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3,5 Prozent-Ziel der NATO ist klimafeindlich
Die Aufrüstung der NATO gefährdet die Klimaziele
von
Während in diesem Jahr Teile Europas wieder Rekordtemperaturen melden, scheint der Klimaschutz in Deutschland zu stagnieren. Der Expertenrat für Klimafragen prognostiziert ab 2030 deutliche Zielverfehlungen bei der Reduzierung der Treibhausgasemissionen. (1) Das Budget für die internationale Zusammenarbeit, aus dem auch Klimaprojekte finanziert werden, wurde für 2025 um fast eine Milliarde Euro gekürzt. Dem gegenüber stehen die finanziellen und materiellen Ressourcen, die mit Deutschlands Aufrüstungsplänen einhergehen. 5 % des BIP sollen die NATO-Länder künftig ausgeben, davon sollen 3,5 % in das Militär fließen. Bundeskanzler Merz hat angekündigt, dass Deutschland dieses Ziel 2029 erreichen will und betonte, es werde „an keiner Stelle an den finanziellen Mitteln fehlen“. (2) Das Spannungsverhältnis zwischen unzureichenden Maßnahmen im Kampf gegen die Klimakrise und massiv fortschreitender Militarisierung muss adressiert werden.
Die Verbindung zwischen Klimakrise und Militarisierung blieb lange unter dem Radar von Entscheidungsträger*innen, Wissenschaftler*innen und auch Klimaorganisationen. Im Kyoto-Protokoll waren die Militäremissionen noch auf Drängen der USA ausgespart worden, seit dem Pariser Klimaabkommen ist ihre Erhebung freiwillig. Die daraus resultierende Datenlücke wird zunehmend kritisch in den Blick genommen. Prof. Neta Crawford war 2019 wegbereitend mit ihrer Berechnung des CO₂-Fußabdrucks des US-Militärs. (3) Drei Jahre später legten die Scientists for Global Responsibility und das Conflict and Environment Observatory erstmalig eine Einschätzung für den Anteil an den globalen Emissionen vor. Demnach entfallen ca. 5,5 % auf Militär und Rüstungsindustrie (4), die Emissionen aus gewaltsamen Konflikten und Kriegen nicht mitberechnet. Auch der Zusammenhang zwischen Aufrüstung und Emissionen wird untersucht: eine kürzlich erschienene Studie geht davon aus, dass jeder BIP-Prozentpunkt für Rüstungsausgaben nationale Emissionen um 0,9% - 2% steigert. (5)
Kollateralschaden Klima
Das Transnational Institute (TNI), Tipping Point North South, Stop Wapenhandel und weitere Organisationen beleuchten, wie sich die Rüstungsausgaben der NATO auf die Klimakrise auswirken. In ihrem 2022 erschienenen Report „Climate Collateral“ stellten sie die Kosten der Aufrüstung den Klimaausgaben gegenüber. (6) Ein im Juni diesen Jahres erschienenes Update mit dem Titel „NATO’s 3.5% Spending Goal – unsustainable on every count“ setzt sich ausführlich mit dem neuen NATO-Ausgabenziel von 3,5 % bzw. 5 % auseinander. (7) Die Ergebnisse werden im Folgenden näher erläutert.
Demnach wird deutlich: Schon das alte 2 %-Ziel der NATO, das 2025 voraussichtlich alle NATO-Länder erreichen, verursacht erhebliche Umweltschäden. So stiegen die NATO-Militärausgaben zwischen 2021 und 2024 um 25 % von 1.177 auf 1.506 Mrd. US-Dollar (USD) und der geschätzte CO₂-Fußabdruck von 196 auf 273 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente (MtCO₂e). Das Ausgabenziel der NATO von 3,5 % des BIP würde von 2025 bis 2030 zu Militärausgaben in Höhe von insgesamt 13,4 Billionen USD führen, was einen Anstieg um 2,6 Billionen USD gegenüber dem 2%-Niveau bedeutet. Da die USA bereits 2024 3,4% des BIP für das Militär ausgaben, entfällt der Großteil dieses Anstiegs auf die europäischen Mitgliedsländer und Kanada. Die Emissionen des Bündnisses betrügen summiert bis 2030 2.330 MtCO₂e, das entspricht fast dem jährlichen Treibhausgasausstoß Brasiliens und Japans zusammen und liegt 692 MtCO₂e über dem derzeitigen Niveau. Dieser Anstieg könnte die jährliche Emissionsreduzierung von 134 MtCO₂e zunichtemachen, die erforderlich ist, um das EU-Ziel für 2030 zu erreichen, die Treibhausgasemissionen um mindestens 55 % gegenüber 1990 zu senken. Stiegen die Rüstungsausgaben auf 5 % des BIP lägen sie über sechs Jahre bei 19 Billionen USD, also fast doppelt so viel, wie auf dem 2 %-Niveau, während die CO₂-Emissionen auf insgesamt 2.760 MtCO₂e anstiegen.
Aufrüstung ohne finanzielle Grenzen
Die finanziellen Verpflichtungen für das Militär stehen im Kontrast zur Austeritätspolitik der EU. In Deutschland sind Verteidigungsausgaben von mehr als 1% BIP künftig von der Schuldenbremse ausgenommen. Auch wenn auf Druck der Partei Bündnis 90/Die Grünen ebenfalls ein 100 Milliarden Klima-Sondervermögen beschlossen wurde: Es steht zu befürchten, dass die Aufrüstung Mittel für die Klimafinanzierung, aber auch für Investitionen in Bildung, Gesundheit und Soziales abzieht. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) bekannte sich im Juni dieses Jahres klar zum 3,5%-Ziel und forderte in der Haushaltsdebatte gleichzeitig Einsparungsvorschläge von allen Ministerien. EU-weit ist eine vergleichbare Entwicklung zu beobachten. Die Fazilität für Konjunkturbelebung und Widerstandsfähigkeit (RRF), die größte Quelle von EU-Zuschüssen für die grüne Transformation, läuft 2026 aus. Dadurch wird eine Lücke in der EU-Finanzierung von mindestens 180 Mrd. € für den Zeitraum 2024 bis 2030 entstehen. Bereits deutlich spürbar sind die s
Die internationale Finanzierung für Klimaschutz, Klimaanpassung und den Ausgleich von Schäden und Verlusten bleibt dabei weit hinter den Anforderungen zurück. Auf der COP29 im November 2024 einigten sich die Staaten auf ein neues Klimafinanzierungsziel. Bis 2030 sollen jährlich 1,3 Billionen USD bereitgestellt werden, davon allerdings nur 300 Mrd. USD aus der öffentlichen Finanzierung der Annex-II-Länder, also der reichen Länder des Globalen Nordens. Der Deal war eine herbe Enttäuschung für die Verhandler*innen aus dem Globalen Süden. Eine UN-Expertenkommission bezifferte den Bedarf an Klimafinanzierung in den sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern ausgenommen China auf 2,3–2,5 Billionen USD jährlich bis 2030. (8) Allein der Anstieg der NATO-Rüstungsausgaben von 2 % auf 3,5 % bis 2030 entspricht dieser Summe.
Mit dem 3,5%-Ziel droht sich dieses massive Ungleichgewicht nicht nur für die NATO Länder zu verstärken. Sollten andere Länder, insbesondere China, in dem Wettrüsten nachziehen, hätte dies massive Konsequenzen. Würde China auf 3,5% des BIPs aufrüsten, bedeutete das eine Verdopplung der Rüstungsausgaben auf 646 Mrd. USD, mit dem damit einhergehenden Anstieg der CO2-Emissionen. Als Profiteure gehen die Unternehmen der Rüstungsindustrie hervor. Das Ausgabenziel der NATO sieht auch vor, 20% in Rüstungsgüter zu investieren. So verzeichneten die großen Waffenproduzenten der NATO-Länder Rekordgewinne und Wachstumsraten von bis zu 15% von 2023 auf 2024.
Die Gegenüberstellung von Militärausgaben und Klimafinanzierung zeigt eindrücklich, wie sehr sich politische Prioritäten zugunsten der Aufrüstung verschieben. Anstatt dringend benötigte Mittel in Klimaschutz und globale Gerechtigkeit zu investieren, wird ein Kurs eingeschlagen, der Emissionen steigert und Ungleichheiten vertieft. Um die größte Sicherheitsbedrohung unserer Zeit, die Klimakrise, wirksam zu bekämpfen, braucht es nicht mehr Militär, sondern den klaren politischen Willen zu einer sozial-ökologischen Transformation.
Anmerkungen
1 Expertenrat für Klimafragen (2025): Prüfbericht vom 15.05.2025. abgerufen: https://expertenrat-klima.de/news/erk2025_pruefbericht-emissionsdaten-20...
2 Pressestatement von Friedrich Merz am 17.02.2025. abgerufen: https://www.cdu.de/aktuelles/cdu-deutschlands/einigung-fuer-die-zukunft-...
3 Neta Crawford (2019): Pentagon Fuel Use, Climate Change, and the Costs of War. abgerufen: https://costsofwar.watson.brown.edu/paper/pentagon-fuel-use-climate-chan...
4 Stuart Parkinson, Scientists for Global Responsibility (SGR) & Linsey Cottrell,
Conflict and Environment Observatory (CEOBS) (2022): Estimating the Military’s Global
Greenhouse Gas Emissions. Abgerufen: https://ceobs.org/wp-content/uploads/2022/11/SGRCE-
OBS-Estimating_Global_MIlitary_GHG_Emissions_Nov22_rev.pdf
5 Balázs Markó (2024): The Green Peace Dividend: the Effects of Militarization on
Emissions and the Green Transition. Abgerufen:
https://www.researchgate.net/publication/383529958_The_Green_Peace_Divid...
the_Effects_of_Militarization_on_Emissions_and_the_Green_Transition
6 Tipping Point North South, Stop Wapenhandel & TNI (2022): Climate Collateral. How military spending accelerates climate breakdown. abgerufen: https://www.tni.org/en/publication/climate-collateral
7 TNI, Stop Wapenhandel, Tipping Point North South, IPB, Centre Delàs & IPPNW Germany (2025): NATO’s 3.5% Spending Goal. Unsustainable on every count. Abgerufen: https://www.tni.org/en/publication/natos-35-spending-goal
8 Amar Bhattacharya, Vera Songwe, Nicholas Stern & Eléonore Soubeyran (2024): Raising ambition and accelerating delivery of climate finance. Third report of the Independent High-Level Expert Group on Climate Finance. Abgerufen: https://www.lse.ac.uk/granthaminstitute/publication/raising-ambition-and...
Die Datengrundlage zum 3,5%-Ziel der NATO beruht auf dem zitierten TNI Report, den IPPNW Deutschland mit veröffentlicht hat. Eine deutschsprachige Kurzzusammenfassung ist außerdem hier zu finden: https://news.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Klima/2025_Report_3_5-Ziel-der-NA...