Netzwerk Friedenskooperative



11.9.2001
erste
Reaktionen


vom:
24.09.2001


 vorheriger

 nächster
 Artikel

Terroranschläge 11.9. - erste Reaktionen:

  Stellungnahmen / Aufrufe

Erklärung des Forum Ziviler Friedensdienst e.V. zu den Anschlägen in den USA

Verständigung statt Vergeltung

Forum Ziviler Friedensdienst (ForumZFD)

Bonn, 18. September 2001

Inmitten des Entsetzens über die Anschläge in New York und Washington gehen unsere ersten Gedanken zu den Opfern und ihren Angehörigen. Ihnen gilt unsere Anteilnahme und Trauer.

Wir teilen mit unzähligen Menschen in den USA und in aller Welt die Gefühle von Bestürzung, Angst und Zorn.

Verstört machen wir uns auch Gedanken über die Täter. Ihre Tat verurteilen wir, uneingeschränkt und mit Abscheu. Gleichzeitig bedrängt uns die Frage: Was hat sie in diesen zerstörerischen Hass getrieben? Was kann, was muss geschehen, um solchem Hass entgegenzuwirken?

Auch wir erleben diesen größten Anschlag der Geschichte als Wendemarke. Aber Wende wohin? Zu mehr Gewalt, Hass, Krieg - oder zu mehr Verständigung und Ausgleich? Geht es darum, die Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen, oder aber ihre Ursachen zu heilen?

Der Präsident und der Verteidigungsminister der USA haben klargemacht, dass sie sich im Krieg sehen und eine militärische Vergeltung planen. Die NATO hat den Bündnisfall festgestellt. Wir finden das die falsche Antwort. Die Mechanismen von Sieg und Niederlage, von Herrschaft und Repression werden den Hass und die Gewalt nur weiter schüren. Vergeltungsschläge treffen wieder nur Unschuldige; will der Westen sich in seinen Mitteln mit den Terroristen gemein machen? Will er an der Spirale zu einem schwelenden Weltbürgerkrieg mit drehen? Die Bekämpfung von Terrorgruppen ist ein notwendiges Übel; Aussicht auf Erfolg hat sie nur dann, wenn gleichzeitig und vordringlich die Ursachen der Gewalt erforscht und abgebaut werden.

Präsident Bush sprach von einem "Anschlag auf die Freiheit". Das stimmt. Wir sehen Freiheit aber gerade auch dann bedroht, wenn weiter der Irrweg von Aufrüstung, Militarisierung und Ausgrenzung begangen wird. Die Anschläge haben bewiesen, dass das Streben nach Unverwundbarkeit ein Wahn ist, der mehr Gefahren schafft als bannt; das gilt auch für die unverantwortlichen Pläne eines Raketenschutzschildes.

 zum Anfang


11.9.2001
erste
Reaktionen
Eine Militarisierung der Weltpolitik kann keinen Frieden schaffen, aber Freiheit ersticken. Damit erst würde der Westen den Terroristen zum Sieg verhelfen.

Nach den gegenwärtig vorliegenden Informationen ist der Hintergrund dieser Terroranschläge wahrscheinlich der Nahostkonflikt. Die Tragik des tiefverwurzelten Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern besteht darin, dass beide Seiten gute Gründe haben für die Überzeugung, ihre bloße Existenz zu verteidigen und darin keinen Kompromiss eingehen zu können. Und doch gibt es keinen anderen Weg als unablässiges Bemühen um Verständigung, auch wenn Teilprobleme als derzeit unlösbar aufgeschoben werden müssen.

Über Jahrzehnte hat diese Feindschaft zwischen Israel und den Palästinensern sich zu einer Feindseligkeit vieler arabischer und islamischer Menschen gegen die USA erweitert. Sie haben über nunmehr drei Generationen diesen schier unlösbaren Konflikt als Aggression und Demütigung erlebt. Falsch wäre daher das gängige Bild eines Zusammenpralls zwischen westlicher Rationalität hier, islamischem Fundamentalismus da. So einfach sind gut und böse, Zivilisation und Barbarei, "wir" und "die" nicht geschieden. Wenn der Hass auf die USA inzwischen für viele Menschen im Nahen Osten zum sinngebenden Inhalt ihres Lebens und Sterbens geworden ist, dann auch weil verletzte Ansprüche auf Würdigung und enttäuschte Hoffnungen auf Teilhabe mitschwingen.

Und wir westlichen Menschen wären von dem Anschlag nicht so tief verstört, wenn dessen Motive uns nur einfach fremd wären. Zuviel an diesem Gewaltakt, angefangen bei der fürchterlichen Effizienz, weist zurück auf jene strukturelle Gewalt, die seit je die Kehrseite westlichen Leistungsdenkens und Erfolgsstrebens ausmacht. Die jahrhundertealte Geschichte der europäischen Expansion ist auch eine Geschichte unsäglicher Gewalt und Unterdrückung; wir denken an die Conquista Amerikas oder den Kolonialismus. Auch die heutige Phase der Globalisierung - vorangetrieben von den westlichen Industrienationen - bringt Millionen in Bedrängnis, durch Ausgrenzung und Verelendung, durch Kulturbruch und Entwurzelung, durch Kriege um die Neuverteilung von Macht und Reichtum. Sehr gezielt haben die Terroranschläge das World Trade Center, stolzes Wahrzeichen eines ökonomischen Globalismus getroffen.

Das ruft uns auch in Deutschland zu einer Neubesinnung, in der auch unsere Anteile an der Situation gesehen werden müssen. In welcher Welt wollen wir leben, worauf richten wir unsere Kräfte?

Wir erwarten von unseren Politikern, sich im westlichen Bündnis der reaktiven Logik von Macht und Repression zu widersetzen und statt dessen das Gespräch über Ansätze zur Konfliktlösung zu suchen.

Dabei müssen auch die arabischen und islamischen Länder einbezogen werden. Eine Solidarisierung der westlichen Welt alleine wird nicht ausreichen, die sich hier verbergende tiefe internationale Krise zu überwinden.

Diese Krise kann nicht militärisch gelöst werden, sondern nur in einem geduldigen politischen und kommunikativen Prozess. Wir sehen die Betroffenheit der Völkergemeinschaft und die damit verbundene Chance. Jetzt ist die Stunde, dass der UN-Sicherheitsrat und nicht die NATO über angemessene Reaktionen berät.

Wir appellieren an die Medien, ihre Stimmen nicht dem Geist der Rache, sondern der Überlegung und des Dialogs zu leihen; gerade jetzt sind verstärkt Beiträge zu einer Kultur des Friedens notwendig.

Zusammen mit anderen nichtstaatlichen Organisationen wollen wir mit unseren Mitteln der professionellen Friedensarbeit dazu beitragen, die Spirale der Gewalt umzukehren und Prozesse der Entfeindung voranzutragen.

Nicht die Terroristen, sondern wir im Westen bestimmen mit unserer Reaktion die Bedeutung und Folgen dieses Anschlags.

gez. Helga Tempel (Vorsitzende), gez. Heinz Wagner (Vorsitzender) und der Vorstand des Forum Ziviler Friedensdienst e.V.

Kontakt: Forum Forum Ziviler Friedensdienst, Wesselstr. 12, 53113 Bonn, Tel: 0228/9814515, Fax: 0228/9814517

E-Mail:   forumzfd@t-online.de
Internet: http://www.forumzfd.de
 zum Anfang

 vorheriger

 nächster
  
Artikel

       
Einige weitere Texte (per Zufallsauswahl) zum Thema
Macht, Globalisg.,"Kampf der Kulturen?"
ff4/2000: Krieg in der DR Kongo
Terror: Oldenburg
Terror: Gernot Rotter
Terror: AK DS
Terror: Essen
Terror: Demonstration in Ratingen

Bereich

 Themen 

Die anderen Bereiche der Netzwerk-Website
         
Netzwerk   F-Forum  Termine  Jugo-Hilfe Aktuell