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Investitionen in Rüstung als „nachhaltige“ Geldanlage
Das Greenwashing von Atomwaffen auf dem Finanzmarkt
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Nach der vielzitierten „Zeitenwende“ macht sich der neue Stellenwert der Rüstungsindustrie auch auf dem Finanzmarkt bemerkbar. Nicht nur stiegen die Aktienkurse enorm, seit Ende 2024 können Investitionen in Rüstung auf dem deutschen Finanzmarkt sogar als nachhaltige Geldanlage deklariert werden. Diese Entscheidung folgte auf die Erklärung der europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde, dass nur Firmen, die völkerrechtlich geächtete Waffen wie Landminen, Streumunition oder biologische und chemische Waffen herstellen, aus sogenannten ESG-Fonds auszuschließen sind.
ESG steht für Environment, Social und Governance und ist ein Rahmen zur Bewertung der ökologischen und sozialen Verantwortung von Unternehmen. Im Finanzmarkt weist das Kürzel bspw. nachhaltige Investmentfonds aus. Diese durften in Deutschland bislang nur Unternehmen umfassen, die weniger als 10% ihres Umsatzes mit Rüstung erwirtschaften. Die Vorgabe wurde nun mit der Begründung abgeschafft, dass Europa aufrüsten müsse, um abschrecken zu können und so Frieden und Demokratie zu erhalten – ein Zustand, der Nachhaltigkeit und Umweltschutz überhaupt erst ermögliche.
Bereits die Einstufung konventioneller Rüstung als nachhaltig macht den Begriff der Nachhaltigkeit lächerlich. Doch zusätzlich öffnet die Neuinterpretation der ESG-Kriterien die Tür für Investitionen in Atomwaffen, da diese nicht explizit ausgeschlossen sind. Der “Don’t Bank on the Bomb” Report von ICAN und PAX aus 2025 zeigt, dass schon heute ca. 514 Mrd. US-Dollar von Anleger*innen in Anleihen und Aktien von Firmen gehalten werden, die an der Atomwaffenproduktion beteiligt sind. Die Einstufung dieser Geldanlagen als nachhaltig könnte für einen Anstieg sorgen. Selbst Menschen, die ihr Geld nach entsprechenden Standards anlegen möchten, würden plötzlich in Waffen investieren, deren Einsatz völkerrechtswidrig wäre und die bereits weltweit soziale und ökologische Krisen ausgelöst haben. Nach dem Einsatz einer Atomwaffe könnte keine humanitäre Hilfe geleistet werden. Und selbst ein nuklearer Krieg mit weniger als 3% der globalen Arsenale könnte in einen nuklearen Winter und damit zu Ernteausfällen und verheerenden Hungersnöten führen. Mit der Verwässerung der ESG-Kriterien können nun Investitionen in Waffen, die so eine katastrophale Geschichte und potentielle Zukunft bedeuten, als nachhaltig bezeichnet werden. So wird Unternehmen der Zugang zu weiterem Kapital geöffnet, doch vor allem verleiht es ihnen Legitimität für ihre Geschäfte mit sozial und ökologisch inakzeptablen Massenvernichtungswaffen.
Insbesondere, da eine Trennung zwischen konventioneller und nuklearer Rüstungsindustrie schwer ist: Der dänische Pensionsfonds begründete die Entscheidung, wieder in Rüstungsfirmen wie Airbus und Boeing zu investieren, damit, dass nur ein kleiner Teil der Gewinne aus der Atomwaffenproduktion stamme. (1) Dabei hält hier alleine Boeing Verträge über mehrere Milliarden Dollar.
Der Einsatz für ein internationales Verbot von Atomwaffen gewinnt also weiter an Bedeutung. Das Projekt „Don’t Bank on the Bomb“ zeigt, dass viele Investor*innen bislang vermeiden wollen, mit der Finanzierung von Atomwaffen in Verbindung gebracht zu werden. Seit dem Inkrafttreten des Atomwaffenverbotsvertrags (AVV) ist die Zahl der Finanzinstitute, die in die Atomwaffenindustrie investieren, um etwa ein Viertel gesunken. Dieser erfolgreiche Trend wird durch die wachsende Unterstützung für den AVV gestützt: Mehr als die Hälfte der Staaten weltweit bekennt sich inzwischen zum Vertrag. Diese Erfolge sollten nicht unterschätzt, aber auch nicht als selbstverständlich angesehen werden. Denn es gibt Überlegungen, die Rüstungsindustrie auch in die EU-Taxonomie aufzunehmen, welche nachhaltige Geldanlagen kenntlich macht. Zwar listet die Platform on Sustainable Finance, die die EU-Kommission zu nachhaltiger Finanzpolitik berät, den AVV als zu berücksichtigenden Vertrag für die EU-Taxonomie. Doch die Kommission dehnte die Kriterien bereits 2022 mit der Aufnahme von Atomkraft und Erdgas. Veranstaltungen für Investor*innen gegen die Finanzierung von Atomwaffen werden so immer wichtiger, ebenso der Widerspruch der Verbraucher*innen: Nicht alle Finanzinstitute wollen Rüstung als nachhaltige Investition behandeln, es lohnt sich also ein Blick auf die eigene Bank und Geldanlage.
Das Nachhaltigkeitslabel für Rüstung ist absurd und unnötig. Rüstungsunternehmen sind am Finanzmarkt längst begehrt, doch ein Nachhaltigkeitssiegel gibt ihnen einen grünen Anstrich und verdeckt ihre Verantwortung für weltweite Umweltzerstörungen und soziale Krisen. Insbesondere bei der Atomwaffenproduktion, die die Gesundheit ganzer Gesellschaften ruiniert und ihre Umwelt verseucht hat. Deshalb muss die Neuinterpretation von Nachhaltigkeit für Finanzprodukte stärker thematisiert und vehement zurückgewiesen werden.
Anmerkung
1 https://www.europeanpensions.net/ep/PFA-adapts-policy-to-include-exclude...
Juliane Hauschulz ist Mitglied des geschäftsführenden Vorstands bei ICAN Deutschland und arbeitet hauptamtlich als Referentin für nukleare Abrüstung bei der IPPNW Deutschland.
BILDER
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Protest anlässlich der Rheinmetall-Hauptversammlung am 13.5.2025. Foto: Friedenskooperative, CC BY-NC-ND 2.0