Immer mehr Waffen für Kriege gegen Mensch und Natur – und einige mutmachende Handlungsansätze

Weltweite Militarisierung und Hochrüstung in nie gekanntem Ausmaß

von Jürgen Grässlin
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Im April 2025 meldete das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), dass die weltweiten Militärausgaben zum zehnten Mal in Folge gestiegen waren. Zusammen wendeten alle Staaten rund 2,72 Billionen US-Dollar – etwa 2,38 Billionen Euro – für Militär auf. Dies waren 9,4 Prozent mehr als im Vorjahr, was den „größten Anstieg von einem aufs nächste Jahr seit dem Ende des Kalten Krieges" bedeutete. Die Rüstungsausgaben Deutschlands seien sogar „um mehr als ein Viertel nach oben geschnellt".

Ende 2025 schockte SIPRI erneut all diejenigen Menschen, die auf Abrüstung und Frieden gehofft hatten. Beim aktuellen Ranking der Top-100-Konzerne dokumentierte SIPRI ein Volumen von 679 Milliarden US-Dollar für Rüstungsausgaben für 2024 – 5,9 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Unter den Top Ten der Rüstungsgiganten befinden sich sechs (!) Konzerne aus den USA, zwei aus China, einer aus Großbritannien und einer aus Russland. Vor allem mit Waffen der Industriestaaten werden zurzeit mehr als 25 Kriege geführt. Die bekanntesten sind die Russlands in der Ukraine (mit massiver Waffenhilfe der NATO) und Israels in Gaza.

Die Einnahmen wurden und werden neben Waffenbeschaffungen im eigenen Land maßgeblich durch Rüstungsexporte erzielt, sei es an EU-, NATO- und NATO-assoziierte Staaten sowie an Militärs in sogenannten „Drittländern" (Ländern außerhalb dieser Bündnisse). Waffentransfers in Krisen- und Kriegsgebiete führen zum Tod Hunderttausender Menschen und zur Zerstörung riesiger Landstriche. Weite Teile Afghanistans, Libyens, der Ostukraine, Gazas u.v.a.m. sind auf Jahrzehnte hinaus durch Bombardierungen sowie durch Landminen und Streumunition belastet.

Deutsche Kriegsprofiteure
Gerade deutsche Kriegsprofiteure verzeichnen gemäß SIPRI extrem hohe Einnahmen durch Rüstungsproduktion und -exporte, allen voran die Rheinmetall AG. Aufgrund der „Revenues" stieg die Düsseldorfer Waffenschmiede im SIPRI-Ranking von Platz 26 (2023) auf Platz 20 (2024) mit einer Einnahmesteigerung von +46,6 %. Unter den TOP 100 folgen ThyssenKrupp (63 > 61, +12,3%), Hensoldt (70 > 62, +17,9%) und Diehl Defence (80 > 67, +52,9%). Zudem rangiert der britisch-deutsche Kampfflugzeughersteller Airbus auf Platz 12.
Allein meine eine Rheinmetall-Aktie – die ich als Kritischer Aktionär noch vor dem Krieg in der Ukraine für rund 80,- Euro erworben habe – ist inzwischen rund 1900,- Euro wert (Stand Januar 2026). Doch während die Aktienkurse vieler Rüstungsgiganten dank der Milliardenaufträge für neue Kampfflugzeuge, Militärhelikopter, Panzer und Kriegsschiffe sowie der Rüstungsexportgenehmigungen der Bundesregierung durch die Decke gehen, fehlt das Geld dort, wo es tatsächlich am dringendsten benötigt wird: Zur Bekämpfung der dramatisch voranschreitenden Klimakatastrophe, des weltweiten Hungers, der Bildung aller Menschen, in den Bereichen Pflege und Gesundheit – sprich zur Lösung der wahren Menschheitsprobleme.

Seit 2025: Desaströse Militär- und Rüstungspolitik der Großen Koalition
Die Ampelkoalition von SPD, Bündnisgrünen und FDP hatte von 2021 bis 2024 den Grundstock für das heutige Rüstungsexportdesaster gelegt. Das geplante Rüstungsexportkontrollgesetz kam nicht zustande. Waffenexporte stiegen in bislang nie gekannte Höhen. 
Noch im Wahlkampf hatte Friedrich Merz (CDU/CSU) sein Mantra verkündet: „Ich schließe eine Zustimmung meiner Fraktion zu einer Aufweichung der Schuldenbremse heute von dieser Stelle erneut aus.“ Mit der Bundestagswahl im Februar 2025 entpuppte sich Merzens’ Zielvorgabe in der Ära der „Zeitenwende" als Wahllüge ohnegleichen. Heute gilt: „Whatever it takes“ für Militär und Rüstung. Mit dem Ziel, Deutschland „kriegstüchtig" zu machen, so SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius.

Im März 2025 wurde mit Zustimmung der Fraktionen von CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/DIE GRÜNEN und im Bundesrat sogar der beiden Bundesländer mit Linken-Beteiligung durch Grundgesetzänderungen (Art. 109, 115, 143h GG) zur Aufhebung der Schuldenbremse der Weg für massive, schuldenfinanzierte Verteidigungsausgaben sowie als neues „Sondervermögen“ 500 Mrd. Euro für Infrastruktur freigemacht. Jubel an den Börsen, FOCUS MONEY empfahl: „So machen Sie Ihr Depot wehrtüchtig“. Beworben wurden „die besten Aktien für Wiederaufbau und Rüstung“, sprich die der Profiteure der Kriege in der Ukraine und anderswo.

Weitere Aufweichung der Rüstungsexportrestriktionen
Der 2025 geschlossene Koalitionsvertrag der schwarz-roten Koalition öffnet – mehr denn je – Tür und Tor für Waffenbeschaffungen und weltweite Rüstungsexporte. Die Regierungskoalition beschleunigt Verfahren zu Exportgenehmigungen. In der EU soll eine weitere „Harmonisierung“ der Exportregeln angestrebt werden. Laut amnesty international ist dieser Koalitionsvertrag „ein menschenrechtliches Armutszeugnis voller Doppelstandards“.

Der aktuelle Rüstungsexportbericht für das erste Halbjahr 2025 dokumentiert Sammel- und Einzelausfuhrgenehmigungen im Volumen von 3,17 Mrd. Euro und 3,21 Mrd. Euro. Erschreckend ist u.a. die Verdoppelung der Exportgenehmigungen sogenannter „Kleinwaffen", wie Maschinenpistolen, Sturm-, Maschinen- und Scharfschützengewehre, auf 52,2 Mio. Euro. Todbringend sind auch vielfach die exorbitant gesteigerten Munitionslieferungen für Kleinwaffen in sonstige Drittländer. Diese wurden mehr als versiebenfacht. Bekanntlich sind die Opferzahlen beim Einsatz eben dieser Waffengattung am höchsten.

Dank der Einzelausfuhrgenehmigungen für sonstige Drittländer können selbst Militärs und Sicherheitskräfte besonders bedenklicher Länder hochgerüstet werden – so in Katar (186,4 Mio Euro), Israel (86,9), Indien (48,8), Saudi-Arabien (26,0) und den VAE (6,0). Im Januar 2026 vereinbarte Kanzler Merz bei seiner Indien-Reise mit Premierminister Narendra Modi eine intensivierte Rüstungs- und Militärkooperation.

Allen voran stellten Waffenexportgenehmigungen an Israel in der Zeit des Gaza-Vernichtungsfeldzuges mit mehr als 70.000 getöteten Menschen – weit überwiegend Zivilist*innen – eine Beihilfe zum Morden und zur totalen Umweltzerstörung dar. Zu ihnen zählen Getriebe der Firma Renk für Merkava-Kampfpanzer der Israel Defence Forces. Das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) in Berlin unterstützt die Klage Südafrikas gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) wegen Verstößen gegen die Völkermordkonvention.

In ihrem Rüstungsexportbericht 2025 kritisiert die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) „beunruhigende Trends" insbesondere durch deutsche Rüstungsexporte nach Indien, in den Nahen Osten und Israel. Wie auch die Kampagne „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ hat die GKKE die Bundesregierung „aufgefordert, keine Rüstungsgüter mehr an Israel zu liefern, die im Gazastreifen eingesetzt werden können".

Aktiv handeln für Mensch und Natur
Was wir brauchen, ist eine gemeinsame Widerstandsbewegung von Gewerkschaften, Kirchen, Sozialer Bewegungen und Aktivist*innen. Unser Ziel muss sein: Mit massivem Druck die „Zeitenwende der Zeitenwende" zu erreichen. Als Friedens- und Nachhaltigkeitsbewegung müssen wir uns fragen: Wie können Sicherheit mit zivilen Mitteln erreicht und der vorherrschende Aufrüstungswahn gestoppt werden? Und: Wie können die großflächigen Zerstörungen natürlicher Lebensgrundlagen durch Kriege verhindert werden? 
Seitens der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) haben wir einen „Arbeitskreis Friedenslogik“ gegründet. Wir wollen der Unkultur des Krieges eine Kultur des Friedens entgegensetzen.

Das Positiv-Szenario 2025-2040 „Die Rolle Europas für den Frieden in der Welt“ von Sicherheit neu denken (SND) beschreibt erfreulich konkret eine mögliche nachhaltige europäische Konflikt- und Friedensordnung. SND entwickelt die Perspektive einer für alle Konfliktparteien tragfähigen Europäischen Konflikt- und Friedensordnung – und weist somit den Weg in ein friedlicheres Europa mit immer weniger Waffen und Militär.

Mit unserer Kampagne „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ wollen wir 2026 in Thementeams zentrale Bereiche des Rüstungsexports bearbeiten – von Kleinwaffen über Kinder in bewaffneten Konflikten, konkrete Exportskandale, die Verantwortung von Rüstungskonzernen wie Heckler & Koch und Rheinmetall bis hin zu Konzepten zu deren Vergesellschaftung. Weit mehr als hundert Friedensorganisationen sind bei Aktion Aufschrei aktiv.

Wichtige Websites: www.aufschrei-waffenhandel.de, www.dfg-vk.de, friedenslogik [at] dfg-vk [dot] de, www.rib-ev.de, www.gn-stat.org, www.kritischeaktionaere.de, www.sicherheitneudenken.de, www.gkke.org

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Jürgen Grässlin ist Sprecher der Kampagne »Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!«, Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), Sprecher der Kritischen AktionärInnen Daimler (KAD) und Vorsitzender des RüstungsInformationsBüros (RIB e.V.).