„Von der Glückssüchtigkeit zur Kriegsbereitschaft“

Buchbesprechung: Eine Bilanz der neuesten Militarisierung

von Johannes Schillo
Hintergrund
Hintergrund

In welchem Tempo und Ausmaß in letzter Zeit die Militarisierung der bundesdeutschen Gesellschaft stattgefunden hat, belegt eindringlich der aktuelle Sammelband der „Neuen Gesellschaft für Psychologie“ (NGfP), der auf deren Kongress „Krieg und Frieden“ (2025) zurückgeht. Er zeigt, wie tief das Leitbild der „Kriegstüchtigkeit“ mittlerweile ins Massenbewusstsein, in Charakterstrukturen und in die Alltags-Agenda der Subjekte einer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft eingegangen ist; wobei natürlich, der Orientierung des Herausgeberkreises entsprechend, (tiefen-)psychologische Erklärungsansätze eine besondere Rolle spielen.

Das Buch beschränkt sich aber nicht auf solche Ansätze oder auf das, was im akademischen Betrieb angesagt ist. Zu ihm steht es in Opposition, wie sich die NGfP ja überhaupt als ein Zusammenschluss von Akteur*innen aus Wissenschaft und Praxis, aus Psychologie und Nachbarprofessionen versteht, deren gemeinsames Ziel gerade die methoden- und gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit psychologischen Themen ist. Paradigmatisch zeigt das etwa der Rückgriff auf die Sozialpsychologie Peter Brückners, der zur Zeit der 68er-Bewegung die autoritären Strukturen der postfaschistischen BRD unter die Lupe nahm.

Dementsprechend ist die Bandbreite der zwei Dutzend Beiträge groß, die Themenstellungen reichen von politökonomischen Aspekten der kriegsträchtigen US-Hegemonie bis zu den staatstreuen Mechanismen im hiesigen Medien- und Kulturbetrieb. Oder von der immer wieder aufgeworfenen Frage, wieso kein massenhaftes Erschrecken angesichts eines drohenden Atomkriegs einsetzt, sondern Fügsamkeit oder politische Apathie, bis hin zu Überlegungen, wo die Schwächen der Friedensbewegung liegen und wie sie zu beheben wären. Der Untertitel zum Abschied „von der Glückssüchtigkeit“ spielt dabei auf eine Forderung von Bundespräsident Gauck aus dem Jahr 2012 an. Bemerkenswert, dass die Klage, für unser „glückssüchtiges“ Gemeinwesen sei es „schwer zu ertragen, dass es wieder deutsche Gefallene gibt“ (S. 7), vor der „Zeitenwende“ erfolgte, die ja angeblich erst durch die russische Invasion in die Ukraine über die BRD gekommen ist.

So sehen sich die kritischen sozialpsychologischen Überlegungen der NGfP in ihrer Diagnose bestätigt, dass unter den gegebenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen ein beständiger „Krieg gegen das Subjekt“ (S. 164) geführt wird, wie der Psychologe Derwanger in seinem Beitrag „Der Krieg war nie weg“ schreibt. An solchen Stellen wird schlagend deutlich, dass das NATO-Narrativ, demzufolge sich unsere europäische Friedensordnung bloß gegen ein aggressives Russland verteidigt, von dem alle Gewalt ausgeht, ein hochideologisches Konstrukt ist.

Eine einheitliche Theorie über die massenhafte Tendenz zum Mitmachen liefert der Sammelband jedoch nicht. Schon die verschiedenen psychologischen Schulen stimmen hier nicht überein. Auf Abwege führt zudem die Tendenz, den offiziell verordneten Mentalitätswandel hin zur „Kriegstüchtigkeit“ in einen Prozess einzuordnen, der mit der Corona-Pandemie beginnt: Der „Krieg gegen das Virus“ habe der Staatsgewalt als Auftakt gedient, um einen Untertanengeist herzustellen – ein staatsstreichartig nach geheimem „Drehbuch“ (S. 48) erzieltes Ergebnis, das seitdem für das neue Russland-Feindbild verwertet werde. Die Banalität, dass Medien gesteuert werden und dass zur Demokratie ein Notstandsrecht gehört, wird hier quasi als Erfindung der Pandemiebekämpfer hingestellt.

Dagegen liefern etwa die Beiträge der beiden Nicht-Psychologen Huisken und Meyen – ohne Rückgriff aufs Unbewusste – eine brauchbare Grundlage, um die Konstitution des Massenbewusstseins theoretisch zu fassen. Der Erziehungswissenschaftler Huisken fokussiert auf die von Staatsführung und Fußvolk geteilten Auffassungen über die Notwendigkeit von Verteidigung und die Leistungsfähigkeit von Abschreckung. Dass diese Legitimationen einer kritischen Überprüfung nicht standhalten, weist er nach, besteht aber darauf, dass sie ein Ergebnis gängiger politischer Urteilsbildung sind. Ihre Dominanz, die Tatsache, dass eine fast lückenlose Unterordnung der Meinungsbildung unter bestimmte, der Militärlogik verpflichtet Narrative stattfindet, nimmt der Medienwissenschaftler Meyen ins Visier. Gegen die verbreitete, gerade auch für die Feindbildproduktion nützliche Idealisierung „unserer“ Meinungsfreiheit als Gegenbild zur autokratischen Praxis setzt er die medienkritische Erkenntnis, dass die hiesige Öffentlichkeit ebenfalls ein Resultat politischer Formierung ist: Staatliche und ökonomische Interessen benutzen Medien als „Sprachrohre der Macht“ (S. 111).

Klaus-Jürgen Bruder / Almuth Bruder-Bezzel / Benjamin Lemke / Conny Stahmer-Weinandy (Hg.), Militarisierung der Gesellschaft – Von der Glückssüchtigkeit zur Kriegsbereitschaft. Hg. im Auftrag der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP). Wien (Promedia) 2025, 264 S.,ISBN 978-3853715550, 24 €.

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Hintergrund
Johannes Schillo ist Sozialwissenschaftler und Journalist, lange Jahre als Redakteur in der außerschulischen Bildung tätig; letzte Veröffentlichung zusammen mit N. Wohlfahrt, „Deutsche Kriegsmoral auf dem Vormarsch“, siehe die Vorstellung im Friedensforum 5/23.