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Die Widerstandsfähigkeit gegen multiple Krisen stärken
WeltRisikoBericht 2024 – Wenn sich Gefahren verschränken
von
Katastrophen entstehen dort, wo Menschen und Naturgewalten aufeinandertreffen. Doch nicht alle Länder sind gleich verwundbar. Seit 2011 analysiert der WeltRisikoBericht (WRB), herausgegeben von Bündnis Entwicklung Hilft und dem Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität Bochum, warum manche Länder extreme Naturereignisse besser bewältigen als andere. Es kommt nicht nur drauf an, wie oft extreme Naturereignisse wie Erdbeben, Stürme oder Dürren auftreten, sondern wie widerstandsfähig eine Gesellschaft ist. Der Bericht verdeutlicht, dass eine funktionierende Krankenversorgung, stabile Häuser und vorausschauende Evakuierungspläne Leben retten können – und dass ihr Fehlen zu katastrophalen Folgen führen kann.
Der wissenschaftliche Kern des Berichts ist der WeltRisikoIndex, ein Modell, das vier Bereiche der Katastrophenanfälligkeit verbindet: Wie stark ist ein Land Naturgefahren ausgesetzt? Wie anfällig sind Infrastruktur und Institutionen? Wie gut kann es akute Katastrophen bewältigen? Und wie anpassungsfähig ist die Gesellschaft langfristig? Die 100 Indikatoren des Index speisen sich aus global verfügbaren Datenquellen wie denen der WHO oder der Weltbank und ermöglichen so eine vergleichende Risikobewertung aller 193 UN-Mitgliedsstaaten. Doch der WRB 2024 macht deutlich, dass selbst dieser umfassende Index an seine Grenzen stößt, wenn mehrere Krisen gleichzeitig wirken – eine Entwicklung, die zur zentralen Warnung der vergangenen Ausgabe des Berichts wird.
Die gefährliche Logik sich überlagernder Krisen
Risiko wird umso bedrohlicher, wenn mehrere Krisen gleichzeitig wirken, sich gegenseitig verstärken, und auf diese Weise komplexe Notlagen schaffen. Extreme Naturereignisse überlagern sich immer häufiger mit bewaffneten Konflikten, Pandemien und sozialen Spannungen. Wo etwa eine Flut Straßen und Brücken zerstört, fehlen plötzlich Labor- und Logistikkapazitäten, um eine Seuche einzudämmen, während gleichzeitig auftretende Versorgungsengpässe womöglich Proteste und politische Instabilität schüren. Es entstehen unvorhersehbare Kettenreaktionen. Punktuelle Hilfsmaßnahmen allein reichen nicht mehr aus.
Als der Super-Taifun Goni im November 2020 mit Windgeschwindigkeiten von 250 km/h auf die Philippinen traf, waren die Evakuierungszentren bereits durch die COVID-19-Pandemie überlastet. Abstandsregeln ließen sich kaum einhalten, medizinische Kapazitäten waren erschöpft. Die Zerstörung von Straßen und Brücken durch Überschwemmungen blockierte wiederum den Transport von Hilfslieferungen, während Engpässe in der Nahrungsmittelversorgung Proteste auslösten. Über 845.000 Menschen steckten plötzlich in einer dreifachen Krise: zwischen Naturgewalt, Seuche und sozialem Kollaps.
Ähnliche Muster zeigen sich am Horn von Afrika, wo auf die extreme Dürre von 2017 bereits 2020 die schwerste Trockenperiode seit vier Jahrzehnten folgte. Den betroffenen Menschen blieb keine Zeit zur Erholung – Vorräte waren aufgebraucht, Märkte zerstört, und die sozioökonomischen Folgen der Pandemie verschärften die Lage zusätzlich. Die Folge war eine Hungerkatastrophe historischen Ausmaßes: 2023 litten mehr als 46 Millionen Menschen in der Region mindestens unter akutem Hunger (IPC-Stufe 3+).
Solche kumulativen Krisen sind kein Phänomen des Globalen Südens allein. Auch vermeintlich „gering gefährdete“ Regionen sind mir der Vielschichtigkeit multipler Krisen konfrontiert. Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 hat gezeigt, wie auch in Deutschland extreme Wetterereignisse eine Kette von Problemen auslösen können. Zerstörte Stromleitungen isolierten Krankenhäuser, unterbrochene Verkehrswege blockierten Hilfslieferungen, und die politischen Debatten über Klimaschutz zeigten, wie immer intensivere Naturereignisse gesellschaftliche Konflikte verschärfen.
Wasser zwischen Mangel und Überfluss
Ein eigenes Kapitel des Berichts widmet sich der globalen Wasserkrise als Katalysator multipler Katastrophen. Der Klimawandel destabilisiert den Wasserkreislauf weltweit: Gletscher schmelzen, Niederschlagsmuster verschieben sich, Dürren und Sturzfluten nehmen gleichzeitig zu. Bereits heute haben 2,2 Milliarden Menschen keinen gesicherten Zugang zu sauberem Trinkwasser – mit Gefahren für Landwirtschaft, Gesundheit und Friedensprozesse. Besonders betroffen sind Länder des Globalen Süden, denen oft die finanziellen und institutionellen Mittel für klimaresiliente Infrastruktur fehlen. In Somalia bspw. folgten 2023 binnen weniger Monate extreme Dürren und verheerende Überschwemmungen aufeinander. Die ohnehin fragile Infrastruktur wurde dadurch vollends überlastet, Cholera breitete sich aus, viele Menschen mussten fliehen.
Doch es gibt auch Hoffnung: Datengestützte Frühwarnsysteme oder lokale Lösungen wie Wasseraufbereitungsanlagen in Kenia zeigen, dass sich Risiken durch technologische und soziale Innovationen verringern lassen. Entscheidend ist, dass solche Ansätze rechtzeitig implementiert und gemeinsam mit lokalen Gemeinden entwickelt werden. Denn ohne Akzeptanz vor Ort scheitern selbst die besten technischen Lösungen.
Wenn Klima und Konflikt sich gegenseitig anfeuern
Der Bericht unterstreicht die gefährliche Wechselwirkung zwischen extremen Naturereignissen und gewaltsamen Konflikten. Überschwemmungen oder Wirbelstürme können Unzufriedenheit schüren, Machtverhältnisse verändern und Regierungen zum Handeln zwingen, was wiederum neue Konflikte auslösen kann. Im Südsudan etwa haben jahrzehntelange Kämpfe die Widerstandsfähigkeit gegen Klimaschocks zerstört. Wiederkehrende Dürren verschärfen dort nicht nur Hunger, sondern auch politische Spannungen, da um knapper werdende Ressourcen konkurriert wird. Umgekehrt zeigte der Tsunami in Aceh 2004, dass gut koordinierte Hilfsmaßnahmen sogar Friedenprozesse beschleunigen können. Öffentlicher Druck und internationale Gelder stärkten die Verhandlungsbereitschaft der Konfliktparteien und mündeten schließlich in ein dauerhaftes Friedensabkommen.
Auf Basis dieser Erkenntnisse fordert der WRB schnelle, flexible Finanzhilfen und eine konfliktgerechte Planung. Helfer*innen sollen lokale Machtverhältnisse verstehen, eng mit Partnern vor Ort zusammenarbeiten, Vertrauen stärken und Fehlverteilungen vermeiden.
Die unsichtbare Last
Ein oft übersehener Aspekt multipler Krisen sind ihre psychischen Langzeitfolgen. Wiederholte Katastrophen können tiefe psychologische Wunden hinterlassen, besonders bei vulnerablen Gruppen wie Frauen und Kindern. Traumata manifestieren sich in Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen – Zustände, die wiederum die individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit in zukünftigen Krisen mindern. Ein Beispiel hierfür ist die Demokratische Republik Kongo, wo Vulkanausbrüche, Überschwemmungen und anhaltende Konflikte in der Provinz Nord-Kivu viele Betroffene traumatisiert haben. Der Bericht plädiert daher für traumasensible Ansätze, die von psychologischer Erster Hilfe über therapeutische Interventionen bis hin zu langfristiger Versorgung reichen. Auch hier ist die Einbindung lokaler Gemeinden besonders wichtig, da westliche Therapiekonzepte nicht immer übertragbar sind.
Neue Werkzeuge für komplexe Risiken
Um komplexe Risiken besser zu verstehen, entwickelt die Forschung zunehmend Ansätze der Compound Risk Analysis. Diese Analysen modellieren nicht nur gleichzeitige Gefahren, sondern auch ihre Kettenreaktionen und ihren Einfluss auf andere Krisen. Indem man Pandemien, Klimaextreme und Konflikte als zusammenwirkende Faktoren betrachtet, entstehen realistischere Szenarien. Allerdings haben auch derartige Modelle Schwächen: fehlende Daten, politische Hürden und der hohe Rechenaufwand erschweren genaue Vorhersagen. Aus diesem Grund empfiehlt der WRB eine enge Kooperation von Wissenschaft, NGOs und lokalen Gruppen, um aus den Theoriemodelle brauchbare Frühwarnsysteme zu machen.
Resilienz als gesellschaftlicher Auftrag
Am Ende macht der WeltRisikoBericht 2024 deutlich, dass die traditionell isolierte Betrachtung von Katastrophen nicht mehr ausreicht. Wir müssen Katastrophen ganzheitlich betrachten und Prävention, humanitäre Hilfe, Friedensarbeit sowie psychosoziale Unterstützung verknüpfen. Entscheidend dabei ist, wie Gesellschaften mit komplexen Herausforderungen umgehen – von der lokalen Gemeinde bis zur internationalen Politik. Investitionen in Vorsorge lohnen sich: Laut den Vereinten Nationen spart jeder US-Dollar, der in Risikoreduzierung und Prävention investiert wird, 15 US-Dollar beim Wiederaufbau. Doch dafür braucht es politischen Willen, langfristige Finanzierung und vor allem den Mut, systemisch zu handeln. Denn Resilienz entsteht nicht durch punktuelle Maßnahmen, sondern durch den Aufbau von Gesellschaften, die auch dann funktionieren, wenn alles gleichzeitig schiefläuft.
Überschwemmungen im Fokus 2025
Der aktuelle WeltRisikoBericht 2025 rückt eine der folgenschwersten Naturgefahren in den Fokus: Überschwemmungen. Ob durch Flusshochwasser, Starkregen oder Sturmfluten – bereits 2023 waren mehr als 32,4 Millionen Menschen von Überschwemmungen betroffen, und die UN warnt vor einer starken Zunahme extremer Fluten bis 2030. In der aktuellen Ausgabe werden Präventionsmaßnahmen aus vier unterschiedlichen Blickwinkeln unter die Lupe genommen: politische Steuerung, technologische Innovationen, soziale Resilienz (lokales Wissen indigener Gemeinschaften) und naturbasierte Lösungen wie Aufforstungen. Ein zentrales Fazit: Globale Rahmenwerke wie Early Warnings for All helfen nur, wenn sie vor Ort greifen – zum Beispiel durch Schwammstadtkonzepte in Jakarta oder durch gemeinsam mit den Gemeinden erarbeitete Risikokarten auf den Philippinen.