Japan

Okinawa – eine Insel wehrt sich!

von Reiner Braun

Ende Juli/Anfang August 2019 hatte ich erstmals die Gelegenheit, die japanische Insel Okinawa, knappe zwei Flugstunden entfernt von der japanischen Hauptinsel, zu besuchen. Die „vereinte Anti US Basenkoalition von Okinawa“  wurde vom International Peace Bureau (IPB) mit dem MacBride Friedenspreis 2017 für den Widerstand gegen die US-Basen ausgezeichnet.

Was ich traf und sah, war eine ungeheuer beeindruckende Insel des friedlichen gewaltfreien Widerstandes: vom Gouverneur der Insel bis zum Taxifahrer, von dem Hoteleigentümer bis zur Verkäuferin im Supermarkt – alle waren geeint im Widerstand gegen die existierenden US-Militärbasen und gegen die neue Luftlandebasis Henoko, die die USA auf einem Korallenriff mitten im wunderschönen blauen Meer baut. Eine einzigartige Naturlandschaft wird zerstört, das Korallenriff versinkt unter Schutt und Felsen, um neue Landbahnen für Kampfflugzeuge und Hubschrauber zu bauen. Die geostrategischen Interessen des Imperiums führen zu der Zerstörung einer einzigartigen Naturlandschaft: blaues Meer, wunderbare Korallen, vielfältige Fische und grüner saftiger Dschungel fallen Krieg und Aggression zum Opfer.

20 Luftwaffen- und 28 Marinemilitärstützpunkte der USA befinden sich auf dem aus ca. 150 Inseln bestehenden Inselkomplex Okinawa. Diese machen die US-Armee zu einem ständig sichtbaren und hörbaren Störfaktor. Okinawa hat 0,6% der gesamten Landfläche Japans, aber 74% aller fremden Militärstützpunkte. Die Zerstörung der Umwelt, der Emissionsdreck ist mit den Händen zu greifen, NATO-Draht - fast überall -  zerstört Biotope und das Leben der Tiere, Kriminalität ist alltäglich, 23 militärische Unfälle passieren im Monatsdurchschnitt.

Der Wahnsinn der US-Basen, die diese Insel teilen und zerstören, wird am eindrucksvollsten von einem Aussichtspunkt über der Hauptstadt Nago City sichtbar. Diese Stadt, in der mehr als 300.000 Menschen leben, wird durch drei US-Basen, die in der Mitte der Stadt angesiedelt sind, „gedrittelt“, d.h. faktisch wird die Hauptstadt in drei Teile geteilt. Von einem Teil in den anderen geht es nur mit großen Umwegen. Landebahnen prägen diese Basen. Die Schulkinder, die auf ihren Schulhöfen Fußball oder Baseball spielen, schießen den Ball entweder ins Tor oder auf die Base – Frieden und Krieg liegen nur Meter voneinander entfernt.

Der Protest
Mehr als 100.000, teilweise bis zu 300.000 der 1,6 Millionen EinwohnerInnen protestierten in vielfältigen Demonstrationen gegen die US Basen, besonders gegen den geplanten Neubau in Henoko. Dreimal täglich wird der Bau dieser Basis durch die AktivistInnen der Insel blockiert. Ein permanentes Camp mit vielen Veranstaltungen begleitet diese Aktionen. Ziviler Ungehorsam täglich. Auch ich wurde von den Polizisten von dem Eingang der Basis weggeräumt.

In einer Volksbefragung stimmten 75% der Bevölkerung gegen die US-Basen. Dieser Widerstand findet sich an jedem Ort und jedem Platz, an dem US-Basen existieren, sei es mitten im Urwald wie in Takae oder in den Dörfern und Städten.

Der Gouverneur der Insel Denny Tamaki, gewählt als Protestgouverneur gegen die US-Basen, der mich zu einem ausgesprochen angenehmen Gespräch empfing, betonte mit Gelassenheit, aber auch voller Optimismus: „Die US Armee kann nicht gegen den Widerstand einer ganzen Insel gewinnen. Es kann lange dauern, aber wir werden sie los werden.“

Die Berichterstattung im Fernsehen und allen Zeitungen am nächsten Tag bestätigte diese optimistische Einschätzung des Gouverneurs, der ich mich aus vollem Herzen nur anschließen konnte.

Die täglichen eindrucksvollen Aktionen, die Stimmung der Zuversichtlichkeit dieser freundlichen, aber so entschlossenen Menschen auf der Insel untermauerten diese Aussage. Auf einem Symposium zum Widerstand, an dem ich teilnahm, unterstrichen alle Rednerinnen und Redner – von der Politik über Gewerkschaften und Kirche bis hin zu den Friedensbewegten, ihre Bereitschaft, sich weiter intensiv zu wehren.

Wir dürfen diese unermüdlichen StreiterInnen für den Frieden nicht alleine lassen. Okinawa muss viel bekannter werden, der Widerstand gegen diese US-Militärokkupation muss ein weltweites Symbol des Widerstandes gegen den Militarismus werden. Das Wort Vietnam wird mit Befreiungskampf verbunden, das Wort Okinawa sollte als Synonym für die Vertreibung von US-Basen stehen.

Internationale Solidarität ist erforderlich. Diese sollten wir ausbauen. IPB wird dazu einen aktiven Beitrag leisten, auch viele andere sind gefordert. Das internationale Anti-Militärbasen-Netzwerk sollte eigene Überlegungen zur Unterstützung von Okinawa entwickeln. Ein Erfolg in Okinawa ist unser aller Erfolg im Kampf gegen Krieg und Militarismus. Er ist möglich, wenn wir noch enger zusammenarbeiten.

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Rubrik

Friedensbewegung international
Reiner Braun war Geschäftsführer der IALANA Deutschland und ist ehem. Co-Präsident des Internationalen Friedensbüros (IPB).