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Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion und Osteuropas?
Der Zweite Weltkrieg und die Versöhnungsarbeit in früheren Jahrzehnten
von
Im Kalten Krieg sind die Fragen der Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion und Osteuropas nach dem kriegsauslösenden Überfall auf Polen am 1. September 1939 und dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ab dem 22. Juni 1941 in der alten Bundesrepublik beschwiegen worden. Erst aus den Jahren der Entspannungspolitik mit Beginn 1965 (als Folge der Kubakrise 1962) bis 1991 sind Ansätze sowie Konzepte einer Versöhnungspolitik mit den Völkern der Sowjetunion und Osteuropas zu berichten. Eine Versöhnung ist bisher aber nicht erreicht.
1952 besuchte Martin Niemöller, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, den Patriarchen Alexeij (russisch orthodoxe Kirche) in Moskau. Seine Reise wurde zu Hause politisch missbilligt. Bundeskanzler Konrad Adenauer reiste 1955 nach Moskau, um mit der sowjetischen Führung – erfolgreich – über die Rückkehr Tausender deutscher Kriegsgefangenen zu verhandeln. Über eine Versöhnung wegen deutscher Schuld wurde nicht gesprochen. Den Boden für eine intensive Auseinandersetzung lieferten erst die „Ost-Denkschrift“ der EKD „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“ (1965) und die Stellungnahmen der polnischen und deutschen katholischen Bischöfe. Zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen und Organisationen sowie Kirchen unterstützten die von Willy Brandt und Egon Bahr auf der offiziellen politischen Ebene eingeleitete Entspannungspolitik. (1)
Als Kernprobleme einer Versöhnung mit dem polnischen Volk und den Völkern der Sowjetunion habe ich folgende Komplexe ausgewählt:
1. Umkehr in den Schalom
Die theologische Schlüsselfrage zur Versöhnung ist friedensethisch und friedenspolitisch, wie die Aufarbeitung der „besonderen deutschen Schuld“ zu einer „Umkehr in den Schalom“ führen könnte. Altbischof Dr. Werner Krusche, früherer Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, Magdeburg, sagte bei dem Kieler Friedenskongress der EKD und der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche „Gottes Friede den Völkern“ 1984: „Die Ausblendung der besonderen Schuld gegenüber dem zur Vernichtung bestimmt gewesenen Sowjetvolk ist der verhängnisvollste und folgenschwerste Vorgang in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Eine Kirche, die diese besondere Schuld nicht sehen konnte und wollte, hatte und hat einer antikommunistisch emotionalisierten Politik mit ihren Folgewirkungen nichts entgegenzusetzen.“ (2)
Das theologische „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ des Rates der EKD (1945) sowie das politisch präzisierende Darmstädter Wort des Bruderrates der EKD (1947), von der EKD nicht mitgetragen, blieben ohne Wirkung in den protestantischen Kirchen des Westens. Sie waren im Ost-West-Konflikt und der atomaren Abschreckung gefangen. Nur die Ökumenische Versammlung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) Dresden-Magdeburg-Dresden vollzog 1989 theologisch und friedenspolitisch die „Umkehr in den Schalom“ gegen die Friedensethik der EKD. Sie wandte sich gegen „Militarismus, Nationalismus, gegen die Legitimation von Krieg und Gewalt und das Freund-Feind-Denken. Wir erteilen Geist, Logik und Praxis der auf Massenvernichtungsmitteln gegründeten Abschreckung eine Absage.“ (3) Die EKD blieb bei dem „noch“ der atomaren Abschreckung (VIII. Heidelberger These, 1959).
2. DDR-Kirchen als Vorbild
Die zivilgesellschaftlichen Initiativen und Gruppen der Friedensbewegung folgten den DDR-Kirchen. Der Koordinationsausschuss (KA) der Friedensbewegung verantwortete z.B. im Zusammenhang des Staatsbesuches des Generalsekretärs der KPDSU Gorbatschow 1985, in Kooperation mit dem Sowjetischen Friedenskomitee (SFK), zwei Deutsch-Sowjetische Friedenswochen als „Volksdiplomatie“. Sie korrespondierten mit den Reformbemühungen von Gorbatschow für „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umbau) und den Entspannungspolitiken von Willy Brandt, Egon Bahr und Olof Palme. Die erste Friedenswoche fand vom 12. bis 15. Juni 1985 unter dem Motto „Das Denken modernisieren – Frieden gemeinsam schaffen“ statt. Die zweite, schon gesamtdeutsche Friedenswoche vom 31. August bis 8. September 1990 brachte 120 Aktive aus Westdeutschland und der DDR zu 16 lokalen Gesprächspartnern in den europäischen Teil der Sowjetunion. (4)
3. Stereotypen und Krieg
Zwei historischen Stereotypen unterlag das deutsch-sowjetische Verhältnis: Zum ersten gegenseitige Anstrengungen, den anderen zu unterwerfen, zum zweiten ideologisch verfestigte Feindbilder. Das erste Stereotyp gipfelte in dem Frieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 mit dem bolschewistischen Russland. Das zweite Stereotyp waren die menschenfeindlichen Ideologien des Antibolschewismus/ Antikommunismus und des Antisemitismus. Die Juden sollten ausgerottet werden. Diese Feindbilder gegen eine Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion und Polen haben sich in das politische Bewusstsein der Deutschen eingefressen.
In dem geheimem Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 vereinbarten Molotow und von Ribbentrop, Polen sollte aufgeteilt werden, Russland die baltischen Staaten annektieren. Am 1. September 1939 fielen deutsche Truppen in Polen ein. Am 22. Juni 1941 griff die Wehrmacht unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ ohne Bindung an kriegsvölkerrechtliche Normen mit drei Millionen Soldaten die Sowjetunion an, um die Rote Armee zu vernichten. Die Wehrmachtspropaganda verunglimpfte sowjetische Menschen als „Untermenschen“. Die sowjetische Bevölkerung sollte vertrieben, versklavt und getötet werden. Der Kriegsgerichtsbarkeitserlass der Wehrmachtsführung forderte von den Soldaten, Gegner auch bei passivem Widerstand zu erschießen. Hitler führte den Krieg als ein Kräftemessen zwischen dem Nationalsozialismus und dem Bolschewismus: „Der Bolschewismus ist der Todfeind des nationalsozialistischen deutschen Volkes. Dieser zersetzenden Weltanschauung und ihren Trägern gilt Deutschlands Kampf …“. Die politischen Kommissare der Roten Armee personifizierte Hitler als die Träger des „jüdischen Bolschewismus“. Der berüchtigte „Kommissarbefehl“, Kommissare bei Gefangennahme rücksichtslos zu erschießen, verstieß gegen geltendes Kriegsrecht.
Stalin rief im Juli 1941 den „Großen Vaterländischen Krieg“ aus. Er wurde mit enormer Härte bei großen Verlusten geführt. Bilanz des Todes: Die Zahl der menschlichen Opfer des Krieges auf sowjetischer Seite wird auf 25 – 40 Millionen geschätzt, davon 15,2 Millionen Zivilist*innen. Die Belagerung von Leningrad (1941-1944) forderte 900.000 Opfer. Russen mussten in Deutschland Zwangsarbeit leisten. 300.000 polnische Kriegsgefangene waren Zwangsarbeiter in Deutschland, im Frühsommer 1940 über 1 Million. 2,6 Millionen Jüd*innen in Sowjetrussland wurden 1941 umgebracht. Von den 3,3 Millionen Jüd*innen in Polen überlebten die Ermordung durch Gas, Arbeit und Hunger nur 380.000. 5,7 Millionen Rotarmisten gerieten in deutsche Gefangenschaft. 3,3 Millionen (= 57 %) starben dort an Unterernährung, epidemischen Krankheiten, der Kälte und Erschöpfung ohne jeglichen Schutz. 2,4 Millionen Gefangene mussten als Zwangsarbeiter in der deutschen Kriegsindustrie schuften. In Polen starben im Krieg geschätzt 240.000 Soldaten und 5.360.000 Zivilist*innen. In sowjetischer Kriegsgefangenschaft starben geschätzt 1,1 Millionen deutsche Soldaten, an der Ostfront fielen 2,7 Millionen Soldaten, also knapp über die Hälfte der insgesamt 5,3 Millionen im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommenen deutschen Soldaten.
Ca. 600.000 Zivilisten starben in Deutschland, u.a. im Luftkrieg. Die Legende, die Wehrmacht habe sich nicht an den deutschen Verbrechen beteiligt („saubere Wehrmacht“), widerlegten Historiker und die beiden Wehrmachtsausstellungen (1995 – 1999 und 2001 – 2004), letztere in Bezug auf den Holocaust, Plünderungen, Massenmorde und die Vernichtung von Kriegsgefangenen. Manfred Messerschmidt (Militärgeschichtliches Forschungsamt) charakterisierte den „Angriffskrieg gegen die Sowjetunion“ als ein „kriminelles Ereignis“, das „den absoluten Tiefpunkt der deutschen Militärgeschichte darstellt.“ (5) Der Krieg wurde völkerrechtlich erst durch den „Zwei- und Vier-Vertrag vom 12. September 1990 beendet.
4. Fazit: Keine Versöhnung
Das deutsch-russische Verhältnis ist gegenwärtig zerrüttet. In Russland hat sich seit 2013 mit „Ruski Mir“ ein starkes antiwestliches Feindbild durchgesetzt. Es ist politisch ideologisch verfestigt. Diese Lehre besagt, dass es eine transnationale russische Sphäre oder Zivilisation gibt, die „Heiliges Russland“ oder „Heilige Rus“ genannt wird. Sie umfasst vom Anspruch her u.a. Russland, die Ukraine und Weißrussland. Die russische Welt soll mit einer gemeinsamen, unverwechselbaren Spiritualität, Moral und Kultur regiert werden.
In Deutschland überwiegt auch wegen des Ukraine-Krieges eine militärisch und gesellschaftlich ausgerichtete Politik gegen Russland. Wenn irgendwann die „Umkehr in den Schalom“ gelingt und die herrschenden Stereotypen überwunden sind, könnte es neue Ansätze für Entspannung und Versöhnung geben.
Anmerkungen
1 Die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) veröffentlichte 1987 eine umfangreiche Liste von Referenten und Referentinnen zum Thema „Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion“.
2 Aktion Sühnezeichen Friedensdienste u.a.m. (Hrsg.): Werner Krusche: Schuld und Vergebung. Der Grund christlichen Friedenshandelns, Berlin, 1985.
3 Kirchenamt der EKD (Hg.): Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, Dresden-Magdeburg-Dresden, Texte 38, 1991, Hannover, S. 32f. S. 59.
4 Kristian Golla, Netzwerk Friedenskooperative, wirkte effektiv mit.
5 Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feinbilder Vernichtungskrieg Legenden. Büchergilde Gutenberg, 2002, S. 245 ff., S. 264 ff.
Bei dem Text handelt es sich um eine Zusammenfassung des Artikels des Autors „Kampagne der Friedensbewegung: Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion und den Völkern Osteuropas – Hintergründe und Akteure“ in dem „Forschungsjournal Soziale Bewegungen“, Heft 2025/7, Verlag De Gruyter (Erstveröffentlichung).