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Artendämmerung
WWF im Einsatz für Biodiversität und Artenschutz
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Die biologische Vielfalt auf unserem Planeten nimmt rapide ab. Lebensraumverlust und andere von uns Menschen verursachte Faktoren treiben diese Entwicklung an. Dabei spielt jede einzelne Art eine wichtige Rolle im Netz des Lebens, das auch unsere Lebensgrundlage ist.
Die Lage ist dramatisch. In den vergangenen 50 Jahren hat der Mensch die untersuchten Bestände von Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen um durchschnittlich 73 Prozent dezimiert, wie aus dem Living Planet Report des WWF hervorgeht. Mindestens eine Million Tier- und Pflanzenarten sind bedroht, laut neuesten Ergebnissen könnten es sogar bis zu zwei Millionen Arten sein. Neben der Klimakrise steht die zweite Krise unseres Planeten oft in ihrem Schatten – der massenhafte Verlust biologischer Vielfalt. Dabei befeuert und beeinflusst sich beides gegenseitig. Klima- und Artenkrise zusammen schädigen die Ökosysteme, von denen wir über Luft, Wasser und Nahrung abhängen. Die Doppelkrise zu bewältigen, ist die größte Aufgabe, vor der wir Menschen jemals standen. Es geht um das Leben an sich.
Das letzte große Massenaussterben zu Zeiten der Dinosaurier wurde durch den Einschlag eines Meteoriten verursacht, für das aktuelle Massensterben ist der Mensch verantwortlich. Wir zerstören Lebensräume, entziehen der Natur zu viele Tiere und Pflanzen, treiben die Klimakrise voran, verbreiten invasive Arten und verschmutzen die Natur. Jede ausgestorbene Art verschwindet für immer und unwiederbringlich. Mit ihr gehen auch die Funktionen verloren, die diese Art für das Ökosystem hatte. Die Folgen sind oft noch nicht absehbar. Denn die Vielfalt des Lebens ist komplex und längst nicht komplett erforscht. Biodiversität beinhaltet nicht nur alle Arten von Tieren, Pflanzen, Pilzen, Mikroorganismen und die Vielfalt der Gene innerhalb jeder Art, sondern auch die Beziehungen der Arten untereinander und mit ihrer nicht lebenden Umwelt. Das Zusammenspiel von Arten und Ökosystemen bildet das Netz des Lebens. Alles hängt in diesem Netz mit allem zusammen. Doch bevor wir die Zusammenhänge in Gänze verstehen können, erleben
Jede Art spielt eine wichtige Rolle
Die wichtigen Rollen von Bäumen oder Bienen kennen wir alle. Die Funktionen anderer Spezies sind uns oft weniger bewusst. Der Luchs zum Beispiel. In Deutschland wurde die Art komplett ausgerottet. Eine der Folgen ist eine Überpopulation von Rehen, was dem Wald und der Landwirtschaft durch Verbiss an Pflanzen massiv schadet. Die Rückkehr von Luchsen als hoch spezialisierten Jägern hilft dem Ökosystem Wald zu gesunden. Deswegen engagiert sich der WWF seit Jahren für die Wiederansiedlung des Luchses in Deutschland, etwa im Schwarzwald und in Thüringen.
Auch unter Wasser folgen die Ökosysteme einem fragilen Zusammenspiel. Wale haben darauf enormen Einfluss. Sie tauchen zum Fressen ab und kehren zum Atmen an die Wasseroberfläche zurück. Hier verdauen die Meeressäuger und scheiden extrem nährstoffreiche Fäkalien aus. Dadurch bringen sie Nährstoffe aus der Tiefe an die Oberfläche und düngen damit das Phytoplankton. Wie Pflanzen an Land betreibt Phytoplankton in den oberen lichtdurchfluteten Wasserschichten Photosynthese. Es nimmt große Mengen CO2 auf und produziert die Hälfte des Sauerstoffs in unserer Atmosphäre. Das Phytoplankton ist Grundlage für das Leben im Meer. Es ernährt Zooplankton wie Fischlarven und Krill. Die kleinen Krebse wiederum sind Hauptnahrung für viele Wale. Ein gut eingespielter Kreislauf. Doch die Klimakrise und der frühere gnadenlose industrielle Walfang haben das System aus dem Gleichgewicht gebracht. Seit 1950 haben wir 40 Prozent des weltweiten Phytoplanktons verloren. Mit ihm schwinden auch Fischbestände und Krill. Weniger Krill bede
Artenschutz ist Netzwerkarbeit
Zu Land sind beispielsweise Elefanten unersetzbare Ökosystemingenieure. Sie graben Wasserlöcher, lichten Baumbestände aus, nehmen über die Nahrung Pflanzensamen auf und verbreiten sie über ihren Dung. Mit ihrem Kot verteilen sie gleichzeitig wichtige Nährstoffe. Ihre Lebensräume, egal ob Wald oder Savanne, würden ohne sie ganz anders aussehen. Es gäbe dort weniger Tier- und Pflanzenarten.
Doch in Afrika und Asien sind in den vergangenen Jahrzehnten Hunderttausende Elefanten verschwunden. Sie werden gewildert, ihre Lebensräume vernichtet, ihre Wanderrouten zerschnitten. Der WWF setzt sich deswegen für ihren Schutz ein. Zum Beispiel in KAZA, dem Schutzgebietsnetzwerk zwischen Kavango und Sambesi, wo die größte Elefantenpopulation der Welt lebt. Damit die Dickhäuter auch neue Futtergründe und Wasserstellen erreichen können, schützen und verbinden wir Lebensräume. Und wir beugen Konflikten zwischen Mensch und Tier vor. Außerdem kämpfen wir gegen die Wilderei und die Nachfrage nach Elfenbein.
Der Mensch beraubt sich seiner Lebensgrundlagen
Mit der Zerstörung von Ökosystemen schaden wir Menschen uns selbst. Wir rauben uns die Lebensgrundlagen. Trinkwasser, Nahrung, fruchtbare Böden, Bestäubung von Pflanzen, natürliche Arzneimittel oder die Speicherung von Kohlenstoff – all das sind Dienstleistungen der Natur, die für uns kostenlos und zugleich unbezahlbar sind. Mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts hängt von der Natur ab, ein Gegenwert von etwa 53 Billionen Euro jährlich. Schon rein wirtschaftlich können wir uns eine weitere Schädigung der Natur gar nicht leisten.
Natur fördert außerdem unsere Gesundheit. Sie schenkt uns Ruhe und inspiriert uns. Spätestens seit der Coronapandemie ist klar, wie intakte Natur auch mit physischer Gesundheit von Menschen zusammenhängt. Biodiversität hat auch wichtige kulturelle Bedeutungen – allein wenn wir an Symboltiere wie Adler und Löwen denken, an die Legende vom kinderbringenden Storch, an unsere Fabeln und vieles mehr. Wenn kulturell wichtige Arten verschwinden, was macht das mit unseren Bräuchen, Mythen und Geschichten? Wenn wir das Artensterben nicht stoppen, zerstören wir, was uns am Leben erhält. Der WWF hat sich deshalb dem Arten- und Biodiversitätsschutz als wichtigstem Ziel verschrieben. Wir wissen, was die Artenkrise antreibt. Wir wissen damit aber auch, wie wir sie bewältigen können.
Naturschutz als Schlüssel für biologische Vielfalt
Es geht nicht nur darum, das Aussterben zu verhindern. Vielmehr müssen Tiere, Pflanzen und Pilze auch in ausreichend großen Populationen vorkommen, um ihre Rollen in Ökosystemen erfüllen zu können. Vor allem Bestände, deren Rückgang besonders dramatische Auswirkungen hat, müssen wieder aufgebaut werden. Die Beiträge der Natur können niemals von technischen Alternativen ersetzt werden. Um den Biodiversitätsverlust zu stoppen und umzukehren, brauchen wir ambitionierten Naturschutz: das Bewahren intakter und das Restaurieren zerstörter Ökosysteme, die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen und den Schutz bedrohter Arten. Zwingend notwendig müssen wir dafür auch die Nachhaltigkeits-Transformation der Wirtschaft voranbringen sowie Produktion und Konsum innerhalb der Grenzen unseres Planeten halten. Beim WWF kämpfen wir weltweit in mehr als 100 Ländern für den Biodiversitätserhalt – in unseren Projekten vor Ort, zusammen mit Unternehmen und durch politische Einflussnahme. Denn es braucht verbindliche Abkommen.
Worte sind wichtig, Taten noch wichtiger
Wir konnten mit unserer politischen Arbeit für die Natur einige Erfolge feiern. Die EU hat sich mit dem im Juni 2024 verabschiedeten „Nature Restauration Law“ dazu verpflichtet, Ökosysteme nicht nur zu schützen, sondern auch wiederherzustellen. Das Weltnaturabkommen von Montreal und Kunming aus dem Jahr 2022 ist die globale Richtschnur zur Bekämpfung der Artenkrise. Doch ein Abkommen ist das eine, die Umsetzung das andere. Es hapert seitdem an nationalen Strategien zum Biodiversitätsschutz. Bis zur Weltnaturkonferenz im kolumbianischen Cali im Oktober 2024 hatten nur 25 Länder entsprechende Pläne vorgelegt. Deutschland war nicht darunter. Auch konnten sich die Länder trotz einiger Fortschritte nicht auf die dringend notwendige Finanzierung eines globalen Biodiversitätsfonds und einen Überprüfungsmechanismus für Fortschritte einigen. Das Ziel, die Naturzerstörung bis 2030 aufzuhalten und sogar rückgängig zu machen, rückt nach dieser Konferenz in weite Ferne. Es bleibt viel zu tun. National, global und in der Politikarbeit. Wir werden so lange dranbleiben, bis den schönen Worten auch entsprechende Taten folgen.
Individuum und System müssen sich ändern
Die Doppelkrise Biodiversitätsverlust und Erderhitzung geht uns alle an. Und wir können alle etwas dagegen tun: den eigenen Konsum überdenken, weniger Fleisch essen, weniger fliegen, weniger kurzlebige Produkte kaufen. Jede Unterstützung, jedes Engagement und jede Verhaltensänderung ist wichtig und richtig. Die Herausforderungen der Biodiversitätskrise sind jedoch systemischer Natur und gehen über unseren Burgerkonsum, unseren Langstreckenflug oder das Insektenhotel hinaus. Darum müssen wir Politik, Unternehmen und Gesellschaft davon überzeugen, dass es höchste Zeit zum Handeln ist.
Anne Hanschke und Dr. Arnulf Köhncke haben diesen Artikel für den World Wide Fund For Nature verfasst. Er wurde ursprünglich im WWF Magazin (Ausgabe 1/25) veröffentlicht, dem exklusiven Mitgliedermagazin des WWF Deutschland. Mehr Infos auf wwf.de/magazin.