Künstliche Intelligenz und Robotik

Die Rolle und Bedeutung von KI in Militär und Kriegsführung

von Hans-Jörg Kreowski
Schwerpunkt
Schwerpunkt

Die militärische Geschichte der Künstlichen Intelligenz (KI) und Robotik beginnt im großen Stil 1983 mit der Strategic Computing Initiative (SCI) der DARPA, der Defence Advanced Research Project Agency des US-Verteidigungsministeriums. SCI war auf zehn Jahre angelegt und hatte einen für damalige Verhältnisse gigantischen Finanzrahmen von bis zu einer Milliarde US-Dollar. (1)  

Neben dem erklärten, aber völlig unrealistischen Hauptziel des Projekts, dem Bau einer „denkenden Maschine“, standen drei Anwendungen im Zentrum der Entwicklung: ein Sprachassistent für die Piloten der Luftwaffe, ein Schlachtenmanagementsystem für die Marine und autonome Landfahrzeuge für das Heer. Obwohl sich keine schnellen Erfolge abzeichneten, muss SCI wohl als Ausgangspunkt einer beispiellosen Entwicklung der KI und Robotik – insbesondere auch im militärischen Bereich – gesehen werden. Inzwischen hat die Verarbeitung von Sprache und Text ein unglaubliches Niveau erreicht genauso wie die Verarbeitung von Bildern, wie sie insbesondere für das eigenständige Navigieren von Fahrzeugen benötigt wird. Und Managementsysteme sind inzwischen weit verbreitet. Auch bei den unbemannten autonomen und teilautonomen Kriegsvehikeln hat es gewaltige Fortschritte gegeben. Dabei ist festzuhalten, dass sich die Ziele und auch die Methoden seit den Anfängen der KI gar nicht allzu sehr verändert haben, aber der heute verfügbare riesige Speicherplatz und die unglaubliche Rechengeschwindigkeit erlauben solche Anwendungen. 

Unbemannte Militärvehikel
Der inzwischen erreichte Entwicklungsstand ist bei unbemannten Drohnen zu Land, auf und unter Wasser sowie in der Luft unter den KI-gestützten Militärsystemen am weitesten fortgeschritten. Unbemannte Land- und Wasserfahrzeuge kommen auch nach Jahrzehnten intensiver Entwicklung noch eher selten und sporadisch zum Einsatz. Ihre fliegenden Pendants sind jedoch seit nunmehr mehreren Jahrzehnten regelmäßig im Einsatz – mit immer noch stark steigender Tendenz.

Den Anfang machten Aufklärungsdrohnen, die über feindliches Gebiet fliegen und dieses ausspionieren können. Es dauerte nicht lange, bis solche Drohnen, ausgestattet mit Raketen, zu bewaffneten und tödlichen Drohnen umgerüstet wurden. Israel und die USA waren die Pioniere. Die ersten bewaffneten Drohnen waren noch extrem teuer und kosteten Millionen. Heutzutage können Killer-Drohnen für einen fünfstelligen Betrag pro Stück gekauft werden und sind weit verbreitet. Es gibt sie in einer Vielzahl von Größen, von klein bis groß, und von billig bis teuer.

Neben Israel und den USA gehören auch China, Iran, Russland und die Türkei zu den Herstellerländern. Auch deutsche Rüstungsunternehmen beginnen, in diesen Markt einzusteigen. Mehrere Dutzend Länder haben diese Waffen gekauft, einige setzen sie bereits ein. Killer-Drohnen sind zu einer gängigen Waffe geworden, wobei aktuell die meisten Drohnen Kamikaze-Drohnen für den einmaligen Gebrauch sind. Nach Tausenden von Einsätzen in Afghanistan, Pakistan, Jemen und anderen Orten in eher asymmetrischen Kriegen mit vielen zivilen Opfern, in denen Drohnen aufgrund fehlender Luftabwehr nicht abgefangen wurden, zeigt der Krieg in der Ukraine, dass bewaffnete Drohnen auch dann eine wichtige Rolle spielen, wenn zwei etwa gleich starke und schwer bewaffnete Armeen gegeneinander kämpfen. Und es zeigt sich, dass selbst ein funktionierendes Luftabwehrsystem nicht ausreicht, um Drohnenschwärme vollständig zu eliminieren.

Aufklärungs- und Killerdrohnen sind Waffensysteme, die ohne Digitalisierung und KI nicht existieren würden, da sie programmgesteuert fliegen und vor allem mit Hilfe digitaler Bildverarbeitung ihre Ziele finden. Der nächste Entwicklungsschritt, an dem intensiv gearbeitet wird, ist die vollständige Autonomie, bei der die Bordsysteme auch über den Einsatz von Waffen entscheiden. In Politik und Militär sind autonome Waffen aus ethischer und völkerrechtlicher Sicht umstritten, ein Verbot ist jedoch nicht absehbar. (2) 

Die KI-tisierung des Kriegs
Der militärische Einsatz Künstlicher Intelligenz und Robotik endet aber nicht bei KI-basierten Waffensystemen, sondern umfasst unter dem Motto „Krieg neu denken“ alle Elemente der Kriegsführung, wobei das Zusammenwirken von Mensch und Maschine als besonderes Problem gilt. Militärs sprechen euphemistisch und irreführend von Mensch-Maschine-„Teambildung“. Wieweit die Überlegungen gehen, kann beispielhaft der Planung des Future Combat Air Systems (FCAS) von Deutschland, Frankreich und Spanien entnommen werden. Für geschätzte 100 Milliarden Euro soll bis 2040 ein neues Kampfflugzeug der sechsten Generation entstehen, mit dem Luftkämpfe in der ganzen Welt in einem Begleitschwarm von bewaffneten Drohnen geführt werden können, gemanagt von einem KI-System. (3) Neuerdings drängen die Big-Tech-Konzerne und IT-Unternehmen in ihrem Gefolge darauf, die KI-Systeme auf der Basis großer Sprachmodelle nach Art von ChatGPT im militärischen Kontext einzusetzen – eine Entwicklung, die nichts Gutes verheißt. (4) Die Idee ist, mit Hilfe von generativen KI-Methoden die Zeit zwischen Zielfindung und Zielzerstörung drastisch zu verkürzen, so dass selbst ein ansonsten gleichstarker Gegner ins Hintertreffen gerät.

Die Digitalisierung sowie insbesondere die KI-tisierung und Roboterisierung der Kriegsmaschinerie erhöht die Gefahr von Krieg – regional, aber auch weltweit.

Ein Zeichen dagegen
Zu seinem 40-jährigen Bestehen 2024 hat das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) das Memorandum gegen Krieg und seine Digitalisierung herausgebracht. (5) Zu den Forderungen gehören:

  • Verbot offensiver Cyberwaffen, letaler Drohnen und autonomer Waffen
  • Stopp der Digitalisierung des Kriegs
  • Moratorium von militärischen KI-Anwendungen
  • Abrüsten statt Aufrüsten

Die eigentliche Forderung aber ist, dass die Nationen der Welt ihr Versprechen: „… künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren“, das sie in der Präambel der UN-Charta abgegeben haben, endlich einlösen.

Anmerkungen
1 Siehe Roland, Alex/Shiman, Philip (2002): Strategic Computing – DARPA and the Quest for Machine Intelligence, 1983-1993. The MIT Press
2 Zu militärischen, völkerrechtlichen und wissenschaftlichen Aspekten autonomer Waffensysteme siehe Williams, Andrew P./Scharre Paul D. (Hrsg.) (2015): Autonomous Systems – Issues for Defence Policymakers. NATO Headquarters Supreme Allied Commander, Transformation, Norfolk, Virginia, United States. http://www.act.nato.int.
3 Für eine ausführliche Darstellung des Themenkomplexes siehe Kreowski, Hans-Jörg/Lye, Aaron (Hrsg.) (2021): Künstliche Intelligenz zieht in den Krieg, Schwerpunkt. FIfF-Kommunikation 4/2021, 28-30 und Dossier 93, Beilage zu Wissenschaft und Frieden 4/2021.
4 Siehe Kreowski, Hans-Jörg (2025): Kriegsrasseln mit Künstlicher Intelligenz – Formiert sich der militärisch-industrielle Komplex neu?. Wissenschaft und Frieden 3/2025, Seiten 17-19. (Nachdruck in FIfF-Kommunikation 3/2025, Seiten 21-24)
5 Siehe https://fiff.de/memorandum-informatik-frieden/ mit der Möglichkeit zu unterschreiben

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Hans-Jörg Kreowski ist Professor (i.R.) für Theoretische Informatik an der Universität Bremen. Außerdem setzt er sich seit seinem Studium mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Wissenschaft auseinander. Er ist seit langem Mitglied im Vorstand des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF). Er vertritt das FIfF im Vorstand der Zeitschrift Wissenschaft und Frieden. Mehr Informationen findet man unter https://www.fiff.de/personen/hans-joerg-kreowski/. (Kontakt: kreo@fiff.de )