Mehr Sicherheit ohne Waffen!

Zur Aktualität des Thirring-Plans

von Werner Wintersteiner
Schwerpunkt
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Gemäß der vorherrschenden veröffentlichten Meinung stehen wir, angesichts der heutigen Polykrise, der Kriegsdynamik und einer Weltkriegsgefahr, vor der Alternative: Entweder wir verschließen die Augen vor der harten Realität, folgen pazifistischen Illusionen und wiegen uns in einer trügerischen Sicherheit, dann würden wir den Aggressoren dieser Welt hilflos ausgeliefert sein. Oder wir stellen uns den Gefahren, rüsten massiv auf, materiell wie auch geistig, und bereiten uns darauf vor, kriegstüchtig zu sein. Dazu muss die Europäische Union eine weitere Supermacht werden. Nur so hätten wir die Chance, „am Tisch zu sitzen statt auf der Speisekarte zu landen“. 
Diese Gegenüberstellung ist klar und anschaulich, und sie leuchtet schon deshalb vielen ein. Aber sie hat einen Fehler: Sie ist falsch.

Alternativen zur Rüstungshysterie
Sehr wohl gibt es andere Alternativen als blinden Pazifismus oder grimmigen Bellizismus. Es gibt zum Beispiel die „rationale Sicherheitspolitik“, die der Politikwissenschaftler Johannes Varwick vorschlägt, der, keineswegs ein Pazifist, sich mit guten Argumenten gegen den Sicherheits- und Rüstungswahn stemmt. Und es gab und gibt Menschen, die noch einen Schritt weitergehen und sich nach Alternativen nicht nur zum Rüstungswahn, sondern zur Rüstungsdoktrin selbst umsehen. Sie vertreten keine pazifistischen Dogmen, aber sie hängen auch nicht der militaristischen Ideologie an, die fälschlich meint, alle Probleme durch Drohung und Abschreckung lösen zu können. Sie trachten vielmehr danach, auf Basis einer konkreten Analyse der Situation die adäquateste friedensfördernde Lösung zu finden. Und sie kommen dabei oft zu erfrischend neuen und wegweisenden Lösungen. Ihr stärkstes Argument: Angesichts der heutigen Waffentechnik sind die dicht besiedelten Länder Europas strukturell nicht verteidigbar. Sich darauf einzulassen hieße Selbstzerstörung. Es bleibt nur Kriegsverhütung, aber nicht mittels Abschreckung, die letztlich das Kriegsrisiko erst recht erhöht, sondern durch Vereinbarungen für eine gemeinsame Sicherheit.

Ein Beispiel dafür war der Wiener Universitätsprofessor Hans Thirring (1888-1976), eine anerkannte Koryphäe auf dem Gebiet der Theoretischen Physik und Freund Albert Einsteins. In der NS-Zeit wegen seiner antifaschistischen Haltung und der Beschäftigung mit der „jüdischen“ Relativitätstheorie in den Zwangsruhestand versetzt, widmete er sich nach dem Krieg fast ausschließlich der Sache des Friedens. Mit Büchern wie „Die Geschichte der Atombombe“ (1946) und „Atomkrieg und Weltpolitik“ (1948) profilierte er sich als Friedensaktivist. Als einziger deutschsprachiger Wissenschaftler wurde er zur Gründung der Pugwash-Bewegung eingeladen, der Vereinigung von Naturwissenschaftler*innen, die sich gegen atomare Aufrüstung einsetzen. Zweimal brachte er die Pugwash-Konferenzen nach Österreich und bereitete damit den Boden für die aktive Neutralitätspolitik Bruno Kreiskys, der Thirrings Pugwash-Initiative tatkräftig unterstützte. 

Der Thirring-Plan
1963 entwickelte Hans Thirring das Memorandum „Mehr Sicherheit ohne Waffen“, den sogenannten „Thirring-Plan“ zur einseitigen Abrüstung Österreichs. Dieser sah parallel zur Auflösung des Bundesheeres Verträge mit den sechs Nachbarstaaten vor. Sie haben keinerlei territoriale Ansprüche gegenüber der Republik und sollten als Gesten ihres guten Willens ihre Streitkräfte von den Grenzen zurückziehen. Das abgerüstete Österreich würde von der UNO als Testobjekt für die Möglichkeit friedlicher Koexistenz anerkannt. Damit sollte das neutrale Österreich durch einseitige nationale Abrüstung einen Anstoß für weltweite Abrüstung und Ächtung der Kriege geben. 
Thirrings Ziel war, eine globale Abrüstungsdynamik in Gang zu setzen. Mit diesem Vorschlag, einer explizit friedenspolitischen Intervention, hat der Wissenschaftler ein Tabu gebrochen, eine Debatte angestoßen und eine Denkmöglichkeit eröffnet. Er sorgte für eine „Schubumkehr“ des Diskurses: Sicherheit nicht mehr durch permanente Drohgebärden, durch Abschreckung und weitere Aufrüstung, sondern eben Mehr Sicherheit ohne Waffen. Er hat damit die „tödliche Utopie der Sicherheit“ (Erhard Eppler), eben die Abschreckungsdoktrin, als gefährliche Illusion entlarvt und Alternativen aufgezeigt.

Für seine Annahmen gab es durchaus gute Gründe. Zu Beginn der 1960er Jahre wurden, trotz Kubakrise, immer wieder Versuche der Deeskalation im Kalten Krieg unternommen. 1962 verständigten sich die Großmächte auf die multilaterale Genfer Abrüstungskonferenz. Doch obwohl viele Staaten die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer allgemeinen und vollständigen Abrüstung anerkannten, das internationale Klima für Abrüstung also günstig war, gerieten die Verhandlungen bald ins Stocken. Zu groß war das gegenseitige Misstrauen der Supermächte. Hier sollte der Thirring-Plan das Eis brechen.

Hans Thirring hat eine kreative neue Variante der damals häufig diskutierten einseitigen Abrüstung kreiert (z.B. Charles Osgood, Erich Fromm). Im Gegensatz zu anderen Vorschlägen erwartete er diesen Schritt aber nicht von einer in die Konfrontation verwickelten Großmacht, sondern von einem schwach gerüsteten neutralen Kleinstaat, für den das Risiko zweifelsohne geringer wäre. Thirring strebte also keine nationale Strategie für Österreich an, sondern eine österreichische Strategie für die Welt.

Über Thirring hinaus: gewaltfreie Verteidigung 
Thirrings Plan hat sich zwar nicht durchgesetzt, aber er hat in vielfacher Hinsicht gewirkt und manche Aktivitäten bestärkt und gefördert, z.B. ein Volksbegehren zur Abschaffung des Bundesheeres in den 1970er Jahren in Österreich. Während er ganz auf Friedensdiplomatie und das moralische Gewicht der sichtbaren militärischen Wehrlosigkeit setzte, haben Pazifist*innen seine Idee um den gewaltlosen Widerstand ergänzt. Der österreichische Friedensaktivist Ernst Schwarcz veröffentlichte 1976 ein Buch Mehr Sicherheit ohne Waffen II. Die Verteidigung Österreichs durch gewaltlosen Widerstand. Der Titel nimmt ganz gezielt auf Thirring Bezug, und dieser hat auch das Vorwort verfasst. Schwarcz referiert darin den Thirring-Plan von 1963, um dann auf den gewaltfreien Widerstand der Tschechoslowakei gegen die Invasion des Warschauer Pakts 1968 einzugehen. Er argumentiert, dass dieser Widerstand „bei einer kritischen Analyse sehr wohl als Beispiel für eine Modifizierung dieses Plans im Sinne einer Ergänzung durch gewaltlose Verteidigungsmethoden dienen kann“. Den Hauptteil aber macht der genau skizzierte Vorschlag aus, die österreichische Landesverteidigung auf gewaltfreie Art zu organisieren. Dabei plädiert Schwarcz – mit Rücksicht auf die reale Situation – für ein Nebeneinander beider Verteidigungsformen. Er fand damals in Österreich ein offenes Ohr etwa beim damaligen Armeekommandanten General Spanocchi und dem (ehemaligen) Verteidigungsminister Prader – heute, angesichts der allgemeinen Rüstungshysterie, eine undenkbare Konstellation. 
Umso mehr brauchen wir gerade heute Vorbilder wie den Thirring-Plan, um auf der Suche nach Frieden die eigenen Vorurteile abzulegen, mutig neue Wege zu gehen und zu lernen, Gegner durch Vertrauen zu überraschen sowie aussichtslos scheinende Situationen durch Risikobereitschaft aufzubrechen. 

KASTEN:
Mehr Sicherheit ohne Waffen. Abrüstung als Friedensstrategie? Der Thirring-Plan und seine aktuelle Bedeutung. Herausgegeben von Werner Wintersteiner. Wien: Promedia Verlag 2025. 
Die Autor*innen dieses Buches diskutieren die heutige Relevanz des Thirring-Plans. Trotz unterschiedlicher Positionen geht es letztlich allen darum zu untersuchen, wie Abrüstung wieder als Friedensoption ins Spiel gebracht, die österreichische Neutralität als Friedensstrategie reaktiviert und die Kriegslogik durchbrochen werden kann. 

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Werner Wintersteiner, Universität Klagenfurt, ist Herausgeber der friedens-politischen Zeitung alpe adria.