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11.9.2001
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vom:
17.09.2001


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Terroranschläge 11.9. - erste Reaktionen:

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Rede vor Auszubildenden und MitarbeiterInnen des BBZ Stephansstifts Hannover am Donnerstag, den 13. September 2001

Eine Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten von Amerika?

Henning Schierholz

Dienstag, der 11.09.2001 wird in die Weltgeschichte eingehen. An diesem Tag, nachmittags gegen 16 h MESZ, so heißt es, ist dem Volk der Vereinigten Staaten von Amerika der Krieg erklärt worden. Mit vier entführten Inlandsmaschinen amerikanischer Fluglinien haben Terroristen im Stil von Kamikaze-Fliegern einen bislang unglaublichen und unfaßbaren Angriff auf vier zentrale Gebäude in New York und Washington verübt und damit die Grundlagen nicht nur der amerikanischen Gesellschaft angegriffen und verletzt, sondern auch der "westlichen Zivilisation". Auch wenn eines der Flugzeuge, das vermutlich für den Präsidentensitz, das Weiße Haus in Washington, bestimmt war, sein Ziel verfehlte und unter bislang ungeklärten Umständen in der Nähe von Pittsburgh abstürzte, so waren es doch nicht irgendwelche Ziele und Gebäude, die in ein flammendendes Inferno verwandelt wurden: Das "World Trade Center" beherbergte in seinen beiden über 400 m hohen glitzernden Bürotürmen für den weltweiten Handel wichtige Dependancen von Banken, Versicherungen und weiteren multinationalen Konzernen vor allem der Dienstleistungs- und Finanzbranchen mit insgesamt bis zu 20.000 Beschäftigten - es war geradezu die Kathedrale dessen, was heute mit "Globalisierung" umschrieben wird. Das amerikanische Verteidigungsministerium Pentagon gilt als die Schaltzentrale der bei weitem mächtigsten Weltmacht Nummer 1, von dem aus Streitkräfte in die gesamte Welt geschickt und dirigiert werden.

Die Zahl der Toten ist noch kaum übersehbar, dürfte aber in die tausende gehen.

Die Menschen, nicht nur in Deutschland, erstarren in Trauer und Entsetzen. Kein einziges Ereignis hat die große Mehrheit der jetzt in unserem Lande Lebenden und ihre Gefühle in einer solchen Weise erschüttert. (Lediglich die Angehörigen der Geburtsjahrgänge vor 1935 wissen noch was Krieg tatsächlich bedeutet).

Wir verneigen uns tief vor allen Opfern dieser brutalen und unmenschlichen Gewalt. Für zehntausende von Menschen in New York, aber auch von Soldaten und ihren Familien in Washington haben die Angriffe ihre Lebensgrundlagen zerstört oder beschädigt . Ihre Eltern oder Kinder, Verwandte, Freunde oder Bekannte sind von unermeßlichem Leid betroffen. Wir drücken allen direkt oder indirekt Betroffenen von dieser Katastrophe unser Mitgefühl aus und werden nicht nur heute an ihrer Seite stehen. Wo wir ihnen mit unseren gewaltfreien Mitteln Unterstützung und ihnen praktische Hilfe leisten können, sind wir dazu bereit. Die neue Qualität des Terrors macht uns sprachlos, hilflos und sie droht uns auch orientierungslos zu machen.

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11.9.2001
erste
Reaktionen
(Schweigeminute)

Die nächsten Tage werden von Trauer bestimmt sein (müssen), bisweilen auch von Wut durchsetzt. Die Trauerarbeit wird dieses Mal lange dauern und besonders intensiv sein müssen. Ganz langsam müssen wir uns nicht nur unserer eigenen Ängste bewußt werden - und das dürfen wir auch -, um den Blick wieder neu nach vorn richten zu können. Denn Trauer heißt auf der einen Seite mitzufühlen und auf einer tiefen Gefühlsebene dem Nächsten aber auch den Fernen Betroffenen beizustehen, es heißt aber auch Fragen zu stellen, die uns alle sehr lange beschäftigen werden. Die Terrorakte haben uns alle infrage gestellt, so dass wir gut beraten sind, nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen, sondern einen Moment innezuhalten, um auch unser eigene Lebensweise zu überprüfen. Verdrängen oder jetzt mit einfachen Lösungen und Erklärungen zu kommen kann nur heißen, die vorhandenen Konflikte und Konfliktpotentiale zu späterer Zeit an anderer Stelle zum Ausbruch zu bringen.

Die Fragen können hier nur sehr verkürzt und zusammenfassend benannt werden; wir sollten uns ihnen aber dennoch stellen, auch wenn sie unter uns zu Diskussionen führen und die Einheit der Trauer und des Mitgefühls vielleicht wieder in den Hintergrund drängen. In der solidarischen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung kann aber auch eine große Chance liegen.

(1) Denn dieser schreckliche Akt vom 11.09. wirft schon bei oberflächlicher Betrachtung Fragen auf: Wie konnte es dazu kommen? Und: Wer um Himmels willen ist zu solchen Taten fähig, die jede bislang gekannte Brutalität in den Schatten stellen? Mit welcher Begründung und auf welche Weise können bei etwa 40 Aktiven und einem unbekannten Personenkreis von Hintermännern und Sympathisanten solche Hasspotentiale herausgebildet werden, die sich in einer solchermaßen generalstabsmäßig vorbereiteten Terroraktion, an allen Sicherheitsorganen und Nachrichtendiensten vorbei, niederschlägt? Sind Armut und Elend in anderen Teilen der Welt der Nährboden für militanten und haßerfüllten Fundamentalismus, oder gibt es dafür noch andere Ursachen - haben wir vielleicht die vielen Kriege und kriegerischen Konflikte in anderen Teilen der Welt, in Palästina, dem Kaukasus oder in der Zwei-Drittel-Welt verdrängt/ unterschätzt?

(2) Und auch wenn die - vor allem psychologischen Schäden - historisch kaum Beispiele kennen: War es wirklich ein Akt des Krieges, der von außen, also von fremden Mächten, in die USA und letztlich auch zu uns getragen wurde? Müssen wir uns also auf einen Kriegszustand einstellen?

Das internationale Recht und auch unsere Verfassung sehen jedenfalls weder eine solche Attacke noch eine rechtlich abgesicherte Reaktion darauf vor, und das macht die Sache so schwierig.

Wichtig sind auch jene Fragenkomplexe, die sich mit der angemessenen Reaktion und den Konsequenzen beschäftigen:

(3) Welche Schritte einer Verbesserung und Verstärkung der Terrorbekämpfun sind jetzt sinnvoll und angebracht? Was nützen massive Vergeltungsmaßnahmen, egal ob mit oder ohne bundesdeutschen/ NATO-Beistand? Was ist von den Planungen für einen "Langen Feldzug" zu halten und sind diese von anderen mitzutragen, was auch immer darunter zu verstehen ist (Logistik, Einsatz eigener Truppenkontingente)?

(4) Stehen wir vor einer neuen Welle der Ausländerfeindlichkeit? Wie gehen wir mit jenen Mitmenschen um, die es auch gibt, die nämlich den Anschlägen in Amerika mit Gleichgültigkeit oder auch Ignoranz begegnen? Wohlgemerkt: Es gibt solche auch bei uns, und zwar unter Menschen unterschiedlicher Herkunft. Am schlimmsten wäre es, wenn jetzt eine Diskriminierungs- oder Hasswelle gegen ausländische und speziell die muslimischen MitbürgerInnen eintritt.

Wir sollten dabei vergegenwärtigen, dass die Szenen wie in NY in Filmen wie "independence day" oder "the siege" den interessierten Teilen der Bevölkerung längst vorgespielt worden sind, ebenso wie andere sexistische gewaltverherrlichende und schlicht menschenunwürdige Video- und Fernsehproduktionen in Deutschland zum frei zugänglichen Alltag gehören. In jeder Videothek an der nächsten Ecke können wir uns dort bedienen - das Ergötzen an von Diskriminierung, Hass und menschenverachtender Gewalt geprägter Show scheint zum Bestandteil unserer Spaßgesellschaft geworden zu sein.

(5) Schließlich: Welche Folgen ergeben sich für die ja bekanntlich in den letzten Monaten überall in der westlichen Welt abkühlende Wirtschaft? Bleibt es bei der ja schon gestern einsetzenden Benzin- und Ölpreissteigerung; wie reagieren die Aktienmärkte und wie wird durch die schrecklichen Ereignisse jener Wirtschaftssektor beeinflußt, dem ja bereits in den letzten Jahren eine dynamische Rolle bei der Entwicklung der globalisierten Weltwirtschaft nachgesagt wird, nämlich die Warentermin- und Spekulationsgeschäfte?

Alle politisch aktiven und bewußten Menschen sollten sich für die Diskussion dieser Fragen zur Verfügung stellen, um denjenigen Menschen Entscheidungshilfen und Orientierung zu geben, die danach verlangen. Die Grundrichtung meiner eigenen Haltung ist: Was wir jetzt am allerwenigsten gebrauchen können sind dumpfe Rachegelüste. Die Stärke einer westlichen Zivilgesellschaft ist jetzt ihre Fähigkeit zur Hilfsbereitschaft, zu Anteilnahme und zur Zivilcourage. Sich vor die Schwachen, die Bedrohten, die unzufriedenen Minderheiten zu stellen, Gewalt und Rassismus und Diskriminierung im Alltag entgegenzutreten und zu bekämpfen: Dort hat auch die Gesellschaft der BRD einen großen Nachholbedarf.

Wir, die im Vorwort zu unserer Verfassung aufgerufen sind, dem Frieden in der Welt zu dienen, brauchen jetzt eine Koalition der Besonnenen. Nutzen Sie die Gesprächsmöglichkeiten und die Angebote der Kirchen und der gesellschaftlichen Gruppen in und außerhalb der Friedensbewegung, um dazu beizutragen, dass die vorhandenen Ängste und die entstandene Besorgnis nicht in einfache Lösungen und inhumane Reaktionen mündet!



E-Mail:   injab.schierholz@t-online.de
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