Vor 50 Jahren in Aldermaston - Der erste Ostermarsch

von Andreas Buro
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( c ) Netzwerk Friedenskooperative

Die "Campaign for Nuclear Disarmament", CND, wurde am 15. Januar 1958 in England gegründet. Ihr Präsident war der zweifache Nobelpreisträger Lord Bertrand Russell, der Vorsitzende des Exekutivkomitees, der Domherr der Londoner St. Pauls-Kathedrale John Collins. Der linke Labour-Flügel und viele Gewerkschaften waren Träger der CND, die sich bald auf über 450 Lokalgruppen stützen konnte. Die erste größere Aktion, die weltweites Aufsehen erregte, war ein Sit-in von etwa 1.000 Atomwaffengegnern vor dem Parlament. Zu Ostern gab es dann einen viertägigen Protestmarsch von London zu dem 83 km entfernten Atomwaffenlaboratorium Aldermaston. Damit war eine neue Form des Protestes entstanden, die in vielen Teilen der Welt zum Beispiel wurde, um gegen den Wahnsinn der Atomrüstung zu protestieren. Der Marsch gewann großen Anklang. 1960 beteiligten sich bereits 50.000 Menschen - jung und alt - an der Abschlusskundgebung. 85% der Briten lehnten nach einer Gallup Umfrage das atomare Wettrüsten ab. (Otto, Karl A.: Vom Ostermarsch zur APO, Frankfurt/New York 1977, Campus).

Sterbender Krieger oder Flaggensignal
Die Märsche standen unter dem runenartigen Zeichen des sterbenden römischen Kriegers oder, wie andere das Zeichen deuteten, als übereinander kopiertes N und D aus der Flaggensignalsprache. ND stand für Nuclear Disarmament. Dieses Zeichen hat sich in der ganzen Welt verbreitet und wird bis heute neben der Picasso-Taube überall verwendet.

1959 fuhren Helga und Konrad Tempel - Pazifisten und Quäker aus Hamburg - zum Ostermarsch nach England und berichteten anschließend begeistert vor Gruppen von Kriegsdienstverweigerern in Hamburg, Hannover, Braunschweig und Bremen. Diese beschlossen 1960 auch in Deutschland zu marschieren.

Im Deutschland des Jahres 1960 Ostermärsche zu veranstalten, das war alles andere als Zucker schlecken. Es herrschte die hohe Zeit des Kalten Krieges, die selbstverständlich auf allen Seiten verbunden war mit der drohenden Aussage: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich! Da wollte es bei solcher Ost-West-Feindschaft schon etwas heißen, wenn normale Menschen es wagten, gegen Atomwaffen in Ost und West zu protestieren.

Zwar hatte es in der zweiten Hälfte der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts bereits die Proteste "Kampf dem Atomtod" (KdA) gegeben. Diese wurden von SPD, Gewerkschaften, evangelischer Kirche und einzelnen Persönlichkeiten organisiert. Man konzentrierte sich auf die atomare Bedrohung und erreichte eine erhebliche Breite der Auseinandersetzung. Die Großorganisationen, allen voran die SPD, bestimmten weitgehend politisch, finanziell und organisatorisch den KdA. Allerdings gab es auch unabhängige Neutralitäts- und Friedensgruppen.

Die SPD macht eine Kehrtwendung
Mit einer gewissen Berechtigung kann man sagen, die außerparlamentarische Opposition als unabhängige Friedensbewegung wurde durch die Sozialdemokratische Partei Deutschlands bewirkt. Es begab sich nämlich zu der Zeit in Bad Godesberg 1959, dass die SPD ihre Aktion "Kampf dem Atomtod" abrupt beendete. Herbert Wehner hatte erkannt, die SPD würde niemals an die Regierung kommen, wenn sie sich nicht in Richtung auf die Adenauer`sche Politik der Wiederbewaffnung Deutschlands einließe. Über eine große Koalition konnte der Weg zur Macht geebnet werden, wenn nur die größten Stolpersteine beseitigt würden. Einer der größten war die Ablehnung jeglicher atomarer Waffen durch die Partei. So wurde der KdA auf allen Ebenen eingestellt.

In dieser Situation veranstalteten die pazifistische Gruppen in Norddeutschland 1960 den ersten Oster-Sternmarsch, woraus sich die bundesweite, unabhängige, außerparlamentarische Opposition entwickelte. Zunächst firmierte sie unter dem Namen "Ostermarsch der Atomwaffengegner gegen Atomwaffen in Ost und West" und nannte sich in den späten 1960er Jahren, damit einen sozialen Lernprozess anzeigend, "Kampagne für Demokratie und Abrüstung".

In einem Sternmarsch von 3 bis 4 Tagen marschierte man nach Bergen-Hohne, wo die US-Army die Honest John Raketen als Träger für Atomwaffen erprobte. Kriegsdienstverweigerung und Pazifismus waren in dieser hohen Zeit des Kalten Krieges zwischen Ost und West noch sehr, sehr randständig, und Bergen-Hohne in der Heide war umlagert von Orten mit kräftiger nationalsozialistischer Vergangenheit und Bevölkerung. Da mussten wir durch.

Schneegestöber und Diffamierung
Das Unternehmen wurde von Ost und West, links und rechts mit Häme und Spott überschüttet. Naive Sektierer und idealistische Spinner waren noch die freundlichsten Bezeichnungen. Die Diffamierungsmaschine lief auch auf einer anderen Ebene. Ein bekanntes Boulevard-Blatt schrieb "Sex auf dem Ostermarsch". Der Hintergrund: Wir hatten auch Turnhallen für die Übernachtungen angemietet. Dort nächtigten die Marschteilnehmer gemeinsam. Damals zog solche Diffamierung noch. Heute würde man darüber nur lachen - auch ein deutliches Zeichen für den Wandel der Zeiten und vor allem des gesellschaftlichen Bewusstseins nicht zuletzt durch die Arbeit der sozialen Bewegungen.

Der erste Ostermarsch der Atomwaffengegner war allerdings alles andere als eine Massenbewegung. In Braunschweig standen wir zu 24 Frauen und Männern zwischen zwei Stützpfeilern der Kirche, deren Pfarrer uns mit bewegenden Worten in die kalte und nebelige Landschaft hinaus schickte. Ich wäre lieber zwischen den Pfeilern stehen geblieben. Damals waren die meisten von uns das Demonstrieren noch nicht gewöhnt. Drei Tage Marsch bei Kälte und Schnee und vielen Anfeindungen. Wir lernten schnell, wie wichtig die Gruppe für unsere seelische Stabilität war.

Am Tag der Vereinigung mit den anderen "Marschsäulen" war es eine große Erleichterung zu sehen, wie viele andere den Protest mittrugen. In Bergen-Hohne angekommen, wurden vom Dach eines VW-Busses Reden gehalten und der Protest gegen Atomwaffen in Ost und West verkündet. Als H. G. Friedrich, der Vorsitzende unserer Braunschweiger Gruppe der IdK (Internationale der Kriegsdienstgegner), auf den Bus stieg, um zu sprechen, versagte ihm vor Tränen und Rührung die Stimme, als er sah, wie viele sich doch zusammengefunden hatten. Es waren mehrere Hundert. Heute fände das kaum noch jemand erwähnenswert.

Das eigentliche Wunder von Bergen-Hohne
geschah jedoch erst in der Zeit nach Ostern 1960. Viele politische und religiöse Gruppen entdeckten den Ostermarsch als eine fabelhafte Möglichkeit, mit vielen anderen und auch vielen unterschiedlich Gesinnten gegen Atomwaffen zu protestieren. So konnten damals ganz randständige Gruppen von Pazifisten zu einem Fokus werden für die erste von Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und anderen Großorganisationen unabhängige außerparlamentarische Opposition. Sie breitete sich nicht nur in Windeseile über die ganze Bundesrepublik aus, arbeitete während des ganzen Jahres und nicht nur zu Ostern, erweiterte ihre Thematik, so dass sie sich später über viele soziale Lernprozesse in die "Kampagne für Demokratie und Abrüstung" verwandelte, einer Art Urmutter der "neuen sozialen Bewegungen".

...und noch ein Wunder
Mit der Ausweitung und Verbreiterung der Ostermärsche geschah ein zweites Wunder. Sehr viele der sonst so disziplinierten SPD-Genossen und Gewerkschaftskollegen konnten nicht begreifen, dass der einst so wichtige Kampf gegen den Atomtod nun etwas Verabscheuungswürdiges sein sollte, das man besser nach "drüben" zu schicken habe. Sie verweigerten den Herrschern ihrer Apparate in diesem Punkt die Gefolgschaft - so eine Art ziviler Ungehorsam. Das hat uns sehr gefreut, aber auch die unerbittliche Feindschaft von Wehner und anderen Oberen eingetragen, die damals vor keiner Diffamierung zurückschreckten.

Die Ostermarsch-Kampagne wurde zu einem breiten Bündnis aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus und politischen Lagern, finanzierte sich selbst und war von keiner Partei und keiner Großorganisation abhängig. Es entwickelte sich ein dichtes Netz lokaler Gruppen. Dies war die erste über lange Zeit (1960-69) auf breiter sozialer Basis arbeitende "neue soziale Bewegung" und bezeichnete sich selbst als außerparlamentarische Opposition. Sie griff zunächst weitgehend die Forderungen von "Kampf dem Atomtod" auf, vertiefte sie aus pazifistischer Sicht und veränderte sich im Laufe der Jahre zu einer anti-militaristischen und pazifistischen Bewegung, die immer weitere Bereiche der Probleme der Demokratisierung in ihre Arbeit einbezog.

Der Vietnam-Krieg politisiert
Seit Mitte der 1960er Jahre spielte das Thema Vietnam bei den öffentlichen Protesten der Ostermarsch-Bewegung eine zunehmende Rolle und wurde bis zum Abzug der USA aus Vietnam 1973 intensiv verfolgt. Die Bedeutung des Vietnam-Krieges für die Politisierung der Friedensbewegung kann gar nicht überschätzt werden, wurde doch durch ihn das für Demokratie und Menschenrechte stehende Vorbild der USA zutiefst in Frage gestellt. Die Außen- und Militärpolitik der USA und darüber hinaus des "Westens" wurde unter dem Gesichtspunkt imperialistischer Machtausübung kritisiert und die Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus auf die Tagesordnung gesetzt.

Für Abrüstung muss man die Gesellschaft ändern!
1968 marschierten Ostblock-Staaten in die CSSR ein, was die Zusammenarbeit der heterogenen Teile der Kampagne außerordentlich belastete. Ende der 1960er Jahre war die Kampagne derart politisiert - auch die StudentInnenbewegung hatte dazu beigetragen - dass sie sich zugunsten vieler Reformprojekte in fast allen gesellschaftlichen Bereichen auflöste. Man wollte die Gesellschaft verändern. Es war die Zeit der Entspannungspolitik während der Kanzlerschaft von Willy Brandt. Ökologische, soziale, entwicklungs- und frauenpolitische Probleme beschäftigten die Menschen damals mehr als die vermeintlich entschärfte Bedrohung durch Atomwaffen und Krieg. Die Friedensbewegung versank so nach Beendigung des Vietnam-Krieges in einen Dornröschen-Schlaf zugunsten anderer Aktivitäten. Damit war die Rolle der Ostermarsch-Bewegung, der "Kampagne für Demokratie und Abrüstung" als Kern der neuen sozialen Bewegung und der außerparlamentarischen Opposition beendet. Sie löste sich 1969 auf. Die Ostermärsche der späteren Zeit und bis heute hatten und haben einen ganz anderen Charakter. Sie sind eine der vielen Aktionsformen der Friedensbewegung, die sich im Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss in den 80er Jahren wieder voll entfaltete.

Was wurde erreicht?
Aus heutiger Sicht wird man sich fragen, was diese großen Anstrengungen aus der Zivilgesellschaft heraus eigentlich bewirkt haben, denn die politischen Entscheidungen der Regierung wurden ja keineswegs im Sinne der Demonstrierenden verändert. Es gibt nur differenzierte Antworten: In der schwierigen politischen Landschaft des Kalten Krieges der 60er Jahre hat die Kampagne große Teile der Bundesrepublik erfassen und in ganzjähriger Arbeit eine breite öffentliche Diskussion entfalten können. Viele Menschen wurden ermutigt, öffentlich für ihre friedenspolitische Haltung einzustehen, so dass man durchaus von einer erheblichen politischen Mobilisierung sprechen kann. Die Diskussion über Gewalt und Gewaltfreiheit in der Politik erhielt in den 70er Jahren neue Impulse aus der Auseinandersetzung mit den Gewaltstrategien der RAF. Sie erstreckt sich bis in die Gegenwart, wo insbesondere die Möglichkeiten ziviler Konfliktbearbeitung im Vordergrund stehen. Die "Kampagne" erweiterte auch den Boden für die gesellschaftliche Akzeptanz der Kriegsdienstverweigerung.

Die Kampagne hat vielfältige, lebensbejahende, fröhliche Formen der Demonstration und der Kommunikation entwickelt und damit in diese oft schwierige Arbeit Gruppengeselligkeit eingebracht. Kulturell-politische Veranstaltungen und Lieder spielten eine große Rolle. Die Kampagne hat internationale Arbeit intensiv betrieben: Demonstrationen und Redneraustausch über Grenzen hinweg. Zusammenarbeit im westeuropäischen Rahmen mit vergleichbaren Kampagnen.

Man muss sich wehren
Die angebotenen Alternativen kreisten um die Bildung atomwaffenfreier Zonen und Neutralitätskonzepte. Von pazifistischer Seite stand das Konzept der gewaltfreien `Sozialen Verteidigung` im Vordergrund. Die "Kampagne für Demokratie und Abrüstung" hat vermutlich dazu beigetragen, dass 1971 auf Anregung von Bundespräsident Gustav Heinemann die "Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung" und in der Folge Friedensforschungsinstitute in der BRD gegründet wurden. Deren Arbeit stand zwar keineswegs immer mit den Ansätzen der Friedensbewegung in Einklang, trug aber doch erheblich zur Vertiefung der Auseinandersetzung und zur öffentlichen Thematisierung der von der Friedensbewegung erkannten Probleme bei.

Inzwischen sind die Märsche zu Ostern ein Bestandteil der Protestkultur der Friedensbewegung in Deutschland. Lernprozesse konnten aus den 60er Jahren fortgesetzt und von neuen Demonstranten aufgenommen werden. Gelernt wurde im Sinne einer zivilgesellschaftlichen Kompetenz viel über militärisches Denken und Strategien, aber auch dass man sich wehren kann und dass es möglich ist, viele Menschen in der Gesellschaft zu erreichen. Es war trotz unterschiedlicher Meinungen in einzelnen Fragen möglich, sich in zentralen Punkten zu einigen und gemeinsam koordiniert zu handeln.

Hinweis: Geschichten aus den Anfängen der Friedensbewegung, aber auch aus jüngerer Zeit der Bewegung, hat Andreas Buro gesammelt und in dem Buch "Geschichten aus der FB" veröffentlicht. Bezug: Komitee für Grundrechte und Demokratie, Aquinostraße 7-11, 50670 Köln, info [at] grundrechtekomitee [dot] de, Preis: 10,- Euro.

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