Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 9. August 2025 in Büchel

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 6. August 1945 zerstörte die erste von den USA abgeworfene Atombombe die japanische Großstadt Hiroshima völlig. Bis zu 80.000 Menschen wurden auf der Stelle töte. Sie wurden durch die enorme Hitze buchstäblich verdampft, starben durch die Gewalt der enormen Druckwelle. Weitere starben einen oft langen, qualvollen Tod in Folge der Strahlendosis, der sie ausgesetzt waren. Insgesamt starben bis 1946 bis zu 160.000 Menschen durch die Folgen der Atombombe. Am 9. August wurde die zweite Bombe auf Nagasaki abgeworfen, mit ähnlich schrecklichen Folgen.

Heute, 80 Jahre später, lebt die Menschheit immer noch mit der Bedrohung der möglichen atomaren Vernichtung. Das Friedensforschungsinstitut SIPRI bezifferte im Juni die Zahl der Atomsprengköpfe weltweit auf 12.241. Etwa 9.614 davon befanden sich den Angaben zufolge für den potenziellen Einsatz in militärischen Lagerbeständen. Schätzungsweise 3.912 der Sprengköpfe wurden demnach bereits auf Raketen oder auf aktiven Stützpunkten platziert, rund 2.100 davon in hoher Einsatzbereitschaft gehalten.

Nachdem nach Ende des Kalten Krieges  verschiedene internationale Verträge dafür sorgten, dass Atomwaffen abgerüstet wurden, dass sogar alle atomaren Mittelstreckenwaffen aus Europa abgezogen wurden, geht diese Entwicklung dem Ende entgegen. Der New Start Vertrag über die Reduzierung von strategischen Nuklearwaffen ist der letzte Vertrag und er läuft Anfang des kommenden Jahres aus, eine Verlängerung ist nicht in Sicht. Und so ist inzwischen wieder eine Erhöhung der Zahl der einsatzbereiten Atomwaffen zu beobachten. Russland hat im Ukrainekrieg immer wieder mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht, die USA und die NATO proben in Manövern regelmäßig den Einsatz solcher Waffen. Im Zuge des Ukrainekrieges veränderte Russland seine Atomwaffendoktrin, Wollte das Land seine Atomwaffen bisher nur dann einsetzen, wenn seine Existenz bedroht sei, sieht es nun auch dann den möglichen Einsatz vor, wenn ein Nicht-Atomwaffenstaat durch einen Atomwaffenstaat bei einem Angriff  unterstützt wird, der die Souveränität Russlands bedrohe. Die Schwelle zum Einsatz von Atomwaffen wurde also deutlich abgesenkt. Auch die USA sind bisher nicht bereit, den Verzicht auf einen Erdsteinsatz von Atomwaffen zu erklären, wie es China und Indien getan haben.

In den vergangenen zwanzig Jahren ist im Bereich der Atomwaffen zwischen Russland und er NATO vieles in Bewegung geraten, das fragwürdige System der Abschreckung instabiler geworden. Die Abwehrraketen der USA in Osteuropa, die in Kaliningrad stationierten Raketen Russland, die Modernisierung der US-Atombomben B-61, die deren Einsatzmöglichkeiten erhöhen, sind Entwicklungen, die schon länger andauern. Doch inzwischen sind neue Entwicklungen hinzugekommen. Sowohl die USA als auch Russland haben Hyperschallraketen entwickelt, die innerhalb kürzester Zeit über lange Strecken ihr Ziel erreichen können und gegen die es kaum eine Abwehr gibt. 2026 wollen die USA solche Waffen in Deutschland stationieren. Damit erwächst für Russland die Bedrohung, dass diese Waffen Kommandozentralen oder Atomwaffenstellungen ausschalten können und somit die Zweitschlagskapazität Russlands extrem geschwächt würde. Auch die ukrainischen Angriffe auf die strategische Bomberflottte in Russland haben Teile dieses Gleichgewichts beeinträchtigt. Alls das führt zu mehr Unsicherheit für uns hier in Europa.

Vor wenigen Tagen meldeten verschiedene Medien, die USA habe Atombomben nach Großbritannien auf einen Stützpunkt der britischen Luftwaffe verlegt. Es dürfte sich um die gleichen handeln, die auch in Deutschland und in anderen europäischen NATO-Staaten stationiert sind.

Dort wie auch in Deutschland sollen neue F-35-Bomber diese Waffen ins Ziel tragen. Die Bundesregierung hat die  Anschaffung von F-35-Atombomber für die Bundeswehr beschlossen. Damit sollen auch weiterhin die in Büchel in der Eifel stationierten US-Atombomben durch die Bundesluftwaffe im Kriegsfall ins Ziel geflogen werden, was bisher durch veraltete Tornado-Flugzeuge geschehen kann. 35 neue Bomber sollen gekauft werden, geschätzter Preis pro Stück 100 Mio. Euro. Offiziell hat Deutschland auf den Besitz von Atomwaffen verzichtet, doch über den gerade beschriebenen Umweg ist unser Land doch in die mögliche Atomkriegsführung der NATO eingebunden. Das nennt man die Nukleare Teilhabe.

Auch die Atombomben selber, die mit diesen Flugzeugen transportiert werden sollen, werden in Kürze ausgetauscht. Auch wenn der Name B-61 beibehalten wird, sind es ganz neue Waffen. Ein lenkbares Heckleitwerk macht aus den Freifallbomben Waffen, mit denen Ziel präzise angesteuert werden können, also z.B. unterirdische Kommandobunker. Doch das heißt nicht, dass damit der Schaden begrenzt wird. Die neuen B-61 Waffen können eine Sprengkraft von 20 Hiroshima-Bomben entfalten. Zusammen mit dem Tarnkappenbomber F-35 werden in Kürze in Deutschland und in den Niederlanden atomare Waffensysteme stationiert, die unter Umgehung der gegnerischen Abwehr ihre gefährliche Fracht ins Ziel lenken können.

Um den Luftwaffenstützpunkt Büchel in der Eifel für die Aufnahme der neuen Atombomben und der F-35 Bomber fit zu machen, wird dort seit Monaten gebaut. Ursprünglich waren dafür 700 Mio. Euro dafür veranschlagt. Nun soll die Baustelle fast 2 Milliarden Euro Steuergelder verschlingen. Obwohl es ein Bundeswehr-Stützpunkt ist, machend die USA die technischen Vorgaben, die nun den Bau enorm verteuern.

Vor dem Hintergrund der von US-Präsident Trump verbreiteten Unsicherheit über seine Bündnistreue wird seit einigen Monaten zusätzlich der Ruf nach europäischen Atomstreitmacht lauter. Eine Vorstellung ist dabei, dass auch andere Länder über den Einsatz französischer und britischer Atomwaffen mitentscheiden sollen. Doch dies gilt als unwahrscheinlich. Nun forderte im Juni der Unionsfraktionsvorsitzende Jens Spahn eine europäische Atomstreitmacht, über deren Einsatz die europäischen Länder im Rotationsverfahren entscheiden sollten. Auch wenn sich diese Idee wie ein schlechter Scherz anhört, zeigt es, dass die Idee der atomaren Abschreckung oder gar des Einsatzes von Atomwaffen in Politikerkreisen immer mehr an Zustimmung erhält.

Doch atomare Abschreckung baut zum einen auf die Vernunft von Militärs und Politikern, das Risiko der atomaren Vernichtung nicht einzugehen. Andererseits  bedarf es aber des erklärten Willens, die Waffen im Ernstfall einzusetzen, sonst ist es keine glaubwürdige Drohung. Diese Konstellation führt dazu, dass atomare Abschreckung ein hochriskanter Tanz auf dem Vulkan darstellt. Aus der Zeit des Kalten Krieges wissen wir heute, dass damals die Welt mehrfach nur haarscharf an der atomaren Vernichtung entlang geschrammt ist. Es kam zu Situationen, in denen eine Seite einen atomaren Angriff der Gegenseite erkannt zu haben glaubte und kurz davor war, den Gegenschlag auszulösen. Die atomare Abschreckung ist keine Sicherheitsgarantie sondern die Bedrohung unser aller Zukunft.

Wir brauchen also neue Ansätze der atomaren Rüstungskontrolle und Abrüstung. Wir müssen hier in unserem Land denjenigen entgegentreten, die über Atomwaffen reden, ohne die schrecklichen Folgen dieser Waffen wirklich durchdacht zu haben.  Deutschland muss Zeichen setzten gegen Atomwaffen. Wir sagen nein zu einer möglichen Stationierung von Hyperschallatomraketen bei uns, wir sagen nein zu neuen Atombombern für die Bundeswehr, nein zu den US-Atombomben in Büchel!

Seit 2021 ist die Auseinandersetzung um die Atomwaffen in eine neue Phase getreten. Über 60 Staaten haben den UN-Atomwaffenverbotsvertrag verabschiedet, mit dem Lagerung und Einsatz der Waffen verboten werden. Damit ist er völkerrechtlich binden, leider nur für die Staaten, die ihn unterzeichnet haben.

Wir rufen dazu auf, die deutsche Außenpolitik nicht in eine gefährliche Entwicklung zu Aufrüstung und Konfrontation abdriften zu lassen sondern Verantwortung für eine friedliche Welt zu übernehmen. Dazu gehört, nein zu sagen zu Atomwaffen in Deutschland und Ja zu sagen zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag.

 

Joachim Schramm ist Geschäftsführer der DFG-VK NRW.