Renaissance der Atomkraft?

Milliardengrab Atomkraft: Bremsklotz für die Energiewende

von Anna Stender
Schwerpunkt
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Die Debatte um Atomkraft ist zurück – und sie ist lauter und aggressiver als je zuvor. Atomlobby, Politiker*innen und Teile der Medien inszenieren sie als Klimaretterin und Garantin für Versorgungssicherheit. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Die Atomkraft hat sich ein grünes Mäntelchen umgehängt: modern, klimafreundlich, sicher. Hinter dem neuen Image steht ein Netzwerk aus Regierungen, EU-Institutionen, Rüstungsindustrie, Organisationen wie Nucleareurope und die IAEO sowie Start-ups, die Innovationskraft vorgaukeln. Mit Buzzwords wie „Small Modular Reactors“ (SMR), „Generation IV“ und „Transmutation“ punkten die Atomfans selbst bei manchen früheren Gegner*innen – obwohl diese Technologien bis heute kaum mehr sind als großmundige Versprechen.

Hinter dem Fortschritts-Sprech verbirgt sich noch immer die alte Hochrisikotechnologie. Technisches Versagen, menschliche Fehler, Naturkatastrophen oder Terrorangriffe – überall, wo noch AKW laufen, steigt das Risiko mit jedem Betriebsjahr. Doch die Atomlobby spielt die Unfallgefahr herunter, verharmlost das Problem der Endlagerung und blendet die mögliche Weiterverbreitung von Atomwaffen aus. Wer auf Gefahren und ungelöste Probleme hinweist, wird gern als fortschrittsfeindlich diskreditiert – so ist jede ernsthafte Debatte im Keim erstickt.

Boden der Tatsachen
Doch ist die Atomkraft – jenseits der politischen Rhetorik – tatsächlich zurück?

Vor 20 Jahren wollte Frankreich 200 EPR-Reaktoren verkaufen. Fertiggestellt wurden bis heute vier. Im nordfranzösischen Flamanville stiegen die Kosten von geplanten 3,3 Milliarden Euro auf 23,7 Milliarden. (1) Im September 2025 läuft der Reaktor, der 2012 ans Netz gehen sollte, weiter nur im Probebetrieb. (2) Eine lange Liste schwerwiegender Mängel ist noch immer abzuarbeiten. Auch bei den ins Ausland verkauften EPR- Reaktoren lief es nicht rund. Das Milliarden-Debakel zwang EDF zur Verstaatlichung. Dennoch plant Paris mindestens sechs weitere EPR. Der französische Rechnungshof warnt vor gravierenden Risiken wie mangelnder Wirtschaftlichkeit, technischen Problemen und Finanzierungslücken. (3)

In Großbritannien wurden mehrere Neubauprojekte gestrichen, die Fertigstellung des EPR Hinkley Point C verzögert sich seit über zehn Jahren und wird mehr als 53 Milliarden Euro kosten statt 20,8 Milliarden. (4) Für einen weiteren EPR gibt es zwar nach 15 Jahren eine Finanzierungszusage der Regierung, doch ob und wann er jemals fertig wird, steht in den Sternen. Pläne für SMR bleiben bislang ohne greifbare Fortschritte.

Jenseits der europäischen Nuklearmächte bleiben Atomprojekte in Europa ebenfalls in der Schwebe, etwa in Polen, Tschechien und den Niederlanden. Und auch weltweit ist kein Boom in Sicht: Die Zahl der weltweit betriebenen Reaktoren stagniert, der Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung ist inzwischen auf unter 10 Prozent gesunken. (5) Wind- und Solarenergie werden dagegen schnell ausgebaut, auch weil sie längst viel günstiger sind als Atomstrom. (6)

Wieso können wir uns dann nicht einfach zurücklehnen und zusehen, wie ein Atomprojekt nach dem anderen vor die Wand fährt?

Europäische Spaltung
Selbst ein gescheitertes Atomprojekt kostet am Ende viel Energie, Zeit und Geld – und auch Deutschland könnte dafür bald zur Kasse gebeten werden. In der EU fordert eine „Nuklearallianz“ aus derzeit 14 Staaten mit großem Nachdruck, Atomkraft den Erneuerbaren vollständig gleichzustellen – samt Zugriff auf die entsprechenden Fördergelder. (7) Besonders alarmierend: Seit dem Regierungswechsel in Berlin ist Deutschland kein verlässliches Bollwerk mehr gegen die Avancen der Atomindustrie in Brüssel. Die pro-atomaren Töne, die Bundeskanzler Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche anschlagen, haben Signalwirkung: Sie schwächen die atomkritische Allianz in Europa erheblich. Sollte Deutschland in den aktuellen Verhandlungen um den nächsten EU-Haushaltsrahmen nicht dagegenhalten, könnten demnächst weitere Milliarden an EU-Geldern in Atomprojekte statt in Erneuerbare fließen.

Das wäre zwar auch noch keine Renaissance der Atomkraft, aber zweifellos ein gigantischer Erfolg für die Atomlobby. Seit Jahren versucht sie uns einzureden, AKW könnten die Erneuerbaren perfekt ergänzen. Dabei ist das Gegenteil der Fall:

Für ein zukunftsfähiges Energiesystem braucht es Kraftwerke, die je nach Bedarf schnell anspringen oder herunterfahren. AKW sind aber völlig unflexibel. Wo sie laufen, müssen Erneuerbare genau dann abgeregelt werden, wenn sie besonders viel Strom liefern könnten. So fehlen die Anreize, neue Anlagen zu bauen. Auch bei einer „Dunkelflaute“, wenn weder Wind weht, noch die Sonne scheint, sind AKW viel zu träge, um die Lücke schnell zu schließen. Versorgungssicherheit bedeutet ja nicht nur, dass genug Strom vorhanden ist, sondern auch, dass Netzschwankungen ausgeglichen werden können. Oft heißt es, Kohlekraftwerke könnten schneller abgeschaltet werden, indem man AKW-Laufzeiten verlängert. Doch AKW können die Kohlekraft als flexible Reserve nicht ersetzen – dafür braucht es Speicher und wasserstofffähige Gaskraftwerke.

Auch der Faktor Zeit spricht gegen AKW in der Klimakrise: Ein Windpark oder eine Solarfarm stehen innerhalb weniger Jahre. AKWs dagegen brauchen vom ersten Plan bis zur Inbetriebnahme 15 bis 20 Jahre und mehr. Die Emissionen lassen sich mit Erneuerbaren also deutlich schneller senken – für das Klima macht das einen Riesenunterschied.

Zwei Seiten derselben Medaille
Dass Atomlobby in der EU gerade jetzt auf offene Ohren stößt, hängt auch mit der aktuellen Debatte um (nukleare) Aufrüstung zusammen. Zivile und militärische Atomindustrie nutzen dieselben Technologien, Materialien, Lieferketten, Forschungseinrichtungen und Ausbildungswege. Frankreichs Präsident Macron gab 2020 unumwunden zu: „Ohne zivile Atomenergie gibt es keine militärische Nutzung – und ohne die militärische Nutzung gibt es auch keine zivile Atomenergie.“ (8) Hinter der Unterstützung der Atomkraft durch die Politik steckt vielerorts auch geopolitische Strategie: Sie sichert militärische Atomprogramme und hält die Option auf die Bombe offen.

Atomkraft ist keine Lösung
Allen Lobbybemühungen, allen Plänen und Projekten zum Trotz wird ein Comeback der Atomkraft im großen Stil an technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hürden scheitern. Doch bereits die Diskussion darüber hat Folgen: Sie verschiebt politische Prioritäten und bremst Investitionen in Erneuerbare aus. So verschwenden wir beim Klimaschutz wertvolle Zeit.

In Wahrheit geht es der Atomlobby nicht ums Klima, sondern darum, weiter Geld zu verdienen. Wer auf Atomkraft setzt, handelt gegen jede klima- und energiepolitische Vernunft. Die einzigen Gewinner auf diesem Weg sind die Atomindustrie und ihre Lobbyverbände, den Preis zahlen wir alle.

Wer eine sichere und nachhaltige Zukunft will, muss bei der Energiewende Tempo machen: Es braucht einen schnellen Ausbau der Netze und mehr Windenergie, mehr Energieeffizienz, mehr Speicher. Die vermeintliche Wiederkehr der Atomkraft ist eine gefährliche Illusion. Sie gibt vor, Probleme zu lösen, die sie in Wirklichkeit verschärft, lenkt von echten Lösungen ab und verlangsamt so den unvermeidlichen Wandel.

 

Anmerkungen
1 https://www.ccomptes.fr/sites/default/files/2025-06/20250114-summary-EPR...

2 https://www.world-nuclear-news.org/articles/delay-in-flamanville-3-attai...

3 https://www.ccomptes.fr/sites/default/files/2025-06/20250114-summary-EPR...

4 https://www.theguardian.com/business/2025/jul/22/uk-deal-sizewell-c-nucl...

5 https://www.worldnuclearreport.org/IMG/pdf/wnisr2024-figure02_nuke-world...

6 https://www.worldnuclearreport.org/IMG/pdf/wnisr2024-fi+gure58_lazard_lc...

7 https://www.ausgestrahlt.de/media/mag61_web01.pdf

8 https://www.isw-muenchen.de/online-publikationen/texte-artikel/4646-45eu...

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Anna Stender ist Redakteurin bei der bundesweit tätigen Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“.