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Redebeitrag für den Ostermarsch Braunschweig am 19. April 2025
- Sperrfrist: 19.04., Redebeginn: ca. 13 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Braunschweigerinnen und Braunschweiger,
nach mehreren sehr guten Redebeiträgen möchte ich zum Schluss noch einmal 3 Fragen beleuchten:
Die Bedrohung durch Russland, vor der wir jetzt auf fast allen Kanälen andauernd gewarnt werden – ist da unser Ruf nach Entspannung und Verständigung nicht naiv?
Wie ist die US-Initiative für Frieden in der Ukraine zu sehen? Sind nicht Trump wie Putin übel-autoritäre Staatsführer und ihr Friedensplan für die Ukraine ungerecht?
2026 sollen US-Mittelstreckenwaffen speziell in Deutschland stationiert werden. Würden sie unsere Sicherheit erhöhen – oder gar gefährden?
Zur 1. Frage – Russlands Einmarsch in die Ukraine sei erst der Anfang, in 5 Jahren müssten wir mit einem Angriff auf ein NATO-Land rechnen – daher bräuchten wir jetzt „Kriegstüchtig-keit“, eine riesige Aufrüstung sowie eine UNBEGRENZTE Verschuldung zu ihrer Finanzierung (Zitat Merz: „Whatever it takes“).
Zu ihrer Beantwortung müssen wir auf 2 Dinge schauen:
- a) Was könnte Russland von uns WOLLEN?
- b) Zu was ist Russland FÄHIG?
Der Grund für Russlands Einmarsch in die Ukraine war die Missachtung seiner Sicherheitsin-teressen – das Übertreten seiner Roten Linie in Gestalt der NATO-Aufnahme des Landes, die es als vitale Bedrohung versteht: Wegen des Griffs nach seiner Schwarzmeerflottenbasis auf der Krim und der Stationierungsmöglichkeit für Raketen nur wenige Flugminuten von Mos-kau entfernt. Weshalb auch westliche Experten seit VIELEN JAHREN vor so einem Schritt ge-warnt haben. Hinzu kam Präsident Selenskyjs Angriffsbefehl auf die Krim und die Ostukraine 2021(!), unter Bruch von Minsk II. Beides erlaubt nicht einen Einmarsch in ein anderes Land. Daraus aber „russischen Imperialismus“ abzuleiten, überspannt den Bogen doch erheblich.
Zu möglichen russischen Begehrlichkeiten in Westeuropa:
Welche Bodenschätze könnte Putin hier rauben wollen? Vielleicht unsere Kohle – die wir selber nicht mehr fördern wollen?!
Ebenso ABSURD ist die Behauptung einer westlichen „Fähigkeitslücke“: Schon dem europä-ischen Teil der NATO ist Russland laut SIPRI-Daten und Greenpeace-Studie konventionell weit unterlegen. Und hat militärisch schon mit der viel schlechter gerüsteten Ukraine große Schwierigkeiten. Was wir stattdessen fragen sollten:
Was führen diejenigen im Schilde, die aus einer hohen Überlegenheit des Westens jetzt eine HAUSHOHE Überlegenheit machen wollen? Dient das mantra-artige Beschwören der Bedro-hung durch Russland gar der Vorbereitung eines westlichen Angriffs auf Land? (s.a. Punkt 3.)
Zu 2., dem Trump-Friedensplan für die Ukraine und den europäischen Versuchen, den Krieg unter allen Umständen fortzusetzen – mit weiteren EU- und deutschen Steuer-Milliarden, mit zahllosen weiteren Toten und Verstümmelten (wofür sich kürzlich eine „Koalition der Willigen“ im NATO-Hauptquartier getroffen hat):
Begründet wird das mit der Forderung nach einem „gerechten Frieden“. Aber auch hier gilt: Achtung Irreführung! Oder wer meint bitte ernsthaft, dass die Fortführung von 3 Jahren Blutvergießen und Zerstörung, die nur eine VERSCHLECHTERUNG für die Ukraine gebracht haben, jetzt plötzlich zu einer Verbesserung führen könnte?
Woran auch die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern, die Merz jetzt gerade wieder auf-gebracht hat, nichts ändern würde. Unsererseits: VETO dagegen!! Und Widerspruch gegen Merz‘ Ansicht, die Debatte darüber gehöre nicht in die Öffentlichkeit (BZ vom 17.04.25)! Diese von deutschen Offizieren zu programmierenden bunkerbrechenden High-Tech-Waffen reichen mindestens 500 km weit. Stellen Sie sich vor, Selenskyj beschießt damit den Kreml – laut russischer Nukleardoktrin ein Fall für den Einsatz von Atomwaffen.
Im Atomkrieg werden wir ÄrztInnen Euch nicht helfen können. Dazu dürfen wir es nicht kommen lassen! Denn die Lebenden werden dann die Toten beneiden…
Mein Plädoyer – das KEINE Werbung für Trump oder Putin ist, sondern für Vernunft, und für Menschlichkeit:
Wenn zwei so mächtige Menschen – die Präsidenten der Vereinigten Staaten und Russlands, die bisher Todfeinde waren – jetzt FRIEDEN wollen, sollten wir EuropäerInnen, die bis jetzt fast nichts dafür unternommen haben, das nicht torpedieren – wie die BZ, die diesen Frieden in ihrer „Analyse“ am 17.04. „verhängnisvoll“ nannte), sondern UNTERSTÜTZEN!
Und noch etwas dazu: Wichtiger als sog. „Friedenstruppen“ ist die Wiedergewinnung von VERTRAUEN zwischen den Feinden. Das heißt: Wenn Trump jetzt ein Engagement großer US-Konzerne in der Ukraine anbietet, ohne das mit Truppen zu flankieren:
Lasst ihn machen! Vertrauensbildung mag bisher undenkbar erscheinen, ist aber essenziell! Eine OSZE-Verifizierungsmission: Gerne! Hingegen WIEDER deutsche Soldaten (/innen?) an die Ostfront (auch mit draufgeklebtem Etikett „Friedenstruppe“): NEIN!!
Zu 3., der Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen (SM-6, Tomahawks und Dark Eagle) ab 2026 in Deutschland – und nur in Deutschland! – unter US-BEFEHL (in Wiesbaden), ja, unter Befehl von DONALD TRUMP: Welchem Zweck sollen sie dienen?
Wir sprechen hier von zum Teil hyperschall-schnellen, bis nach Moskau und noch viel weiter reichenden Raketen und Marschflugkörpern mit extrem kurzer Vorwarnzeit, die nahezu nicht abzufangen sind! Was soll mit solchen Angriffswaffen erreicht werden?
Sie sind ja nicht, wie die Pershing II in den 1980er-Jahren, mit einem Verhandlungsangebot verknüpft. Warten, bis Russland ebenso viele Hyperschallwaffen auf unsere Köpfe gerichtet hat? Oder GLEICH damit angreifen – also einen Angriffskrieg planen (was durch UN-Charta, 2+4-Vertrag und Grundgesetz verboten ist!)?? Bitte sagen Sie mir das!
Erfahrene Militärexperten wie Oberst a.D. Wolfgang Richter warnen:
Selbst wenn sie nur konventionell bestückt werden sollten, macht uns schon ihre Aufstellung zur ZIELSCHEIBE – sie erhöht also nicht unsere Sicherheit, sondern gefährdet sie. (Ganz abge- sehen davon, dass sie ein Instrument der USA sind, mit nach Europa auslagerten Risiken).
Abschließend – DAS SIND DIE ALTERNATIVEN, DIE WIR FORDERN:
Nach über 3 Jahren Blutvergießen und Zerstörung: Keine Taurus-Lieferung! Die jetzige Chance zur Beendigung des Ukrainekrieges nutzen und einen realisierbaren Friedensplan mittragen – Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts!
Rückkehr ALLER – auch des Westens – zu Völkerrecht und Grundgesetz statt gesell-schaftliche und außenpolitische Eskalation und Doppelmoral!
Für eine neue Entspannungspolitik mit Respektierung der Sicherheitsinteressen aller Akteure: Verständigung mit Russland statt Hochrüstung und Kriegsplanung!
Massive Uminvestition in Schulen, Krankenhäuser, Eisenbahn und Klimarettung!
Atomkrieg in Europa ist nicht gewinnbar, wir müssen ihn verhindern:
Keine Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen 2026 in Deutschland – den >Berliner Appell< unterstützen!
Vielen Dank.
Dr. Christoph Krämer ist Mitglied der Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW):