US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland

Mittelstreckenwaffen – warum und kommen sie wirklich?

von Marius Pletsch
Schwerpunkt
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Was bei Tierschutzbemühungen eine Erfolgsmeldung wäre („Eine Gattung kehrt zurück“), ist im Kontext von Abrüstung eine schlechte Nachricht und brandgefährliche Entwicklung: Landgestützte Mittelstreckenwaffen drohen in größerer Zahl auf den europäischen Kontinent zurückzukommen und könnten in den kommenden Jahren durch ihre immanente Charakteristik und ein sich abzeichnendes Wettrüsten bei der Waffengattung weitere Unsicherheiten in der Region bringen. 

Deutlich muss dabei gemacht werden: Ob die Waffensysteme in den letzten Jahren gänzlich weg waren, bleibt wegen der umstrittenen Reichweite insbesondere des russischen Marschflugkörpers 9M729 (für die NATO: SSC-8) unklar. Und Russland hat mit dem Einsatz von Oreschnik im November 2024 gegen die ukrainische Stadt Dnipro erstmals eine landgestützte Mittelstreckenwaffe in einem Konflikt in Europa eingesetzt und damit ein Tabu gebrochen.

Die Anschuldigung der Vertragsverletzung des seit 1988 bestehenden INF-Vertrags wurde seitens der USA seit 2013 angeführt, und diente auch letztlich als Begründung für den Ausstieg 2019. Eine konstruktive Lösung zu finden war jedoch nicht das Ziel der Beteiligten. Das wäre im Rahmen des Vertrags möglich gewesen. Weder Russland noch die USA hatten ein gesteigertes Interesse, den Vertrag aufrecht zu halten, da auch um sie herum Staaten über diese Waffen verfügen. Der Fokus dieses Artikels wird jedoch auf den USA liegen und so auch die europäischen Ambitionen für eine eigene Entwicklung von Mittelstreckenwaffen ausklammern.

US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland – Längere Vorbereitung für die Stationierung?
Am 10. Juli 2024 erklärten die damaligen Regierungen der USA und Deutschlands am Rande des NATO-Gipfels in Washington, „beginnend 2026, als Teil der Planung zu deren künftiger dauerhafter Stationierung, zeitweilig weitreichende Waffensysteme ihrer Multi-Domain Task Force [MDTF] in Deutschland [zu] stationieren“. (1)

Mit den MDTFs wird ein strategisches Konzept umgesetzt, was zunächst noch unter den Namen „Prompt Global Strike“ 2001 erdacht und vom US-Kongress finanziell unterfüttert, aber letztlich nie in dieser Form umgesetzt wurde. Unter dem Namen sollte die nukleare Abschreckung durch eine konventionelle Komponente ergänzt werden, sodass weltweit innerhalb einer Stunde jedes Ziel punktgenau treffbar werden sollte. Damit sollten kleinere Staaten und nicht-stattliche Akteure abgeschreckt werden – doch fühlten sich auch China und Russland von den Plänen angesprochen. Da durch den INF-Vertrag eine Entwicklung von Waffensystemen mit einer Reichweite zwischen 500 bis 5.500 km verstellt war, lag der Fokus lange auf strategischen – sprich interkontinentalen – Reichweiten. Seitdem unter dem Konzept auch hypersonische Waffen einbezogen wurden und durch das schwindende Interesse an einem Festhalten am INF-Vertrag bzw. mit dem steigenden Interesse, landbasierte Mittelstreckenwaffen wieder stationieren zu können, änderte sich auch der Name zu „Conventional Prompt Strike“ 2017. (2)

Seitdem begannen auch logistische Vorbereitungen auf das, was nach dem Ende vom INF-Vertrag wieder möglich werden sollte. Denn im Jahr 2017 wurde die erste MDTF der US-Army aktiviert – von denen insgesamt fünf geplant sind. Die Einheiten sollen rasch mobilisierbar für eine regionale Kriegsführung in sämtlichen Domänen (Luft, Wasser, Land, Welt- sowie Cyber- und Informationsraum) agieren, um dort die gegnerischen A2/AD (anti-access/aera denial) Strategien zu stören und zu durchdringen – eine Ausrichtung, die wieder mehr auf Großmachtkonflikte abzielt. Die fünf MDTF sollen sich wie folgt über den Globus verteilen: Mit zwei MDTFs ist ein Fokus der indo-pazifische Raum – ganz im Sinne des „pivot to asia“, eine soll im arktischen Raum stationiert werden, eine ist für den weltweiten Einsatz vorgesehen, und Europa ist mit der 2nd MDTF abgedeckt, die bereits seit September 2021 in Deutschland, genauer gesagt in Wiesbaden stationiert ist und bislang über Einheiten für Aufklärung, Cyberspace, elektronische Kriegsführung, Weltraum sowie eine Brigadeunterstützungskompanie verfügt (3).

Re-aktiviert wurden in den letzten Jahren außerdem das 56. Artilleriekommando im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel. Diese Einheit war in den 1980er Jahren für die Persching II und die Cruise-Missiles zuständig. Bereits 2018 wurde das 41. Artilleriekommando in Grafenwöhr reaktiviert, was zu seinen Aufgaben die Planung, Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von Operationen zählt, wozu auch weitreichende Präzisionsschläge zählen. Aus diesem Grund gilt Grafenwöhr auch als wahrscheinlicher – wenn auch noch nicht bestätigter – Stationierungsort für die 2024 angekündigten Waffensysteme (4).

Welche Waffen sollen in Deutschland stationiert werden?
Bei den von den Waffensystemen, die die USA mit Unterstützung der Bundesregierung stationieren möchte, handelt sich um den Marschflugkörper Tomahawk mit einer Reichweite von mehr als 1.600 km, die ballistische Rakete Standard-Missile 6, die in einer noch nicht eingeführten Version als Boden-Boden-Rakete bis max. 1.600 km reichen könnte, und der Hyperschallgleiter Dark Eagle mit einer Reichweite von etwa 2.775 km. Da es derzeit keine mit den Versionen kompatiblen Nuklearsprengköpfe gibt, werden diese nach aktuellem Stand rein konventionell bewaffnet sein.

Nachdem die USA auch formell den INF-Vertrag verlassen hatten, dauerte es nur wenige Tage, bis erste Tests mit landgestützten Tomahawks unternommen wurden. Später wurden diese dann auch in mobilen Startrampen getestet, die auf Marine-Versionen der Startkanister Mk-41 basieren und über 4 Zellen pro Sattelschlepper verfügen. Der Hyperschallgleiter Dark Eagle und seine Komponenten werden seit 2021 getestet, und der erste „erfolgreiche“ Test fand im Juni 2024 statt. Tomahawks und SM-6 werden von der mobilen Startrampe Typhon abgeschossen. Es soll voraussichtlich eine Batterie stationiert werden. Eine Batterie besteht aus vier Sattelschleppern samt Unterstützungsfahrzeugen. Auch eine Batterie mit vier mobilen Startrampen mit je zwei Zellen wird erwartet, um den Hyperschallgleiter Dark Eagle zu starten.

Noch keine Zusage, ob sie auch unter Trump kommen
Als Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius im Juli 2025 zu Besuch in Washington war, kündigte er an, dass die Bundeswehr selbst über Typhon Abschussrampen verfügen sollte, und stellte eine Anfrage für den Kauf. Mittlerweile wurde berichtet, dass neben drei Batterien Typhons 400 Tomahawk Marschflugkörper beschafft werden sollen – vermutlich sollen diese sowohl von der Marine als auch zu Lande eingesetzt werden (5).

Der Besuch schürte jedoch auch eine gewisse Unsicherheit, ob die Trump Administration an der Ankündigung, 2026 Mittelstreckenwaffen in Deutschland stationieren zu wollen, festhalten wird. Eigentlich wollte die Trump-Administration noch im Herbst 2025 entscheiden und dies dann auch bekannt geben. Bis zum Redaktionsschluss wurde noch kein Entschluss öffentlich, was auch am bisher längsten Shutdown der US-Regierung liegen kann. Im Bundesverteidigungsministerium rechnet man aber weiter damit, dass die Waffen kommen – was auch verständlich ist, denn die USA würden sich damit eine Erstschlagfähigkeit in der gesamten Region sichern.

Um das zu verhindern, hat sich lokaler und bundesweiter Protest organisiert, z.B. in Form der Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“. https://friedensfaehig.de/

Anmerkungen
1 https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975228/2298418/b4eca6d3ccfd...
2 https://zivilcourage.dfg-vk.de/mittelstreckenwaffen/
3 https://www.congress.gov/crs-product/IF11797
4 https://zivilcourage.dfg-vk.de/mittelstreckenwaffen/
5 https://www.politico.eu/article/germany-military-wish-list-defense-polit...

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Marius Pletsch studiert Politikwissenschaften und Philosophie auf M.A. an der Universität Trier und schreibt für die Informationsstelle Militarisierung e.V. über Drohnen.