Der Schwerpunkt der neuen Ausgabe des "FriedensForums" (Heft 4/2026) befasst sich mit alternativen Sicherheitskonzepten. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Redebeitrag für den Ostermarsch in Ansbach am 19. April 2025
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Freundinnen und Freunde,
gestern vor 80 Jahren wurde Ansbach vom Naziregime befreit. Das Land lag in Trümmern, Millionen Menschen waren gefallen oder ermordet. Das Bekenntnis der Deutschen war klar. Nie wieder Krieg. Nie wieder Krieg von deutschem Boden aus.
Heute, nach dem Ableben der letzten Zeitzeugen, die den Krieg als Erwachsene oder Jugendliche an der Front oder in zerbombten Städten erlebt haben, nimmt die Kriegsvorbereitung in unserem Land immer Besorgnis erregendere Ausmaße an. Ja, es fehlen die Zeitzeugen, die mir in der Familie und in der Schule sagen konnten, was es bedeutet, wenn Deutschland Krieg führt. Und schon fragt Caren Miosga geschmacklos, wie wir „Nie wieder Krieg“ als „Code überschreiben“ können.
Aber fragt mal die Trommler in Politik oder Rüstungsindustrie: Würden Sie Ihre Söhne, ja künſtig auch Ihre Töchter (wir sind ja so modern) in den Krieg schicken? Stellt in Diskussionen mit Befürwortern der Hochrüstung die Frage, ob sie ihre Kinder an die russische Grenze oder sogar noch darüber hinaus schicken würden. Die Antworten sind spannend und oſt selbstentlarvend.
Es gibt in der Bevölkerung nämlich klare Mehrheiten gegen die Ausweitung von Waffenlieferungen, die blinde Aufrüstung, die Verwicklung Deutschlands in einen Krieg mit Russland oder die Militarisierung an Schulen und Hochschulen – trotz aller Propaganda, die schon immer den Krieg auf allen Seiten begleitet.
Cui bono, wer profitiert? Rheinmetall-Aktien sind inzwischen in unterschiedlichen Berufsgruppen verbreitet. Krieg wandelte schon früher Stahl zu Gold – natürlich nur für die Reichen, die Armen waren danach Leichen.
„Es geht um unsere Sicherheit“, tönt es auch von manchen Parteien, die vor wenigen Jahren noch auf Ostermärschen zugegen waren. Schaffen Hochrüstung und Waffenlieferungen an die Ukraine wirklich Sicherheit für Deutschland? Der irrwitzige Betrag von 500 Milliarden Euro für Waffen beinhaltet nicht nur und nicht in erster Linie die klassische Landesverteidigung, sondern auch Waffenlieferungen ans Ausland und Offensivwaffen.
Friedrich Merz hat letzten Sonntag bei Caren Miosga gesagt, er wolle Taurus liefern, damit die Ukraine Offensiven starten könne. Mit diesen Moskau-Geschossen würden wir endgültig zur aktiven Kriegspartei. Diese Politik gefährdet in Wirklichkeit unsere Sicherheit.
Sicherheit für die Zukunſt unseres Landes schaffen Ärztinnen, Krankenschwestern, Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrerinnen und Kindererzieher, liebe Fu F.
Dafür soll das Geld weiterhin fehlen, gerade in der Bildung. Wir in Ansbach sehen, wie der Putz von den Wänden der Schulen bröckelt, wie oſt in hoffnungslos veralteten Räumen unterrichtet werden muss. Hier und bundesweit wird der Lehrermangel immer gravierender.
Bereits 2022 wurde von Ampel, Union und AfD 100 Milliarden an der Schuldenbremse vorbei für Waffen bereitgestellt. Was heißt das konkret?
Gekauſt hat die Bundeswehr davon z.B. vier U-Boote im Wert von 4,7 Milliarden Euro. Das sind rund 500 topmoderne Grundschulen. Oder Kopfhörer im Wert von 2,8 Milliarden Euro.
Das sind 100 brandneue Hallenbäder mit Familienbereich. Warum lernen denn immer weniger Kinder schwimmen? Weil die Kommunen finanziell ausbluten und Bäder schließen müssen! Auch das gefährdet die Sicherheit.
Zumindest bei den Kopfhörern hat der Bundesrechnungshof deutlich Kritik geübt. Echtes Controlling des Beschaffungswesens bei der Bundeswehr spare viel Geld.
Die nachfolgende Generation, unsere Kinder und Enkel, werden Leidtragende der Kriegskredite sein. Sie werden die Abermilliarden bezahlen müssen mit weniger Rente und Sozialstaat, schlechterer Infrastruktur (z.B. in Bildung und Sport), weniger Sicherheit und voraussichtlich weiter ansteigender Inflation. Die spüren Normalverdiener und Senioren schon heute. Die Altersarmut wächst – auch in Ansbach. Es freut mich, dass mit Olaf Linke der Kreisvorsitzende der IG Bau die politische Situation aus Sicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bewerten wird.
Ist die kriegerische Wende wirklich alternativlos? Klar ist: Der Autokrat Putin hat die Ukraine völkerrechtswidrig angegriffen. Die Empörung über die Bombardierung ziviler Ziele ist groß und berechtigt. Sie ist an anderer Stelle ebenso berechtigt, dennoch weniger groß: wenn etwa Israel Völkerrecht bricht und der Rechtsextreme Netanjahu einen Krieg mit zehntausenden getöteten Frauen und Kindern führt. Warum ist eine bombardierte Schule in Gaza weniger wert als in Kiew? Dazu wird Pfarrer Dr. Markus Roth als Kenner der Region gleich näher eingehen.
Wir stehen an der Seite der israelischen Opposition und der vielen Soldaten, die sich seit Tagen weigern, beim Blutbad in Gaza weiter mitzumachen. Wenn auch OB Deffner an deren Seite steht, muss er spätestens jetzt die Friedensfahne an unserem Rathaus hissen. So wie es in anderen Städten längst guter Brauch ist.
Liebe Freundinnen und Freunde,
wir erleben keine Zeitenwende, sondern eine Zeit der Zerrüttung unserer Werte. Krieg sei Frieden, versuchen uns die Trommler einzutrichtern. Man müsse ein zweites Appeasement verhindern. Putin werde nicht Halt machen und stehe morgen vor dem Brandenburger Tor. Ja, auch diese Hysterie hat etwas mit der Erfahrung aus 1945 zu tun.
Dieser -wahlweise als Hitler, Stalin oder wie 2022 im SPIEGEL als Teufel titulierte- Mensch mit dem Knopf für das weltweit größte Atomwaffenarsenal wolle gar nicht verhandeln. Deshalb sei unsere Hochrüstung und die Fortführung des Krieges in der Ukraine alternativlos.
Bei ruhiger Betrachtung erkennen viele: Das hat nichts mit Analyse, Logik und Problemlösung zu tun, sondern versucht eine Politik zu rechtfertigen, die in der Sackgasse steckt. Unser Ziel muss sein, das Sterben in der Ukraine endlich zu beenden. Das geschundene Land braucht eine Zukunſt in Frieden. Dafür braucht es jetzt kluge Ansätze für einen Ausgleich von Interessen ohne ideologische Scheuklappen. Nur so können die Millionen ukrainische Flüchtlinge, darunter viele Kriegsdienstverweigerer, endlich in ihre Heimat zurückkehren, liebe FuF.
Was können wir beitragen?
Deutschland hat aufgrund seiner Lage und Geschichte das große Potenzial eines Mittlers für Frieden in Europa als auch im Nahen Osten. Das haben viele Regierungen -von Brandt über Kohl bis Merkel- bewiesen. Die abgewählte Ampel lief mit Unterstützung der Union in den letzten Jahren fast blind den Interessen der USA hinterher anstatt die unsrigen zu erkennen und Konsequenzen zu ziehen.
Donald Trump kappt die transatlantische Bande nun dauerhaſt. Das lässt die US-Hörigen hierzulande doch ziemlich alt aussehen. Sie haben keine strategische Vision für den Erhalt von Frieden auf dem Kontinent und Wohlstand in unserem Land. Vielmehr könnte sich nun 1812 und 1941 wiederholen: ein Krieg West- und Mitteleuropas gegen Russland.
Es ist fünf vor zwölf. Die Trommler von Kiesewetter bis Panzer-Toni setzen materielle und kulturelle Werte aufs Spiel, die unsere Eltern und Großeltern aufgebaut haben. Es kommt jetzt auf uns alle an: wir müssen den Trommlern die Stirn bieten und mit jenen sprechen, die einseitig informiert sind. Viele sind sehr verunsichert über die aktuellen Entwicklungen.
Mein Dank gilt allen, die in diesen auch für unsere Demokratie herausfordernden Zeiten Meinungsvielfalt und Diskussionskultur aufrechterhalten. Mut und Ungehorsam der Kultur und Medienschaffenden kann ein wichtiges Korrektiv sein.
Liebe Freundinnen und Freunde,
unsere jahrhundertelange Rolle als gefürchtete kriegerische Nation hat sich 1945 Gott sei
Dank erledigt. Diese Erfahrung ist groß und wichtig. Dafür mussten zu viele jung ihr Leben lassen - auch im Widerstand. In Ansbach gestern vor 80 Jahren Robert Limpert am Strang wenige Meter von hier. Die Toten mahnen uns: Wir lassen uns von den Trommlern nicht noch einmal kriegstüchtig machen.
Nein, unsere Kinder geben wir nicht!
Vielen Dank.
Boris-André Meyer ist aktiv bei der Ansbacher BI "etz langt´s.