Konversion pervers? Keine Waffenproduktion in Berlin

Protest gegen Rheinmetall und weitere Perspektiven

von Lea Fittkow Milla Mallikas
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Erstmals seit 1945 sollen in Berlin wieder Waffen produziert werden. Der Autozulieferer ‚Pierburg GmbH‘, seit 1986 Tochterunternehmen des Rüstungskonzerns Rheinmetall, soll ab dem Sommer 2026 in der Scheringstraße in Berlin-Wedding Komponenten der Artilleriemunition für ein Rheinmetallwerk in Niedersachsen herstellen – „um die Arbeitsplätze zu sichern“. Bereits im Juli 2025 wurde der Standort zu ‚Rheinmetall Waffe Munition GmbH‘ umbenannt. 
„Die Umstellung unseres Werks auf die Produktion von Rüstungsgütern ist ein in die Zukunft gerichtetes positives Zeichen. Die Transformation läuft bei uns anders als gedacht, ist aber alternativlos,“ sagt Bernd Benninghaus, Betriebsratsvorsitzender der Fabrik gegenüber IG-Metall. (1)

Seit 30 Jahren rüstet Deutschland auf und versucht auch die Bevölkerung von der Entwicklung zu überzeugen. Nun scheint die Zeit gekommen zu sein: Der Stolz und die größte Branche der Nation, die Autoindustrie, hat den Anschluss bei Elektrofahrzeugen verpasst und wurde von chinesischen Herstellern auf dem Weltmarkt überholt.

„Es hebt die Stimmung enorm, dass Rheinmetall massiv in die Infrastruktur investiert. […] Mit dem neuen Maschinenpark kommen auch Investition in den Standort und das ist für die Zukunft extrem wichtig. Das spüren die Kolleginnen und Kollegen,“ erzählt auch Stellvertretender Betriebsratsvorsitzender Martin Wolfgang Hoffmann in demselben Interview. Die beiden räumen aber ein, dass nicht alle Mitarbeitenden zufrieden mit der Entwicklung sind. 

Das neue Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion sieht Aufrüstung nicht als alternativlos
Im April 2025, gleich nach der Bekanntgabe des Umbaus, haben sich etwa 30 verschiedene linke Organisationen, Parteien, Gewerkschafter*innen sowie Einzelpersonen zu einem neuen Bündnis zusammengetan, um gegen die neue Militarisierung anhand dieses Beispiels aus der unmittelbaren Nachbarschaft zu kämpfen. Bereits am 10. Mai hat das Bündnis die erste Demonstration mit ca. 1.500 Teilnehmenden organisiert, die unter anderem an dem Werk vorbeilief, um zeitnah ein klares Zeichen zu setzen. Eine weitere folgte am 12. Oktober durch den Stadtteil mit etwa 3.000 Demonstrierenden, um die Nachbarschaft auf das Thema aufmerksam zu machen.

Das Bündnis hält Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie nicht für zukunftsweisend, ganz im Gegenteil – setzt diese „Arbeitsplatzsicherheit“ doch einen ständigen Kriegs- und Konfliktzustand voraus. Wenn nun, wie angekündigt, in Berlin Wirtschaftsförderung in diese „perverse Konversion“ fließt, fehlt diese in anderen tatsächlich zukunftweisenden Bereichen, in denen neue Arbeitsplätze entstehen könnten, ebenso wie die im Wedding gesichert werden könnten.

Wedding ist historisch ein Stadtteil der eher ökonomisch benachteiligten Arbeiter*innenschaft, die, wie ganz Berlin, unter den explodierenden Mieten, erhöhten Lebensunterhaltungskosten und Unterfinanzierung der öffentlichen Infrastruktur leidet. Geld ist in dieser Gesellschaft aber da – reichlich. Mit dem Slogan „Geld für den Kiez statt Waffen für den Krieg“ stellt das Bündnis einen deutlichen Zusammenhang zwischen den massiven Kürzungen des schwarz-roten Koalition in den Bereichen Soziales, Gesundheit, Bildung, Kultur, Mobilität und Klimawandel einerseits und der „whatever it takes“-Rüstungsobsession andererseits her.

Auch die Arbeiter*innen des Pierburg-Werks hatten die innovative Idee gehabt, dort Wärmepumpen – gegen die Klimakrise – zu produzieren. Die Mitarbeiter*innen werden aber nicht gefragt, wem die Produktionsanlagen gehören oder was produziert wird. Die Konzernführung setzt lieber auf Kriegsindustrie. Ein Finanzbericht des Unternehmens zitiert den Vorstandsvorsitzenden Armin Papperger: „Rheinmetall ist erfolgreich auf seinem Weg, ein globaler Rüstungschampion zu werden. Mittlerweile sind wir auch für US-Unternehmen ein ernstzunehmender Partner. Unsere Auftragsbücher sind voll und werden sich in Zukunft weiter füllen.“ (2)

Die enormen Investitionen in die Rüstungsindustrie und die lukrativen Angebote für junge Menschen, sich „freiwillig“ für den Wehrdienst bereit zu klären, können auf dem ersten Blick alternativlos erscheinen. Die Geschichte hat aber gezeigt, dass mehr Aufrüstung und Soldat*innen nicht zu Frieden durch Abschreckung führen, sondern zu mehr Unsicherheit, Überwachung und Unterdrückung sowie letztendlich zu Krieg und Sterben.

Eine neue antimilitaristische Bewegung
Die Zivilgesellschaft muss sich stärker zusammentun für eine große und schlagkräftige Antikriegsbewegung: für Investitionen für die Menschen statt Profite für wenige imperialistische Kräfte. Dazu möchte das Bündnis sowohl die Nachbarschaft in Wedding als auch die Arbeiter*innen des Werks mitnehmen und mit ihnen zusammenarbeiten, um gemeinsam Alternativen gegen Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit zu finden. Neben Demonstrationen organisiert das Bündnis ein monatliches Antimilitaristisches Café im Kiez, um Räume für weitere Organisierung der Nachbar*innen zu schaffen. Die enorme Militarisierung samt Einführung der Wehrpflicht betrifft uns alle auf unterschiedliche Art, und es ist wichtig, allen zuzuhören und alle mitzunehmen. Auch in dem Bündnis lernen alle mit- und voneinander, auch generationenübergreifend: Es werden sowohl Transparente und Stelltafeln als auch Social Media-Posts produziert. Die Breite des Bündnisses spiegelt sich in den Aktionsformen wider: Von Infoständen, Demos, Flashmobs, Haustürgesprächen bis hin zu einem Stand auf dem „Solidarischen Wintermarkt“ in Kreuzberg ist alles dabei.

Das Bündnis versteht sich nicht als eine Kiezinitiative gegen eine einzelne Fabrik, sondern als Teil einer neuen Antimilitarismusbewegung, die international, generationen- und themenübergreifend ist. Da in unserem kapitalistischen System Rheinmetall und andere Rüstungskonzerne mit Kriegen und Genoziden – mithilfe der Staaten wie Deutschland – Milliardenumsätze erzielen, verbindet das Bündnis auch verschiedene Kämpfe miteinander. Palästina-Solidarität, Antifaschismus und Protest gegen die Kürzungen waren von Anfang ebenso feste Bestandteil des Themenrepertoires des Bündnisses wie der Kampf gegen die Wehrpflicht und den neu eingeführten „Veteranentag“ der Bundeswehr.

Im Bündnis gelingt der Schulterschluss zwischen Teilen der traditionellen Friedensbewegung und jungen sowie migrantisierten Menschen. Denn wir alle müssen uns unter die Arme greifen und nicht nur ein Werk, sondern das ganze System bekämpfen, das verschiedene Monster hervorbringt.

Anmerkungen
1 IG-Metall Berlin | 06.06.2025 | „Fünf Minuten für die Berliner Industrie - Aus Pierburg GmbH wird die Rheinmetall Waffen Munitions GmbH“ | www.igmetall-berlin.de/aktuelles/meldung/aus-pierburg-gmbh-wird-die-rhei...
2 https://www.rheinmetall.com/de/media/news-watch/news/2025/08/2025-08-07-...

Milla Mallikas ist aktiv in dem Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion. Sie hat Politik und Sozialwissenschaften in Berlin, Südafrika und Thailand studiert und ist seit Jahren politisch aktiv in den Bereichen europäische neokoloniale Strukturen, Migrationspolitik und gegen die „Festung Europa“ sowie revolutionärer Antikapitalismus.
Lea Fittkow ist aktiv in dem Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion. Sie hat Kulturwissenschaft studiert und zur Geschichte des Neoliberalismus geforscht. Sie setzt sich unter anderem für die Erinnerung an NS-Zwangsarbeit in der unterirdischen Rüstungsfabrik von Telefunken in der Bockbrauerei in Kreuzberg ein.

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Lea Fittkow ist aktiv in dem Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion. Sie hat Kulturwissenschaft studiert und zur Geschichte des Neoliberalismus geforscht. Sie setzt sich unter anderem für die Erinnerung an NS-Zwangsarbeit in der unterirdischen Rüstungsfabrik von Telefunken in der Bockbrauerei in Kreuzberg ein.
Milla ist aktiv in dem Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion. Sie hat Politik und Sozialwissenschaften in Berlin, Südafrika und Thailand studiert und ist seit Jahren politisch aktiv in den Bereichen europäische neokoloniale Strukturen, Migrationspolitik und gegen die „Festung Europa“ sowie revolutionärer Antikapitalismus.