Ziviler Widerstand und Zivilcourage während der NS-Diktatur

Ziviler Widerstand in Dänemark 1943

von Renate Wanie
Schwerpunkt
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Wenig bekannt ist der zivile Widerstand gegen die NS-Diktatur während des Zweiten Weltkriegs. Beispielhaft wird hier die Rettung von 7.000 jüdischen Dänen und Däninnen während der deutschen Besatzung beschrieben. (1) 

Wie konnte es geschehen, dass sich 1943 Menschen aus der dänischen Bevölkerung zu dieser spontanen und gleichzeitig breit organisierten, aber gefährlichen Rettungsaktion von etwa 7.000 jüdischen Dän*innen entschlossen? Mit dieser Form zivilen Widerstands wurde kollektiv einer Verweigerungshaltung Ausdruck gegeben: Keine der jüdischen Mitbürger*innen sollten den Nazis schutzlos ausgeliefert werden. „Für die Bevölkerung waren wir zuerst Dänen und dann erst Juden!“, so die klare Position des Zeitzeugen Salle Fischermann. (2) Mit ähnlich klaren Worten äußerte sich der dänische Außenminister gegenüber Hermann Göring: „Es gibt keine Judenfrage in unserem Land.“ (3)

Doch wie war es möglich, dass sich die dänische Bevölkerung über längere Zeit der NS-Besatzung widersetzte? Zum einen war bis 1943 die Besatzungspolitik der Nazis vergleichsweise moderat. In der NS-Ideologie galten die Dänen als so genanntes „arisches Volk“. Das dänische Territorium sollte ein Teil des deutschen Reiches werden. Zum anderen war Dänemark seit Ende des 19. Jahrhunderts außenpolitisch von friedlicher Konfliktaustragung geprägt. Im ersten Weltkrieg verhielt sich das Land neutral und unterstützte später die Gründung des Völkerbundes, das Militär war auf ein Minimum reduziert. Auch die innenpolitische Situation war von demokratischer Tradition geprägt. Die verteidigungspolitische Linie der dänischen Regierung im Jahr 1940 – das war das Jahr des deutschen Überfalls – hatte der damalige Außenminister Munch so formuliert: „Dänemark kann nur mit diplomatischen, nicht mit militärischen Mitteln verteidigt werden.“ (4)

So schaffte es die dänische Regierung von 1940 bis 1941 - zu Beginn der deutschen Besatzung -, wenigstens einen Teil der Souveränität des Landes zu bewahren. Damit die Wirtschaft weiter funktionierte und der Energiebedarf gedeckt werden konnte, gab es punktuell eine Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht. Doch im August 1943 brachten breite Volksproteste mit Formen von institutionellem und individuellem Widerstand die bisherige Zusammenarbeit zwischen Besatzungsmacht und dem politischen System zu Fall. 

Beispiele von institutionellem zivilen Widerstand in Dänemark 
Berlin wünschte, dass Dänemark acht Torpedoboote für die deutsche Reichsmarine bereitstelle. Dänemark wies dies mit Bedauern zurück und erinnerte an eine Vereinbarung vom April 1940, wonach die dänische Flotte unter der alleinigen Befehlsgewalt Dänemarks stehe. Erst als angedroht wurde, Kohlelieferungen einzustellen, übergaben die Dänen die Kriegsschiffe. Doch nicht ohne zuvor die Geschütze, die Torpedowerfer und das Navigationsmaterial entfernt und in Sicherheit gebracht zu haben. Zu gebrauchen waren die Schiffe nicht mehr! 

Sogenannte „arbeitende Beamt*innen“: Sie stellten „richtig-falsche“ Ausweispapiere oder Lebensmittelkarten aus oder verrieten bevorstehende Razzien. Hierbei arbeiteten die Beamt*innen in einer gespaltenen Praxis von begrenzter Zusammenarbeit (mit den Besatzern) und gleichzeitig mit dem Widerstand.  

Auch in Bereichen des Berufslebens entwickelten sich Praktiken, die auf die „Macht der Bewegungslosigkeit“ bauten. In Produktionsstätten, Dienstleistungsbetrieben ebenso wie in der Verwaltung entstanden unterschiedliche Varianten, z.B. gewaltfreie Sabotage: Ein wichtiges Teil einer Maschine wurde entfernt, ohne sie zu zerstören; Schwejkismus: absichtliche Fehlinterpretation von Befehlen; Arbeit ohne Zusammenarbeit: auf seinem Posten bleiben und versuchen, nichts zu tun, was dem Besatzer nützen könnte. 

Veränderung in der öffentlichen Meinung
Ganz gleich, ob individuell oder institutionell, die vielfältigen Verhaltensweisen im zivilen Widerstand standen immer in einem Gesamtzusammenhang. In seiner Studie über zivilen Widerstand gegen die Nazis führt Jacques Sémelin (5) die Wichtigkeit des sozialen und politischen Klimas in den besetzten Ländern an. Die öffentliche Meinung wurde wesentlich von der Stimmung in der Bevölkerung bestimmt. So entwickelte sich z.B. durch die Verschiebung der militärischen Kräfteverhältnisse und den ständig wachsenden Druck der Deutschen auf die Bevölkerung in den besetzten Gebieten eine zunehmende Radikalisierung. Kompromisse fanden ein Ende, besonders der Widerstand durch begrenzte Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern, wie er in Dänemark über drei Jahre praktiziert wurde. So veränderte sich auch Ende August 1943 das Verhältnis Besetzte und Besatzer wesentlich: Sabotageakte nahmen zu (drei bis sieben pro Tag). Das Land wurde von einer Protestwelle überzogen, sie mündete in einer Streikwelle, es kam zur offenen Revolte. Danach griffen die Nazis zur so genannten „Politik der harten Hand“. Die dänische Regierung wurde gestürzt und das Kriegsrecht eingeführt. Nun zeigte sich das wahre Gesicht der NS-Besatzung: Hitler gab dem Sonderbevollmächtigten Werner Best die Anweisung, mit der Deportation der Juden zu beginnen.

Die Rettungsaktion
Die Deutschen übernahmen die Kontrolle des Landes und organisierten sofort die Deportation der Juden. Doch die Deutschen hatten nicht mit Hindernissen gerechnet: Erstens gab es eine undichte Stelle unter den Deutschen. Sie trug entscheidend dazu bei, die jüdische Bevölkerung noch rechtzeitig zu informieren: Nur wenige Tage vor der geplanten Massenverhaftung in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1943 informierte ein Attaché der deutschen Botschaft, Georg-Ferdinand von Duckwitz, heimlich die Führung des dänischen Widerstands. Zweitens rechneten die deutschen Besatzer nicht mit der Standhaftigkeit des dänischen Staates, der Unterstützung der öffentlichen Meinung und dem konkreten „Netz der sozialen Solidarität“ in der dänischen Bevölkerung:
•    Unverzüglich wurden die jüdischen Gemeinden informiert und die Morgenmesse zur Mund-zu-Mund-Weitergabe genutzt.
•    Ganz gleich, ob sozialdemokratische oder christliche Organisationen, ob Berufs- oder andere Verbände, blitzschnell wurden die Informationskanäle des dänischen Widerstands in Gang gesetzt und warnten die potenziell Betroffenen, um sie zu verstecken oder ihnen irgendwie zu helfen. 
•    Tausende von Personen aus allen gesellschaftlichen Schichten waren spontan bereit, zum Gelingen beizutragen: Zur Evakuierung wurden Fischerboote beschafft, an den wichtigsten Straßen stellten sich Mitglieder des Widerstands auf, um den Weg zu zeigen, selbst die dänische Polizei half bei der Orientierung, die Küstenwacht weigerte sich, bei der Menschenjagd der Besatzungsmacht zu helfen, Privatpersonen und sogar einige Banken sorgten für die Finanzierung der Flucht.

Die jüdischen Bürger*innen Dänemarks wurden dem unmenschlichen Zugriff der deutschen Besatzer entzogen und verschwanden sozusagen hinter einer Menschenmauer, die von der dänischen Bevölkerung im Laufe einer einzigen Nacht errichtet wurde. Gegen die Massenverhaftung der 475 Personen, die nicht entkommen konnten, protestierten der Primas der dänischen Kirche, der König, die demokratischen Parteien und Geschäftsleute. Die Universität schloss für eine Woche ihre Pforten. 

Eine Einschätzung 
Am Beispiel dieser historischen Situation wird folgendes deutlich: 

Wesentlich waren die konkreten sozialen Solidaritätsnetze als Hindernis für den Vollzug eines Genozids. Aus dem Grad des sozialen Zusammenhalts – also z.B. ob Menschen sich als Teil der Gesellschaft fühlen und ihre Identität aus ihr beziehen – entwickeln sich Grundlagen für die Praxis eines zivilen Widerstands. Der Zusammenhalt war ausschlaggebender Faktor für die Mobilisierung der dänischen Bevölkerung. Wesentlich waren auch die eingangs angesprochenen spezifischen historischen, sozialen und ideologischen Gegebenheiten des unterworfenen Landes. Die Entstehung von Widerstand ist immer ein Prozess, der sich auch auf das bezieht, was sich vorher entwickelt hat. Schließlich spielte die radikalisierte öffentliche Meinung im Land eine ganz erhebliche Rolle, um strukturelle Voraussetzungen für das mutige Eingreifen zu schaffen.

Genauso wichtig für das Gelingen der kurzfristig geplanten Rettungsaktion waren: 
-    der Widerstand existierte bereits, 
-    die Warnung durch Duckwitz, 
-    einige Tage standen zwischen der Verhängung des Ausnahmezustandes und der Durchführung der Aktion zur Verfügung und letztlich 
-    die geografische Lage, die stellenweise wenigen Kilometer Entfernung zwischen der dänischen Ostküste und Schweden. 

Zivilcourage und Ziviler Ungehorsam
Woher nehmen tatkräftige Menschen diesen Mut, persönliches Risiko in Kauf nehmend, um Mitmenschen in Not zu helfen? Ziviler Widerstand erfordert Zivilcourage - in der Vergangenheit und Gegenwart! Dahinter stehen ganz persönliche Wertmaßstäbe, die zur Zivilcourage ermutigen und das Handeln leiten, wie z.B. die Wiederherstellung der Menschenwürde und der Schutz der Menschenrechte, Mitgefühl, soziale Verantwortung übernehmen, humane Wertvorstellungen, die in schwierigen Situationen Halt geben. Zivilcourage durchbricht die verbreitete Kultur des Schweigens und der Gleichgültigkeit, Zivilcourage im Widerstand ist das Gegenteil von Lethargie und öffentlichem Schweigen. 

Quellen
1 Der Beitrag wurde erstmalig 2007 veröffentlicht und für das Friedensforum angepasst: Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden (Hrsg.): Gewaltfrei gegen Hitler? Gewaltloser Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Bedeutung für heute. Eigenverlag 2007, S. 101-116 
2 Fischermann, Salle: Wir waren zuerst Dänen und dann Juden. Interview in: Gewaltfrei Aktiv, Mitteilungen der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden, Nr. 21/2003
3 Straede, Therkel: Oktober 1943. Die dänischen Juden – Rettung vor der Vernichtung. Hrsg.: Königlich Dänisches Ministerium des Äußeren und Museum des Dänischen Widerstands 1940-1945, 1996, S. 12-13     
4 Fischermann, Salle: s. Interview
5 Sémelin, Jacques: Ohne Waffen gegen Hitler. Eine Studie zum zivilen Widerstand in Europa. dipa Verlag. Frankfurt/M 1995 

Formen zivilen Widerstands 
Im allgemeinen Verständnis ist der Widerstand gegen den Nationalsozialismus vor allem durch aufständische Gewalt gekennzeichnet. Widerstand zu leisten, hieß überwiegend, Waffen in die Hand zu nehmen. Der weitaus größte Teil der Veröffentlichungen besteht aus ruhmvollen Heldenepen zur Verherrlichung des militärischen Widerstands. Es existierte jedoch auch ein unbekannter Widerstand ohne Waffen. Diese Sicht auf eine völlig andere Seite des europäischen Widerstands ist dem französischen Historiker Jacques Sémelin zu verdanken. In seinem Buch „Ohne Waffen gegen Hitler“ untersuchte er speziell den zivilen Widerstand in Europa und damit auch die breiten Volksproteste in Dänemark gegen die Zusammenarbeit mit der deutschen Besatzungsmacht sowie die große Aktion zur Rettung der Juden in Dänemark. 

Sémelin definiert zivilen Widerstand als „die spontane und unbewaffnete Kampfhandlung einer Zivilgesellschaft – sei es durch die Mobilisierung ihrer wichtigsten Institutionen, der Bevölkerung oder aber beider zugleich“ (S. 18). Der Begriff „Widerstand“ gehe im Kern auf Handlungen zurück, durch die sich eine Verweigerungshaltung kollektiv Ausdruck verschaffe. Widerstandshandlungen seien durch den Willen charakterisiert, sich der Unterdrückung durch einen Aggressor zu widersetzen, und basierten auf einer grundsätzlichen Haltung der Verweigerung und Konfrontation gegenüber dem Gegner. (S. 54)

Sémelin unterscheidet individuellen und institutionellen zivilen Widerstand. Die Kompromisspolitik der dänischen Regierung fällt unter den institutionellen zivilen Widerstand. Sie erreichte, die Forderungen der deutschen Besatzer hinauszuzögern oder ihnen gar entgegenzuwirken. 

Sémelin, Jacques (1995): Ohne Waffen gegen Hitler. Eine Studie zum zivilen Widerstand in Europa. dipa Verlag:Frankfurt/M 1995 

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