Brückenbau gegen Terror und Mauern

Brückenbau gegen das Mauer-Projekt des Geldes

von Jorge Mario Bergoglio

Im November 2016 fand ein Welttreffen der Sozialen Bewegungen auf Einladung des Vatikans statt. Hier kommen vor allem soziale Bewegungen aus der sog. Dritten Welt zusammen, z.B. die Sem-Terra-Initiative aus Brasilien, die Landbesetzungen organisiert. Bei einer großen Abschlussveranstaltung mit ca. 5000 TeilnehmerInnen wurde dem Papst die Abschlusserklärung übergeben. Die TeilnehmerInnen erklärten: ”Die vom System Ausgeschlossenen, Männer und Frauen, die sich auf diesem III. weltweiten Treffen der Sozialen Bewegungen getroffen haben, erklären, dass der gemeinsame und strukturelle Grund der sozialen Krise und der Umweltkrise die Tyrannei des Geldes, d.h. des herrschenden kapitalistischen Systems, und eine Ideologie ist, die die menschliche Würde nicht respektiert. Sie forderten unter anderem ein weltweites Verbot von Zwangsräumungen und ein universelles Bürgerrecht für alle, ‚die sich gezwungen sehen, ihren Herkunftsort zu verlassen‘“. Papst Franziskus hielt eine Abschlussrede, aus der wir zitieren.

Wer also regiert? Das Geld! Wie regiert es? Mit der Peitsche von Angst, von Ungleichheit, von wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, kultureller und militärischer Gewalt, die in einer niemals endenden Abwärtsspirale immer mehr Gewalt erzeugt. Wie viel Leid, wie viel Angst! Vor kurzem habe ich bereits gesagt, es gibt einen grundlegenden Terrorismus. Er geht hervor aus der globalen Kontrolle, die das Geld über die Erde ausübt und die ganze Menschheit in Gefahr bringt. Dieser Terrorismus ist der Grund für die daraus erwachsenden Formen des Terrorismus wie der Narko-Terrorismus, der Staatsterrorismus und für das, was manche fälschlicherweise ethnischen oder religiösen Terrorismus nennen. Kein Volk, keine Religion ist terroristisch. Zwar gibt es überall kleine fundamentalistische Gruppen. Aber der erste Terrorismus ist dies: “Du hast das Wunder der Schöpfung vertrieben, den Mann und die Frau, und hast das Geld an seine Stelle gesetzt.” (Pressekonferenz auf dem Rückflug von der Apostolischen Reise nach Polen, 31. Juli 2016). Das System ist terroristisch.

Vor fast hundert Jahren sah Pius XI. voraus, dass sich allmählich eine globale Wirtschaftsdiktatur herausbildet, die er als “Imperialismus des internationalen Finanzkapitals ” bezeichnet hat (Enzyklika. Quadragesimo Anno, 15. Mai 1931 109). Die Aula, in der wir hier zusammen sind, wird “Paolo VI” genannt. Und Paul VI. hat vor fast 50 Jahren die “neue missbräuchliche Form einer wirtschaftlichen Diktatur im sozialen, kulturellen und sogar politischen Bereich” beklagt (Apostolischer Brief Octogesima adveniens, 14. Mai 1971, Nr. 44). Diese Worte meiner Vorgänger, die die Zukunft vorausahnten, sind hart, aber zutreffend. Die Kirche und die Propheten haben schon vor Jahrtausenden gesagt, was heute so schockiert, wenn der Papst es in einer Zeit wiederholt, in der das alles noch nie da gewesene Ausmaße erreicht hat. Die gesamte Soziallehre der Kirche und die lehramtlichen Äußerungen meiner Vorgänger rebellieren gegen den Götzen Geld, der statt der Menschheit zu dienen über sie herrscht, sie tyrannisiert und terrorisiert.

Keine Tyrannei kann sich halten, ohne unsere Ängste auszunutzen. Daher wird alle Tyrannei terroristisch. Sobald der Terror, der in den Peripherien mit Massakern, Plünderungen, Unterdrückung und Ungerechtigkeit gesät wurde, in den Zentren durch verschiedene Formen von Gewalt explodiert, sogar durch abscheuliche, feige Attentate, verfallen die Bürger, die sich immer noch einige Rechte bewahrt haben, der Versuchung, sich fälschlicherweise durch physische oder gesellschaftliche Mauern abzusichern. Die Mauern schließen die einen ein und verbannen andere. Auf der einen Seite eingemauerte, erschrockene Bürger; auf der anderen Ausgeschlossene, Verbannte, noch Verschrecktere. Will Gott, unser Vater, ein solches Leben für seine Kinder?

Die Angst wird geschürt, manipuliert … Denn die Angst ist nicht nur ein gutes Geschäft für die Händler von Waffen und Tod, sie schwächt uns, sie wirft uns aus der Bahn, sie untergräbt unseren psychischen und spirituellen Schutz, sie macht uns unempfindlich gegenüber fremdem Leid und schließlich grausam. Sobald wir erfahren, dass man den Tod eines jungen Mannes feiert, der vielleicht den Weg verfehlt hatte, sobald wir erkennen, dass der Krieg dem Frieden vorgezogen wird, sobald wir beobachten, dass Fremdenfeindlichkeit sich ausbreitet, sobald wir feststellen, dass intolerante Pläne an Boden gewinnen; dann verbirgt sich hinter dieser scheinbar massiv sich ausbreitenden Grausamkeit der kalte Hauch der Angst. Ich bitte darum, dass wir für alle jene beten, die Angst haben, dass wir Gott darum bitten, ihnen Mut zu geben und in diesem Jahr der Barmherzigkeit unsere Herzen zu erweichen. Barmherzigkeit ist nicht einfach, nicht leicht … sie erfordert Mut. Daher sagt Jesus uns: “Fürchtet euch nicht” (Mt 14,27), denn Barmherzigkeit ist das beste Gegenmittel gegen die Angst. Es ist viel besser als alle antidepressiven oder angstlösenden Medikamente. Viel wirksamer als Mauern, Gitter, Alarmanlagen und Waffen. Und es gibt sie umsonst: sie ist ein Geschenk Gottes.

Liebe Brüder und Schwestern, alle Mauern fallen. Lassen wir uns nicht täuschen. Ihr habt selbst gesagt: “Wir wollen weiter daran arbeiten, Brücken zwischen den Völkern zu bauen, Brücken, die es uns erlauben, die Mauern von Ausgrenzung und Ausbeutung zu überwinden” (Schlussdokument des Zweiten Welttreffens der Volksbewegungen, 11. Juli 2015 Sta. Cruz de la Sierra, Bolivien). Wir wollen uns dem Terror mit Liebe entgegenstellen.

Der zweite Punkt, den ich behandeln will: Liebe und Brücken
An einem Tag wie heute, an einem Sabbat, hat Jesus, wie das Evangelium erzählt, zwei Dinge getan, durch die der Komplott, ihn umzubringen, beschleunigt wurde. Er ging mit seinen Jüngern durch ein Kornfeld. Die Jünger waren hungrig und aßen von den Ähren. Über den “Eigentümer” des Feldes wird nichts gesagt… Dahinter steht die universelle Bestimmung aller Güter. Es ist wahr: Angesichts des Hungers hat für Jesus die Würde der Kinder Gottes Priorität gegenüber einer formalistischen, angepassten und interessebedingten Interpretation der Normen. Als die Gesetzeslehrer sich in heuchlerischer Empörung beklagten, erinnerte Jesus sie daran, dass Gott Liebe will und nicht Opfer, und klärte sie darüber auf, dass der Sabbat für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat da ist (vgl. Mk 2,27). Er konfrontierte das heuchlerische, selbstgenügsame Denken mit der demütigen Intelligenz des Herzens (vgl. Homilie, Erster Kongress zur Evangelisierung der Kultur, Buenos Aires, 3. November 2006), die dem Menschen immer den Vorrang einräumt und jene Logiken ablehnt, welche die Freiheit des Menschen zu leben, zu lieben und anderen zu dienen untergräbt.

Und etwas später am selben Tag beging Jesus eine noch “schlimmere” Tat, welche die Heuchler und Arroganten noch stärker ärgerte. Denn sie stellten ihm nach, weil sie einen Vorwand suchten, ihn festzunehmen. Er heilte die verdorrte Hand eines Mannes. Die Hand, das Symbol harter und starker Arbeit. Jesus gab dem Mann die Fähigkeit zurück, wieder arbeiten zu können, und stellte dadurch seine Würde wieder her. Wie viele verdorrte Hände gibt es, wie viele Menschen sind der Würde der Arbeit beraubt, weil die Heuchler sich ihrer Heilung widersetzen, um ihre ungerechten Systeme aufrechterhalten zu können. Manchmal denke ich, dass Ihr tut, was Jesus tat, wenn Ihr, die organisierten Armen, ihre eigenen Arbeitsplätze erfinden dadurch, dass ihr Kooperativen bildet, eine bankrotte Fabrik übernehmt und zum Leben erweckt, den Abfall der Konsumgesellschaft recycelt, trotz rauen Wetters auf einem Platz etwas verkauft, ein Stück Land reklamiert, um es zu bebauen und die Hungrigen zu speisen. Dann tut Ihr, was Jesus tat, weil ihr die verdorrten Hände des herrschenden sozioökonomischen Systems, nämlich die Arbeitslosigkeit, zu heilen versucht, wenn auch nur ein wenig, wenn auch nur vorübergehend. Kein Wunder, dass auch ihr manchmal unter Beobachtung steht und verfolgt werdet. Und es wundert mich auch nicht, dass die Arroganten keinerlei Interesse an dem haben, was ihr zu sagen habt.

Jesus hat an diesem Sabbat sein Leben aufs Spiel gesetzt. Denn nach der Heilung der Hand folgten die Pharisäer und Herodianer (vgl. Mk 3,6) ihrem Kalkül und verbündeten sich, um Jesus umzubringen, obwohl sie zwei gegnerische Parteien waren, die das Volk und auch das Imperium fürchteten. Ich weiß, dass viele von euch ihr Leben aufs Spiel setzen. Ich weiß, dass einige heute nicht hier sind, einige besonders, weil sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. An sie will ich erinnern… Aber es gibt keine größere Liebe, als sein Leben hinzugeben. Das lehrt Jesus uns.

Euer Schrei nach den “drei T” (tierra, techo y trabajo – Grund und Boden, Wohnung und Arbeit), den ich mir zu eigen mache, hat etwas von dieser demütigen Intelligenz, die zugleich stark und heilsam ist. Ein Brückenbau-Projekt der kleinen Leute gegen das Mauer-Projekt des Geldes. Ein Projekt, das ausgerichtet ist auf die ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Einigen ist bekannt, dass unser Freund Kardinal Turkson jetzt der Präsident eines Dikasteriums ist, das diesen Namen trägt: Integrale Menschliche Entwicklung. Der Gegensatz zur Entwicklung ist wohl Verdorrung, Lähmung. Wir müssen daran mitwirken, die Welt von ihrer moralischen Verdorrung zu heilen. Dieses verdorrte System kann immer noch bestimmte kosmetische Implantate anbieten, die aber keine echte Entwicklung bedeuten: Wirtschaftswachstum, technologische Fortschritte, eine größere “Effizienz” zur Produktion von Waren, die man kauft, verwendet und wegwirft, und verwickelt uns so alle in eine schwindelerregende Dynamik zur Produktion von Abfall … Aber das System erlaubt nicht, dass der Mensch sich ganzheitlich entwickelt, gestattet jene Entwicklung nicht, die sich nicht auf den Konsum beschränkt, die nicht dem Wohlstand einiger weniger dient, sondern alle Völker und Menschen mit ihrer vollständigen Würde einbezieht, so dass sie sich geschwisterlich an der wunderbaren Schöpfung erfreuen. Eine solche Entwicklung brauchen wir: menschlich, ganzheitlich und respektvoll im Umgang mit der Schöpfung.

Quelle: Institut für Theologie und Politik, Münster, Übersetzung: Norbert Arntz; vollständiger Text: http://www.itpol.de/?p=2451)

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Jorge Mario Bergoglio, Jesuit aus Argentinien, arbeitet als Papst Franziskus in Rom.