Sie wollten nicht töten

Ein globaler Überblick über Kriegsdienstverweigerung im 2. Weltkrieg

von Guido Grünewald

Eine Gesamtdarstellung der Kriegsdienstverweigerung (KDV) im 2. Weltkrieg existiert nicht, aber es gibt Einzelstudien zu zahlreichen (allerdings nicht allen) kriegführenden Ländern, auf denen dieser extrem komprimierte Überblick beruht. 

Unter KDV wird hier die gegenüber Behörden offen erklärte persönliche Weigerung verstanden, eine bereits erhaltene oder erwartete Aufforderung zum Waffendienst zu befolgen und die Folgen einschließlich (harter) Strafen zu tragen. Andere Formen der Wehr- und Kriegsflucht (Flucht ins Ausland, Desertion und Fahnenflucht, Selbstverstümmelung, Suizid, Simulation, passive Befehlsverweigerung, Sabotage, Meuterei) können ebenfalls auf einer bewussten Entscheidung gegen eine (weitere) Kriegsteilnahme beruhen, doch ist dies nur manchmal erkennbar; zudem speisen sie sich aus einer Vielzahl von Motiven (auch persönlicher Art) und treten im Unterschied zur KDV gehäuft meist mit fortdauernder Kriegsdauer und schwindender Akzeptanz auf. 

Exakte Zahlen zur KDV im 2. Weltkrieg gibt es nicht. Eine überschlägige Rechnung (teilweise geschätzt) ergibt ca. 190.000 Verweigerer, eine winzige Minderheit bei ca. 110 Mio. Menschen unter Waffen (allerdings nicht alle wehrpflichtig). KDV war in vielen Fällen eine einsame, individuelle Gewissensentscheidung, sehr oft religiös motiviert. Das Gefühl der Isolation teilten die meisten Verweigerer, die Rahmenbedingungen waren allerdings unterschiedlich.

Achsenmächte, Schweiz, Finnland
In den Achsenmächten stand KDV nicht nur konträr zur kriegerischen Expansionspolitik, sondern auch zum weitgehend homogenen gesellschaftlichen Konsens. Im NS-Staat (Deutschland und Österreich) wurden Kriegsdienstverweigerer (KDVer) unerbittlich verfolgt. Etwa 600 Verweigerer wurden von Kriegsgerichten wegen Wehrkraftzersetzung (§5 Kriegssonderstrafrechtsverordnung) verurteilt, ca. 400 zum Tode; 85% der Urteile wurden vollstreckt. Fast alle KDVer handelten aus religiösen Motiven; über 80% waren Zeugen Jehovas, dazu kamen einige Protestanten, Katholiken und Mitglieder der Siebenten-Tags-Adventisten-Reformationsbewegung. Nur in zwei Fällen wissen wir von einer (auch) politischen Motivation. Im militaristischen Japan wurde KDV ebenfalls unterdrückt, zudem war individuell abweichendes Verhalten einer gemeinschaftsorientierten Kultur fremd. Bekannt sind weniger als 10 Fälle von christlichen KDVern (3 Zeugen Jehovas), die mehrjährige Gefängnisstrafen erhielten. Aus Italien sind keine KDVer bekannt. Hart unterdrückt wurden Verweigerer auch in der stalinistischen Sowjetunion. Wir kennen die Namen von je einem Protestanten und Baptisten und wissen von einigen Tolstojanern aus den westsibirischen Agrarkommunen, die wegen ihrer Verweigerung erschossen wurden.     
Die neutrale Schweiz kannte keine Ausnahme von der Wehrpflicht. Im 2. Weltkrieg verweigerten 78 „Wehrmänner“, meist aus religiösen Gründen; sie wurden (teilweise mehrmals) zu Gefängnisstrafen von bis zu 14 Monaten verurteilt. 

In Finnland galt das Recht auf KDV in Kriegszeiten nicht. Von 200 meist religiösen Verweigerern landeten viele in Gefängnissen oder Arbeitsbataillonen der Armee (Winterkrieg) und wurden  im Fortsetzungskrieg teilweise an die Front gebracht. Einige wurden von der Armee erschossen, unter ihnen der pazifistisch-antimilitaristische Aktivist Arndt Pekkurinen.

Westliche Alliierte
Besser waren die Rahmenbedingungen in den alliierten liberalen Demokratien. Dort gab es eine grundsätzliche, allerdings nicht von allen Segmenten der Öffentlichkeit geteilte Toleranz für KDV sowie Lobbyorganisationen aus pazifistischen und kirchlichen Kreisen, die sich für die Verweigerer einsetzten. Vor allem in Großbritannien (GB) und den USA hatte die Erinnerung an die harte Behandlung der KDVer und den erbitterten Widerstand zahlreicher Totalverweigerer (TV) im 1. Weltkrieg direkten Einfluss auf die nun konziliantere Einstellung. In GB stellten die Prüfungsausschüsse Verweigerer a) bedingungslos oder b) für einen zivilen Alternativdienst frei, sie entschieden c) auf waffenlosen Militärdienst oder lehnten d) den KDV-Antrag ab. Von den knapp 63.000 Verweigerern (ca. 1.000 Frauen nach Einführung der partiellen Frauenwehr- und Arbeitspflicht) leistete die Mehrheit unbewaffneten Militär- oder Alternativdienst. Etwa 6.000 Verweigerer (Anträge abgelehnt, TV) landeten im Gefängnis; bis 1941 kam es zu Katz- und Maus-Verfolgungen (wiederholte Einberufung und Bestrafung). Die USA (offiziell 73.000, geschätzt bis zu 100.000 Verweigerer) und die britischen Dominions Australien, Kanada und Neuseeland (zusammen 20.000 KDVer) übernahmen bis auf die bedingungslose Freistellung das britische Schema. In den USA akzeptierte die Hälfte der Verweigerer unbewaffneten Militärdienst; ca. 6.000 KDVer (die meisten davon TV) verbüßten mehrjährige Gefängnisstrafen. In Neuseeland drängten Regierung und Öffentlichkeit darauf, dass Verweigerer „den gleichen Preis wie Soldaten zahlen“ sollten. Die Prüfungsausschüsse lehnten 40% der KDVer ab; 803 wurden ab 1942 für die Kriegsdauer - mit zusätzlichem Beschäftigungsverbot im öffentlichen Dienst und Aberkennung des Wahlrechts bis 1948/1950 - in Lagern interniert.

Motivationen
Die große Mehrheit der Verweigerer handelte aus religiösen Motiven. Sie kamen aus den historischen Friedenskirchen der Quäker, Brüder und Mennoniten, deren Mitglieder allerdings mehrheitlich Militärdienst leisteten, aus Freikirchen und im angelsächsischen Raum auch aus den protestantischen Hauptströmungen; beispielhaft nenne ich Baptisten, Christadelphier, Methodisten, Pfingstler, Presbyterianer. Auch einige Juden und Katholiken verweigerten. Sie alle waren kleine Minderheiten in ihren Kirchen; diese unterstützten auf allen Seiten uneingeschränkt den Krieg. Anders war es bei den Zeugen Jehovas. Aus der Treue gegenüber Gott als dem einen Herrn und der daraus erwachsenden Pflicht, sich „in den Dingen der vergehenden Welt“ neutral zu verhalten, lehnten sie jede Kriegsbeteiligung ab. Zeugen Jehovas stellten die große Mehrheit aller TV und damit auch Gefängnisinsassen; auch in der Haft verweigerten viele direkt kriegsbezogene Arbeiten. Ein Teil der als religiös klassifizierten KDVer hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit zusätzlich allgemein-humanitäre, bisweilen auch politische Motive. Die Anerkennungschancen vor den Prüfungsgremien waren deutlich höher, wenn ein Antrag religiös begründet wurde.

Viele religiöse Verweigerer dienten bereitwillig unbewaffnet in der Armee, meist als Sanitätssoldaten. Sie wollten selbst nicht töten, dennoch ihrem Land dienen und verstanden ihren Einsatz als humanitär. Die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten vertrat den Nichtkämpferstatus (conscientious cooperator) seit 1923 als offizielle Position, viele Nichtkämpfer kamen auch aus den Reihen der Plymouth Brethren. Den Quäkern nahe stehend, obgleich autonom, war die Friends Ambulance Unit (1.200 Männer, 97 Frauen). Die Einsätze der Nichtkämpfer waren oft gefährlich, viele bewiesen großen Mut und Tapferkeit; der Adventist Desmond Doss wurde mit der höchsten US-Kriegsmedaille ausgezeichnet.

Im Alternativdienst sollte „Arbeit von nationaler Bedeutung“ geleistet werden, oft in staatlich betriebenen Lagern. Haupteinsatzgebiete waren Land- und Fortwirtschaft, Krankenhäuser, Feuerbekämpfung, Kohleförderung; Zivilverteidigung blieb umstritten. Mehrere hundert Verweigerer stellten sich freiwillig als „Versuchskaninchen“ bei medizinischen Experimenten (Malaria, Hakenwurm, Typhus) zur Verfügung. In den USA dienten 12.000 Verweigerer ohne Bezahlung in Civilian Public Service-Lagern, die von den Friedenskirchen betrieben wurden, aber der staatlichen Disziplinargewalt unterlagen. In einigen Lagern kam es aufgrund der als willkürlich empfundenen Behandlung zu individueller und kollektiver Non-Kooperation bis zu Streiks.

Derartige Aktivitäten gingen von der insgesamt kleinen Zahl politischer Verweigerer (Sozialisten, Anarchisten, Pazifisten, wenige Kommunisten und Nationalisten) aus, die es in vielen Ländern vereinzelt oder in kleinen Gruppen gab. Die konsequentesten unter ihnen kämpften auch im Gefängnis für ihre Rechte und die ihrer Mitgefangenen. Organisierte Bewegungen politischer Verweigerer wie im 1. Weltkrieg gab es nicht. Die pazifistischen Organisationen konzentrierten sich auf den Schutz der Verweigerer, Widerstand gegen den Krieg leisteten sie abgesehen von vereinzelten Initiativen nicht. Die Mehrheit der Pazifist*innen hielt an ihrer Überzeugung fest; sie versuchte das pazifistische Ideal während des Kriegs zu bewahren und sich auf die Zeit nach Kriegsende vorzubereiten. Gleichzeitig akzeptierte sie, dass ihre Haltung für die Mehrheitsgesellschaft keine Option war, denn die meisten Pazifist*innen fühlten sich gefangen in dem furchtbaren Dilemma zwischen der Erkenntnis der von den Nazis ausgehenden Gefahr und der Gewissheit, dass durch Krieg die Ursachen für Gewalt nicht beseitigt werden können. Viele Pazifist*innen wollten einen positiven Beitrag leisten; sie beteiligten sich nun an – zuvor abgelehnten – Zivilschutzmaßnahmen. Andere engagierten sich in oder gründeten Hilfsorganisationen für Kriegsopfer oder beteiligten sich an humanitären Initiativen wie der britischen Kampagne für ein Ende der Nacht- und Flächenbombardierungen deutscher Städte. Gerade an engagierten Pazifist*innen nagte oft das Gefühl, dass dies alles in der gegebenen Situation nicht genug sei.

Besetze Länder
Beim Einmarsch der Wehrmacht gab es auch in einigen der anschließend besetzten Länder KDVer im Alternativdienst oder im Gefängnis (Frankreich, Niederlande, Dänemark, Norwegen). Teilweise wurden sie von den Behörden freigelassen, andere blieben in den Gefängnissen, manche konnten in den Wirren auch fliehen. An den (zunehmend bewaffneten) Widerstandbewegungen nahmen auch Pazifst*innen gewaltfrei und mit einigen erfolgreichen Aktionen teil. Rückblickend konstatierten allerdings mehrere Protagonist*innen, gewaltfreier Widerstand hätte zuvor systematisch eingeübt werden müssen, um effektiv zu sein. In der historischen Situation blieb er letztlich an den militärischen Sieg der Alliierten gebunden.

Quellen
Rachel Barker, (1982): Conscience, Government and War, London: Routledge & Kegan Paul
Peter Brock and Nigel Young (1999); Pacifism in the twentieth century, Toronto: University of Toronto Press
Peter Brock and Thomas P. Socknat (eds.) (1999): Challenge to Mars: Essays on Pacifism from 1918 to 1945, Toronto: University of Toronto Press
Peter Brock (2006): Against the Draft: Essays on conscientious objection from the radical reformation to the Second World War, Toronto: University of Toronto Press
Stephen M. Kohn (1986): Jailed for Peace. The History of American Draft Law Violators 1658-1985, New York: Praeger
Helmut Kurz unter Mitwirkung von Helmut Donat (2021): In Gottes Wahrheit leben. Religiöse Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg, Bremen 

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Dr. Guido Grünewald ist internationaler Sprecher der DFG-VK und Vorstandsmitglied des EBCO.