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Günther Anders‘ Mahnungen wider den Atomkrieg
Buchbesprechung: „Hiroshima ist überall“
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Das Buch von Günther Anders „Hiroshima ist überall“ enthält drei Veröffentlichungen des Autors, und zwar: „Der Mann auf der Brücke. Tagebuch aus Hiroshima und Nagasaki“ (1959), „Off limits für das Gewissen. Der Briefwechsel zwischen dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly und Günther Anders“ (1961) und „Die Toten. Rede über die drei Weltkriege“ (1964/65).
Anders hatte diese drei Arbeiten 1982 im Beck-Verlag neu aufgelegt und mit einer aktualisierten ausführlichen Einleitung versehen. 1982 war für ihn – den Mitbegründer der Anti-Atomkriegsbewegung der 1950er Jahre – eine zweite Hochzeit der Friedensbewegung (Stationierungsdebatte über atomare Mittelstreckenraketen und Massendemonstrationen u.a. im Bonner Hofgarten mit 300.000 Menschen).
Apokalypse-Blindheit
Günther Anders (1902-1992) ist bekannt als Schriftsteller, Philosoph und Kämpfer gegen die atomare Kriegsgefahr. Seine Kernthese von der „Antiquiertheit des Menschen“ besagt, dass wir nicht (mehr) begreifen können, was wir herstellen können. Die Atombombe ist dieses Unbegreifliche. Hinzu komme nach Anders als Kennzeichen der Zeit die „Apokalypse-Blindheit“ bzw. „Apokalypse-Faulheit“ der Menschheit, ihre Gleichgültigkeit (oder auch Verdrängungshaltung) gegenüber der atomaren Bedrohung. G. Anders selbst war durch die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki zutiefst erschüttert. Er suchte danach, die „verbreitete Sprachlosigkeit zu überwinden“, „eine der Enormität entsprechende Sprechweise zu finden oder zu erfinden“ (XI). Seitdem galt sein schriftstellerisches Engagement in erster Linie dem Kampf gegen die Atombombe.
Als Mitglied des „Kampfbundes gegen Atomschäden“ fuhr Anders 1959 zu einem Antiatom-Kongress nach Tokio. Im Rahmen dieser längeren Reise von Ende Juni bis Ende August 1959 besuchte er auch Hiroshima und Nagasaki und sprach dort mit Opfern der Bombenabwürfe, den Hibakusha. Darüber berichtet er in Tagebuchform. Diese Tagebuchaufzeichnungen bilden den ersten und umfangreichsten Teil von „Hiroshima ist überall“.
Im Dialog mit einem Hiroshima-Piloten
Der ausführliche Briefwechsel mit dem Hiroshima-Piloten Eatherly, den G. Anders mit diesem von 1959 bis 1961 führte, war bereits 1961 als eigenes Buch erschienen und hat weltweit – in vielen Sprachen übersetzt – viel Aufsehen erregt und auch heftige Kritik ausgelöst. Der US-Pilot war nicht direkt am Bombenabwurf beteiligt – er hatte die geeigneten Wetterbedingungen über Hiroshima an den Bombenträger gemeldet. Eatherly wurde wegen verschiedener Delikte strafrechtlich verfolgt, dann aber psychiatrisiert und in eine Militär-Heilanstalt gesteckt. Doch laut Anders war er der einzige am Atombombenabwurf Beteiligte mit Verstand und Empathie. Denn er wollte seine Schuld aktiv bearbeiten. Aber – so Anders - man „gönnte ihm seine Schuld nicht“, denn sie wäre zur Anklage des atomaren Systems und der dafür eigentlich Verantwortlichen geworden. Anders dokumentiert u.a. auch seinen ausführlichen Brief an John F. Kennedy, in dem er für eine Neubegutachtung von Eatherly und für dessen Entlassung aus der Psychiatrie eintritt. - Ein absolut spannend zu lesender Briefwechsel!
Naive und infantile Pazifisten?
Der dritte, kürzere Teil des Buches, die „Rede über die drei Weltkriege“ wurde 1964 geschrieben. In ihm wird zu Beginn die Unvorstellbarkeit des massenhaften Todes von Millionen Menschen und die Unmöglichkeit, diese zu betrauern, beschrieben. Dann geht Anders auf die Kriegsindustrie im Kapitalismus ein, die wesentlich auf den Absatz von Waffen und damit auf Krieg ausgerichtet ist. Anders stellt hier die Frage nach der Notwendigkeit und Möglichkeit, die Rüstungsindustrie mit massenhaften Streiks zu belegen, wofür er – wieder einmal – der Naivität bezichtigt wurde.
Günther Anders schreibt in einem Post Scriptum zur Einleitung 1982, dass er dieses Buch am Ostersonntag beende: zu alt sei er leider, um am Ostermarsch teilzunehmen. Aber soeben höre er im Radio, dass „ein gewisser deutscher Staatsmann die Hunderttausenden von Friedensdemonstranten ‚infantil‘ genannt habe. Vielleicht ist es ein Zeichen von Infantilität meinerseits, wenn ich finde, daß solch ein Ausspruch gerade an einem solchen Tage beweist, daß sein Sprecher aller Leidenschaft für das Gute entwachsen (Hervorhebung im Original), also ‚erwachsen‘ im traurigsten Sinne ist. Ich jedenfalls bin mein Lebtag lang ‚infantil‘ geblieben, … so infantil, daß ich seit dem 6. August 1945 unfähig blieb, mich nicht um die Welt zu ängstigen. … Als achtzigjähriger Infantiler übergebe ich nun dieses Buch meinen vielen Freunden, die bereits reif genug sind, den Reihen der Infantilen sich anzuschließen; und denen ich wünsche, daß sie sich ihre ‚Infantilität‘ niemals von einem im traurigsten Sinne ‚Erwachsenen‘ ausreden lassen, und daß sie sich dieser ‚Infantilität‘ niemals schämen werden. Zu schämen hätten sich andere.“ (XXXIIf)
Das Buch kann unbedingt zur Lektüre empfohlen werden – ideal zu Vorbereitung auf die 80. Gedenktage zu Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August. Empfehlenswert zum Autor zur Vertiefung: https://www.guenther-anders-gesellschaft.org/vita
Anders, Günther (1995): Hiroshima ist überall. Beck-Verlag, München 1982, Nachdruck 1995, ISBN 978-3406392122, 394 S., 12,50 Euro.