In unserer Zeitschrift "FriedensForum" berichten wir über akutelle Aktionen und Kampagen aus der Friedensbewegung. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Frühe Warnungen vor der Atombombe
Die Mainauer Erklärung (1955) gegen nukleare Waffen
von
Nach dem Abwurf der amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wurden die Erforschung und Produktion von Massenvernichtungswaffen fortgesetzt. Am 1. März 1954 zündeten die USA die Wasserstoffbombe BRAVO auf dem Bikini-Atoll. Für die dort lebenden Menschen bedeuteten diese atomaren Tests: Leukämie, Schilddrüsenkrebs und Fehlgeburten.
Vor diesem Hintergrund blieb die Kritik an diesen Waffen nicht aus. Albert Einstein und Bertrand Russell, beide schon Kritiker des kriegstüchtigen Militarismus und des Ersten Weltkrieges, erörterten die Frage, wie eine internationale Öffentlichkeit auf die atomaren Gefahren aufmerksam gemacht werden könnte. Einen ersten großen Erfolg konnte Russell erzielen. Die BBC sendete seinen Vortrag „Man's Peril“ mit großer Wirkung ausgerechnet am 23. Dezember 1954.
Cobalt 60
Otto Hahn veröffentlichte im März 1955, also nur wenige Monate vor der Mainauer Erklärung, eine Schrift über Cobalt 60, um über Atom- und Wasserstoffbomben im Kalten Krieg aufzuklären.
„In der Hand der großen politischen Führer liegt heute eine ungeheure Verantwortung. Wenn auch die gewöhnlichen Atombomben, wenn selbst die Wasserstoffbomben nur örtlich begrenzte, dort aber schreckliche Wirkungen haben, dann kommt doch darüber hinaus noch die Möglichkeit der Erzeugung des Cobalt 60 mit diesen Wasserstoffbomben. Und ein geisteskranker oder machtbesessener Diktator könnte dann nach dem Vorbild 'après nous le déluge' („Nach uns die Sintflut“, die Redaktion) die zivilisierte Welt, damit auch sein eigenes Land, dem Strahlentod übergeben. […] Einem vereinten Appell aller verantwortungsbewußten Wissenschaftler, denen die Gefahren der Anwendung eines die Welt bedrohenden Kriegsmittels bekannt sind, sollte es doch gelingen, die Verantwortlichen der großen Politik auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs an einen Verhandlungstisch zu bringen.“ (Hahn, Cobalt 60, 10 und 15f. Die Rechtschreibung folgt stets dem Original.)
Hahn konnte seine Position in einem Vortrag im Nordwestdeutschen Rundfunk (angeschlossen waren auch Dänemark und Norwegen) sowie in englischer Sprache in der BBC darstellen. In seinen Lebenserinnerungen bemerkt Hahn über die Auswirkungen seines Beitrages. „Die kommenden Wochen zeigten, daß meine Ausführungen große Beachtung gefunden hatten. Von allen Seiten bekam ich Briefe, so daß ich das Manuskript nun auch noch der ´Frankfurter Allgemeinen' zum Abdruck überließ, dem sich weitere Zeitschriften anschlossen. Die deutlichste Zustimmung kam von linksgerichteten Stellen; und sogar der damalige Ministerpräsident der Ostzone, Otto Grotewohl, bezog sich in einem seiner 'Friedensappelle' auf meine Worte.“ (Hahn, Mein Leben, 229)
Die Mainauer Erklärung
Am 9. Juli 1955 präsentierte Bertrand Russell das Russell-Einstein-Manifest gegen die atomare Bedrohung. In Lindau am Bodensee kam es ab 1951 zu Treffen von Menschen, die den Nobelpreis verliehen bekommen hatten. Es war besonders das Verdienst von Werner Heisenberg, für das Jahr 1955 diejenigen Nobelpreisträger nach Lindau einzuladen, die sich schwerpunktmäßig mit der Atomforschung beschäftigten. Im Rahmen der Tagung wurde am 15. Juli, also nur kurz nach dem Russell-Einstein-Manifest eine Abschlusskundgebung verabschiedet. Diese Erklärung lautet:
„Wir, die Unterzeichneten, sind Naturforscher aus verschiedenen Ländern, verschiedener Rasse, verschiedenen Glaubens, verschiedener politischer Überzeugung. Äußerlich verbindet uns nur der Nobelpreis, den wir haben entgegennehmen dürfen.
Mit Freuden haben wir unser Leben in den Dienst der Wissenschaft gestellt. Sie ist, so glauben wir, ein Weg zu einem glücklicheren Leben der Menschen. Wir sehen mit Entsetzen, daß eben diese Wissenschaft der Menschheit Mittel in die Hand gibt, sich selbst zu zerstören. Voller kriegerischer Einsatz der heute möglichen Waffen kann die Erde so sehr radioaktiv verseuchen, daß ganze Völker vernichtet werden. Dieser Tod kann die Neutralen ebenso treffen wie die Kriegführenden.
Wenn ein Krieg zwischen den Großmächten entstünde, wer könnte garantieren, daß er sich nicht zu einem solchen tödlichen Kampf entwickelte? So ruft eine Nation, die sich auf einen totalen Krieg einläßt, ihren eigenen Untergang herbei und gefährdet die ganze Welt.
Wir leugnen nicht, daß vielleicht heute der Friede gerade durch die Furcht vor diesen tödlichen Waffen aufrechterhalten wird. Trotzdem halten wir es für eine Selbsttäuschung, wenn Regierungen glauben sollten, sie könnten auf lange Zeit gerade durch die Angst vor diesen Waffen den Krieg vermeiden. Angst und Spannung haben so oft Krieg erzeugt. Ebenso scheint es uns eine Selbsttäuschung, zu glauben, kleinere Konflikte könnten weiterhin stets durch die traditionellen Waffen entschieden werden. In äußerster Gefahr wird keine Nation sich den Gebrauch irgendeiner Waffe versagen, die die wissenschaftliche Technik erzeugen kann.
Alle Nationen müssen zu der Entscheidung kommen, freiwillig auf die Gewalt als letztes Mittel der Politik zu verzichten. Sind sie dazu nicht bereit, so werden sie aufhören zu existieren.
Mainau (Bodensee), 15. Juli 1955.“ (Zitiert nach Quitzow, Naturwissenschaftler, 275f.)
Insgesamt haben 18 Naturwissenschaftler (keine Naturwissenschaftlerinnen) diesen Aufruf als Erstunterzeichner unterstützt, nämlich: Kurt Alder (Köln), Max Born (Bad Pyrmont), Adolf Butenandt (Tübingen), Arthur C. Compton (Saint Louis), Gerhard Domagk (Wuppertal), Hans K. von Euler-Chelpin (Stockholm), Otto Hahn (Göttingen), Werner Heisenberg (Göttingen), Georg von Hevesy (Stockholm), Richard Kuhn (Heidelberg), Fritz Lipmann (Boston), H. J. Muller (Bloomington), Paul Hermann Müller (Basel), Leopold Ruzicka (Zürich), Frederick Soddy (Brighton), W. M. Stanley (Berkeley), Hermann Staudinger (Freiburg) und Hideki Yukawa (Kyoto). (1)
Unmittelbare Auswirkungen hatten das Russell-Einstein-Manifest und die Mainauer Erklärung auch auf die Bundesrepublik, wie die folgende Erklärung zeigt.
„Wir auf der Tagung des Verbandes Deutscher Physikalischer Gesellschaften am 25. September 1955 in Wiesbaden versammelten Physiker haben die von Bertrand Russell und neun anderen führenden Naturwissenschaftlern aus aller Welt unterzeichnete Resolution und den Mainauer Appell von 18 dort versammelten Nobelpreisträgern zu Atomrüstung und Atomkrieg mit tiefer Befriedigung und voller Zustimmung zur Kenntnis genommen. […]“ (Zitiert nach Quitzow, Naturwissenschaftler, 277f.)
Anmerkung
1 Faksimile der Mainauer Kundgebung und der Unterschriftenliste bei Burmester, Wissenschaft, 48f.). Weitere Unterschriften kamen hinzu, so waren es ein Jahr später schon 51. Die Erklärung wurde in vielen Zeitungen abgedruckt und erreichte so eine hohe Popularität.
Zum Weiterlesen
Detlev Bald: Hiroshima, 6. August 1945. Die atomare Bedrohung. München 1999
Achim von Borries: Rebell wider den Krieg. Bertrand Russell 1914-1918. Nettersheim 2008
Ralph Burmester: Wissenschaft aus erster Hand. 65 Jahre Lindauer Nobelpreisträgertagungen. Bonn ³2015
Albert Einstein: Über den Frieden. Weltordnung oder Weltuntergang? Hg. von Otto Nathan und Heinz Norden. Bern 1975
Otto Hahn: Mein Leben. München 1968
Ders.: Cobalt 60. Gefahr oder Segen für die Menschheit? Göttingen ³1956
Karlheinz Lipp: Chronologie der Friedensinitiativen in den beiden deutschen Staaten von 1945 bis 1955. Norderstedt 2021
Lawrence S. Wittner: The Struggle against the Bomb. Volume two. Resisting the Bomb. A History of the World Nuclear Disarmament 1954-1970. Stanford, California 1997
Wilhelm Quitzow: Naturwissenschaftler zwischen Krieg und Frieden. Düsseldorf 1986