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Abrüstung und Alternative Verteidigung
Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg
von
Die Frage nach den Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg für Abrüstung und alternative Verteidigung ist aktuell, da im Zeichen der „Zeitenwende“ eine wichtige Lehre von 1945 – die Bindung eines Kriegsbeginns an die Zustimmung des Sicherheitsrates – aufgegeben und die bei der Gründung der UN geforderte Abrüstung ins Gegenteil verkehrt wird.
Der Zweite Weltkrieg war global und muss in den Kontexten des Weltsystems im 20. Jahrhundert analysiert werden. (1) Politisch war er ein Versuch dreier durch nachholende Industrialisierung geprägter Staaten, durch Überfälle die Macht der alten Industriemächte im Westen zu brechen. Sachlich scheiterte dieses Konzept schon 1941 mit den Niederlagen Deutschlands vor Moskau und Japans bei Midway, da die Möchtegern-Aufsteiger nicht über die Ressourcen verfügten, um den nun folgenden Abnutzungskrieg zu gewinnen.
Moralisch war der Zweite Weltkrieg durch den vom deutschen Staat durchgeführten Genozid gegen Gläubige des Mosaismus oder deren Nachfahren bestimmt. Etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden wurden ermordet.
Zivilbevölkerung als Ziel militärischer Angriffe
Völkerrechtlich ging es im Zweiten Weltkrieg darum, ob die von den Friedensbewegungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erarbeiteten Einschränkungen der Kriegsführung implementiert werden würden. Deutschland hat die Genfer Konvention für den Krieg gegen Russland offiziell ausgesetzt (2), es hat sich aber auch in anderen besetzten Gebiete so wenig an die Teilung zwischen Militärs und Zivilisten gehalten, dass man „Massengewalt“ als konstitutiv für die deutsche Besatzungspolitik in Europa ansehen muss. Insgesamt wurden fast 13 Millionen Zivilist*innen zwischen 1941 und 1945 von Deutschen getötet. (3)
Für die Frage nach Erfolg der Konvention war also das Verhalten der angelsächsischen Mächte entscheidend. Die Royal Air Force hatte 1940 mit den Bombardements begonnen, die Luftaufklärung zeigte jedoch, dass Angriffe aus großer Höhe auf Industrieanlagen wenig Wirkung hatten. Als nach der deutschen Kriegserklärung an die USA amerikanische Verbände zur Verfügung standen, gingen die Angelsachsen zum Area-Bombing über. Bombardements von Städten wurden nach vorgezeichneten Quadraten berechnet, und man wählte vor allem dicht bebaute Altstadt- und Arbeiterviertel. Die Alliierten beschlossen: “The aim of the Combined Bomber Offensive …is the destruction of German cities, the killing of German workers and the disruption of civilized community life throughout Germany.” (4) Der Einsatz von Atombomben gegen Japan eröffnete dann eine weitere Stufe des Kriegs gegen Zivilist*innen, da eine Trennung Militär/Zivilbevölkerung wegen der Größe der vernichteten Regionen technisch nicht mehr möglich war.
Das Area-Bombing der Alliierten macht deutlich, dass auch die bei den Ressourcen überlegene Seite die Trennung zwischen Zivilist*innen und Militärs nicht aufrecht erhielt. Dasselbe gilt für fast alle folgenden Kriege. Die Lehre ist also, dass Einschränkungen der Kriegführung nicht durchgesetzt wurden – und wohl auch nicht durchgesetzt werden konnten, weil sie dem Charakter des Krieges widersprechen. Der Anschein, dass Krieg moralisch korrekt geführt kann, ist historisch falsch.
Eine solche Lehre zu ziehen lag den Siegern 1945 fern. Was damals global gelernt wurde, kann man am besten in der UN-Charta nachlesen. (5) Es wird oft übersehen, dass schon dort die Rüstung kritisiert wird, weil die dafür aufgewandten Mittel für humane Zwecke fehlen. Abrüstungsbemühungen hatten jedoch abgesehen von Atomwaffen und Trägersystemen wenig Erfolge, und die Rüstungsausgaben stiegen in der Nachkriegszeit kontinuierlich an.
Ziviler Widerstand als begrenzte Alternative
Schon bald nach dem Krieg wurde vorgeschlagen, an die Stelle der auf Gewalt beruhenden Verteidigungsformen zivilen Widerstand zu setzen (6), wozu man sich auf Konzepte der Jains, die Bergpredigt, Thoreau und Tolstoi sowie Erfahrungen Gandhis bezog. (7) Der hatte im Kampf gegen den britischen Kolonialismus die Wirksamkeit gewaltlosen Widerstands gezeigt, auch wenn sein Erfolg darauf beruhte dass Inder und Briten sich seit Jahrhunderten kannten und die Briten in Indien Gewinne machen wollten, wozu sie Inder brauchten. Während des Zweiten Weltkriegs hatten Norweger und Dänen ohne Waffen sowohl die NS-Bewegung im Lande konterkariert als auch den Mord vieler Juden durch Deutsche verhindert, wenn auch unter der Voraussetzung, dass die Grenze des neutralen Schweden nah war.
Die Grundidee gewaltlosen Widerstands im politischen Bereich war, dass der Feind die Unterworfenen braucht, um Gewinne aus der Eroberung zu ziehen, und deshalb Kompromisse suchen wird. Vor allem der deutsche Genozid gegen die Juden lehrt aber, dass es Feinde gibt, welche die Unterwerfenden vernichten wollen. Der Mordwille (9) deutscher Gruppen war so groß, dass in Weißrussland, wo ganze Gewerbezweige aus jüdischen Menschen bestanden, diese meist bis zum Sommer 1943 ermordet wurden, obgleich eine effektive wirtschaftliche Ausbeutung des Landes damit unmöglich gemacht wurde. (9)
Gegenüber der systematischen Mordgier der deutschen Judenverfolgung konnte man nicht auf bewaffneten Widerstand verzichten. Nun wurde Genozid 1947 durch Konsens der damals herrschenden Nationen zum Völkerrechtsverbrechen erklärt, das in allen Staaten vor Gericht gebracht werden kann.
Zwangsweise Umsiedlung wurde jedoch nicht zum Völkerrechtsverbrechen erklärt, die Sieger hätten sich dann für die Zwangsumsiedlungen von Deutschen, Polen und Ukrainern, aber auch von Tschetschenen oder Bewohner*innen der Tschagos-Inseln selbst anklagen müssen. Auch in eine Vertreibung könnte eine Gesellschaft sich kaum fügen, ohne bewaffneten Widerstand zu versuchen.
UN-Charta und Praxis der UN
Wirkt hier nach, was die UN eben nicht beschlossen hat, so ist zurzeit auch in Frage gestellt, was beschlossen wurde. Die Charta (10) nennt als Hauptmotiv für ihre Gründung den Kampf gegen den Krieg. Sie geht von der Gleichheit der Mitgliedstaaten aus und verbietet Drohung mit Waffen. Nur dem Sicherheitsrat wird zugestanden, wenn nötig, mit Militär anzugreifen, wobei die damaligen Siegermächte (China, Frankreich, UdSSR, UK, USA) ein Veto haben.
Die Regelungen der Charta haben in der folgenden Periode des „Kalten Kriegs“ dazu beigetragen, dass dieser nicht zum großen Krieg wurde, obgleich vielfältige Stellvertreterkriege ausgefochten wurden. Es gelang, im Rahmen der UN-Verfassung eine fundamentale Veränderung der globalen Politikstruktur zu erreichen: Durch die Dekolonisierung stieg die Zahl der Mitgliedstaaten der UN schnell an. Die geplante Rüstungsbegrenzung gelang jedoch nicht.
Russland konnte sich im Vertrag von Budapest 1994 als Nachfolger der UdSSR mit Atombewaffnung und Veto in der UN etablieren, auch indem es die Grenzen der Ukraine akzeptierte. Aber das Veto verlor an Wert. Immer mehr Staaten intervenierten militärisch in anderen Ländern – am Anfang mit dem Argument der „humanitären Intervention“ später mit dem des „Kampfes gegen den Terror“. Die Liste reicht von Russlands Krieg gegen Georgien bis zur französischen Intervention in Libyen. Die UN-Regel, dass nur der Sicherheitsrat über den Einsatz militärischer Mittel für einen Angriff verfügen dürfe, wurde aufgeweicht. Der Krieg gegen den Irak 2003 bildete das Satyrspiel dieser Tragödie – da ein Votum des Sicherheitsrats nicht zu erreichen war, arbeiteten die USA mit einem der Generalversammlung auf der Grundlage der Fake-News, dass der Irak Massenvernichtungsmittel produziere. (11) Russland unterlief den Sicherheitsrat, indem es den Angriff auf die Ukraine als „Operation Z“ unterhalb der Ebene eines Kriegs bezeichnete. (12)
Fasst man die Antwort auf die Frage, was die Welt aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt hat, aus der Sicht eines Historikers aus der deutschen Provinz zusammen, kommt man zu einem differenzierten Bild – vom Erfolg des Genozidverbots über das Fehlen eines Verbots der Vertreibung bis zum Scheitern der Abrüstung. Kann die Friedensbewegung dem entgegenwirken? Um verlässlichen und politisch umsetzbaren Einfluss zu gewinnen, müsste sie sich um stetige Vertretung im parlamentarischen System bemühen. Dazu müsste sie mehrheitsfähige Programme entwickeln, was vermutlich auf Kompromisse und gemischte Konzepte hinausläuft.
Anmerkungen
1 Hans-Heinrich Nolte: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Wien usw. 2009 (Böhlau).
2 Gerd Ueberschär, Wolfram Wette Hg.: Unternehmen Barbarossa, Paderborn 1984 (Schöningh); Christian Hartmann: Unternehmen Barbarossa, München 2011 (dtv).
3 Alex Kay: Empire of Destruction, New Haven/NJ 2021 (Yale University Press), Zahlen S. 294.
4 Richard Overy: Allied Bombing and the Destruction of German Cities, in: R. Chickering, S. Förster Hg.: A World at Total War, Cambridge 2005 (Cambridge University Press). S. 277 – 295.
5 David Cushman Coyle: The United Nations and how it works, New Yoek 1954 (Signet Key) S. 171 – 204; Hartmut Krüger Hg.: Charta der Vereinten Nationen, Stuttgart 1975 (Reclam).
6 Ted Dunn Hg.: Alternatives to War and Violence, London 1963 (Clarke & Co.); Adam Roberts Hg.: The Strategy of Civilian Defence, London 1967 (Faber & Faber).
7 Hans-Heinrich Nolte: Geschichte zivilen Widerstands, in Ders., Wilhelm Nolte: Ziviler Widerstand und Autonome Abwehr, Baden-Baden 1984 (Nomos) S. 11 – 139.
8 Peter Gleichmann, Thomas Kühne Hg.: Massenhaftes Töten. Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert, Essen 2004 (Klartext); Gerd Ueberschaer Hg.: Orte des Grauens, Darmstadt 2003, S. 237 – 249 (Primus).
9 Christian Gerlach: Kalkulierte Morde, Hamburg 1999 (Hamburger Edition); Ljuba Israeljewna Abramowitsch, Hans-Heinrich Nolte: Die Leere in Slonim , Dortmund 2005 (IBB).
10 David Cushman Coyle: The United Nations and how it works, New Yoek 1954 (Signet Key) S. 171 – 204; Hartmut Krüger Hg.: Charta der Vereinten Nationen, Stuttgart 1975 (Reclam).
11 Bernd Greiner: Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben, München 2022 (Beck), S. 190 ff.. Hans-Heinrich Nolte: Geschichte Russlands, 4.Auflage Stuttgart 2024 (Reclam 14442) S. 480 ff..
12 Hans-Heinrich Nolte: Geschichte Russlands, 4.Auflage Stuttgart 2024 (Reclam 14442) S. 480 ff..