Buchbesprechung

Lebenslaute: „Widerständige Musik an unmöglichen Orten“

von Martin Singe
Hintergrund
Hintergrund

Die meist mit Zivilem Ungehorsam kombinierten musikalischen Aktionsauftritte der Lebenslaute, einem bunten Netzwerk von Musiker*innen, sind in der Friedensbewegung wohlbekannt. Die Konzertblockaden der Lebenslaute richten sich u.a. gegen Militär und Kriegsvorbereitungen, gegen die Atom-, Rüstungs-, Gentechnik- und Kohleindustrie, gegen Naturzerstörung und Rassismus, gegen Gewalt und Herrschaftsstrukturen sowie die Durchsetzung von Kapitalinteressen.

33 Jahre lang ist die Lebenslaute inzwischen musikalisch-widerständig aktiv. Aus diesem Anlass hat sie einen reich bebilderten Dokumentationsband mit dem Titel „Widerständige Musik an unmöglichen Orten“ im Graswurzelverlag veröffentlicht. Das 256 Seiten starke und mit 180 großformatigen farbigen Fotos illustrierte Buch (incl. DVD) ist im wahrsten Sinne ein Bewegungsbuch: Es dokumentiert und bewahrt die Erfahrungen einer Gewaltfreien Aktionsgruppe, die seit dreiunddreißig Jahren Zivilen Ungehorsam leistet, und damit bewegt es die Leserinnen und Leser. Aktive werden erinnert an Orte des Widerstands wie Mutlangen, Wackersdorf, Wittstock, Biblis (Abschiedssinfonie an die Atomenergie), Gorleben, Oberndorf, Büchel, Eisenhüttenstadt (Abschiebeknast), Hambacher Forst – und motiviert, weiterhin aktiv zu bleiben. Bewegungs-Einsteiger*innen werden motiviert, sich einzubringen und kreativ widerständig zu werden – ob bei musikalischen Begabungen in der Lebenslaute selbst oder in anderen Aktionszusammenhängen.

Die im Lebenslaute-Buch veröffentlichten Geschichten von 1986 bis 2018 werden erzählt von langjährigen Aktivist*innen, neu Hinzugekommen, Profi- und Laienmusiker*innen, Unterstützer*innen und Wegbegleiter*innen unterschiedlichen Alters. Auch die Bedingungen, Notwendigkeiten und Konsequenzen dieser einzigartigen direkten Aktionen werden in diesem Band reflektiert. Die Lebenslaute kooperiert bei allen Aktionen sorgfältig mit den Initiativen, die langfristig politische Arbeit vor Ort leisten.

Die „Lebenslaute“ über sich: „Wir vertrauen auf die Kraft der Musik und nehmen doch kein Blatt vor den Mund, wenn es um Kritik an Gewalt- und Herrschaftsstrukturen sowie um Schutz der Menschenrechte geht. (…) Unser Vertrauen in die gewaltreduzierende Kraft der Musik und in den allgemeinen Respekt gegenüber der Musikkultur verleiht uns den Mut zur Konfrontation. Die Aufführung eines klassischen Konzerts in schwarz-weißer Konzertkleidung bleibt eine solche, auch wenn sie gleichzeitig die Blockade der Zufahrt zu einer Rüstungsfabrik ist. Indem wir gleichzeitig Musiker*innen und Ruhestörer*innen sind, irritieren wir und öffnen Augen, Herzen und Ohren für unsere Inhalte.“

Einprägsam sind die aktionsbezogen gewählten verschiedenen Motto-Sprüche der Lebenslaute, z.B.: Piano & Forte – statt Kriegstransporte! Aufspielen statt Abschieben! Andante an der Kante! (Hambacher Forst 2015) Machet die Tore weit – Music For Free Movement! Mit Suite und Kantate gegen den Staat im Staate (Aktion 2018 beim Verfassungsschutz).

Nach einem einleitenden Teil mit einer Selbstdarstellung der Aktionsgruppe und ihren Intentionen folgt der ca. 130-seitige Hauptteil mit der Dokumentation der Aktionen aus 33 Jahren Lebenslaute in Wort und Bild. Den Abschluss des Bandes bildet ein Reflexionsteil u.a. zu Strukturen, Aktionsvorbereitungen und Kooperationen sowie Juristischem. Das großformatige Buch (21x28 cm) ist für 25 Euro erhältlich beim Verlag Graswurzelrevolution (graswurzel.net) oder im Buchhandel. Unbedingt anschaffenswert – zum Selberlesen und zum Verschenken! Dem Redaktionskollektiv (Gerd Büntzly, Hedwig Sauer-Gürth, Katja Tempel, Andreas und Sabine Will) gebührt großer Dank für die sichtlich mühe- und liebevolle Zusammenstellung dieses Werkes.

P.S.: Für August 2020 plant die Lebenslaute eine Aktion am Rheinmetall-Werk Unterlüß: "Mit Klang und Schall - entwaffnet Rheinmetall" (Kontakt: lebenslaute.net).

Lebenslaute (Hrsg.) (2020), Widerständige Musik an unmöglichen Orten: 33 Jahre Lebenslaute, Verlag Graswurzelrevolution, 246 S., ISBN: 978-3-939045-39-7, 25 Euro

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Martin Singe ist Redakteur des FriedensForums und arbeitet für das Komitee für Grundrechte und Demokratie.