60 Jahre pax christi

von Reinhard J. Voß
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( c ) Netzwerk Friedenskooperative

Es gilt daran zu erinnern, dass sich vor 60 Jahren eine wirkliche Wende vollzogen hat, eine Wende, für die die französischen Katholiken und ihre Bischöfe den Anstoß gegeben haben, woran wir uns dankbar erinnern. Damals wurde die ewige Spirale von Vergeltung und Gegenvergeltung zwischen den "Erbfeinden" abgelöst von einer der Vergebung und Versöhnung. Dass ich in der Stadt Paris über deutsch-französische Beziehungen promovierte, in der mein Vater Soldat war, sehe ich als Geschenk und Verpflichtung. Damals lehrten uns katholische Christen aus Frankreich, was "Feindesliebe" heißt, und wie sie durch "Gebet, Studium und Aktion" wachsen kann. Und daraus wurde eine grenzüberschreitende und internationale Bewegung. pax christi-Mitglieder wagten sich 1964 nach Auschwitz, später nach Israel und in die Sowjetunion und wurden dabei (oder aber später) von ihrer Kirche als Pioniere geschätzt.

Ich persönlich habe den Kontakt mit der französischen Sektion in den letzten Jahren sehr verstärkt und wurde bei deren 60. Jubiläum 2005 in Paris herzlich empfangen. Ich dankte denen, die uns mit ihrem Vergebungsangebot um Jahre voraus waren. Man überreichte uns ein Beethovenbild in Öl aus dem Nachlass der Witwe von Jean Monet, das sie selbst 1960 malte und das uns stets daran erinnert: wir stehen auf den Schultern und in der Verpflichtung zur Nachfolge der großen Versöhnergestalten nach 1945 zwischen unseren Völkern. Erinnern und Feiern nach 60 Jahren ist dann doch mehr als Rückblick und Erinnerung: Es ist Ansporn und Ermutigung zur Friedensarbeit.

Gewaltfreiheit als Glaubensüberzeugung, als politische Ethik und Vision trägt unsere Bewegung. Die gemachten Erfahrungen der Versöhnung über angeblich undurchdringliche Grenzen hinweg halfen uns dabei, diese Grundüberzeugung weiter zu entwickeln. Das Bischofswort "Gerechter Friede" von 2000 hat dies als theologische und Kirchenlinie bekräftigt. In den 90er Jahren ging es im so genanten "Pazifismusstreit" darum, ob und unter welchen Kriterien Militär zur Rettung bedrohter Bevölkerungen eingesetzt werden dürfe. Wir sind skeptisch geblieben, was solche Einsätze angeht, aber wir suchen das Gespräch mit den Soldaten und haben dies intensiv in den letzten Jahren auch mit der Gemeinschaft Katholischer Soldaten diskutiert. Die Entwicklung in Afghanistan zeigt uns gerade wieder einmal, wie schnell Schutz und Aufbau umschlagen können in Kampf und Krieg. Deshalb wenden wir uns eindeutig gegen die Militarisierung von Außenpolitik und engagieren uns beim Aufbau von Friedenszentren in Krisengebieten und beim Aufbau des Zivilen Friedensdienstes als ziviler Alternative. Das mittlerweile in der UNO entwickelte und vom Weltrat der Kirchen begrüßte Konzept "Responsibility to Protect" können wir durchaus im Sinne einer (wie wir sagen) notwendigen "Gewaltkontrolle" ernsthaft als Möglichkeit erwägen, wenn es wirklich als Weiterentwicklung von Prävention (also "Prima Ratio") und nicht als neue Formel der "Ultima Ratio" angewandt werden wird.

Oft wird unsere öffentliche Wirksamkeit bezweifelt. Wir sind öffentlich durchaus stark wahrgenommen worden in unserem Protest gegen den Irak- und den Afghanistankrieg. Aber ansonsten war die ganz konkrete Basisarbeit vor Ort pressewirksamer - und weniger der Abdruck großer Erklärungen. Wir gehörten zu den Gründern von ATTAC, werden aber als solche nicht identifiziert, was gar nicht schlimm ist. Ebenso geht es mit unserer Mitgliedschaft in vielen Kampagnen und Bündnissen - etwa gegen Landminen und Streubomben, Atomwaffen oder Asyleinschränkung. Die öffentliche Wirkung unserer Arbeit war in früheren Jahrzehnten immer dann besonders groß, wenn es um Grenzüberschreitungen geographischer oder ideologischer Art ging, oder aber um interne oder Konflikte mit der Kirche. Letztere haben wir in der Tat in den letzten Jahren weniger erlebt. Unter der Präsidentschaft von Bischof Algermissen aus Fulda ist die katholische Friedensbewegung pax christi noch selbstverständlicher als zuvor eine ernst genommene Stimme in unserer Kirche geworden, auch wenn unsere Mitgliederzahl heute unter 5.000 liegt. Wenn wir aber aktuelle "Grenzen" überschreiten, wie im vehementen Protest gegen den heraufziehenden Irakkrieg oder mehrfach mit unseren Kongressen zu Nahost im Sinne der doppelten Solidarität mit den Völkern Israels und Palästinas, und uns dabei neben dem Lebensrecht Israels auch für das Recht der Palästinenser auf Lebensraum, Entwicklung und Staatlichkeit einsetzten, dann wurden wir oft totgeschwiegen. Ich unterscheide zwischen der gewachsenen Resonanz in Kirche und Gesellschaft und der oft defizitären "öffentlichen Wirkung" in der Presse.

Und wenn wir jetzt im Jubiläumsjahr mit dem kleinen Sekretariat aus dem Stadtrand von Frankfurt nach Berlin-Mitte umziehen, so soll dies nur verdeutlichen, dass wir auch der politischen Anwaltschaft für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfung noch mehr Bedeutung auf Bundesebene beimessen wollen.

Was wollen wir in diesen Zeiten bewegen?
Wir bleiben eine Bewegung im weltweiten ökumenischen Rahmen für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung. Spezifisch für pax christi, aber auch darüber hinaus: Wir wollen weiter Grenzüberschreiter sein, und dabei hilft uns unsere Internationalität. Ich erinnere mich, wie unser internationaler Präsident Kardinal König uns 1987 aufrief, über die Grenzen nach Osten zu gehen - mit offenen Armen und Herzen, Augen und Ohren sozusagen. Das ist heute nötig gegenüber den hochstilisierten Feinden unserer Zeit, denen auf der UN- und EU-"Terrorliste" (wie beispielsweise die kurdische PKK, die kolumbianische FARC, die palästinensische Hamas oder die afghanischen Taliban) sowie gegenüber den so genannten "Schurkenstaaten" wie Iran. Wir wissen den Weg dahin auch noch nicht, aber viele unserer weltweit präsenten Sektionen und Partner helfen uns und gehen solche Wege, ob im Kongo, in Kolumbien, in den Philippinen, in Nahost oder zwischen Türken und Kurden. Deshalb das Motto des Studientages beim Jubiläumskongress in Berlin: Dialog statt "Krieg gegen den Terror". Natürlich müssen gewalttätige, verbrecherische Islamisten polizeilich bekämpft werden, aber sie dürfen nicht durch ihre Attentate über Krieg und Frieden mit entscheiden.

Wir versuchen zu verstehen, was in "Selbstmordattentätern" und ihrem Umfeld vor sich geht. Wir haben dieses Wort allzu schnell als normal angenommen. Gegenüber Menschen die nichts mehr zu verlieren haben, helfen auch keine Waffen. Es braucht Dialog, Verständigung, Training gewaltfreier Kommunikation, zivile Austragsformen von Konflikten. Da bauen wir mit an einem weltweiten Netz von Kirchen und Nichtregierungsorganisationen. Nur so kommen wir dem Frieden, dem Weltfrieden, wirklich näher.

Die deutsche Sektion der katholischen Friedensbewegung pax christi wurde am 3. April 60 Jahre alt. pax christi beging das 60-Jahr-Jubiläum am Gründungstag mit einer Gedenkfeier am Gründungsort Kevelaer am Niederrhein und vom 4. bis 6. April mit einem Kongress in Berlin. Nähere Informationen unter http://www.paxchristi.de.
 

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Dr. Reinhard J. Voß, von 2001 bis 2008 Generalsekretär der dt. Sektion von pax christi, ist von 2010 bis 2014 als Berater der kongolesischen Bischofskonferenz in der Kommission Justitia et Pax tätig und lebt derzeit mit seiner Frau in Kinshasa. Er ist Mitglied der pc-Kommission Solidarität mit Zentralafrika.