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„Ein Mensch ist ein Mensch, weil er andere als Menschen anerkennt.“
Bewaffnete Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent
von
Dieses Zitat des südafrikanischen Bischofs Tutu in der Überschrift klingt wie ein Aufschrei, wenn man gerade einmal wieder zu viel über all die Kriege und Konflikte in der Welt gelesen hat. Nur zu oft fehlt es genau daran – auch bei uns. (1)
Wie viele bewaffnete Konflikte es auf der Welt gibt, ist schwer zu beantworten – Forschungsinstitute nennen unterschiedliche Zahlen, auch abhängig von ihrer Definition von „Krieg“ und „bewaffnetem Konflikt“. ACLED (Armed Conflict Location & Event Data) untersucht z.B. jedes Jahr die 50 am meisten eskalierten Konflikte anhand von vier Indikatoren – Tödlichkeit, Gefahr für Zivilbevölkerung, geographische Breite und Anzahl der bewaffneten Gruppen. 2025 wurden weltweit 240,000 Menschen Opfer von kriegerischer Gewalt. Das Heidelberger Konfliktbarometer dokumentierte 2024 365 Konflikte weltweit. Das Statistiktool statista.de kommt auf 61 Kriege und Konflikte in 2024; das schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI auf lediglich 49 Staaten im gleichen Jahr, während das Internationale Komitee des Roten Kreuzes 2025 über 130 bewaffnete Konflikte zählte (2).
Auch wenn die 2024/25 tödlichsten Konflikte nicht auf dem afrikanischen Kontinent angesiedelt werden, sondern nach ACLED Palästina und die Ukraine waren, stehen trotzdem verschiedene Kriege und bewaffnete Konflikte ganz hoch in den verschiedenen Statistiken – allerdings nur selten in den Schlagzeilen.
Eine unvollständige Übersicht der Kriege und Konflikte
An erster Stelle findet sich derzeit der Sudan, ein Land, das seit Jahrzehnten von immer wieder neuen Wellen von Krieg und Gewalt gebeutelt wird. Sein Nachbar Südsudan geriet im Februar in die Schlagzeilen, als dort in der Provinz Jonglei ein neuer Bürgerkrieg begann.
In Nigeria sind laut UNHCR rund 360.000 Menschen intern auf der Flucht; 410.000 flohen in Nachbarländer. Boko Haram und sein Ableger „Islamischer Staat Provinz Westafrika“ sind für Terrorismus, Entführungen und andere Formen organisierter Bandenkriminalität verantwortlich; in Zentralnigeria wachsen mit den Folgen des Klimawandels die Konflikte zwischen Viehhaltern und Bauern. (3)
Im Kamerun beträgt die Zahl der Binnenflüchtlinge eine Million. Dort ist nicht nur wie in Nigeria Boko Haram aktiv, sondern es gibt eine englischsprachige separatistische Bewegung, die gegen die (französisch-sprachige) Regierung kämpft. Hintergrund ist einmal mehr die Kolonialzeit und deren Grenzziehung. (4)
Mali kommt auch nach Abzug der UN-Truppen nicht zur Ruhe. Rund 400.000 Menschen leben als Binnenflüchtlinge. (5)
Der Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik besteht seit 2012/2013 zwischen der Regierung, unterstützt durch ausländische Kräfte (z.B. russische Söldner/Afrikakorps), und diversen Rebellengruppen. (6)
Der Krieg in Tigray (Äthiopien) wurde durch einen Waffenstillstand 2022 mehr schlecht als recht beendet. Immer wieder flammt Gewalt auf, in zwei weiteren Regionalstaaten (Amhara und Oromia) kommt es immer wieder zu Gewalt und außerdem steigen die Spannungen zwischen Äthiopien und seinen Nachbarländern Eritrea und Somalia. (7)
Seit Jahrzehnten ist Somalia durch den Kampf der schwachen Zentralregierung gegen die islamistische Al Shabaab und inner-somalische Clan-Kämpfe geprägt. Eine Region, Somaliland, hat sich 1991 abgespalten und ist seitdem de facto ein unabhängiger Staat, wenngleich von fast keinem Land der Welt anerkannt. (8)
Kenia macht immer wieder Schlagzeilen wegen bürgerkriegsähnlichen Zuständen nach Parlamentswahlen (9); dasselbe galt Anfang 2026 für Uganda.
Auch Südafrika und Mosambik sowie Ghana, Burkina Faso, Niger und der Tschad tauchen in der Liste von ACLED wegen bewaffneter Unruhen auf. In den letztgenannten drei Ländern sind 2025 über 10.000 Menschen politischer Gewalt zum Opfer gefallen. Auch in Benin steigt die Gewalt. (10)
Und dann ist da Nordafrika mit seinen Diktaturen und dem Bürgerkrieg in Libyen. (11)
Dabei greift es zu kurz, einen Konflikt in einem Land isoliert zu betrachten. Die Konfliktdynamiken sind regional vielfältig miteinander verflochten. Darum prägte der kenianische Friedens- und Konfliktforscher Chris Bakweshega schon 1996 den Begriff „regional conflict systems“. Gerade in der Sahelregion, am Horn von Afrika (Sudan, Südsudan, Äthiopien, Eritrea, Somalia) oder in Zentralafrika (DRC, Ruanda, Uganda, ZAR) ist dies z.Zt. sehr gut zu sehen. (12)
Nicht zu sehr verallgemeinern, aber …
Es ist eher Ausdruck eines noch von Kolonialzeit und Rassismus geprägten Diskurses, wenn Menschen von „Afrika“ sprechen, als ob es ein Land, nicht ein Kontinent sei. Aber auch wenn die Staaten südlich der Sahara weitgehend erst durch die Kolonialzeit entstanden und die Grenzziehungen zwischen den Kolonialmächten nicht durch sprachliche, ethnische oder historische Kriterien erfolgte: Jedes Land, jedes Volk ist einzigartig, und auch die nach der Kolonialzeit entstandenen selbstständigen Staaten existieren inzwischen länger als es das 1989 vereinte Deutschland tut! Trotzdem lassen sich ein paar Punkte in Bezug auf die bewaffneten Konflikte in diesem Kontinent mehr oder weniger verallgemeinern:
1. Die meisten Staaten Afrikas sind Vielvölkerstaaten mit einer Vielzahl von Sprachen, religiösen Traditionen und auf dem Land unterschiedlichen Wirtschaftsweisen (Bauern, Viehzüchter). Traditionelle Führer und moderne staatliche Institutionen konkurrieren oft miteinander um Einfluss und Entscheidungsmacht vor Ort, und Spannungen zwischen Gruppen entladen sich leicht in Gewalt.
2. Von den Kolonialmächten wurden Systeme von Elitenherrschaft übernommen. Sie agieren oft nach dem Prinzip von „winner takes it all“ und sehen den Staat als persönliche Verfügungsmasse. Eine wirkliche, von der Bevölkerung mitgetragene Vision von Staat und Gesellschaft fehlt oftmals.
3. Die nach der Unabhängigkeit bruchlos fortgeführte Extraktionsökonomie sichert den Unternehmen in den ehemaligen Kolonialmächten möglichst billigen Zugang zu Rohstoffen und verhinderte damit das Entstehen einer Ökonomie, die eine "tragfähige Staatlichkeit" ermöglicht hätte. Für die ehemaligen Kolonialmächte war es billiger, die neuen Staaten mit Nothilfe und sog. Entwicklungs“hilfe“ (heute: „Entwicklungszusammenarbeit“) in Abhängigkeit zu halten, als den neuen Staaten zu erlauben, eine tragfähige Ökonomie zu entwickeln, und mit ihnen reguläre wirtschaftliche Beziehungen aufzubauen. (13)
4. Die meisten Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, bleiben als Binnenflüchtlinge im eigenen Land oder gehen in die Nachbarländer. Oft leben sie in riesigen Flüchtlingslagern, oft ohne Schutz und Versorgung. Dadurch wird auf die sowieso schon hoch strapazierten sozialen Beziehungen in den multikulturellen Gesellschaften und die sowieso schwach ausgebildeten Ökonomien zusätzlicher hoher Druck erzeugt.
5. Nach Prognosen der Klimaforscher*innen des IPCC gehört Afrika, obwohl es selbst nur wenig zum Ausstoß von klimaschädlichen Gasen beiträgt, zu den Kontinenten, die am stärksten von der globalen Erwärmung betroffen sind. Es wird, falls sich bei der Bekämpfung des Klimawandels nichts ändert, zur Versteppung und Dürre in großen Gebieten der Sahelzone und darüber hinaus mit all ihren Folgeproblemen führen. Im schlimmsten Falle werden große Regionen unbewohnbar. (14)
Der Klimawandel ist in der tropischen Zone Afrikas, besonders der Sahelzone, durch zunehmende Dürren deutlich spürbar. Die Dürren verschärfen die Hungersnot und Konflikte zwischen Viehzüchtern und Bauern um das immer weniger werdende fruchtbare Land.
Nicht für den afrikanischen Kontinent spezifisch, sondern für alle innerstaatlichen Gewaltkonflikte in Ländern des globalen Südens auch auf anderen Kontinenten kommen hinzu:
6. Hungersnöte: Viele der von Krieg betroffenen Länder haben nicht die Infrastruktur und nicht die Art internationaler Unterstützung, über die z.B. die Ukraine verfügt. Kämpfe und Vertreibung führen fast immer dazu, dass Menschen vom Hungertod bedroht sind. Das gilt für den Sudan wie für den Südsudan, für den Osten der DR Kongo, Somalia und die anderen oben genannten Länder in der Sahelzone und darüber hinaus.
7. Geschlechtsspezifische Gewalt: Von den Konflikten sind Frauen und Mädchen massiv betroffen. Vertreibung und überfüllte Notunterkünfte erhöhen das Risiko solcher Gewalt, Überfälle von Milizen gehen mit Vergewaltigungen einher. Auch Männer sind oft Opfer solcher Gewalt.
8. Bewaffnete Milizen, oftmals auf ethnischer oder religiöser Basis gebildet und eher an Bereicherung als an politischen Zielen interessiert, sind für einen Großteil der Gewalt verantwortlich.
9. Staatsstreiche und Bürgerkrieg aufgrund politischer Konkurrenzen sind häufig- heute wohl auf dem afrikanischen Kontinent häufiger als in den anderen Erdteilen.
10. Entführung von Kindern und Kindersoldat*innen: Etliche der Milizen entführen Kinder und zwingen sie, für sie zu kämpfen, den Haushalt zu führen und/oder als Sexualobjekte zur Verfügung zu stehen.
Wie finde ich heraus, welche Konflikte es gibt und worum es bei ihnen geht?
Einige der Krisen und Konflikte werden in diesem Heft vorgestellt. Wer mehr wissen möchte, kann Informationen heute leicht im Internet recherchieren. Schon eine einfache Suche nach „Konflikt Land X“ gibt meist schon gute Resultate, oft bei Wikipedia oder auf den Seiten humanitärer Organisationen. Einige weitere Quellen sind hier in den Fußnoten zu finden. Herausgehoben werden sollen:
- Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/
- Das jährlich erscheinende Heidelberger Konfliktbarometer umfasst zahlreiche Kriege und Konflikte: https://hiik.de/konfliktbarometer/aktuelle-ausgabe/
- Die Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg pflegt eine Kategorie „Länder-Konflikte“, https://www.friedensbildung-bw.de/aktuelle-konflikte
- Im englischsprachigen Bereich sei die oben erwähnte ACLED empfohlen (https://acleddata.com/) und die International Crisis Group, https://www.crisisgroup.org/crisiswatch
Die Krisen und Konflikte in Afrika sind in vielfacher Weise mit uns in Europa verknüpft. Nicht nur haben manche Elemente von Stellvertreterkriegen, sondern die Ursachen liegen vielfach in der Kolonialzeit und in der vom globalen Norden verursachten Klimakatastrophe begründet. Die Kürzung von Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe durch viele Länder, nicht nur den USA, sondern u.a. auch Deutschland, verschärft die Lage. Die humanitären Organisationen haben schon jetzt oft kein Geld und müssen ihre Unterstützung beenden. Nicht nur UNICEF warnt, dass über Jahre aufgebaute Erfolge gefährdet seien. (14)
Anmerkungen
1 Die Autorin dankt Dr. Wolfgang Heinrich (früher Referent für Frieden und Konfliktbearbeitung bei Brot für die Welt) für zahlreiche Hinweise und Formulierungen in diesem Artikel. Falls sich trotzdem Fehler eingeschlichen haben, verantwortet sie natürlich die Autorin allein.
2 https://acleddata.com/series/acled-conflict-index; https://hiik.de/konfliktbarometer/aktuelle-ausgabe/; https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1112076/umfrage/anzahl-al... https://www.sipri.org/sites/default/files/2025-06/yb25_summary_en.pdf; https://www.facebook.com/ICRC/videos/armed-conflicts-in-todays-world/419...
3 https://www.bmz.de/de/laender/nigeria/sicherheitslage-15670
4 https://de.wikipedia.org/wiki/Anglophone_Krise_in_Kamerun
5 https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/1758...
6 https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/1855...
7 https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/5457....
8 https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/5457...
9 https://www.dw.com/de/kenia-proteste-demonstrationen-gewalt-tote-william...
10 https://de.wikipedia.org/wiki/Folgen_der_globalen_Erw%C3%A4rmung_in_Afri.... Und https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/downloads/factsheets/IPCC_AR6_WGI_Reg...
11 https://acleddata.com/report/economic-warfare-escalates-militants-expand...
12 https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/5464...
13 Diese Sätze und viele Hinweise für den folgenden Abschnitt stammen von Dr. Wolfgang Heinrich.
14 https://www.aktiongegendenhunger.de/presse/bundeshaushalt-hilfsorganisat...