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Buchbesprechung „Kampfblatt des autoritären Liberalismus“
Aus nationalem Pflichtgefühl pro Kriegstüchtigkeit
von
2011 veröffentlichte Patrick Bahners, Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen (FAZ), „Die Panikmacher“ – eine Kritik des antiislamischen Feindbilds, das in gutbürgerlichen und konservativen Kreisen, gerade auch mit Unterstützung der „Zeitung für Deutschland“, immer mehr Zulauf fand und in dem der Autor Parallelen zum Neo- und historischen Faschismus mit seiner paranoiden Vorstellung von einem geburtenstarken, sich parallelgesellschaftlich in den Poren des Gemeinwesens festsetzenden Fremdvolk sah. 2023 legte Bahners mit dem Buch „Die Wiederkehr“ nach, das dem Aufschwung von Nationalismus und Rechtsradikalismus, wie er sich in den Wahlerfolgen der AfD zeigte, erneut eine Spurensuche im eigenen, also „seriösen“ bürgerlichen Milieu widmete. Es wurde sogar in der FAZ (10.3.2023) mit dem Fazit gewürdigt: „Der neue Nationalismus nährt sich aus einem antimoralischen Affekt, ist die organisationsfähige Spielart des libertären Autoritarismus“.
Genau den hat jetzt der Hochschullehrer Klaus Weber kompromisslos ins Visier genommen. Er greift in seiner neuen Streitschrift das Frankfurter „Kampfblatt des autoritären Liberalismus“ als zentrale mediale „Wegbereiterin“ der allseits geforderten Kriegstüchtigkeit an: „In Deutschland wird Krieg vorbereitet – Vorkrieg herrscht. Pflicht, Gehorsam und Untertanengeist werden tagtäglich von Wissenschaft, Journaille und Politik beschworen. Möglich ist er geworden, weil eine ‚Zeitenwende‘ ausgerufen wurde und damit die Notwendigkeit, deutsche Geschichte endlich vergessen zu dürfen.“ (S. 7) Es geht also nicht nur um die Spezialität dieses nationalkonservativen und marktradikalen Blattes, das sich durch seine Vorliebe für Klartext auszeichnet, sondern – siehe etwa die Hinweise zur Süddeutschen Zeitung oder Welt (S. 16, 22, 153) – überhaupt um die Leistungen der deutschen Leitmedien mit ihrem hochgelobten Qualitätsjournalismus. Es geht um die Einschwörung der Bevölkerung auf die Vorkriegslage und damit natürlich auch um den „Machtblock“ (S. 149) der demokratischen Parteien, deren Kriegs- und Eskalationsbereitschaft Wolfram Adolphi in einem abschließenden Gastbeitrag unter die Lupe nimmt.
Im Mittelpunkt von Webers Studie steht ein „FAZ-Tagebuch 2023“. Es will die „Funktion der FAZ als Medium des Brückenbaus zu einem neuen Faschismus“ (S. 21) zugleich dokumentieren und herausarbeiten. Das aber nicht nur an den Haupt- und Staatsaktionen, sondern auch am unwichtigen, nebensächlichen Material, mit dem Tag für Tag das Blatt vollgemacht wird. So beginnt das Tagebuch am 2. Januar 2023 mit der Sportberichterstattung zum traditionellen Neujahrsspringen. Bei dem hatte Deutschland zwar nichts Herausragendes zu melden, aber das Prinzip wird hier gleich deutlich. „Der Bezug zur eigenen Nation ist zentral“, und wie auch bei allen anderen Themen – was im sonstigen Journalismus nicht groß anders ist – regiert der Geist des Nationalismus: „WIR sind die Wichtigsten und die ANDEREN sind auch irgendwie dabei; und: UNS müsste eigentlich der Sieg gehören“ (S. 59). Das zieht Weber dann gnadenlos durch bis zum letzten Eintrag am 29. Dezember unter dem Titel „Zum Deutschtum erziehen“. Hier sind die „anarcholiberalen Kettensäge-Programme“ des neuen argentinischen Regierungschefs Thema, der mit „seinem Sieg für die ‚Freiheit‘ und das ‚Privateigentum‘“ im FAZ-Wirtschaftsteil als Geistesverwandter und politisches Vorbild gefeiert wird (S. 143).
Dass die neuen militaristischen Leitbilder in der Republik greifen, macht Weber als Werk einer Kollaboration von Medien und Machteliten kenntlich. Dank „eilfertiger Willfährigkeit der entscheidenden Medien“ (S. 149) erscheint Militarisierung als alternativlos, als Sachzwang – wie Adolphi im Schlussteil schreibt. Dort gibt es auch einen Nachtrag zum Bellizismus der Grünen, deren Vorreiterrolle bei der Eskalation des Ukrainekriegs ja eine wichtige Rolle spielte. Die FAZ widmete ihnen auch im Jahr 2023 „besonders viel zustimmende Aufmerksamkeit“, so dass ihnen wegen ihrer Kriegsbegeisterung samt Entsorgung der NS-Vergangenheit „ein publizistischer Ritterschlag“ (S. 163) des nationalkonservativen Milieus zuteilwurde. Dies ist ein wichtiger Nachtrag, da in dem Buch die AfD sonst oft als der eigentliche Protagonist bzw. Profiteur des neuen deutschen Militarismus erscheint – wo die Partei doch gerade eine Oppositionsrolle spielt. Den Autoren ist natürlich zuzustimmen, dass die Etikettierung der AfD als „Friedenspartei“ eine Täuschung ist. Im rechten Lager wird einfach der nationale Nutzen eines speziellen Kriegsfalls etwas anders gesehen, im Grundsatz stimmt man aber mit den Prämissen des herrschenden Machtblocks überein.
Klaus Weber, Kampfblatt des autoritären Liberalismus – Die Frankfurter Allgemeine als Wegbereiterin von »Kriegstüchtigkeit«. Hamburg (VSA) 2025, 168 Seiten, ISBN 978-3-96488-258-5, 14.80 €.