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Die Welt als Sieg oder Niederlage
Tagung zur Kontinuität militaristischer Denkmuster in Sport und Gesellschaft
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Milliarden von Menschen werden in diesem Sommer die Fußball-WM der Männer verfolgen. Die größte Einzelsportveranstaltung der Welt wird erneut die globale Öffentlichkeit sedieren und von existenziellen Menschheitsfragen ablenken. Solche Mega-Events und seine alltägliche Allgegenwart haben Sport zum universellsten Aspekt unserer Alltagskultur gemacht. In Vergessenheit geraten ist, dass viele seiner Leitbilder militaristischen Traditionen folgen, die weitgehend unterhinterfragt die Regeln und Strukturen des Sports bestimmen. Die Tagung „Sport und Militarismus – Die Welt als Sieg oder Niederlage“ (Berlin, 03. Juli 2026) befasst sich mit diesen Kontinuitäten und der dominanz- und gewinnorientierten Breitenwirkung des Sports.
Königgrätz (heute Hradec Králové, Tschechien), 3. Juli 1866: Auf einer Fläche von etwa fünfmal zehn Kilometern stehen sich Preußens Armee sowie die Armeen Österreichs und Sachsens gegenüber. An der größten Schlacht der Geschichte vor dem Ersten Weltkrieg sind über 400.000 Soldaten beteiligt. Preußen siegt und ebnet den Weg für die deutsche Reichsgründung. Zugleich ist es eine der letzten offenen Feldschlachten alter Art, in denen meist an einem Ort und Tag eine Entscheidung fiel. (1)
Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 bomben dann Kanonen mit großer Reichweite ein neues Zeitalter herbei. In immer schnellerer Folge sorgen technische Neuerungen bis hin zum heutigen Cyberkrieg für die räumliche und zeitliche sowie moralische Entgrenzung von kriegerischer Gewalt. Der Glaube an Entscheidungsschlachten und siegbringende Militärstrategien bleibt aber bestehen – selbst wenn die Geschichtswissenschaft feststellt, dass etwa Preußens „glorreicher“ Sieg von 1866 „weder auf dem Genius eines Moltke […] aber auch nicht auf der Unfähigkeit Benedeks“, sondern mehr auf Zufall beruhte (z.B. isolierte Entscheidungen von Offizieren entgegen der Befehlslage). (2)
Bis zum letzten Blutstropfen rennen
Konträr zur modernen Kriegsrealität sind Strategien und Vorstellungen vom „ehrenvollen Kämpfen“ (und Sterben) nicht nur in den Köpfen von Militärs weiterhin präsent. Viele der Grundaufstellungen und -einstellungen rund um Sieg oder Niederlage werden vor allem im Sport eisern verteidigt, da es letztlich um seinen Wesenskern geht. Warum sich mit einer komplexen Welt jenseits von Gewinnen und Verlieren beschäftigen, wenn die Wahrheit auf dem Platz liegt? Wie bei einer Feldschlacht muss schließlich eine Seite obsiegen.
Schon das Sportvokabular zeigt diese Kontinuität: Abwehr und Angriff, Flügel und Zentrum, Disziplin und Zusammenhalt, Schuss aus der zweiten Reihe, Turm in der Schlacht, Triumph für die Ewigkeit – alle im Kader wissen, dass eine erfolgreiche Truppe nur über den Kampf zum Sieg findet.
Auch einer der wichtigsten deutschen Sportfunktionäre bläst in dieses militaristische Horn und beschreibt einen kommenden Gegner im Sommer 2025 so: „Eine Top-Mannschaft, die erstmalig bereit ist, bis zum letzten Blutstropfen zu rennen. Für mich die, der ich am meisten zutraue.“ (3)
Man könnte solche Äußerungen als Ausrutscher eines alternden Sportfanatikers abtun. Doch leider sind diese Denk- und Sprachmuster, Menschen- und Weltbilder typisch und erreichen aufgrund der enormen Popularität der Parallelwelt Sport jeden Winkel der Erde. Der Ausspruch stammt zudem von einer bestens vernetzten Ich-AG mit Spitzenpositionen in nationalen und internationalen Verbänden. Als Geschäftsführer eines großen deutschen Fußballvereins hatte er zuvor mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall freudig einen neuen „Champion Partner“ präsentiert. Nicht zuletzt ist er als Sauerländer, Textilunternehmer und CDU-Mitglied mit dem aktuellen Bundeskanzler per Du, welcher selber zehn Jahre lang im Aufsichtsrat des besagten Vereins saß.
Sport als Brücke zwischen altem und neuem Militarismus?
Die Tagung „Sport und Militarismus – Die Welt als Sieg oder Niederlage“ (Berlin, 03. Juli 2026) wird am 160. Jahrestag der Schlacht von Königgrätz aus unterschiedlichen Perspektiven das militaristische Erbe des Sports untersuchen und mit der Frage nach seiner Bedeutung in der Gegenwart verbinden.
Es wird zum Beispiel diskutiert, ob Denkmuster aus den Anfängen des organisierten Sports seit Mitte des 19. Jahrhunderts – einer Epoche voller industrieller, kolonialer, militärischer und nationalistischer Allmachtsfantasien – für unsere globale Gegenwart taugen, in der ökologische und gesellschaftliche Probleme nur durch Kooperation zu meistern sind. Darf Sport weiter Lehrmeister der Jugend sein? Etwa nach Maßgabe des langjährigen deutschen IOC-Präsidenten, der zu einem Reformvorschlag für die Bundesjugendspiele bemerkte: „Dass der Wettkampf in Grundschulen jetzt abgeschafft wurde, ist Elend pur. Es widerspricht allem, wofür der Sport und eine Gesellschaft stehen.“ (4)
Davon ausgehend wird auch analysiert, ob militaristische Prägungen dem eigentlichen Elend des Sports zugrunde liegen, dem viele Funktionär*innen gerne ausweichen: Erfolg um jeden Preis, Drill und Erniedrigung als Trainingsmethoden, physische und psychische Gewalt, sexueller Missbrauch usw. Welche Geschlechter-, Körper- und Rollenbilder befördert der Sport? Welche Alternativen gibt es jenseits der Banalität der Besten?
Nicht zuletzt werden die enorme politische und wirtschaftliche Bedeutung des globalisierten Sports und die enge Verbindung zwischen militärischen und sportlichen Lebenswelten betrachtet (Einfluss kampfsportaffiner Gruppen; Sportförderung als Rekrutierungselement; Sportgroßveranstaltungen als Bühne für nationalistische Propaganda u.a.). (5)
Die Beiträge von Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen sowie die Diskussionen auf der Tagung werden in einer Publikation zusammengefasst. Bei Interesse an einer Teilnahme und/oder für Rückfragen zum Thema: sportwerte.de / info [at] playya [dot] org
Anmerkungen
1 Deutsches Historisches Museum: Lebendiges Museum Online, Die Schlacht bei Königgrätz 1866. https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/rueckblick-schlacht-bei-koeniggraetz
2 Thorsten Loch/Lars Zacharias: Königgrätz 1866. Die Operationen zwischen dem 22. Juni und 3. Juli 1866. In: Österreichische Militärische Zeitschrift 6/2010, S. 3-10. https://www.bmlv.gv.at/pdf_pool/omz/oemz2010_06.pdf
3 Watzke: Europas Teams sind „heiß wie Frittenfett“. https://sportbild.bild.de/fussball/borussia-dortmund/klub-wm-bvb-boss-wa...
4 Bach: „Diesen Vorwurf mache ich BILD“. https://www.bild.de/sport/olympia/thomas-bach-olympia-boss-wird-in-russl...
5 Einen guten Überblick liefert z.B. das Buch “Sport and the Pursuit of War and Peace from the Nineteenth Century to the Present – War Minus the Shooting?“ (2023): https://www.taylorfrancis.com/books/edit/10.4324/9781003225355/sport-pur...