Appell der Belgrader Frauengruppe gegen Gewalt und Krieg

von Matthias Reichl
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Auf dem slowenischen Gebiet wird ein richtiger blutiger Krieg geführt. Wir bedauern jedes verlorene Leben von Soldaten und Zivilisten. Wir fühlen mit allen Verletzten und Gefangenen und fürchten um ihr Leben. Wir verstehen die Angst und die Empörung der Bürgerinnen und Bürger Sloweniens und der Mütter und Väter der jungen Soldaten in der Jugoslawischen Volksarmee (JVA).

Wir fordern einen bedingungslosen Abzug der JVA-Einheiten in die Kasernen. Die jungen Burschen leisten ihren Militärdienst nicht ab, um die - einseitige oder abgesprochene - Abspaltung eines Volkes von Jugoslawien zu verhindern. Ein mit Gewalt zusammengehaltenes Jugoslawien dient keinem Volk, keiner ethnischen Minderheit, keinem Bürger.

Wir fordern von der Regierung, von der slowenischen Territorialverteidigung und von der slowenischen Polizei einen friedlichen Abzug der JVA-Einheiten in die Kasernen. Die Einstellung aller Kampfhandlungen ist die notwendige Bedingung zur Einleitung von Verhandlungsgesprächen über die Formen des Zusammenlebens und der Abspaltung. Wir appellieren an die Bürger und Bürgerinnen aller föderalen Einheiten, sich für die freie Wahl der Vertreter für die öffentlichen Verhandlungen über die Formen einer künftigen Koexistenz auf dem Gebiet Jugoslawiens einzusetzen.

Wir rufen alle Bürgerinnen und Bürger von Triglav bis Gevgellja auf, allen Vorschriften und Entscheidungen der Behörden, die zu einer Verschärfung des Konfliktes und zum Krieg führen, ihren zivilen Gehorsam zu verweigern. Jedes zusätzliche Opfer, jeder zusätzliche Tag führt uns einer ausweglosen Kriegshölle näher.

Daher sprechen wir dem Tod im Namen der jugoslawischen wie auch der slowenischen Souveränität unser entschlossenes NEIN aus.

Politiker und Generäle, legen sie die Waffen nieder! Die Menschenleben und das Recht auf ein Leben ohne Angst in Frieden sind über ihr Staatsinteresse zu stellen.

Für die Belgrader Frauengruppe, Jelka Imsirovic/Nadezda Cetkovic

Anmerkung:

Die Forderungen wurden am 5. u. 6.7. erfüllt - die 2300 in Slowenien gefangenen Bundessoldaten wurden in Sonderzügen nach Belgrad zurückgebracht. Vorher waren hunderte Frauen und Männer aus Serbien nach Ljublijana gefahren und hatte ihre Freilassung gefordert. Ihre Kritik an der von den Serben dominierenden Führung der Bundesarmee, die jungen Rekruten - viele von ihnen aus anderen Republiken - in den Krieg geschickt hatten, wurde durch die Aussage der freigelassenen Rekruten untermauert. Einen Höhepunkt der Kriegshetze setzte Generalstabschef Adzic, der zum totalen Krieg aufrief. Die Forderungen, daß die Rekruten nur in der Armee der eigenen Republik dienen sollen, verstärkten sich. In Kroatien verlassen selbst Offiziere die Bundesarmee aus Protest darüber, daß das Offizierscorps in ihren Land fast nur aus Serben besteht.

Der "Standart" berichtet am 6.7., daß die Belgrader Militärbehörden drohen, "im Gegensatz zu den in Slowenien verbreiteten Desinformationen" würden alle desertierenden Soldaten zur Rechenschaft gezogen werden. Der kroatische Rundfunk wiederholt diese Warnung stündlich mit dem Zusatz "Soldaten paßt auf jeden Eurer Schritte gut auf!" Kroatische Garden und die Polizei werden den desertierenden Rekruten weiterhin Schutz und Hilfe bieten, fügt der Rundfunksprecher hinzu.

Die freigelassenen Rekruten müssen nach 15 Tagen Urlaub wieder in die Kasernen zurück. Einige von ihnen beteuern vor der Fernsehkamera, daß ihr Glauben an die militärischen Autoritäten endgültig zerstört sei. Während der neue Staatspräsident Stipe Mesic, ein Kroate, beteuert, es werde keine weiteren Militäreinsätze gegen Slowenien geben, geht der Kampf in Kroatien weiter. Statt der zweifelnden Rekruten und Offiziere soll nun eine modernst gerüstete serbische Volksmiliz die Schmutzarbeit des Krieges übernehmen, fordert der serbische Präsident Milosevic. Doch will auch er Slowenien und Kroatien in die Unabhängigkeit ziehen lassen.

Die slowenische Territorialarmee wurde vorerst um 10.000 Mann verringert und der jugoslawische Verteidigungsminister Kadijevic sichert Slowenien den Abzug seiner Armee zu, um einen Weg in die Unabhängigkeit ohne militärische Einmischung zu ermöglichen.

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