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Jahrestage, Jahrestage, Jahrestage
Was zu den Jahrestagen selten gesagt wird
von
Noch mehr zum 80. Jahrestag des Kriegsendes? Haben wir darüber im Mai 2025 nicht schon mehr als genug gehört und gelesen? Manche Leserin und mancher Leser mag diesen Seufzer ausgestoßen haben. Aber vieles ist bei den offiziellen Feiern zu diesem Jahrestag selten gesagt worden – zum Beispiel, dass 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs auch 80 Jahre seit dem ersten und bislang einzigen Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg sind.
Bei den offiziellen Feiern zum 8. Mai wurde zumeist der Bogen geschlagen von der Befreiung vom Nationalsozialismus hin zum Ukraine-Krieg und dass man aufrüsten und weiter Waffen an die Ukraine liefern müsse. So Bundespräsident Steinmeier in seiner Ansprache zur Befreiung vom Nationalsozialismus:
„…wir wissen auch, welchen Beitrag die Rote Armee dabei geleistet hat, Russen, Ukrainer, Weißrussen und alle, die in ihr gekämpft haben. Mindestens 13 Millionen dieser Soldaten und noch einmal ebenso viele Zivilisten verloren ihr Leben. Die Rote Armee hat Auschwitz befreit.
All das vergessen wir nicht. Aber gerade deshalb treten wir den heutigen Geschichtslügen des Kreml entschieden entgegen. … Der Krieg gegen die Ukraine ist eben keine Fortsetzung des Kampfes gegen den Faschismus. … Auch und gerade am 8. Mai gilt: Wir unterstützen die Ukraine in ihrem Kampf um ihre Freiheit, ihre Demokratie, ihre Souveränität. Ließen wir die Ukraine schutz- und wehrlos zurück, hieße das, die Lehren des 8. Mai zu verraten!“ (1)
Aber es gibt auch andere Dinge, die ebenfalls wichtig sind, wenn wir an den Zweiten Weltkrieg, seine Vorgeschichte und seine Folgen denken. Ein paar Punkte sollen hier angesprochen werden; andere werden ausführlich in den Beiträgen dieses Schwerpunkts behandelt.
Nie wieder Krieg!
Wie nach dem Ersten Weltkrieg führte auch nach dem Zweiten Weltkrieg das Entsetzen über das Geschehene dazu, verhindern zu wollen, dass es zu einem neuen großen Krieg kommt. Dies wird widergespiegelt in der Gründung der Vereinten Nationen 1945 (2) und ausdrücklich festgehalten in der Präambel ihrer Charta der Vereinten Nationen. Dort heißt es
• Duldsamkeit zu üben und als gute Nachbarn in Frieden miteinander zu leben,
• unsere Kräfte zu vereinen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren,
• Grundsätze anzunehmen und Verfahren einzuführen, die gewährleisten, daß Waffengewalt nur noch im gemeinsamen Interesse angewendet wird ….“ (3)
Dass die Hoffnung auf „Nie wieder Krieg!“ eine vergebliche war, braucht kaum extra betont zu werden. So ist 2025 auch der 75. Jahrestag des Beginns des Korea-Kriegs, der geschätzt vier Millionen Menschenleben forderte, der 50. Jahrestag des offiziellen Endes des Vietnamkriegs (bis zu drei Millionen Opfer) und der 30. Jahrestag des Vertrags von Dayton, mit dem der Krieg in Bosnien-Herzegowina (geschätzt 100.000 Tote) unter massivem Druck einer internationalen, von den USA geführten Kontaktgruppe beendet wurde. (4)
Befreiung von Kolonialherrschaft
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestand geografisch gesehen die Hälfte der Landoberfläche aus Kolonien (oder Ähnlichem wie Protektoraten“ oder „Mandatsgebieten“). In einer dritten Welle der Entkolonialisierung (5) nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die großen Kolonialmächte ihre Besitzungen; lediglich Frankreich verfügt heute noch über nennenswerte „Überseegebiete“. Die Prozesse in den einzelnen Ländern verliefen dabei unterschiedlich – in einigen Ländern gab es jahrelange blutige Kämpfe, bis die Kolonialmacht sich zurückzog. Aber auch ziviler, gewaltfreier Widerstand war in einzelnen Ländern der Hauptfaktor für die Befreiung, z.B. in Indien und in Sambia.
Traumata, die bis heute das politische Geschehen bestimmen
Es ist kaum zu ermessen, welche Traumata der Zweite Weltkrieg bei den Menschen in allen betroffenen Ländern hinterlassen hat. Bekannt sind die Traumata der Opfer von Holocaust und Konzentrationslagern und deren Nachfahren, an die diese Traumata vererbt wurden, ansatzmäßig auch die der beteiligten Soldaten. (6) Die Traumata der Zivilbevölkerung in den verschiedenen Ländern, die Opfer von Bomben, Vertreibung, Hunger, Vergewaltigungen, Verlust von Angehörigen usw. wurde, spielten nach Kriegsende kaum eine Rolle, außer jemand erkrankte schwer und hatte das Glück, in einem der reicheren Länder zu leben, wo es entsprechende medizinische Angebote der psychiatrischen Behandlung gab. Die meisten Betroffenen und ihre Angehörigen mussten selbst ‚irgendwie klarkommen‘, was vermutlich viele Leser*innen aus ihrer eigenen Familiengeschichte bestätigen können.
Die Traumata hatten auch politische Folgen bzw. wurden politisiert. Am deutlichsten ist dies wohl in Israel, aber auch in Deutschland zu beobachten, wo der Holocaust nicht nur im öffentlichen Diskurs bis heute nachwirkt, sondern einen offenen Umgang mit den israelischen Angriffen in Gaza und der Westbank verhindert. Kritik an der israelischen Regierung gilt nicht nur in der offiziellen deutschen Politik, sondern auch bei Teilen der Linken („Anti-Deutsche“) als „Antisemitismus“. (7)
Zweiter Weltkrieg aus pazifistischer Sicht
Ein letzter Punkt, der speziell die Friedensbewegung bzw. diejenigen in der Bewegung, die sich als Pazifist*innen verstehen, betrifft, soll hier angesprochen werden: Wenn wir (die Autorin zählt sich hier dazu) argumentieren, dass es Alternativen zu Krieg und Rüstung gibt, für gewaltfreie Soziale Verteidigung und radikale Abrüstung eintreten, dann kommt immer ein scheinbar unwiderlegbares Gegenargument: Wie hätte man Nazi-Deutschland ohne Waffen denn stoppen können? „Gegen einen genozidalen Gegner ist ziviler Widerstand nicht durchführbar“, zitierte Wilhelm Nolte seinen Bruder Hans-Heinrich im Friedensforum 5/2022, weshalb ein Restbestand an militärischer Verteidigungsfähigkeit erhalten bleiben müsse. Die westlichen Alliierten haben im Zweiten Weltkrieg den Holocaust und den Vernichtungskrieg in Osteuropa aber zunächst nicht stoppen können. So bleiben Fragen. Hätte die Machtergreifung Hitlers verhindert werden können? Hätte eine andere Politik gegenüber Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg verhindern können? Hätte der Holocaust an der jüdischen Bevölkerung Europas, der Massenmord an Sinti und Roma und so vielen anderen verhindert werden können?
Der Zweite Weltkrieg ist vor 80 Jahren zu Ende gegangen – aber seine Folgen prägen uns und die Politik bis heute. Deshalb kann der Ruf nur heißen, alles zu tun, um Krieg als Mittel der Politik zu überwinden, anstatt sein Heil in Abschreckung und „Kriegstüchtigkeit“ zu suchen.
Anmerkungen
1 https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinme...
2 https://dgvn.de/un-im-ueberblick/geschichte-der-un
3 https://unric.org/de/charta/
4 Opferzahlen alle nach Wikipedia.
5 Die ersten beiden war die Befreiung der amerikanischen und karibischen Kolonialterritorien Ende des 18./ Anfang des 19. Jahrhunderts und Ende des 19. Jahrhunderts die weitgehende Unabhängigkeit weiterer von Weißen dominierten Länder (Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika) von ihren „Mutterländern“. Siehe https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/postkolonialismus-...
6 https://www.mpg.de/9375561/holocaust-vererbung-epigenetik; https://www.nationalgeographic.de/wissenschaft/2020/06/geschichte-der-pt...
7 https://www.bpb.de/themen/linksextremismus/dossier-linksextremismus/3362...