Naturzerstörung durch Militär in „Friedens“zeiten

Der Todesweg einer Waffe

von Christine Schweitzer
Schwerpunkt
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Die Naturzerstörung durch Militär beginnt nicht erst, wenn Waffen im Krieg eingesetzt werden. Auch in Friedenszeiten trägt es mit dem gesamten Zyklus einer Waffe von der Gewinnung der Rohstoffe über ihre Produktion, Test- und Übungsbetrieb, Transport bzw. zur Verschrottung zur Umweltbelastung bei.

Während es eine wachsende Zahl von Studien über den Zusammenhang von Klimawandel und Konflikt gibt, sind die Daten, was Klimabelastung durch Rüstung und Krieg angeht, höchst lückenhaft. Viele Zahlen beruhen auf Schätzungen, denn es gibt keine umfassende Berichtspflicht über den CO2-Ausstoß im militärischen Sektor. Ursprünglich wurden sie gar nicht erfasst; das Pariser Klimaabkommen besagt, dass jede Nation selbst entscheiden darf, ob sie Daten zum Militär veröffentlichen will.

2022 gingen geschätzt rund 5,5 Prozent der weltweiten CO2-Äquivalent-Emissionen (=CO2e) auf Rüstung und Militär zurück, das sind 2.750 MtCO2e. Wenn Militär ein Land wäre, hätte es den viertgrößten Fußabdruck in der Welt, nach China, den USA, Indien und noch vor Russland. (1)

Die USA, die mehr als 3% des BIP für das Militär ausgeben und davon mehr als 20% für Ausrüstung, verursachen geschätzt einen Fußabdruck von 140 Millionen Tonnen tCO2e. Der gesamte Ausstoß betrug knapp 5,06 Milliarden. (2)

Der Weg einer Waffe
Der Weg einer Waffe beginnt mit dem Abbau der Rohstoffe. Dazu gehören nicht nur Eisen, Holz und Öl als Rohstoff für Plastik, sondern auch seltene Erden. Für einen Panzer werden z,B. Samarium, in Atom-U-Booten Gadolinium, in Radarsystem Yttrium, für manche Munitionsarten Zirkonium und natürlich für viele Produkte Lithium, Kobalt und Nickel benötigt. Ein F35 braucht ca. 450 kg der Seltenen Erden, eine Fregatte 1.920 kg, ein U-Boot der Klasse 212A mehr als 3.100 kg. (3) Für den Abbau der Rohstoffe werden Wald und landwirtschaftliche Flächen besonders im globalen Süden vernichtet und Menschen vertrieben. Welchen Anteil daran die Rüstungsindustrie hat, dazu gibt es keine Zahlen.

Der zweite Schritt ist die Produktion der Waffe. Ihre Belastungswerte verstecken sich in den Berichten i.d.R. in verschiedenen Kategorien. Im UN-Bericht Deutschlands für 2018 fielen „Kampfflugzeuge“ zum Beispiel unter die Rubrik des Luft- und Raumfahrzeugbaus, Schuss- und Artilleriewaffen tauchten in den Kategorien „Reparatur von Metallerzeugnissen“ und „Installation von Maschinen und Ausrüstung“ auf. Die Emissionen für Strom und Wärme wurden unter Energie gelistet. Der Grundstoff vieler Waffen, der „emissionsrelevante“ Stahl, wurde bei der Eisen- und Stahlproduktion verbucht, die zuletzt mehr als fünf Prozent der deutschen CO2-Emissionen verursachte. (4)

Crawford (2022) schätzt, dass 15 Prozent der gesamten in den USA industriell verursachten Treibhausgase der Rüstungsproduktion zugerechnet werden können. Und noch eine Zahl: Ein F35 besteht aus 300.000 Einzelteilen und wird von 1.900 Zuliefern rund um den Globus zusammengebaut. (Ein PKW braucht ca. 10.000 Teile). (5)

Zum Thema der Produktion gehört auch die Gefahr der Verseuchung von Herstellungsgebieten. In Hanford, Washington, wurde z.B. bis 1987 eine Plutoniumfabrik für Atomwaffen betrieben. Heute lagern dort über 200 Millionen Liter Atommüll in Dutzenden Tanks – und es entstehen immer mehr Lecks. (6)

Waffen werden getestet, meist in Übungsgeländen. Das Thema der Atomwaffentests dürfte den Leser*innen des Friedensforum vertraut sein und braucht hier nicht ausgeführt zu werden.

Von der Produktionsstätte gehen sie dann zum Abnehmer – entweder im eigenen Land oder in weit entfernten Ländern. Auch hier dürfte einiges an CO2 anfallen, egal ob der Transport per Bahn, Schiff oder von Kontinent zu Kontinent per Flugzeug erfolgt. Zahlen stehen nicht zur Verfügung.

Am Bestimmungsort angekommen, werden sie für die Ausbildung und die Übungen des Militärs benötigt und in Militärschauen (z.B. Flugschauen) gezeigt. Hierzu nur ein paar Zahlen, die sich in der Literatur finden lassen: Der Verbrauch eines Eurofighters beträgt 160 Liter Kerosin pro Minute im Normalbetrieb, bis zu 530 Litern, wenn der Nachbrenner für einen Extraschub sorgt. Bei 3.500 gg Treibstoff pro Flugstunde sind dies 11 Tonnen CO2 Äquivalente. (Das entspricht dem Verbrauch einer Bundesbürgerin im Jahr.) Ein Leopard-2-Panzer schluckt pro km im Schnitt etwas mehr als 4 Liter Diesel und stößt dabei 1,5 Kilogramm CO2 aus; ein russischer T-72 Panzer benötigt 2,5 Liter pro km auf befestigten Straßen. Von 2009-2019 verbrauchte die Bundeswehr 30.000 Artillerie-Geschosse vom Typ DM121. Der CO2-Ausstoß: 500.000 kg CO2. (7)

Auch Rüstungsgüter haben ein Verfallsdatum, andere werden durch modernere Systeme ersetzt. In jedem Fall werden die alten zu Müll und müssen vernichtet oder sicher gelagert werden. Munition wird oftmals verbrannt oder gesprengt; früher wurde auch vieles einfach im Meer versenkt. (Atommüllverklappung wurde erst 1993 international verboten.) Allein in der deutschen Nord- und Ostsee lagern Altlasten von rund 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition und etwa 5000 Tonnen chemischer Kampfstoffe, die in den beiden Weltkriegen durch Militäroperationen oder danach durch Verklappung versenkt wurden. (8)

Zu den Umweltschäden, wenn Waffen in Kriegen eingesetzt werden, schreibt Klaus Moegling in diesem Heft.

Aber auch nach einem Krieg gibt es viele neue Umweltschäden durch den Wiederaufbau. Insbesondere Zement kommt da ins Spiel. Für Syrien wurde geschätzt, dass die Herstellung von Zement für den Wiederaufbau von 900.000 Wohneinheiten an die 22 Millionen Tonnen CO2 freisetzen wird. (9) Für die Ukraine gilt dasselbe – auch dort wird vermutet, dass der Wiederaufbau mehr CO2 freisetzen wird als der Krieg selbst. (10)

 

Anmerkungen
1 Lin, H.C., Buxton,N., Akkerman,M., Burton, D., de Vries, W. (October 2023): Climate crossfire: how NATO’s 2% military spending targets contribute to climate breakdown, Transnational Institute, Stop Wapenhandel & Tipping Point South, with IPPNW and Centre Delas, https://www.tni.org/en/publication/climate-crossfire S. 16

2 Crawford, Neta C. (2022): The Pentagon, Climate Change, And War. Charting the Rise and Fall of U.S. Military Emissions, MIT Press

3 Peil, Karl-Heinz (2022): Rüstung und begrenzte Ressourcen, In: ‘Schwerpunkt: Umwelt und Krieg’, Ausdruck Nr. 111, Dezember 2022, Hrsg. Informationsstelle Militarisierung. S. 6-8, https://www.imi-online.de/download/Ausdruck-Dez2022-web.pdf

4 Eick, Felix (2020) Krieg und Rüstung – Die vergessenen Klimasünder, Die Welt, 29.8.2020, https://www.welt.de/wirtschaft/article211016375/CO2-Emissionen-Krieg-und...

5 Peil 2022 a.a.O.

6 Vergl. https://www.nuclear-risks.org/de/hibakusha-weltweit/hanford.html

7 Siehe https://dserver.bundestag.de/btd/20/018/2001829.pdf; https://www.bundeswehrabschaffen.de/bundeswehr-abschaffen/klimakiller-bundeswehr; https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/artikel/stoppt-die-klim...militaer

8 https://www.bundeswehr-journal.de/2022/acht-millionen-euro-mehr-fuer-bergung-von-munitionsaltlasten/

9 Auer, Martin (2021): Blut und CO2 – Was der Krieg mit dem Klima macht, https://at.scientists4future.org/2021/12/09/blut-und-co2-was-der-krieg-m...

10 De Klerk, Lennard et al. (2022): Climate Damage Caused by Russia’s War in Ukraine, by Initiative on GHG accounting of war, 1 November 2022, https://climatefocus.com/wp-content/uploads/2022/11/ClimateDamageinUkrai...

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Christine Schweitzer ist Co-Geschäftsführerin beim Bund für Soziale Verteidigung und Redakteurin des Friedensforums.