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Friedenstüchtig – eine Frage der Entscheidung
Osnabrück: „Veteranentag“ für Kriegsdienstverweigerer
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Das Thema war gesetzt, der Saal gefüllt, der Referent aus Hannover rechtzeitig angereist und die knapp hundert mehrheitlich älteren Gäste waren mit einem kostenlosen Glas Sekt oder Selters eingestimmt. Trotz mancher „kreativer Differenzen“ in der Vorbereitungsphase hatten sich die offene Gruppe aus „Politischem Frühschoppen“ im StadtgalerieCafé und die Regionalgruppe von pax christi in Osnabrück zusammengefunden und eine respektable Veranstaltung unter dem Thema „Friedenstüchtig – eine Frage der Entscheidung“ aufgestellt. Und das – kein Zufall – am 12. November 2025, dem Gründungstag der Bundeswehr vor 70 Jahren und mit Blick auf den Osnabrücker Boris Pistorius, der den Begriff „kriegstüchtig“ in die Welt gesetzt hatte.
Der „Veteranentag“ für die ehemaligen Kriegsdienstverweigerer und die per Akklamation verabschiedete „Osnabrücker Erklärung“, die das Nein zum Dienst an der Waffe nochmals bekräftigte, waren dabei weit mehr als satirische Elemente. Sie sollten vielmehr der nationalen Würdigung der Soldat*innen vor einem Jahr den Dank an die Zivildienstleistenden und ihre gesellschaftlich wertvolle Arbeit in sozialen und kulturellen Diensten entgegenstellen. Die „Osnabrücker Erklärung“ bildete zudem das Gegenstück zum „Osnabrücker Erlass“ der Bundeswehr, den der ehemalige Osnabrücker Oberbürgermeister Pistorius als Verteidigungsminister 2024 im Beisein einiger Generäle im historischen Rathaus der Friedensstadt verkündet hatte.
In das Rathaus hatten es die Friedensaktivist*innen zwar nicht geschafft. Der Friedenssaal war als Veranstaltungsort abgelehnt worden, wie Wolfgang Brüne vom „Politischen Frühschoppen“ eingangs bedauerte. Wohl aber hatte das „Büro für Friedenskultur“ der Stadt die Veranstaltung finanziell unterstützt, was auf freundlichen Applaus stieß.
Den Auftakt machte der Beauftragte für Friedensfragen der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, Felix Paul. Er lieferte interessante, nicht selten auch erschreckende Einblicke in die Geschichte der Kriegsdienstverweigerung, des Umgangs mit Verweigerern, Deserteuren und „Zersetzern der Wehrkraft“, wie es in der Zeit des Nationalsozialismus hieß. Paul verwies auch auf die vielen Jahrzehnte, die es in Deutschland brauchte, um die Unrechtsurteile aus der Nazizeit endlich 1990 aufzuheben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Paul weiter, habe die Bundesrepublik Deutschland als erster Staat der Welt die Kriegsdienstverweigerung durch Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes in Verfassungsrang gehoben. Danach darf niemand gegen sein Gewissen zum Dienst an der Waffe gezwungen werden. Moderator Winfried Verburg, der nach eigener Aussage selbst „über ein staatlich geprüftes Gewissen“ verfügt, fragte nach: „Das Nähere regelt ein Bundesgesetz“ - dieser Satz stehe ebenfalls im Artikel 4 und könne doch zu Einschränkungen führen. Paul räumte ein: Es gebe diesen Streit unter Jurist*innen, aber auch wenn es in der jüngeren Vergangenheit kritische Stimmen gegeben habe, sei der verfassungsrechtliche Anspruch seiner Ansicht nach nicht gefährdet.
Zur aktuellen Lage der Beratungsarbeit berichtete Paul, entsprechende Beratungsstellen seien – aufgeteilt in regionale Bereiche der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover – im Aufbau. Auch aufgrund der ansteigenden Zahl der Anfragen von jungen Menschen, unter denen oft schon die Musterung ein Problem sei; ebenso meldeten sich Freundinnen, Ehefrauen, Mütter und Reservisten mit ihren Fragen, Unsicherheiten und Sorgen.
Junge Generation nicht einbezogen
Applaus begrüßte dann die Vertreter*innen der jungen Generation. Carlotta Voss (25), Hannes Mathlage (18) und Joelle Oellerich (23) äußerten in engagierten Statements ihren Unmut darüber, wie wenig ihre Generation einbezogen worden sei in die Entscheidungen zu Fragen der Wehrpflicht. Angst und Unsicherheit spielten eine große Rolle in ihren Überlegungen, ebenso Fragen der Solidarität und Gewissenskonflikte. „Für mich ist das Gewissen ganz klar der Grund, Nein zu sagen“, so Carlotta Voss. „Wir sind keine Schachfiguren der Mächtigen.“
KDV-Veteranen
In Person von Klaus Jakobs und Gerd Sonntag traten dann die Veteranen der Verweigerung ans Mikrofon, berichteten von ihren Jahrzehnte zurückliegenden Erfahrungen, den Gewissenprüfungen vor den jeweiligen Kommissionen; sie zitierten aus ihren Begründungen und aus Beistandsschreiben von Eltern, machten deutlich, auch heute noch zu ihrer Entscheidung zu stehen.
Moderator Verburg bezog dann die Gäste ein, die sich rege mit eigenen Erfahrungen aus der Arbeit mit Jugendlichen oder Informationen aus weiteren Friedensinitiativen wie der „Osnabrücker Friedensinitiative“ (Ofri) einbrachten. Georg Hörnschemeyer, Bundesvorstand von pax christi aus Osnabrück, nahm die Sorgen von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in den Blick. Diese stießen vielfach auf Widerstände und Unverständnis in den Herkunftsfamilien.
Zuletzt folgten emotionale Momente im StadtgalerieCafé bei der Verlesung und Annahme der „Osnabrücker Erklärung“ sowie der Ehrung der Veteranen mit Überreichung einer weißen Rose. Norbert Böhmer, der die Veranstaltung mit Gitarre und Mundharmonika begleitet hatte, entließ die Versammlung mit der Anti-Kriegs-Hymne „Universal Soldier“ von Singer-Songwriter Buffy Sainte-Marie: Vom ewigen Soldaten, der glaubt für den Frieden zu kämpfen und nicht wahrnehmen will, dass er Teil des Problems ist.
Osnabrücker Erklärung zur Kriegsdienstverweigerung
Ich erkläre, dass ich von meinem Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen nach Artikel 4, Absatz 3 Grundgesetz Gebrauch mache. Sofern ich zu einem früheren Zeitpunkt schon meine Kriegsdienstverweigerung erklärt habe, ist dies eine aktualisierende Bestätigung. Frauen sind derzeit von der Wehrpflicht ausgenommen. Da dies jederzeit durch eine Grundgesetzänderung aufgehoben werden kann, sollten auf die Zukunft gerichtete Kriegsdienstverweigerungserklärungen von Frauen Beachtung finden. Ich will dafür eintreten, dass Frieden ohne Waffen politisch entwickelt wird.