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Modellregionen für Soziale Verteidigung
Netzwerk „Wehrhaft ohne Waffen“
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Netzwerk „Wehrhaft ohne Waffen“
Modellregionen für Soziale Verteidigung
Jochen Neumann
Das Netzwerk »Wehrhaft ohne Waffen« (www.wehrhaftohnewaffen.de) wurde im Sommer 2022 gegründet, um Soziale Verteidigung in Deutschland voranzubringen. Anlass war der Vollangriff Russlands auf die Ukraine und die von der Bundesregierung ausgerufene „Zeitenwende“ sowie die damit verbundene massive Aufrüstung. Aber auch potenzielle Angriffe von innen durch antidemokratische Gruppierungen wie die Ende 2022 aufgedeckten Putschvorbereitungen aus der Reichsbürger-Szene und Wahlerfolge rechtsextremistischer Parteien bereiten uns große Sorgen.
Wir setzten uns als Ziel:
„Soziale Verteidigung ist in der Öffentlichkeit als wirksame Alternative in der sicherheitspolitischen Diskussion bekannt und in einer Vielzahl von (»Modell«‐) Regionen wird die Umsetzung Sozialer Verteidigung vorbereitet und eingeübt.“
Die Strategie von „Wehrhaft ohne Waffen“ beruht auf der Einschätzung, dass einerseits ein erheblicher Teil der Menschen nicht überzeugt ist, dass die militärische Aufrüstung mehr Sicherheit und Frieden in Europa bringen wird, aber gleichzeitig keine Alternative dazu möglich zu sein scheint. Andererseits war Soziale Verteidigung bisher als theoretisches Konzept nicht überzeugend für die Menschen.
Das Netzwerk „Wehrhaft ohne Waffen“ setzt daher auf die praktische, lebensnahe Umsetzung Sozialer Verteidigung in der eigenen Stadt, Kommune oder Region. In direkten Gesprächen mit den Menschen im eigenen lokalen Kontext wollen wir herausfinden: Was wollen die Menschen in unserer Gesellschaft verteidigen (und weiterentwickeln)? Wie geht das am besten, militärisch oder sozial? Was bedeutet das konkret für ihren Lebenszusammenhang und für ihre Rolle(n) in der Gesellschaft?
Mit dem regionalen Ansatz wollen wir folgendes erreichen:
„Soziale Verteidigung wird als Handlungskonzept in der (Modell-)Region für den lokalen Kontext diskutiert, konkretisiert, eingeübt und in Form einer Selbstverpflichtung für den Verteidigungsfall von einer breiten Mehrheit der Menschen, die in der Modellregion leben oder arbeiten, unterstützt.“
Derzeit (Stand: Juli 2026) gibt es vier Modellregionen in Berlin-Moabit und Essen, am Oberrhein und im Wendland sowie eine wachsende Zahl an Regionalgruppen und regionalen Ansprechpersonen in Augsburg, Freiburg, Hildesheim, Köln-Bonn, Minden, München, Niederrhein, Oberpfalz, Ulm und Wuppertal sowie die Projektregion Sachsen-Anhalt.
Unser Fokus liegt bewusst zunächst auf Deutschland, weil wir in unser eigenen Gesellschaft Soziale Verteidigung voranbringen, aber nicht anderen diese „vorschreiben“ wollen. Es gibt jedoch enge Verbindungen zu Aktiven in den Niederlanden und Linz in Österreich, die ebenfalls auf diesen regionalen Ansatz mit Regionalgruppen und Modellregionen setzen. Außerdem sind wir als Netzwerk und unsere Mitglieder international vernetzt wie z.B. mit der kanadischen Initiative für Soziale Verteidigung (Canadian Coalition for Nonviolent Defense).
Was passiert in den Modellregionen und Regionalgruppen?
Jede lokale Gruppe wählt einen eigenen kontextspezifischen Ansatz. In einer Großstadt wie Berlin liegt der Fokus zum Beispiel auf dem Aufbau einer resilienten Infrastruktur nach dem Motto: „Wenn in Berlin das Licht ausgeht, kommt zu uns, unserem ‚Leuchtturm‘, wo wir noch alle notwendigen Bedürfnisse versorgen können.“ In Freiburg wird Bezug genommen auf die Stadtgeschichte, und das völkerrechtlich verankerte „Konzept der offenen / unverteidigten Stadt“ wird auf kommunaler Ebene bekannt gemacht und eingefordert. In der neuen Regionalgruppe in München liegt der Fokus auf der Bedrohung durch Rechtsextremismus. In der Modellregion Essen gibt es ebenfalls einen historischen Bezug, und zwar auf den Ruhrkampf von 1923, aber auch einen aktuellen durch Fragen des Bevölkerungsschutzes unter Besatzung wie es jüngste NATO-Manöver vorsahen. Außerdem wird in Essen ein Theaterstück entwickelt, mit dem Soziale Verteidigung an Schulen vermittelt werden kann.
In der Modellregion Wendland wollen wir an die Erfahrungen des kreativen Gorleben-Widerstands, aber auch der Entwicklung progressiver Alternativen anknüpfen. Neben den Anti-Atom-Bewegten gibt es hier viele sozial-ökologische Transformationsprojekte, deren Themen wie Klimaschutz wir auch in Verbindung mit Sozialer Verteidigung setzen wollen. Darüber hinaus wollen wir aber auch auf andere gesellschaftliche Gruppen und Institutionen zugehen, die bei einer effektiven Sozialen Verteidigung in der Region mitwirken sollten, wie der kommunale Krisenstab oder die freiwilligen Feuerwehren.
In der Modellregion Wendland nutzen wir den Ansatz des „transformativen Organising“, indem wir die Menschen dort abholen wollen, wo sie stehen, leben, aktiv sind, und mit ihnen neue Wege und Lösungen suchen für ihre Probleme und Sorgen. Dabei werden unweigerlich Grundsatzfragen unseres gesellschaftlichen Systems aufgeworfen: Wie wollen wir uns verteidigen? Wie wollen wir wirtschaften? Wer gehört dazu? Brauchen wir territoriale Grenzen?
Aufbau einer Modellregion in drei Phasen
Für den Aufbau einer Modellregion für Soziale Verteidigung sehen wir daher folgende Phasen:
Phase 1: Kontakt, Information, Analyse
Phase 2: Lokales Handlungskonzept
Phase 3: Einüben, Planspiel
In der ersten Phase geht es darum, in Kontakt mit Einzelpersonen, Gruppen und Institutionen zu gehen und im Sinne des „transformativen Organising“ hinzuhören und Verbindungen zur Sozialen Verteidigung zu entdecken. Mit Infoveranstaltungen und Workshops kann breiteres Interesse in der Bevölkerung geweckt und können Interessierte hinzugewonnen werden. Es empfiehlt sich, ein Akteursmapping zu machen, um für den lokalen Kontext weitere relevante Akteure zu finden und auch hier gezielt Gespräche zu führen. Ziel oder Meilenstein dieser ersten Phase ist es, einen lokalen Kreis an Unterstützer*innen aufzubauen und dabei relevante Akteure und gesellschaftliche Sektoren eingebunden zu haben.
In der zweiten Phase geht es darum, ein lokales Handlungskonzept für Soziale Verteidigung zu entwickeln. Dieses kann in Workshops gelingen, in denen die relevanten Akteure für die unterschiedlichen gesellschaftlichen Sektoren zu den kontextspezifischen Bedrohungs- und Verteidigungsszenarien gemeinsam beraten, wie auf diese reagiert bzw. diese vorbeugend verhindert oder reduziert werden könnten.
In der dritten Phase, wenn ein lokales Handlungskonzept vorliegt, gilt es, die darin skizzierten Maßnahmen praktisch und mit möglichst breiter Beteiligung einzuüben. Dies kann in Form von Planspielen oder Krisenübungen geschehen. Die Erkenntnisse münden in eine Verbesserung, Ergänzung oder Konkretisierung von Maßnahmen im lokalen Handlungskonzept.
Schließlich soll der gesamte Prozess des Aufbaus einer Modellregion in Form einer Fallstudie oder einem methodischen Handbuch dokumentiert werden, so dass andere Regionen davon lernen können.