Redebeitrag für die Ostermarschkundgebung in Mannheim am 21. April 2025

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde, Liebhaberinnen der Gewaltfreiheit und der Verständigung, ich grüße Euch im Namen des Friedensbündnisses Mannheim. Vielen Dank, dass ich hier reden darf.

Reden will ich von den Vorbereitungen für ein künftiges Schlachtfeld in Europa, ja in der Mitte Deutschlands. Reden will ich davon, was sich gerade in Mannheim regt und verändert, wenn wir auf die amerikanische Militärpräsenz in unserer Region schauen. Aber zunächst einmal, lasst uns ein bisschen zurückblicken. Wir leben hier in einer Region, die einstmals die größte Dichte amerikanischer Militärbasen in Deutschland aufwies. Dann, in den ersten Jahren dieses Jahrtausends gab es ein historisches Fenster der Gelegenheit, während dessen die von der Friedensbewegung schon lange zuvor geforderte Konversion von Militäreinrichtungen Wirklichkeit wurde. Militärische Liegenschaften wurden in zivile Nutzung überführt.

Ich selbst wohne in der ehemaligen Benjamin-Franklin-Village und mit mir heute viele tausend weitere Mannheimerinnen und Mannheimer; auch an anderer Stelle wurden auf Konversionsflächen Wohnungen gebaut oder saniert und die Bundesgartenschau fand zu einem wesentlichen Teil auf Spinelli, einem ehemaligen US-Kasernengelände, statt; heute sind dort Spielplätze und ein Naherholungsgebiet, an anderer Stelle wurde Gewerbe angesiedelt. Konversion kommt so auf vielfältige Weise der gesamten Bevölkerung zugute. Die „Friedensdividende", von der manches Mal die Rede war, ist so für viele Menschen ganz konkret erfahrbar. Wenn wir abrüsten, reduziert sich nicht nur die militärische Bedrohung, sondern es wächst auch der gesellschaftliche Wohlstand.

Das amerikanische Militär zog ab, wir atmeten auf. Aber machen wir uns keine Illusionen: da war nicht plötzlich der Friede ausgebrochen, die Soldaten wurden nicht nach Hause geschickt. Die Freigabe der Militärflächen hatte auch mit der Verlegung amerikanischer Einheiten in die neuen NATO-Staaten im Osten Europas zu tun; sie rückten näher an Russlands Grenzen heran. 15- 20.000 US-Soldaten sind heute in Polen, den baltischen Staaten, Rumänien und Bulgarien stationiert. Das hat mit dazu beigetragen, dass die Zeit der Rüstungskontroll-Vereinbarungen, ja der schrittweisen Abrüstung, und die Leitidee einer gemeinsamen Sicherheit über ideologische Grenzen hinweg, zu Ende ging.

Jetzt sind wir zurück im Abschreckungs-Modus, in der Aufrüstungs-Spirale. Und machen wir uns nichts vor: es gibt keine Sicherheit auf dem Weg der Abschreckung. Eskalation und zunehmendes Risiko sind die Folgen. Während eigentlich alle 8 amerikanischen Militäreinrichtungen in Mannheim geschlossen werden sollten, kam dann auf einmal doch alles anders. Russland besetzte und annektierte 2014 die Krim, führte einen Krieg von geringer Intensität im Osten der Ukraine, und die USA entschieden von einem auf den anderen Tag, die Coleman-Barracks, wie sie damals noch hießen, doch nicht freizugeben. Die größte der Militärbasen in Mannheim wurde also der schon geplanten Konversion entzogen und blieb in der Hand des US-Militärs. Deshalb stehen wir noch immer hier!

Heute nennt sich das Gelände „Coleman Worksite" mit der Funktion eines ,,Army Prepositioned Stock". Das ist ein riesiges Vorratslager an Panzern, anderen Waffen, Munition und militärischen Fahrzeugen sowie umfangreichen Werkstätten zur Wartung. Dieses Kriegszeug wartet darauf, von ca. 5000 Soldaten einer schweren Panzerbrigade übernommen zu werden, die bei Bedarf und relativ schnell aus den USA auf das Schlachtfeld Europa verlegt werden können. Hier in Mannheim würden sie die Waffen übernehmen und dann in die Bereitstellungsräume eines zukünftigen Krieges einrücken.

Nach dem Überfall Russlands auf die gesamte Ukraine hatte der damalige US­Präsident Joe Biden das Kontingent der US-Truppen in Europa um 20.000 Soldaten erhöht - viele davon kamen nach Deutschland, wo rund ein Drittel der US-Soldaten in Europa stationiert ist. Und seitdem diente Coleman als wichtige Drehscheibe für Waffenlieferungen in die Ukraine, vor allem für die Schützenpanzer vom Typ Bradley, die modernisiert und dann weiter transportiert wurden. Auch Tanklaster und Munitionstransporter wurden gewartet und an die Ukraine abgegeben. Nun schreckte uns am 8. Februar eine Meldung auf, die besagte, dass Coleman ausgebaut werden soll.

Die Meldung legte Pläne des US-Militärs unter der Biden-Administration offen. Nachdem Donald Trump sich bereits in den ersten Tagen seiner Präsidentschaft als völlig unberechenbar erwiesen hat, kann derzeit niemand wissen, was davon noch gültig ist und weiter verfolgt wird. In diesem Frühjahr sollen größere Abrissarbeiten beginnen, um danach im Verlaufe von 10 Jahren auf 120 000 m2 neue Panzerhallen, überdachte Lager und weitere Schotterflächen herzustellen, Werkstätten und die Feuerwache zu renovieren. Insgesamt sollen bis zu 500 Mio. $ investiert werden. Auch wenn wir derzeit nicht wissen, was davon bleibt und was wird: friedlicher wird die Welt unter einem Donald Trump keinesfalls.

In Europa gibt es 6 solcher Army Prepositioned Stocks, zwei davon in Deutschland. Ich will kurz erklären, warum sie so gefährlich und eskalations­treibend sind. Tausende unbemannter Militärfahrzeuge und Waffensysteme auf kleinstem Raum verlocken in einem Spannungsfall dazu, diese auszuschalten und zu zerstören, bevor sie bemannt und in Richtung Osten in Marsch gesetzt werden können. Weil aber auch die US-Army dies weiß, wird sie darauf drängen, möglichst frühzeitig die Brigade-Soldaten nach Europa zu verlegen. Und solch große Truppenverlegungen wiederum werden von Russland höchst wahrscheinlich als Bedrohung empfunden, sie eskalieren also jeglichen Konflikt anstatt Dynamik herauszunehmen und Zeit für nichtmilitärisch Konfliktlösungen zu gewinnen. Das Zeug ist brandgefährlich.

Zum Schluss möchte ich noch eine Idee mit Euch teilen: in Mannheim gibt es eine Waffenverbotszone in der Innenstadt. Die Begründung könnt Ihr auf der Internetseite der Stadt nachlesen: ,,Die Maßnahme soll dabei helfen, öffentliche Räume sicherer zu machen und Gewalt präventiv zu verhindern. Denn sie reduziert das Risiko, dass bei Konflikten Waffen zum Einsatz kommen." Mit der gleichen Begründung, lasst uns die Ausdehnung der Waffenverbotszone auf Coleman fordern. Denn wir wollen nicht, dass bei einem Konflikt diese Waffen zum Einsatz kommen!

Viele, vor allem auch ökologische, Aspekte zum Status und Gefahrenpotential, zu Chancen von Konversion gerade dieser Einrichtung, konnte ich hier gar nicht ansprechen. Der Förderverein für Frieden, Abrüstung und internationale Zusammenarbeit als Rechtsträger des Friedensbündnisses Mannheim hat dazu eine Broschüre herausgegeben. Die könnt Ihr beim Friedensbündnis bestellen oder findet sie im Internet unter frieden-mannheim.de/konversion. Seit Jahren protestieren wir vor den Toren von Coleman, wie immer am Ostermontag im Rahmen des Mannheimer Ostermarsches. Menschen aus der ganzen Region sind herzlich dazu eingeladen, die Mannheimer Friedensbewegung zu unterstützen, denn Coleman liegt zwar auf Mannheimer Gemarkung, bedroht aber nicht nur die Menschen in Mannheim. Danke für Eure Anwesenheit,

Geduld und Bereitschaft zu hören. Friede sei mit Euch!

 

Klaus Waiditschka ist Fachbereichsleiter für außerschulische Bildung und internationale Zusammenarbeit bei Jugendhilfe und Sozialarbeit e.V., Fürstenwalde/Spree und aktiv für das Netzwerk Friedenssteuer.