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Rhetoriken des Vorkriegs
Kassandras Frage: Wann beginnt der Vorkrieg?
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„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg?“, ließ Chris-ta Wolf 1983 die Protagonistin ihrer Erzählung Kassandra fragen. Wir sind mittendrin, müsste heute die Antwort lauten.
Begonnen hat der Vorkrieg für uns spätestens, als er für die Menschen in der Ukraine endete. Olaf Scholz‘ Zeitenwende-Rede wenige Tage nach Start der russischen Vollinvasion markiert den Zeitpunkt, an dem er offiziell erklärt wurde. Seither gilt hierzulande Kriegsertüchtigung als das Gebot der Stunde. Die in Eilverfahren beschlossenen milliardenschweren Aufrüstungspro-gramme, die Planungen zur Wiedereinsetzung der allgemeinen Wehrpflicht und die neuange-fachten Diskussionen über atomare Teilhabe werden flankiert von einer Rhetorik des Ernstfalls. Die Bedrohung sei groß, das verbleibende Zeitfenster klein, warnen Sicherheitsexperten. Schon in wenigen Jahren werde Russland über die militärischen Mittel verfügen, für seine imperialen Ziele die Konfrontation mit der NATO zu suchen. Der Politikwissenschaftler Carlo Masala hat in seinem 2025 erschienenen Buch das Szenario eines Überfalls auf Estland schon mal ausbuch-stabiert und ihn auf das Frühjahr 2028 datiert. Die amerikanische Regierung lässt keine Gele-genheit aus, deutlich zu machen, dass von ihrer Seite keine Unterstützung mehr zu erwarten ist. Trumps aggressiver MAGA-Kurs demontiert das transatlantische Bündnis und stellt selbst ein globales Sicherheitsrisiko dar. Die russische Führung droht derweil unverhohlen mit dem Einsatz von Nuklearwaffen.
Um sich nicht erpressbar zu machen, müsse Deutschland deshalb im Verein mit seinen europäischen Partnern schleunigst eigenständige Abschreckungskapazitäten aufbauen, drängen alte wie neue Bundesregierung und weite Teile der veröffentlichten Meinung unisono, ansonsten seien bald sogar russische Raketenangriffe auf Berlin nicht auszuschließen. In einer Welt, in der allein die Macht des Stärkeren zähle, wie Putin und Trump es täglich demonstrieren, könnten sich nur diejenigen behaupten, die ihrerseits drohen und willens sind, ihren Drohungen gegebenenfalls Taten folgen zu lassen. Den Rüstungsetat hochzufahren und neue Waffensysteme anzuschaffen, reiche dazu freilich nicht aus. Für glaubhafte Abschreckung müsse vielmehr auch die Gesell-schaft auf Kriegstüchtigkeit, wenn nicht gleich auf Siegfähigkeit eingeschworen werden.
So wirklichkeitsfremd es wäre, die Warnrufe kurzerhand in den Wind zu schlagen, so leichtfertig wäre es zu ignorieren, in welcher Tonlage sie formuliert werden und was sie ungesagt lassen. Vorkriegszeiten sind Zeiten der securitization, zu deutsch der Versicherheitlichung, ein Wortungetüm, mit dem Sozialwissenschaftler jene Dynamiken der Ermächtigung und Feindbestimmung bezeichnen, die immer dann greifen, wenn Sicherheitsfragen die Agenda bestimmen. Den Aus-nahmezustand zu proklamieren, schafft auch Gelegenheitsstrukturen. Um den drohenden Worst Case abzuwenden, lassen sich Maßnahmen durchsetzen, die unter normalen Bedingungen unvorstellbar wären. Je dramatischer die Lagebeschreibungen, desto gebieterischer die Handlungs-imperative und desto unnachgiebiger der Druck, die Reihen zu schließen. Dissens bedeutet moralische Disqualifizierung. Wer Zweifel anmeldet, hat den Ernst der Situation noch nicht verstanden; wer Einwände erhebt, gerät leicht in Verdacht, auf der falschen Seite zu stehen. Demokrati-scher Streit – ein Zeichen von Schwäche. Selbstimmunisierung im Angriffsmodus ersetzt die politische Debatte.
Geistige Mobilmachung
Die geistige Mobilmachung im Namen des militärischen Realismus repetiert parteiübergreifend, aber obsessiv das immergleiche Credo: Aufrüstung ist alternativlos, atomare Abschreckung si-chert Frieden, Pazifismus ist eine Schönwetterideologie zarter Seelen und Putinversteher, Wehr-willen verlangt Opferbereitschaft, Soldaten sind Helden. Mal kommt der Call to arms als reumütige Selbstkritik ehemals Friedensbewegter daher, mal in Gestalt eines um das Ansehen der Bun-deswehr besorgten Besinnungsaufsatzes im Feuilleton, mal im schnarrenden Ton des pensionier-ten Kathedermilitaristen oder als abgeklärte Besserwisserei militärischer Spin-Doctors.
Einige Beispiele: Dass Robert Habeck und Campino öffentlich kundgetan haben, sie würden heutzutage den Kriegsdienst nicht mehr verweigern, ist eine wohlfeile Geste älterer Herren, die zwar keinen Einberufungsbefehl mehr zu erwarten haben, aber nicht davon lassen können, sich als Vorbilder zu inszenieren. Den beiden Frontmen wird die Frontbewährung erspart bleiben, ihren Fans, sollte es sie noch geben, möglicherweise nicht. Verantwortungsethik light als Delega-tion an die Nachgeborenen. Wenn Jens Jessen in der ZEIT vom 27. März 2025 die Figur des soldatischen Helden rehabilitiert, der „nicht notwendig jemand ist, der sich zu bösen Zwecken missbrauchen lässt“, sondern „auch unsere Freiheit und unser Leben verteidigen“ könnte, dann klingt darin schon das Pathos künftiger Trauerreden an. Heroische Tugenden ruft auf, wer Lei-chensäcke erwartet. Vertrauen in die präventive Kraft von Kriegsvorbereitungen schafft man so nicht.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. März vergangenen Jahres verklärt Egon Flaig, Emeritus für Alte Geschichte, den Heldentod gleich zur Essenz des Politischen. Erst die republi-kanische „Pflicht, gegebenenfalls ihr Leben für das Gemeinwesen einzusetzen“, mache aus Menschen Staatsbürger. Strenggenommen könne es daher „keine postheroischen Gesellschaften geben, sondern nur entpolitisierte“. Knapp werde der kriegerische Opfermut, „wenn ein pazifistisches Klima die wertemäßige Verbundenheit mit dem Gemeinwesen auslaugt und die politische Zugehörigkeit entwertet“. Wo Schillers Diktum „Das Leben ist der Güter höchstes nicht“ außer Kraft gesetzt sei, da gingen die Menschen aller Moral und Ethik verlustig und sänken „auf ein animalisches Niveau“ herab. Weniger vornehm ausgedrückt: Viehisch ist nicht das Gemetzel auf den Schlachtfeldern, sondern der Unwille, sich daran zu beteiligen. Es entbehrt nicht der Ironie, wie sehr Flaigs politische Anthropologie sich einer Kreml-Propaganda nähert, die den dekaden-ten, verweichlichten Westen verhöhnt, der zu feige ist zu kämpfen und deshalb dem heroischen Russland unterliegen wird. Gesteigerte Feindschaft erzeugt Ähnlichkeit.
Die Bombe normalisieren
Atmen die Opferappelle des Althistorikers etwas vom martialischen Geiste Spartas, so präsentiert sich Michael Jonas‘ und Severin Pleyers – am 24. März 2025 ebenfalls in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienener – Artikel „Die Bombe verstehen lernen“ ganz auf der Höhe der Zeit. Die beiden Wissenschaftler von der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg beklagen, die Vorstellung von Atomwaffen sei „hierzulande durch die historische Erinnerung an Hiroshima und Nagasaki und das in Spielfilmen vermittelte Bild gleichsam totaler nuklearer Zerstörung geprägt“. Noch immer bestimmten „moralische Reflexe und historische tradierte Narrative“ die öffentliche Diskussion, während die technischen Fortschritte in der Entwicklung taktischer Atomwaffen nicht zur Kenntnis genommen würden. Der inzwischen erreichte Stand an Präzision erlaube eine erhebliche Reduktion ihrer Sprengkraft. „In Ermangelung von konventionellen Alternativen“ sei daher für den Fall eines russischen Angriffs aufs Baltikum „ein abgestufter Einsatz von Nuklearwaffen auf dem Gefechtsfeld naheliegend, unter bestimmten Um-ständen gar unvermeidlich“. Man muss sich die Ungeheuerlichkeit dieser Aussage klarmachen: Jonas und Pleyer postulieren nichts anderes als den atomaren Erstschlag, sollte das russische Regime seine militärische Expansion auf einen NATO-Staat ausweiten. Abschreckung, so die Botschaft, ist ein Kampf um Eskalationsdominanz. Wie schon bei Flaig sticht die Parallele zu den Drohgebärden der russischen Führung ins Auge.
Die Forderung, sich der Realität zu stellen, hält diese zugleich auf Distanz. Um an Sicherheit durch Abschreckung zu glauben, muss man bestimmte Fragen ausklammern und andere schon für beantwortet halten. Keine Rede davon, welche Verheerungen schon die abgestuften nuklea-ren Präzisionsschläge anrichten würden, und erst recht kein Wort darüber, dass die Stufenleiter atomarer Eskalation weiterhin nach oben hin offen ist. Was würde auf den taktischen Erstschlag folgen? Auf die Idee, die US-amerikanischen Atomwaffen für einen „Schutzschirm“ – was für ein Unwort in diesem Zusammenhang! – zu halten, der jahrzehntelang Europas Sicherheit garantiert habe, kann man nur kommen, wenn man all die Beinahe-Katastrophen unterschlägt, in denen um Haaresbreite versehentlich ein Atomkrieg ausgelöst worden wäre. Zur verstörenden Monstrosität des nuklearen Wettrüstens gehören ferner die Millionen von Toten in den unterhalb der atomaren Schwelle geführten Stellvertreterkriegen nach 1945, die Verwüstungen infolge der Kernwaffentests und die Ruchlosigkeit, mit der die Nuklearmächte seither ihre ökonomischen Einflusssphären und politischen Herrschaftsansprüche global durchsetzen. Die Spielregeln „or-ganisierter Friedlosigkeit“, wie der Friedensforscher Dieter Senghaas diesen Zustand bereits Ende der 1960er Jahre genannt hat, gelten ungebrochen. Dass inzwischen mehr als zwei Blöcke einander gegenüberstehen und die Schwelle zwischen konventionellen und nuklearen Waffen technologisch eingeebnet wird, macht die Sache nur schlimmer. Der Verlauf der Kämpfe zwischen Russland und Ukraine entlarvt schon die Rede von Kriegführung als Kontrollillusion. Zwingend sind die beschleunigte Militarisierung Europas und der Ausbau europäischer Erst-schlagkapazitäten nur für die, die überzeugt sind, aus diesem Spiel nicht aussteigen zu können. Oder die Chance wittern, endlich darin eine größere Rolle zu spielen. Alle anderen seien daran erinnert, was Christa Wolfs Kassandra auf ihre eigene Frage nach dem Beginn des Vorkriegs antwortet: „Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde, unter andern Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen.“
Gegenbewegungen
Wie könnten Gegenbewegungen zum Einschwingen in den bellizistischen Taumel aussehen, die weder die Brutalität des russischen Angriffskriegs und die Gefahr seiner Ausweitung kleinreden noch sich auf Utopien absoluter Gewaltlosigkeit zurückziehen? Ein Anfang wäre schon gemacht, wenn der öffentliche Druck zunähme, den rüstungspolitischen Konsens aufzukündigen, sich von der Abschreckungslogik zu lösen und einseitig auf atomare sowie, nicht zu vergessen, auf biologische und chemische Massenvernichtungsmittel zu verzichten. Würde man damit dem Aggressor nicht einen Freibrief ausstellen? Möglich, dass er es so versteht. Antimilitarismus ist Kampf gegen Krieg und Kriegsvorbereitung, aber keine Garantie für saubere Hände. Die Apologeten der Abschreckung spielen dagegen von vornherein ein schmutziges Spiel. Wenn sie mit dem Einsatz von Massenvernichtungsmitteln drohen, verstricken sie sich in ein fatales Dilemma: Zeigen sie Skrupel, wird ihre Drohung unglaubwürdig und verpufft. Beglaubigen sie ihre Eskalationsbereitschaft indes durch den Willen zur Tat, so machen sie sich derselben Menschheits-verbrechen schuldig wie die Gegenseite, die sie genau davon abhalten wollen.
Sorge dafür, dass Du nicht dem ähnlich wirst, was Du bekämpfst, das ist vielleicht die allgemeinste Maxime, um gegen die vermeintliche Alternativlosigkeit militärischer Imperative den Raum des Politischen offenzuhalten.
Prof. Dr. Ulrich Bröckling war bis zu seiner Emeritierung im Sommer 2025 Professor für Kultursoziologie an der Universität Freiburg und ist Mitglied der dort angesiedelten Günther-Anders-Forschungsstelle. Sein Essay „Postheroische Helden. Ein Zeitbild“ erschien 2020 im Suhrkamp Verlag; 2026 erscheint, ebenfalls im Suhrkamp Verlag „Kritik der Waffen. Für eine Entmilitarisierung des Denkens“. Der vorliegende Artikel wurde – leicht gekürzt – unter dem Titel „Gegen die geistige Mobilmachung“ erstmals in Der Spiegel, Nr. 18 vom 26. April 2025, S. 48/49 veröffentlicht.