Generäle widersprechen Ministerpräsident Erbakan / Kurden-Rebellen verfügen über Raketen
Von Gerd Höhler
Athen, 9. Juni. Die Mitte Mai begonnene türkische Militäroperation gegen mutmaßliche PKK-Stützpunkte in Nordirak habe "ihre Hauptziele erreicht", erklärte Ministerpräsident Necmettin Erbakan am Wochenende in Ankara. Von einem baldigen Rückzug ist dennoch keine Rede: Mindestens bis zum August sollen die türkischen Truppen im Nachbarland bleiben. Erbakan hatte Agenturberichten zufolge bereits von einem Ende der Offensive gesprochen. Generalstabschef Cevik Bir hatte umgehend richtiggestellt: "Die Operation in Nordirak geht weiter." Dies wurde als neue Bloßstellung des islamistischen Premiers durch die laizistisch ausgerichtete Armee verstanden.
Die Militärs in Ankara verbreiten erneut Erfolgsmeldungen: 2.252 Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK seien bisher getötet, viele Waffen erbeutet worden. Die eigenen Verluste beziffert der Generalstab auf 95 gefallene Soldaten. PKK-nahe Quellen zufolge sind dagegen bisher fast 800 Regierungssoldaten und Freischärler der auf Seiten der türkischen Armee kämpfenden irakisch-kurdischen Demokratischen Partei getötet worden. Die Anzahl der gefallenen PKK-Rebellen bezifferte der PKK-nahe Fernsehsender MED-TV dagegen auf nur 23. Auch westliche Diplomaten in Ankara halten die offiziellen Angaben für übertrieben.
Die Aussage der Generäle, ihre Truppen kontrollierten nun fast die gesamte, dem Einflußbereich Bagdads entzogene Kurden-Schutzzone Nordiraks, ist ebenfalls kaum zu verifizieren. Türkische Medien zeigten große Truppenkontingente der Invasionsarmee. "Wir sind hier - wo ist die PKK?", lautete eine Bildunterschrift. PKK-Chef Abdullah Öcalan sagte dazu im MED-TV: "Wir führen einen Guerillakrieg; uns geht es nicht darum, irgendwelche Geländeabschnitte zu verteidigen - wir sind überall und nirgendwo!"
Von voller Kontrolle war auch keine Rede, als jetzt erstmals offiziell bestätigt wurde, daß die PKK zwei Militärhubschrauber abgeschosssen hat. Am 18. Mai holten sie mit russischen Boden-Luft-Raketen des Typs SA-7B eine "Super-Cobra" und vergangenen Mittwoch einen "Cougar"-Helikopter des türkischen Heeres vom Himmel über Nordirak. 13 Soldaten kamen ums Leben. Nach Erkenntnissen des türkischen Generalstabs verfügt die PKK über 50 bis 60 dieser Boden- Luft-Raketen, die aus dem ehemaligen Warschauer Pakt stammen sollen. General Erol Ozkasnak beschuldigte Syrien, Iran, Armenien, Griechenland, Zypern und Serbien, die PKK mit Waffen zu beliefern und ihre Kämpfer auszubilden - ein Vorwurf, den die Athener Regierung als "völlig unbegründet und wirklichkeitsfremd" zurückwies. Auch die anderen beschuldigten Regierungen protestierten.
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Eines ist allerdings sicher: die türkische Militäroperation in Nordirak verschlingt viel Geld und belastet damit die ohnehin desolaten Staatsfinanzen. Die in Ankara erscheinende Turkish Daily News beziffert die Kosten der Invasion unter Berufung aus Militärkreise auf umgerechnet 1,2 Milliarden Mark.
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