Mexiko

Brücken gegen Mauern aus Beton, Stahl und Vorurteilen

von Javier MartínezInformationsstelle Lateinamerika ILA

Interview mit Javier Martínez vom Servicio Jesuita a Migrantes México

Das folgende Interview wurde von der Informationsstelle Lateinamerika (ila) geführt.

Die in mehreren Ländern tätige Hilfsorganisation der Jesuiten für MigrantInnen ist in Mexiko Teil eines Netzwerks zivilgesellschaftlicher Organisationen, die landesweit albergues - Herbergen und Zentren - für Flüchtlinge und MigrantInnen, hauptsächlich aus Mittelamerika, aber auch aus anderen lateinamerikanischen Ländern, betreuen. Die Organisation dokumentiert auch Menschenrechtsverletzungen durch Polizei, Militär und organisiertes Verbrechen gegen die MigrantInnen. Entführungen, Misshandlungen und Menschenhandel haben in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Helene Kapolnek sprach im März 2017 mit Javier Martínez (JM)vom Servicio Jesuita a Migrantes in Mexiko-Stadt über die Arbeit des Netzwerks, die Stimmung im Land und die Herausforderungen durch die Trump-Regierung in den USA.

ila: Ihr seid seit 15 Jahren in Mexiko tätig. Wie hat sich die Arbeit in der Zeit verändert?

JM: Mexiko war immer schon Durchgangsland für MigrantInnen. Und natürlich sind MexikanerInnen schon immer in die USA gegangen. Das heißt, für unsere Arbeit mit MigrantInnen gab es immer ausreichende Gründe. Als wir anfingen, waren aber nicht die mexikanischen MigrantInnen unsere Zielgruppe, sondern die mittelamerikanischen, die Mexiko durchqueren, um in die USA auszuwandern. Wie gesagt: am Anfang ... Seit etwa vier Jahren kümmern wir uns auch um MexikanerInnen. Die wirtschaftliche Lage hier wird immer schwieriger. Deshalb kümmern sich die albergues nicht mehr nur um MittelamerikanerInnen, sondern auch um MigrantInnen aus Mexiko selbst.

Der Servicio Jesuita hat keine eigenen albergues. Wir sind Teil eines Netzwerks von 21 albergues, die wir mit verwalten. Gemeinsam mit Ordensschwestern betreuen wir insbesondere eine im Bundesstaat Hidalgo, und eine in Chiapas, zusammen mit der Diözese Tapachula. An den anderen sind wir beteiligt durch Mitarbeit bei der Finanzbeschaffung und Aufbau der Infrastruktur oder durch freiwillige HelferInnen, die wir vermitteln.

An der Nordgrenze selbst hat unser Netzwerk kaum albergues. Die meisten sind der Länge nach über das Land verteilt. Warum dies so ist, wird klar, wenn wir einen Blick auf die Landkarte werfen: Sie folgen dem Weg der bestia, der „Bestie“, der Bahnlinie nach Norden. Aber auch da gibt es inzwischen ein neues Problem: Die MigrantInnen nutzen den Güterzug nicht mehr gerne. Auf der Bahnlinie werden sie von der Polizei aufgegriffen, bedroht oder sie fallen in die Hände krimineller Banden. Deshalb suchen sie nach alternativen Wegen. (...)

ila: Macht der neue US-Präsident, Donald Trump, die allgemeine Problematik noch schwieriger?

JM: Dass Trump jetzt US-Präsident ist, bedeutet für uns erst mal, noch wachsamer zu sein. Es sieht so aus, dass ungefähr zwei Millionen MexikanerInnen in den nächsten Jahren repatriiert werden sollen. Dazu käme noch die Abschiebung von eineinhalb Millionen Mittel- und SüdamerikanerInnen. Trump beabsichtigt, alle nach Mexiko abzuschieben, ganz gleich, welche Staatsangehörigkeit sie haben. Tatsächlich hoffen wir, dass es nicht so weit kommt. Aber wenn das passiert, steht Mexiko im Regen - bei all den Schwierigkeiten, die das Land bereits hat. Mexiko verfügt nicht über die Infrastruktur, um Jobs zu schaffen oder den MigrantInnen  irgendeine soziale Sicherheit anzubieten. Wie es dann weitergehen soll, kann ich mir nicht vorstellen. Wir Nichtregierungsorganisationen versuchen, uns auf eine solche Situation vorzubereiten. Das heißt für uns zunächst, noch weitere albergues zu gründen, in denen die Leute erst einmal bleiben können. Aber diese albergues werden sich von den anderen unterscheiden: Mexiko wird so oder so zum Bestimmungsland.

ila: Nach dem Motto: ‚Wenn ich es nicht in die USA schaffe, bleibe ich halt in Mexiko?’

JM: Ja, oder sie haben gar nicht mehr die Absicht, in die USA zu gehen, sondern in Mexiko zu bleiben. Die Leute verlassen ihre Länder aufgrund von Gewalt und Kriminalität, weil Familienangehörige ermordet wurden, der Vater, ein Sohn ... oft begibt sich die ganze Familie auf die Flucht. Unser Problem ist, dass man sie nicht als Flüchtlinge wahrnimmt, denn es gibt ja keinen Krieg in den Ländern. Sie fliehen vor einer Lage der absoluten Unsicherheit. Es geht noch nicht einmal mehr um Arbeit. In den letzten Jahren hat das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) in Mexiko mehrere neue Flüchtlingslager finanziert. Vor kurzem haben wir beispielsweise eine neue vom UNHCR finanzierte albergue in Chiapas eingeweiht, etwa 70 Kilometer von der guatemaltekischen Grenze entfernt, in der Nähe von San Cristóbal de las Casas.

ila:Wie viele Flüchtlinge und MigrantInnen betreut ihr ungefähr?

JM: In unseren albergues, also denen des Netzwerks, sprechen wir von etwa 35.000 Menschen jährlich. Wie gesagt, sind das auch nur die, die auf ihrem Weg unsere albergues nutzen. Es gibt genug Leute, die das nicht tun. Gerade wenn es um das Thema Kinder geht. Wenn Eltern ihre Kinder nachholen wollen, bezahlen die Familien jemanden, der sie durch Mexiko begleitet. Einen pollero, wie wir das in Mexiko nennen - einen Schlepper. Weil wir die Verpflichtung haben, Kinder zu melden, die ohne ihre Eltern unterwegs sind, kommen die natürlich nicht in der Nähe unserer albergues. Wir reden also von mindestens 35.000 Menschen jährlich, zusätzlich derjenigen, die es nicht schaffen, weil sie aufgegriffen und deportiert werden.

Vor kurzem hat der Servicio Jesuita a Migrantes in Mexiko gemeinsam mit einem lateinamerikaweiten Netzwerk, das sich um Flüchtlinge und MigrantInnen kümmert, eine “Campaña de Hospitalidad” gestartet, eine „Kampagne der Gastfreundschaft“. Unser Motto: Über diese Mauer, über die alle reden, bauen wir Brücken! Symbolische Brücken, Brücken der Brüderlichkeit, Brücken der gegenseitigen Hilfe. Wenn so viele Menschen zurück ins Land kommen, ist es das einzige, was wir tun können. Die Regierung wird damit nicht zurechtkommen. Das ist uns klar. Das Problem werden sie nicht wahrnehmen wollen. Denn es interessiert sie nicht, erst recht nicht das Schicksal der MittelamerikanerInnen. Deshalb sagen wir: Den Leuten vor Ort wird nichts anderes übrig bleiben, als die Sache selber in die Hand zu nehmen. Durch den Bauern im Dorf, der Arbeit für sie hat, oder durch die Leute, die in der Nachbarschaft der albergues leben und sich mit den MigrantInnen arrangieren. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, haben wir inzwischen auch in Mexiko mit dem Problem der Ausländerfeindlichkeit zu tun. Vielleicht nicht  in dem Maße wie in Europa, aber auch hier gibt es Vorbehalte gegen Fremde. Das bekommen wir bei der Arbeit in vielen albergues zu spüren. Die meisten sind in kleinen Dörfern und auch dort sind wir schon auf die Situation gestoßen, dass Leute sagen: „Ich will das nicht in meiner Nachbarschaft, die stinken, die nehmen uns die Arbeit weg, die nehmen uns die Frauen weg.“ Im Ernst! Wie im 16. Jahrhundert. Da sind wir auf einem ganz üblen Kurs. Von Seiten des Servicio Jesuita setzen wir darauf, durch kulturelle Angebote oder Sportveranstaltungen in diesen Gemeinden etwas zu verändern - damit den Leuten klar wird: Die MigrantInnen sind auch nicht anders, als sie selbst.

ila: Was Vorurteile betrifft, ist Trump ja auch mit Stereotypen gegen MexikanerInnen groß dabei. Wirkt sich das im Alltag auf die Beziehung zwischen Mexiko und den USA aus?

JM: Ich glaube, die meisten Leute, nicht nur die MexikanerInnen im Land, haben die Befürchtung, dass  durch Trumps Drohungen unsere Wirtschaft noch weiter geschwächt wird. Wenn er sagt: „Wenn ihr in Mexiko produziert, müsst ihr halt dafür bezahlen, die Produkte zu importieren.“ (...)

ila: Wenn Trump seine Politik konsequent verfolgt, wird sich die Situation noch verschärfen.

JM: Alles weist darauf hin, dass Trump versuchen wird, so viele MigrantInnen auszuweisen, wie er kann. Dabei geht es nicht nur um die Mauer. Mauern gibt es ja schon: beispielweise in Mexicali oder  Tijuana. Und die haben Obama und seine Vorgänger-Regierung unter Bush gebaut. An einigen Stellen sind sie aus Stahl, an anderen aus Draht. Aber es sind Mauern. Und mehr noch: In den letzten drei Jahren der Obama-Regierung wurden jede Menge Leute deportiert. Bei all der Aufregung über Trumps Narreteien wird oft vergessen, dass auch Obama bereits massiv abgeschoben hat. Das war ebenso ein Skandal.

Ein Unterschied ist, dass sie jetzt auch Leute mit einem gültigen Arbeits- oder Touristenvisum  abweisen. Wenn sie in den USA am Flughafen ankommen, wird ihnen das Visum einfach abgenommen. Solche Probleme hat es in letzter Zeit verstärkt gegeben, vor allem für Latinos aus Mexiko. (...)

ila: Hofft ihr, dass sich das Phänomen Trump in vier Jahren von selbst erledigt hat oder es eventuell alles nicht so schlimm werden wird?

JM: Ich glaube, ein bisschen läuft es darauf hinaus. Da gibt es zum Beispiel das Freihandelsabkommen mit Kanada und den USA, das überprüft werden soll. Nächstes Jahr aber erst. Dann sind auch schon wieder Wahlen in den USA, die die Zusammensetzung des Kongresses beeinflussen werden. Und in Mexiko wird ebenfalls gewählt. Was dabei herauskommt, kann niemand sagen. Ganz so einfach wird es also nicht. Auch wenn er sagt: „Ich will so viele Ausländer rausschmeißen, wie ich kann“, gibt es jetzt schon Richter, die ihm das nicht erlauben. Um die Mauer und massive Abschiebungen zu verhindern, wird es auf allen Ebenen Widerstand geben. Der Jesuiten-Orden zum Beispiel verfügt über ein Netzwerk von Universitäten und wird Anwälte zur Verfügung stellen, die sich mit dem Thema Abschiebung beschäftigen. Viele Nichtregierungsorganisationen werden alle Hebel in Bewegung setzen, um die Abschiebungen aufzuhalten. (...)

Das Gespräch führte Helene Kapolnek im März 2017 in Mexiko-Stadt.

Wir danken der Informationsstelle Lateinamerika (ila), Bonn, für die Erlaubnis zum Nachdruck dieses Interviews, das von uns aus Platzgründen leicht gekürzt wurde. Das vollständige Interview ist zuerst erscheinen in ila 405, Mai 2017.

Ausgabe

Rubrik

Schwerpunkt