allem Nordkorea wird unterstellt, mit Hochdruck an Langstreckenraketen zu arbeiten und in wenigen Jahren mit der Taepo-Dong 2 US-Territorium erreichen zu können. Ursprünglich war der Zeitpunkt, an dem Nordkorea die Raketenentwicklung ausreichend weit vorangetrieben haben wird, auf das Jahr 2005 geschätzt worden. Daher wurde argumentiert, daß NMD in einer ersten Stufe (C1) ab 2005 für die Abwehr einiger weniger anfliegender Raketen mit technisch nicht sehr ausgereiften Täuschmaßnahmen bereitstehen müsse. Da sich die Entwicklung von NMD verzögert und die Einsatzbereitschaft nicht vor 2007 anzunehmen ist, traf es sich ganz gut, daß neuere Berichte des US-Geheimdienstes die zeitliche Einschätzung etwas korrigierten und nun 2007 als den Termin nennen, an dem die Gefahr vermutlich real wird.

Daß Nordkorea bei den Politikern nach wie vor als Argument für die Dringlichkeit des NMD-Projektes herhalten muß, ist aus mehreren Gründen erstaunlich. Zum einen hat das Land seit 1998 keinen Raketentest mehr durchgeführt (d.h., es konnte eine eventuelle Weiterentwicklung der Konstruktionsprinzipien nicht durch Tests überprüfen). Dies geschah u.a. im Austausch gegen humanitäre Hilfe durch die USA, vor allem in Form von Nahrungsmittelhilfe für das hungernde und heruntergewirtschaftete Land. Zum anderen hat sich vor Ort die Situation durch die vom südkoreanischen Präsidenten vorangetriebene "Sonnenscheinpolitik" deutlich entspannt. Und kürzlich ist gar die US-Außenministerin Madeleine Albright persönlich zu Gesprächen nach Nordkorea gereist, wo Präsident Kim erneut ein einseitiges Raketentestmoratorium anbot, sofern dem Land andere Möglichkeit geboten werden, am Nutzen von Weltraumtechnologie zu partizipieren. (Bei diesem Thema sollte nicht vergessen werden, daß der Export von Raketentechnologie für Nordkorea fast die einzige nennenswerte Einnahmequelle ist.)

Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, was ein kleines Land wie Nordkorea dazu bewegen sollte, die unangefochtene Weltmacht USA mit Massenvernichtungswaffen anzugreifen. Selbst ohne einen Raketenschirm könnten die USA einen atomaren oder auch konventionellen Vergeltungsangriff ausführen, der zur vollständigen Zerstörung des Landes führen würde. Wenn überhaupt das Konzept der nuklearen Abschreckung funktionieren soll, warum dann ausgerechnet in einem Fall solch offensichtlichen Ungleichgewichts nicht?

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Angenommene Reichweite nordkoreanischer Raketen (16)

Unbestritten ist eine Proliferation (Verbreitung) von Raketentechnologie für friedliche und militärische Zwecke zu verzeichnen. Immer mehr Länder verfügen über eigene oder gekaufte Systeme, und in immer mehr Ländern haben immer ausgereiftere Systeme eine immer größere Reichweite. Aus geographischen Gründen sind die USA davon aber am wenigsten bedroht. Die Hoffnung, sich vor einem neuen Waffentyp durch Abwehr schützen zu können, hat in der Geschichte noch immer getrogen. Als früher Stadtmauern so gesichert wurden, daß die Tore nicht mehr gerammt werden konnten, wurde das Katapult eingesetzt, um Waffen über die Stadtmauer zu schleudern. Der Identifikation von Flugzeugen durch Radar wird durch radarabweisende Anstriche entgegengewirkt. Entsprechend würde auch der Aufbau von Raketenabwehrsystemen zur entsprechenden Gegenrüstung führen. (Siehe Abschnitte Was spricht gegen NMD? Und was hat das mit Rüstungskontrolle zu tun? und Gibt es Alternativen? Und was geht das uns in Europa an?)

Neben dem absichtlichen Start feindlicher Raketen wird als weitere Gefahrenquelle hervorgehoben, daß es terroristischen Akteuren oder abtrünnigen Militärs in Rußland oder China möglich sein könnte, einen unautorisierten Raketenstart durchzuführen. Außerdem wird angeführt, daß aufgrund der maroden Technik in Rußland die Gefahr eines unbeabsichtigten Angriffs droht.

Können die Gegner NMD austricksen?

Im April 2000 veröffentliche die Union of Concerned Scientists (UCS) ihren 175-seitigen Bericht Countermeasures. (17) Die Wissenschaftler analysierten für diese Studie Art und Umfang der absehbaren Bedrohung, vor der sich die USA mit der Raketenabwehr schützen will, die Funktionsweise des projektierten NMD-Systems und mögliche Täuschmaßnahmen. Daraus zogen sie Schlußfolgerungen für das NMD-Testprogramm sowie für die US-amerikanische und globale Sicherheitspolitik.

Zunächst stellt sich die Frage, ob ein potentieller Angriff mit Massenvernichtungswaffen auf die USA tatsächlich über Interkontinentalraketen erfolgen würde - und nur gegen diese richtet sich NMD. Bei einem versehentlichen Start von Interkontinentalraketen (ICBMs) durch Rußland wäre dies tatsächlich der Fall. Allerdings weist die UCS darauf hin, daß das russische Kommandosystem so strukturiert sei, daß in diesem Fall vermutlich eher 50 oder 500 Raketen gleichzeitig abgeschossen würden - NMD soll aber selbst in seiner maximalen Ausbaustufe (C-3) nur etwa 20 Gefechtsköpfe abwehren können.

Für technologisch weniger entwickelte Länder wäre es überdies viel einfacher, (primitive) Kernwaffen mit Kurzstreckenraketen oder Cruise Missiles zum Gegner zu schicken oder einfach in einem Schiffscontainer in einem großen US-amerikanischen Hafen zur Explosion zu bringen. Chemische und biologische Kampfstoffe könnten von einem LKW oder PKW aus bei der Fahrt durch eine Großstadt verteilt werden - dagegen hilft keine Raketenabwehr. Aber selbst bei einem Angriff mit wenigen ICBMs würden schon relativ einfache Gegenmaßnahmen ausreichen, um die Wirksamkeit des NMD-Systems massiv zu behindern.

Biologische oder chemische Kampfstoffe können problemlos auf viele kleine Gefechtsköpfe verteilt werden. In diesem Fall würde die Trägerrakete nicht einen großen, sondern hunderte kleiner Gefechtsköpfe freisetzen, die sogenannte Submunition. Da das NMD-System gegen maximal 20 Gefechtsköpfe ausgelegt ist, wäre es bereits beim Angriff mit einer ICBM überfordert.

Auf einer exoatmosphärischen Flugbahn spielt es keine Rolle, wie schwer ein Gegenstand ist, der von einer Rakete freigesetzt wird. Gefechtsköpfe und Täuschkörper, beispielsweise Ballons aus aluminiumbeschichtetem Kunststoff (Mylar), würden mit identischer Geschwindigkeit in die gleiche Richtung fliegen. Das optische System hätte vermutlich Schwierigkeiten, den echten Gefechtskopf unter den Täuschkörpern zu identifizieren, um so mehr, falls der Gefechtskopf ebenfalls in einem Ballon versteckt wird. Das Bilderkennungssystem wäre wirkungslos. Radarstrahlen würden von der spiegelnden Oberfläche der Ballons zurückgeworfen.

Selbst die Wärmestrahlung eines Gefechtskopfes im kalten Weltraum könnte kompensiert werden. Dazu wird der Gefechtskopf in eine Abdeckung verpackt und mit flüssigem Stickstoff gekühlt. Dann können nicht einmal die Infrarotsensoren des EKV den Gefechtskopf erkennen. Um das NMD-System weiter zu verwirren, könnte ein Gegner zusätzlich primitive Täuschobjekte freisetzen, beispielsweise Lamettastreifen in großer Zahl. (18)

Wer entscheidet über die Stationierung?

Formell entscheidet - nach gehöriger Beratung - der Präsident der USA. Leider ist die Realität aber deutlich komplexer. Mit jedem US-Haushaltsplan werden Gelder für die Entwicklung und Erprobung von NMD- und TMD-Systemen, des luft- wie des weltraumgestützten Lasers und für die Entwicklung und den Bau von unterstützenden Komponenten wie der Gefechtszentrale in Colorado freigegeben.

Schon seit Jahren - genauer: ohne Unterbrechung seit der "Krieg der Sterne"-Debatte in den 1980er Jahren - werden gigantische Summen in die Raketenabwehr und die Militarisierung des Weltraums gesteckt. Zahlreiche der im Abschnitt Raketenabwehr in Vergangenheit, Gegenwart (und Zukunft?) aufgeführten Systeme sind bereits in Nutzung. Je mehr Zeit verstreicht, desto weiter schreitet die Entwicklung der NMD-Komponenten voran, desto weiter wird das Testprogramm abgearbeitet. Entscheidungen finden also scheibchenweise statt. Daher ist die Entscheidung über den Baubeginn der Radarstation auf Shemya auch nur ein kleiner Meilenstein. Am Ende einer langen Reihe von "Freigaben" durch den Präsidenten wird irgendwann die Entscheidung über die Stationierung der ersten 20 Abfangraketen fällig - und dann noch über die Inbetriebnahme. Natürlich besteht jederzeit die Möglichkeit - und Hoffnung -, daß das Programm gestoppt wird. Das ist schon einmal passiert: Am 1. Oktober 1975 wurde Safeguard in Dienst gestellt, das in North Dakota einen Atomwaffenstationierungsort schützen sollte. Kurz darauf entschieden beide Kammern des Kongresses, daß der Finanzaufwand für den Betrieb in keinem Verhältnis zum erwarteten Nutzen steht. Schon im Januar 1976 wurde Safeguard daher abgeschaltet. (19) Außer den Politikern gibt es aber etliche andere, nicht zu unterschätzende Mitspieler. Die Industrie z.B. freut sich über die Umsätze, die sie mit der Entwicklung, der Erprobung und dem Bau von Raketenabwehrsystemen erzielt. Jahrelang wurden Millionen für Lobbyarbeit ausgegeben. Im Frühjahr 2000 schließlich hat die Industrie erfreut gemeldet, daß sie für die Überzeugungsarbeit nun kein Geld mehr auszugeben brauche, weil es bereits genug Politiker gibt, die massiv für NMD werben.

Auch das Militär verfolgt, wie bereits erwähnt, unter dem Stichwort NMD seine eigene Agenda. Für das US-Weltraumkommando (US Space Command) steigert die Diskussion um die vorgebliche Raketendrohung und das anvisierte Abwehrsystem die öffentliche Akzeptanz für seine weiterreichenderen Pläne.

NMD liegt also im Interesse der unterschiedlichsten Mitspieler. Dennoch: Den Schlüssel halten die Politiker in der Hand. Auch nach der Präsidentschaftswahl 2000 wird das Schielen nach Wählerstimmen und Lobbygruppen wohl eher zu einer Verschärfung der Debatte zwischen den Falken (die keineswegs nur bei den Demokraten zu finden sind) und den mehr auf Zusammenarbeit und Rüstungskontrolle ausgerichteten Politikern führen.

Offiziell hat Präsident Clinton vier Entscheidungskriterien genannt und diese auch am 1. September 2000 noch einmal bestätigt:

Kosten für Entwicklung, Stationierung und Betrieb des Systems. Würde dieser Faktor allerdings ernst genommen, hätte NMD vermutlich keine große Chance. Insgesamt haben die USA bis heute über 120 Milliarden US Dollar für die Entwicklung von Raketenabwehr ausgegeben. Und dennoch steht bislang kein brauchbares System zur Verfügung

Technologische Reife. Erst wenn absehbar ist, daß NMD technisch machbar ist, sollen die jeweils nächsten Entscheidungen fallen.

Bedrohung. NMD soll vor der Bedrohung von Raketen schützen. Nur wenn eine Bedrohung hinreichend wahrscheinlich ist, soll NMD realisiert werden.

Auswirkungen auf die Rüstungskontrolle und die Beziehungen mit Rußland. Die Stationierung von NMD soll die Stabilität der existierenden und künftigen Sicherheits-, Rüstungskontroll- und Abrüstungsvereinbarungen nicht in Frage stellen.

Ob allerdings Clintons Nachfolger im Amt sich ebenfalls an diese Kriterien gebunden fühlt oder neue definiert, bleibt abzuwarten.

Für wann ist das eigentlich geplant?

Am 1. September 2000 gab US-Präsident Clinton seine Entscheidung bekannt, den Baubeginn eines X-Band-Radars auf der Aleuteninsel Shemya vorläufig nicht zu genehmigen, sondern die Entscheidung darüber einem Nachfolger zu überlassen. Allerdings wird dies nicht zu einer Verzögerung bei der Zeitplanung für NMD führen. Aus dem "kritischen Zeitpfad" war die Radarstation am unwirtlichen, äußersten Zipfel Alaskas, deren Bau aufgrund der widrigen Wetterverhältnisse besonders lange dauern würde, schon einige Zeit vorher gefallen, als klar wurde, daß NMD von ganz anderen Verzögerungen geplagt ist.

Im Januar 1999 wurde das Gesamtprogramm umstrukturiert. Nach Aussage von Philip Coyle, dem Direktor des NMD-Testprogramms des Pentagon, hinken die Entwickler und Ingenieure unter der Systemführung von Boeing seitdem nach jeweils drei Projekttagen dem Zeitplan um einen zusätzlichen Tag hinterher. Keiner der bisherigen Versuche wurde mit dem endgültigen Booster durchgeführt; statt dessen wurden als Abfangraketen modifizierte Interkontinentalraketen des Typs Minuteman verwendet. Zahlreiche andere Systemkomponenten sind ebenfalls noch nicht in der endgültigen Form verfügbar und müssen bei den Tests daher simuliert oder durch andere Komponenten ersetzt werden.

Clinton traf seine Entscheidung, nachdem zwei der bislang durchgeführten drei NMD-Tests gescheitert waren. Beim ersten Test zerstörte das EKV tatsächlich die Gefechtskopfattrappe, peilte allerdings zunächst den gleichzeitig freigesetzten, sehr viel größeren Ballon an und wechselte erst in letzter Sekunde die Richtung. Beim zweiten Test versagte das Infrarotsystem des EKV. Beim dritten Test löste sich das EKV nicht von der Trägerrakete.

Insgesamt sieht die Testplanung des Pentagon 19 Integrierte Flugtests (IFT) bis 2005 vor, bei denen in zunehmendem Maße das Zusammenspiel des Gesamtsystems getestet und die endgültigen Einzelkomponenten eingesetzt werden sollen. (Bei der offiziellen Zählung werden zwei frühere Tests mitgerechnet, die zeigen sollten, ob das Sensorsystem des EKV prinzipiell einen Gefechtskopf erkennen kann.) Der ursprünglich für Juli 2000 vorgesehene IFT6 wurde inzwischen auf Januar 2001 verschoben. Der erste Test mit der neu entwickelten Trägerrakete (IFT7) war für Anfang 2001 geplant, bis dahin wird die Trägerrakete aber noch nicht zur Verfügung stehen.

Erst mit IFT-13, [ursprünglich] terminiert auf Anfang 2003, kann ein betriebsbereites EKV getestet werden. Der erste - und einzige - Test des kompletten NMD-Systems mit seinen Endkomponenten soll 2005 stattfinden. Sämtliche Tests finden nach aufwendiger Vorbereitung in speziellen Testumgebungen statt, wobei die Gefechtskopfattrappe von der Air Force Base in Vandenberg/Kalifornien, die Abfangrakete vom Kwajallein-Atoll im Pazifik gestartet werden. Versuche unter realen Bedingungen von den eigentlichen Stationierungsorten aus sind nicht vorgesehen, ebenso wenig Versuche, bei denen das System gleichzeitig mit dem Start mehrerer Raketen und den entsprechenden Gefechtsköpfen und Attrappen konfrontiert wäre. Nach wie vor heftig umstritten ist überdies die Art und Qualität der Täuschkörper, die bei den Tests zur Simulation von Gegenmaßnahmen eingesetzt werden sollen. (20) Alle Faktoren zusammengenommen ist es also äußerst unsicher, wann das geplante Raketenabwehrsystem auch nur in einer Minimalversion einsatzbereit sein könnte. Ganz sicher wird dies nicht wie eigentlich beabsichtigt im Jahr 2005 der Fall sein.

Was spricht gegen NMD? Und was hat das mit Rüstungskontrolle zu tun?

Aber selbst wenn NMD erst mit mehrjähriger Verzögerung stationiert werden könnte - schon die anhaltende Diskussion und Entwicklung richten beträchtlichen politischen Schaden an. Vor allem Rußland und China protestieren energisch gegen die US-Pläne.

China argumentiert, daß NMD vor etwa zwei Dutzend anfliegender Raketen schützen solle. Es verfügt aber selbst über weniger als 20 Interkontinentalraketen. Anders als die übrigen Atomwaffenstaaten vertrat China nie die Ersteinsatzdoktrin. Das Land entschied sich bewußt, kein Offensivarsenal aufzubauen sondern lediglich so viele Raketen zu besitzen, daß es sich im Falle eines nuklearen Angriffs beim Gegner spürbar rächen könnte. Dieses kleine Abschreckungspotential würde aber seine Funktion verlieren, wenn die USA China angreifen und sich selbst vor dem darauf folgenden Vergeltungsschlag schützen könnten.

Obwohl Rußland ein großes Atomwaffenarsenal und zahlreiche Trägerraketen besitzt, argumentiert seine Regierung ganz ähnlich. Das Land kann nicht mehr verheimlichen, wie marode auf Grund des Geldmangels seine militärischen Strukturen sind. Unter anderem aus diesem Grund will Rußland im Rahmen der START III-Verhandlungen eine beidseitige Reduzierung des Arsenals auf 1.500 oder weniger Sprengköpfe erreichen. Aber auch, wenn diese Verhandlungen nicht zum Ziel führen, wird Rußland binnen kurzem eher weniger Atomwaffen funktionsfähig oder sogar einsatzbereit halten können.

Wenn nun die USA einen massiven Angriff auf Rußland starten und dabei einen beträchtlichen Teil des Nukleararsenals der Russen ausschalten würden, könnten sie anschließend einen Vergeltungsschlag der noch verbliebenen Waffen mit Hilfe von NMD abwehren.

Beide Länder, Rußland und China, haben unmißverständlich klargestellt, daß sie auf NMD mit einer Modernisierung und Aufrüstung ihrer Nukleararsenale reagieren würden. Und China hat damit bereits angefangen: Es entwickelt modernere Festtreibstoffraketen, die es in größerer Zahl produzieren will.

Sollte diese Entwicklung anhalten, wäre damit jede Aussicht auf weitere Rüstungskontroll- und Abrüstungsvereinbarungen zunichte gemacht. Rußland hat schon START II nur unter der Auflage ratifiziert, daß die USA auf eine Stationierung von NMD verzichten. Für Rußland ist der völkerrechtliche Knackpunkt der ABM-Vertrag. (21) Dieser zwischen Rußland und den USA im Jahr 1972 abgeschlossene, später ergänzte und 1997 präzisierte und bestätigte Vertrag erlaubt jedem der beiden Länder den Aufbau eines Abwehrsystems mit maximal 100 Abfangraketen, das so ausgelegt sein muß, daß es nur eine kleine Fläche des Landes (z.B. eine Raketensiloanlage oder die Landeshauptstadt) schützen kann.Die Stationierung von NMD würde die Bestimmungen des ABM-Vertrags eindeutig verletzen. Im ganzen Geflecht der Rüstungskontrolle kommt dem ABM-Vertrag aber eine Schlüsselrolle zu, die durch das Konzept der "Mutually Assured Destruction" (MAD) bedingt ist. Dieses Konzept soll sicherstellen, daß selbst dann, wenn eines der beiden Länder das andere Land angreift, dieses immer noch so viele Nuklearwaffen übrig behält, daß es das andere Land garantiert vollständig vernichten kann. Diese irrsinnige Situation ist seit langem gegeben. Kann sich nun ein Land schützen (siehe oben), so wird sich das andere gezwungen sehen, sein Arsenal an Sprengköpfen und natürlich auch Trägerraketen drastisch zu erhöhen, um im Ernstfall wieder ein ausreichendes Arsenal für einen Vergeltungsschlag zu haben. Damit würde ein neuer Rüstungswettlauf mit aberwitzigen Dimensionen ausgelöst.

Durch das Verbot von Abwehrsystemen hat der ABM-Vertrag also dazu geführt, daß die USA und Rußland ihre ohnehin schon immensen Arsenale nicht noch weiter ausgebaut haben. Mit NMD würde dieser Pfeiler der Rüstungskontrolle zusammenbrechen.

Damit noch nicht genug. Wenn China sein Nuklearpotential erhöht, würde Indien (das im Frühsommer 1998 mit etlichen Nukleartests seinen Status als Atomwaffenstaat manifestiert hat) sich zu verstärkten Rüstungsanstrengungen gedrängt fühlen. Dies wiederum hätte zur Konsequenz, daß auch Pakistan (das ebenfalls 1998 Atomwaffen testete) seine Rüstungsanstrengungen intensiviert. Friedensforscher warnen eindrücklich vor diesem Domino-Effekt, der die Situation in Asien weiter destabilisieren würde.

Gibt es Alternativen? Und was geht das uns in Europa an?

Die einfachste Alternative ist natürlich, alle Arbeiten an NMD abzubrechen, und genau dies sollte energisch eingefordert werden. Gerade auch wir in Europa sollten unseren Regierungen klarmachen, daß wir diplomatische Initiativen erwarten, die zu einer für alle Seiten befriedigenden Lösung führt. Eine Schlüsselrolle kommt dabei Großbritannien und Dänemark zu, da auf ihrem Territorium Radarstationen für NMD genutzt bzw. gebaut oder erweitert werden sollen. Verweigern die britische und dänische Regierung ihre Zustimmung, fehlt ein wichtiger Teil im Gesamtsystem NMD.

Aber auch Deutschlands Haltung wird in den USA aufmerksam zur Kenntnis genommen. Friedensforscher und -wissenschaftler versuchen, die Regierung, vor allem das Außenministerium, in Gesprächen für das Problem zu sensibilisieren und Handlungsalternativen aufzuzeigen. Diese Initiativen müssen aber unbedingt in einer Form unterstützt werden, die den Politikern klarmacht, daß auch die Bevölkerung kein Interesse an der Verfolgung der NMD-Pläne hat - geschweige denn, wie schon von der CSU eingefordert, etwa die Stationierung eines Schutzschirmes in Europa für zweckdienlich hält.

Nur mit der Forderung nach einem Ende von NMD sind aber die Bedrohungsängste der US-BürgerInnen - wie (un-)begründet sie auch immer sein mögen - nicht verschwunden. Wie also könnten Handlungsalternativen aussehen? (22) Da die Bedrohung von Raketen ausgeht, sollten die vorhandenen Mechanismen zur Raketenkontrolle ausgebaut werden. Die Weitergabe bestimmter Technologien für den Raketenbau wird durch einen Vertrag beschränkt, der 1987 zwischen den führenden westlichen Industrienationen vereinbart wurde. Dem Missile Technology Control Regime (MTCR) gehören inzwischen 28 Staaten an, und es hat nach Einschätzung von Experten zumindest zur Verzögerung und Erschwerung von Raketenprogrammen geführt. Allerdings werden so noch keine Arsenale reduziert, auch die Anstrengungen zur eigenen Entwicklung entsprechender Technologien werden nicht unterbunden.

Beim großen UNO-Gipfel im September 2000 hat Rußlands Präsident Putin erneut dazu eingeladen, über ein globales System zur Kontrolle und Nichtverbreitung von Raketentechnologie zu verhandeln.

Der ABM-Vertrag sollte von der bilateralen auf eine multi- oder internationale Ebene gebracht werden. Keinesfalls darf eine Schwächung des Vertragswerkes erfolgen.

Das Nichtverbreitungsregime von Atomwaffen muß gestärkt werden. Bis auf Israel, Kuba, Indien und Pakistan haben alle Länder den Nichtverbreitungsvertrag (NVV) unterschrieben. Dieser Vertrag enthält einen Passus, in dem sich die offiziellen Atommächte verpflichten, ihre Atomwaffen vollständig abzurüsten. Alle Unterzeichnerländer verzichten außerdem auf die Weitergabe von Technologien für den Bau von Atomwaffen. Chemie- und Biowaffen sind bereits völkerrechtlich verboten. Mit der zielstrebigen Umsetzung dieser Verträge hätte die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen rasch ein Ende (und nur zu deren Abwehr ist NMD ja vorgesehen). Dies würde nicht nur die Sicherheit der USA sondern der ganzen Welt erhöhen.

Bei der NVV-Überprüfungskonferenz 2000 belebten Wissenschaftler einen Vorschlag von 1992 wieder, der einen Stopp von Raketentests und anschließend eine überwachte Abrüstung von Raketen vorsieht. Der Verzicht auf Raketentests würde bedeuten, daß Neuentwicklungen nicht überprüft und daher keine Aussagen über die Zuverlässigkeit von Raketen gemacht werden können. Im Falle von Schwellenländern wie Nordkorea wäre damit die Gefahr gebannt, daß sie ihre Raketenprogramme weitertreiben und zur Einsatzreife führen könnten.

So bliebe zunächst der status quo erhalten. Als nächsten Schritt würden sich die raketenbesitzenden Staaten auf eine Reduzierung und schließlich vollständige Beseitigung von ballistischen Raketen oberhalb einer gewissen Reichweite verpflichten. Die dafür erforderlichen Abrüstungsschritte könnten mit vorhandener Technologie unter Einbeziehung von Satellitenaufklärung recht zuverlässig überprüft werden.

Dieses Zero Ballistic Missiles genannte Konzept hätte eine Welt ohne ballistische Raketen zur Folge. Ohne Raketen gibt es keine Bedrohung. Und ohne Bedrohung ist eine Raketenabwehr überflüssig.

Die friedliche Nutzung des Weltraums würde mit einem solchen Vorgehen nicht eingeschränkt. Ballistische Raketen lassen sich aufgrund technischer Merkmale von Weltraumraketen unterscheiden. Wenn Weltraumprojekte multilateral oder international durchgeführt oder zumindest der Beobachtung durch andere Staaten geöffnet würden, könnten außerdem alle Seiten überprüfen, was jedes einzelne Land tut. So würde nicht nur eine weitere Rüstungsspirale verhindert, sondern zusätzlich Vertrauen und Kooperation gefördert.

Und wer jetzt noch mehr wissen will...

... kriegt hier eine äußerst unvollständige und eher zufällige Auswahl von Literaturtips. Im Internet gibt es jede Menge mehr, entweder unter den angegebenen Adressen, auf dort aufgeführten Links oder per Suchmaschine zu finden.

 Bulletin of Atomic Scientists ist eine US-amerikanische Zeitschrift, die einige Artikel sofort, alle anderen nach zwei Monaten ins Internet stellt. Im Frühjahr 2000 veröffentlichte die Redaktion unter dem Titel ABM Treaty "Talking Points" die offiziellen Dokumente der US-Verhandlungsdelegation für Verhandlungen mit den Russen, die im Januar 2000 in Genf stattfanden. Verhandlungsgrundlage der USA war die Forderung, daß Rußland einer Änderung des ABM-Vertrags zustimmen, zu seiner Absicherung aber auch in Zukunft bis zu 3.500 Atomraketen in ständiger Alarmbereitschaft halten solle. Siehe http://www.bullatomsci.org/issues/2000/mj00/treaty_doc.html.

 Center for Defense Information (CDI) in den USA hat im Herbst 2000 die online verfügbare Broschüre National Missile Defense. What Does it All Mean? fertiggestellt, die neben anderen Texten unter http://www.cdi.org abgerufen werden kann.

 Council for a Livable World Education Fund brachte im Oktober 2000 die Broschüre Taking National Missile Defense to Sea. A Critique of Sea-Based and Boost-Phase Proposals heraus. Steht als PDF-Datei auf der Homepage http://www.clw.org.

 Federation of American Scientists (FAS) bietet ein weites Feld für die Suche in englischsprachigen Informationen u.a. zur Raketenabwehr unter http://www.fas.org.

 Global Network Against Weapons and Nuclear Power in Space bietet auf seiner Homepage (http://www.space4peace.org) Informationen zur Raketenabwehr, zur Militarisierung des Weltraums und ähnlichen Themen sowie eine große Link-Liste. Die meisten Texte sind in Englisch, es gibt aber auch einen Bereich mit deutschen Texten.

 Kubbig, Bernd, Wissenschaftler der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), arbeitet viel zur Raketenabwehr. Die HSFK hat auf ihrer Homepage (http://www.hsfk.de) einen Schwerpunkt zur Raketenabwehr.

 Lawyers Alliance for World Security/Committee for National Security brachte im Frühjahr 2000 die Broschüre White Paper on Nationale Missile Defense heraus.

 Neuneck, Götz, wissenschaftlicher Referent am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburger (ISFH). Er arbeitet z.Z. am Forschungsschwerpunkt Rüstungskontrolle und NMD und hat in jüngerer Zeit zahlreiche Artikel zum Thema veröffentlicht. Etliche davon sind zu finden unter der Homepage http://www.rrz.uni-hamburg.de/ifsh/welcome.htm.

 Scheffran, Jürgen, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS) der TU Darmstadt. Er war bereits in den 1980er Jahren Mitherausgeber zweier Bücher zu SDI und hat seither zahlreiche Texte zur Raketenabwehr und (nuklearer) Rüstungskontrolle geschrieben. Einfach im Internet auf Suche gehen...


Außerdem hat er im November 2000 den in den 1980er Jahren von Wissenschaftlern ausgearbeiteten Göttinger Vertragsentwurf zur Begrenzung der militärischen Nutzung des Weltraums überarbeitet, der nach einer juristischen Überprüfung für die politische Lobbyarbeit verwendet werden soll. Bei Interesse bei der Autorin nachfragen.

 Vereinigung demokratischer Wissenschaftler brachte am 16. November 2000 das Memorandum "Diplomatie zuerst" an die Öffentlichkeit, in dem die europäischen Regierungen aufgefordert werden, der Diplomatie Vorrang vor rüstungskontrollpolitisch gefährlichen Vorhaben wie NMD zu geben. Zu finden unter http://www.ianus.tu-darmstadt.de.

 Wissenschaft & Frieden widmet die Ausgabe 4/2000 dem Schwerpunktthema Raketenabwehr mit dem Abdruck der Referate einer Fachtagung in Göttingen, die Anfang November 2000 u.a. von der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative Verantwortung für Friedens- und Zukunftsfähigkeit organisiert wurde.

Regina Hagen ist technische Übersetzerin. Sie ist Mitglied im Darmstädter Friedensforum und im Vorstand des Global Network Against Weapons and Nuclear Power in Space. Kontakt: Teichhausstraße 46, 64287 Darmstadt, Tel. 06151/47114, Fax 47105, regina.hagen@jugendstil.da.shuttle.de



Anmerkungen:

01"Ballistisch" heißt, daß die Rakete eine Flugbahn beschreibt, die aufgrund physikalischer Gesetze typisch ist für geworfene oder abgeschossene Gegenstände, also z.B. für Gewehrkugeln oder eben Raketen: Nach einer Anstiegs- und Flugphase wird der Flug mit dem Abstieg und dem Aufprall beendet. Die Flugbahn einer ballistischen Rakete wird nicht durch Steuerbefehle beeinflußt. Nicht ballistisch ist die Flugbahn einer Rakete, die in eine Umlaufbahn um die Erde oder in den tiefen Weltraum geschickt wird.

02Häufig kommt der Einwand, Kritik an der Raketenabwehr sei typisch für die anti-amerikanische Einstellung der Friedensbewegung. Dabei wird übersehen daß es objektive Gründe gibt, bei Themen wie Atomwaffen, Raketenabwehr und Militarisierung des Weltraums vor allem über die USA zu reden: Sie haben häufig als erste den nächsten Schritt in der Aufrüstungsspirale gemacht. Sie sind technisch besonders weit fortgeschritten und reden daher über die Realisierung von Programmen, die für andere Länder noch für viele Jahre undenkbar wären. Sie sind enorm reich und können sich daher aufwendige Technologie leisten. Außerdem ist es deutlich einfacher, an Informationen der US-amerikanischen Rüstungsprogramme zu kommen, sowohl weil viele Dokumente im Internet veröffentlicht werden als auch weil zahlreiche kompetente Nichtregierungsorganisationen in den USA für die Verbreitung entsprechender Informationen sorgen.

03Eine ausführlichere Darstellung der Geschichte von Raketenabwehr in: Regina Hagen und Jürgen Scheffran, Die Wiederkehr der Raketenabwehr (Teil 1), erscheint in Raumfahrt Concret 4/2000

04Tatsächlich ist fraglich, ob der SBL gegen irdische Ziele sinnvoll eingesetzt werden könnte, da der Laserstrahl beim Auftreffen auf die Erdatmosphäre aufgeweitet werden und somit an Zerstörungskraft verlieren könnte. Ein Einsatz als Anti-Satellitenwaffe scheint daher wahrscheinlicher.

05Zitiert aus: Regina Hagen und Jürgen Scheffran, Die Wiederkehr der Raketenabwehr (Teil 1), op.cit.

06Eine ständige Aufgabe des 1985 gegründeten US-Weltraumkommandos (US Space Command) ist die Beobachtung sämtlicher Objekte im Erdorbit, die größer als 10 cm sind. Zu diesen inzwischen mehr als 10.000 Objekten gehören außer von Astronauten verlorenen Werkzeugteilen, Raketentrümmern, ausgebrannten Raketenstufen auch alle noch funktionsfähigen oder außer Dienst gestellten Satelliten. Die Rolle des US-Weltraumkommandos ist ausführlich im folgenden Artikel beschrieben: Regina Hagen, NMD - Ein Spielstein für das US Space Command, erscheint in Wissenschaft und Frieden 4/2000.

07Auf diese Geschwindigkeit wird die Nutzlast (d.h. die Sprengkörper) von der Trägerrakete etwa beschleunigt. Nach dem Freisetzen im Weltraum behält sie die entsprechende Richtung und Geschwindigkeit unverändert bei.

08Gunnar Lindström, Ist SDI technisch machbar? Probleme der weltraumgestützten Raketenabwehr, in: Gunnar Lindström (Hrsg.), Bewaffnung des Weltraums. Ursachen - Gefahren - Folgen, Hamburger Beiträge zur öffentlichen Wissenschaft, Dietrich Reimer Verlag, 1986.

09Abbildung der Federation of American Scientists (http://www.fas.org). Beschreibung der Systemkomponenten im Text. "Reentry Vehicles" sind die Sprengköpfe, "decoys" die Täuschkörper; "separation" ist die Freisetzung der Nutzlast von der Rakete.

10Bei einem Angriff auf die USA mit Massenvernichtungswaffen, also z.B. mit Atomwaffen, würde der Gegner Raketen losschicken, die auf ihrem Flug im Weltraum die Sprengköpfe freisetzen. Die Bedrohung würde also nicht von der Rakete sondern von den Sprengköpfen ausgehen.

11In der geostationären Umlaufbahn in ca. 36.000 km Höhe über der Erde brauchen Satelliten genau einen Tag, um die Erde ein Mal zu umrunden. Da sich die Erde in dieser Zeit selbst auch ein Mal dreht, bleibt der Satellit immer über dem selben Punkt der Erde stehen. Aufgrund der großen Entfernung zur Erde kann mit Hilfe des Satelliten eine sehr große Fläche der Erdoberfläche beobachtet werden.

12Zur Rolle des Radars von Shemya siehe Abschnitt Für wann ist das eigentlich geplant?

13Zu den Gegenmaßnahmen siehe Abschnitt Können die Gegner NMD austricksen?

14
Regina Hagen und Jürgen Scheffran, Die Wiederkehr der Raketenabwehr (Teil 1), op.cit.

15
Weitere Informationen in: Regina Hagen, NMD - Ein Spielstein für das US Space Command, op.cit.

16Abbildung aus: George N. Lewis, Theodore A. Postol, John Pike, Why National Missile Defense Won`t Work, Scientific American August 1999, S. 36f.

17
Union of Concerned Scientists, Countermeasures. A Technical Evaluation for the Operational Effectiveness of the Planned US National Missile Defense System, April 2000; siehe http://www.ucsusa.org.

18zitiert aus: Regina Hagen und Jürgen Scheffran, Die Wiederkehr der Raketenabwehr (Teil 1), op.cit.

19Stephen Young, Pushing the Limits. The Decision on National Missile Defense, April 2000, Coalition to Recude Nuclear Dangers und Council for a Livable World Education Fund; http://www.clw.org.

20zitiert aus: Regina Hagen und Jürgen Scheffran, Die Wiederkehr der Raketenabwehr (Teil 1), op.cit.

21
ABM-Vertrag ist das Kürzel für Anti-Ballistic Missile Treaty. Die offizielle deutsche Übersetzung lautet "Vertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen". Der englische Vertragstext ist zu finden unter http://www.acda.gov/treaties/abm2.htm.

22Die folgenden Vorschläge sind in folgendem Text ausführlicher beschrieben: Jürgen Scheffran, Verteidigung ist gut - Kontrolle ist besser, Spektrum der Wissenschaft September 2000.



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