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Bombodrom Wittstock/ FREIe HEIDe vom: November 1999 | Bombodrom Wittstock/FREIe HEIDe: Bundeswehr Den Mund zu voll genommen? Publik-Forum Die Brandenburger Bürgerinitiative »Freie Heide« kämpft um die Zukunft der Region - und erinnert Scharping an ein Versprechen Es riecht nach Herbstlaub im brandenburgischen Rheinsberg. Dämmerung senkt sich über die Stadt. Die uralten Linden und Eichen, die hier in der märkischen Landschaft schon der Dichter Theodor Fontane in seinen »Wanderungen« beschrieben hat, haben sich rot und gelb gefärbt. Am Schloss gehen die Lichter an. Auch der »Alte Fritz«, das Denkmal vom Sohn des legendären Soldatenkönigs, wird angestrahlt. Es erinnert an andere Zeiten: die militärischen. Doch die verfolgen bis heute die bei Feriengästen beliebte Stadt. Wenn es nach der Bundeswehr geht, soll bei Rheinsberg der größte Truppenübungsplatz Europas entstehen. Verteidigungsminister Rudolf Scharping wird mit zwiespältigen Gefühlen an dieses Vorhaben und die Stadt in der idyllischen Landschaft denken. Seit er sein Domizil auf der Hardthöhe bezogen hat, verfolgt ihn eine Zusage, die es in sich hat.Vor fünf Jahren gab er sie ganz in der Nähe von Rheinsberg. Im Falle einer SPD-Mehrheit im Bundestag, so versprach er der 1000 Mitglieder zählenden Bürgerinitiative Freie Heide, werde das in der DDR von der Sowjetarmee besetzte Heide-und Waldgebiet zivil genutzt. Scharping war damals als Kanzlerkandidat auf Wahlkampftour und hatte auch die »22. Protestwanderung für eine Freie Heide« besucht. »Ein solcher Bombenabwurfplatz ist unnötig«, rief er den unermüdlich protestierenden Menschen zu. Und die erinnern sich daran. Denn die Zusage ist bis heute nicht eingelöst. Im Gegenteil. Der Streit um die zivile Nutzung der Heide beschäftigt nach wie vor die Gerichte. In einer Sache hatte sich Scharping verschätzt. Der Protest der Freien Heide ist nicht nur friedlich, sondern lässt sich bis zur Stunde auch von keiner Partei vereinnahmen. Jenes Stück DDR-Demonstrationskultur das vor zehn Jahren die Mauer zum Einsturz brachte, lebt in der Wittstock-Ruppiner Heide fort. »Symbolisch ist es«, sagt Pfarrer Benedikt Schirge, einer der Mitbegründer, dass die »Heidewanderungen, die eher Volksfesten mit Musik denn verbissenen Demos gleichen, immer in einer der kleinen Dorfkirchen mit einer Andacht beginnen«. Für Schirge ist das der zentrale Punkt, warum der Protest »bisher weder von links noch von rechts« vereinnahmt werden konnte. |
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Bombodrom Wittstock/ FREIe HEIDe | Inzwischen sind es drei Generationen, die dagegen protestieren, dass hier der größte Bombenabwurfplatz Europas auf einer Fläche von 142 Quadratkilometern entstehen soll. Nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die Nato-Verbündeten würden 3000 Einsätze pro Jahr fliegen. Grund genug für 65000 Menschen, auf 56 Wanderungen zu protestieren. Und sie werden weit über die Region hinaus erstützt. Einen öffentlichen Brief, der Scharping schon vor einem Jahr an sein Versprechen erinnerte, unterschrieben 41 Prominente aus Ost und West. Unter ihnen Walter und Inge Jens, Günter Grass und Friedrich Schorlemmer. Doch vor allem »von unten« lebt der Bürgerprotest. Einer, der dazugehört und sich um ihn verdient gemacht hat, ist Hans-Dieter Horn. Größten Wert legt er darauf, »Mitglied der Freien Heide und nicht irgendeiner Partei« zu sein. »Ich springe wie`n Floh«, entschuldigt sich der Bürgermeister des 400 Einwohner zählenden Ortes Fretzdorf Wenn er auf die Pläne der Bundeswehr zu sprechen kommt, ist er »auf 180«. Die Geschichten wirbeln durch seinen Kopf Und das ist nur allzu begreiflich. Der gelernte Kaufmann steht im Wohnzimmer des 200 Jahre alten Gehöfts, in der Hand hält er einen rostigen, kiloschweren Bombensplitter. »Die sind in unserem Garten runtergegangen, als die Rote Armee in der DDR-Zeit hier Krieg gespielt hat«, sagt er. Seine Frau Stefania weist aus dem Fenster auf eine kleine Lichtung. »Dort drüben soll nun der Schießplatz entstehen.« Tränen laufen über ihr Gesicht. Die blonde Frau hat als achtjährige Deutsch-Rumänin aus der Bukowina Flucht und Vertreibung erlebt. »Uns geht es nicht nur um die Bundeswehr, sondern die Sinnlosigkeit von Kriegen und Militär«, sagt sie. Und dann kommt sie sehr schnell auf den Krieg im Kosovo zu sprechen. Gerade da sei wieder einmal deutlich geworden, »dass durchArmeen nichts, aber auch gar nichts zu lösen ist«. Hans-Dieter Horn hat sich nach vorn gelehnt, die Arme auf den Tisch gestützt. »Jeder Krieg ist Irrsinn, die Gelder für den Militärhaushalt sollten lieber den sozial Schwachen zukommen«, sagt er. Und: Wenn die Bundeswehr kommt, gäbe es keinerlei Weiterentwicklung der Kommune. 20 Orte in der Umgebung wären betroffen. »Schon heute bekommen wir zu spüren, dass vieles stagniert«, sagt Horn. Jüngstes Beispiel: Eine Unternehmerin aus Süddeutschland, die hier ein Motel bauen wollte, winkte ab, als sie von den Bundeswehr-Plänen hörte. Andreas Bergmann, der vor gut drei Jahren die Unternehmer-Initiative Pro Heide ins Leben rief, will dennoch nicht aufgeben. Ihn habe, so der hoch gewachsene blonde Landwirt aus Münster in Westfalen, vor allem das Argument, die Bundeswehr stärke die Binnenstruktur und bringe auch Arbeitsplätze in die Region, »unheimlich geärgert«. Der katholische Christ, der selbst Familienvater ist, gründete in Zempow einen ökologischen Landwirtschaftsbetrieb, zu dem auch ein kleines Touristik-Unternehmen gehört. 15 Menschen fanden so in der Gegend, in der 40 Prozent arbeitslos sind, eine Beschäftigung. Um wirtschaftliche Zukunft geht es auch den anderen 20 aktiven Unternehmern und Geschäftsleuten, die mit Pro Heide die Bürgerinitiative unterstützen. Konzepte für die Zukunft müssten bald erarbeitet werden, wenn die Region lebensfähig bleiben soll, schrieben sie im heimatlichen Wochenspiegel. Selbst Banken vergeben zögernd Kredite. Und das, obwohl die Gegend Ostprignitz-Ruppin in Brandenburg die größten Tourismus-Zuwachsraten zu verzeichnen hat. Was Probeflüge der Bundeswehr heißen, davon kann Dirk Mähnert vom Seehotel Ilchim in Schwenkow ein Lied singen: Wenn gelegentlich Tiefflieger über den See kommen, klingeln alle Telefone und die automatischen Türen gehen auf und zu. Die Unternehmerinitiative unterstützt die Freie Heide auch im Blick auf die Gerichtskosten. »Wir sind fast am Ende unserer Möglichkeiten«, sagt Susanne Hoch von der Initiative. Was sie vor allem ärgert, ist, dass die Kosten der Bundeswehr der Steuerzahler trägt, die der Freien Heide aus eigener Kraft aufgebracht werden müssen. Wie lange der Atem reicht, bleibt abzuwarten. Vorerst gibt es einen neuen Termin. In der dritten Instanz wird darüber verhandelt, ob die Bundeswehr schon heute üben darf. »70000 Mark Gerichtskosten kommen auf uns zu«, sagt Benedikt Schirge. Auch einen Brief aus dem Bundestag hat er erhalten. Scharping, so hieß es da, müsse vor einer Entscheidung das Urteil abwarten. (BETTINA RÖDER) Kontakt: Benedikt Schirge, Dorfstraße 27, 16831 Zühlen, Tel/Fax 033931/2338 und Susanne Hoch, Am Stadion 47, 16831 Rheinsberg, Tel/Fax 033931/39151 Spendenkonto Prozesskosten: Sparkasse Ostprignitz-Ruppin, Konto 1621012022, BLZ 160502 02 aus: Publik Forum, Nr. 22, 19.11.99 E-Mail: redaktion@publik-forum.de Internet: http://www.publik-forum.de | ||
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