11.9.2001
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Terroranschläge 11.9. - erste Reaktionen

 Stellungnahmen / Aufrufe

Stellungnahme und Aufruf der Delegiertenkonferenz der Ev. Jugend im Rheinland im Zusammenhang mit den Terroranschlägen in den USA und den Reak

Gerechtigkeit schafft Frieden - Rache und Vergeltung nicht

Ev. Jugend im Rheinland

Wir sind, wie so viele Menschen in der Welt und in unserem Land, von den terroristischen Anschlägen in den USA betroffen und gleichzeitig verunsichert.

Betroffen sind wir vom tausendfachen Tod unschuldiger Menschen, die ihr Leben lassen mussten, weil extremistische Täter versuchen, mit brutalster Gewalt ihre Vorstellung der Weltordnung durchzusetzen. Mit ihren Anschlägen haben sie bewusst tausende Zivilisten, Frauen, Männer und Kinder getötet. Den Opfern, Hinterbliebenen und Geschädigten gilt unser tiefes Mitgefühl und unsere Solidarität.

Die Täter und ihre Auftraggeber müssen mit rechtsstaatlichen Mitteln ermittelt und bestraft werden.

Keine Rache und Vergeltung

Zutiefst verunsichert und beunruhigt sind wir jedoch auch von den Reaktionen der Politik auf diese Angriffe. Rache und Vergeltung dürfen keine Handlungsmuster für staatliche und internationale Reaktionen sein.

Mit Kriegsrecht, militärischen Aktionen, bei denen wiederum unschuldige Menschen sterben werden, und einem weltweiten Feldzug gegen "das Böse", wie ihn US-Präsident Bush in seiner Rede am 20.9.01 vor dem Kongress skizziert hat, wird es zu einer Eskalation der Gewalt kommen. Der in politischen Äußerungen immer wieder heraufbeschworene "Kampf der Kulturen" weckt Vorstellungen, als ginge es um einen apokalyptischen Entscheidungskampf zwischen "zivilisierter christlich-abendländischer" und einer "unzivilisierten von religiösem Fundamentalismus geprägten islamischen Welt". Solches Denken schafft Verfeindung, schürt Ängste und stellt Legitimationsmuster für massive Rache und Vergeltung zur Verfügung.

Die westliche Welt ist Teil des Problems

Wer ernsthaft terroristische Gewalt bekämpfen will, muss sich auch mit deren Ursachen auseinandersetzen. Wir weisen darauf hin, dass die westliche Welt Teil der Probleme ist, die sich in den nicht zu rechtfertigenden brutalen Anschlägen zeigen.

Sicherheit ist erst dann gegeben, wenn die Sicherheit des anderen gewährleistet ist. Sicherheit ist heute weniger denn je militärisch, sondern muss vor allem sozial, kulturell, ökonomisch und politisch begriffen werden. Sicherheit ist letztlich eine Frage der Gerechtigkeit.

Dies zeigt auch der Nahostkonflikt, für den eine rasche politische Lösung, die den legitimen Interessen aller Beteiligten Rechnung trägt, gefunden werden muss.

Die Prozesse einer wirtschaftlichen Globalisierung ohne Gerechtigkeit und Solidarität, ohne Chancen zur Partizipation haben die Kluft zwischen Armen und Reichen vergrößert und die Mehrheit der Menschen ausgeschlossen und zu "Überflüssigen` degradiert. Der Zerfall sozialer und politischer Zusammenhänge, Strukturen und Institutionen hat zur Chaotisierung ganzer Länder geführt. Die unumschränkte Herrschaft der Marktlogik ließ das Recht des Stärkeren auf allen Ebenen zum Durchbruch kommen. Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit lassen kriminelle Aktivitäten und terroristische Anschläge als eine Möglichkeit erscheinen, sich Zugang zur Welt des Reichtums zu verschaffen oder diese Welt zu vernichten.

Stärkung von Recht und Gerechtigkeit

Wir warnen die politisch Verantwortlichen davor, unter dem Druck, Handlungsfähigkeit demonstrieren zu müssen, vorschnell publikumswirksam, aber ethisch und politisch fragwürdig zu handeln. Es kommt darauf an, der Gewalt durch zivile Maßnahmen den Boden zu entziehen: durch die Stärkung des Rechts und durch eine an weltweiter sozialer Gerechtigkeit orientierten Politik. Vor allem muss es darum gehen, Überlebens- und Lebensperspektiven für die Ausgeschlossenen zu schaffen. Dies wird nur möglich sein, wenn Vorstellungen universaler Gerechtigkeit und Solidarität, die jedem Menschen das Recht auf Leben und Anerkennung zubilligen, handlungsleitend sind.

Keine Polarisierung

Die Terroranschläge, aber auch die einseitige, wenig informative und nicht zuletzt sensationslüsterne Berichterstattung der Medien haben zu großer Verunsicherung beigetragen, die die Politikerinnen und Politiker durch ihre kurzsichtigen und unnötig dramatisierenden Äußerungen noch verstärkt haben. Die führt zur Polarisierung.

Bei vielen, besonders bei Kindern und Jugendlichen, werden dadurch diffuse Sorgen und existentielle Ängste ausgelöst.

Wir stellen jetzt schon negative Auswirkungen auf das respektvolle und friedliche Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion fest. Die nach langjährigen Anstrengungen gemachten Fortschritte in Familie, Schule und Jugendarbeit zum Abbau von Ressentiments und zur Integration laufen Gefahr, in kürzester Zeit zunichte gemacht zu werden. So werden auf der einen Seite Menschen, die islamische Traditionen hier öffentlich leben, als Islamisten beschimpft, auf der anderen Seite Menschen, die "unauffälliger" in unserer Gesellschaft leben, als "Schläfer" verdächtigt. Das Dilemma wird deutlich: Wie auch immer sie sich verhalten, droht ihnen die Ausgrenzung aus unserer Gesellschaft. Dieses Beispiel macht deutlich, dass wir uns schützend vor hier lebende islamische MitbürgerInnen stellen müssen und für eine differenzierte Wahrnehmung der Inhalte und Aussagen der Weltreligion Islam eintreten müssen.

Kein Abbau von Freiheitsrechten

Innenpolitisch ist zu befürchten, dass Freiheitsrechte abgebaut und Überwachungssysteme ausgebaut werden. In diese Richtung weisen schon jetzt die Diskussionen über den Einsatz der Bundeswehr im Inneren und über noch stärkere Verschärfungen im Ausländerrecht, von denen vor allem Flüchtlinge betroffen wären. Verschärfte Repression und ein gesellschaftliches Klima der Verdächtigung und Denunziation, in dem sich die Spielräume für politisch-ökonomische Kritik und für die Suche nach gesellschaftlichen Alternativen verengen, sind die falschen Antworten auf die uns gestellten Herausforderungen.

Die Zusage zur uneingeschränkten Unterstützung der Pläne der US-Regierung durch unsere Regierung und die größten Teile der Opposition lassen uns befürchten, dass eine besonnene und an internationalem Recht orientierte Reaktion und alternative Reaktionsmöglichkeiten auf die Terroranschläge in unserem Land nicht diskutiert werden.

Keine weitere Gewalt

Wir fordern daher von unseren PolitikerInnen, sich dafür einzusetzen, dass:



keine pauschale Verurteilung der arabischen und islamischen Welt geschieht, es vielmehr differenzierte Informationen gibt und Dialog stattfindet.



Täter und Auftraggeber dieser verabscheuungswürdigen Taten mit Mitteln des Völkerrechtes und überstaatlich kontrollierter Gewaltanwendung ermittelt und verurteilt werden.



keine militärischen Maßnahmen ohne UN-Legitimation durchgeführt werden.


Darüber hinaus fordern wir, dass:



Mittel zur Armutsbekämpfung und Entschuldung anstelle weiterer Erhöhungen für Rüstungsausgaben bereit gestellt werden.



die Institutionen des Welthandels demokratisiert werden und so die Länder des Südens unserer Welt an den Entscheidungen und der Gestaltung des Weltmarktes mitwirken können.



die UNO mit ihren Institutionen reformiert, gestärkt und demokratisiert wird, so dass auch hier die Interessenvertretung aller Länder der Welt nach demokratischen Grundregeln stattfinden kann.



die Medien sich ihrer besonderen Verantwortung bewusst werden und in ihrer Berichterstattung in Inhalt wie Sprache umfassende Sachlichkeit und Besonnenheit zeigen.


Wir verpflichten uns, angesichts der schon heute spürbaren Polarisierungen nicht nachzulassen in der Arbeit der Versöhnung, in der politischen Bildung und im interkulturellen und interreligiösen Dialog.

Wir rufen die in der Jugendarbeit Tätigen dazu auf,



Kinder und Jugendliche in diesen Tagen und Wochen in ihrer Betroffenheit, Verwirrtheit und ihren Ängsten nicht allein zu lassen



an der Hoffnung auf Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung festzuhalten



aktiv für die Überwindung von Feindseeligkeit, Hass und Gewalt einzutreten


Wir rufen alle auf,



sich an der bundesweiten Kundgebung und Demonstration, zu denen die Friedensbewegung unter dem Motto "Aufstehen für den Frieden" zum 13. Oktober 2001 in Berlin und Stuttgart einlädt, zu beteiligen.


Diese Stellungnahme wurde am 30.9.2001 von der Delegiertenkonferenz der Evangelischen Jugend, in der die Jugendarbeit der 46 ev. Kirchenkreise der Ev. Kirche im Rheinland sowie Werke, Verbände und die landeskirchlichen Einrichtungen für Jugendarbeit vertreten sind, einstimmig beschlossen.



E-Mail: suppus@jugend.ekir.de
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